„Wir müssen das Handwerk nicht neu erfinden“
Wenn Umbau und Bauen im Bestand zur zentralen Aufgabe werden, reicht es laut Markus Schlempp, Professor an der Hochschule Coburg und der Universität Bamberg, nicht mehr, im Planungsbüro nur Zeichnungen zu produzieren. Architektinnen und Architekten müssten Materialien erkennen, Konstruktionen verstehen und wissen, wie sie instand gesetzt werden können. Ein Gespräch über traditionelles Handwerk, ein entwurfslastiges Architekturstudium und Rahmenbedingungen, die das Erhalten noch immer erschweren.
DAB Redaktion: Herr Schlempp, Sie haben an der Hochschule Coburg mit „Bauerhalt und traditionelle Werktechniken“ einen neuen dualen Studiengang entwickelt. Warum braucht es eine solche Ausbildung?
Markus Schlempp: Wir kooperieren schon seit vielen Jahrzehnten mit der Universität Bamberg im Bereich Denkmalwissenschaften. Unsere Kompetenzen liegen somit im Bauen im Bestand und Bauerhalt. Entsprechend haben wir in den letzten Jahren unser Curriculum in der Architektur und auch die Neubesetzung der Stellen in diese Richtung ausgerichtet. Im Zuge der Klimadebatte hat sich dieser Schwerpunkt noch einmal verstärkt. Neubau ist nach wie vor nötig, dann aber möglichst mit nachwachsenden Rohstoffen. In erster Linie versuchen wir, zu vermitteln: Weniger ist mehr – und das eben im Bestand. Der duale Studiengang „Bauerhalt und traditionelle Werktechniken“, den wir gemeinsam mit der Handwerkskammer für Oberfranken und der Universität Bamberg entwickelt haben, ist die logische Konsequenz daraus.
Was bedeutet diese Hinwendung zum Bestand für die Ausbildung?
Wenn man die Umbaukultur ernst nimmt, kann man nicht einfach im Planungsbüro sitzen und Pläne zeichnen, sondern muss zunächst den Bestand analysieren. Das beginnt mit einer Bestandsaufnahme und -erfassung, wofür heute vor allem digitale Hilfsmittel zum Einsatz kommen. Aber man muss auch auf die Baustelle. Man muss die Materialien erkennen und begreifen: Was ist das für ein Putz? Was ist das für ein Material? Wie sind die Fenster gemacht? Man muss wissen, wie die Bauteile damals hergestellt und bearbeitet wurden. Daraus ergibt sich das erweiterte Wissen: Wie stellen wir sie mit heutigen Möglichkeiten instand?
Das ist besonders bei Bauten aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren relevant, denen in der Regel ein großer Sanierungsstau anhaftet. Bis in die 1980er-Jahre wurde noch viel in Handarbeit erledigt. Das sieht vielleicht nach einer seriellen Produktion aus, aber wenn man ein Bauteil genauer betrachtet, stellt man fest, dass es doch Unterschiede gibt. Weil diese Dinge handwerklich erstellt wurden, ist es naheliegend, dass man auch handwerkliches Wissen braucht, um sie wieder instand zu setzen. Diese Erkenntnis ist zum Glück auch an den Ausbildungsstätten für Architektur angekommen.
Im Moment entsteht fast hinter jeder Architekturfakultät ein Reallabor. Die Kolleginnen und Kollegen beginnen, Dinge eins zu eins umzusetzen, Design-Build-Projekte zu realisieren und mit den Studierenden handwerkliche, bautechnische Themen mit nachhaltigen Materialen zu experimentieren. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurde aber nur mit diesen Materialen gebaut. Wir hatten eine jahrhundertalte Handwerkstradition im Umgang damit.
Daher sage ich vielleicht auch ein bisschen provokant: Wir müssen das Handwerk nicht neu erfinden! Im deutschsprachigen Raum haben wir durch unsere duale und praxisnahe Handwerksausbildung eine der besten der Welt – die im Moment verloren zu gehen droht, weil es aufgrund des demografischen Wandels und der gesellschaftlichen Wertschätzung zu wenig Nachwuchs gibt. Dadurch droht uns das notwendige Handwerkswissen für eine gute Umbaukultur verloren zu gehen.
Wie übersetzen Sie das in den Studiengang?
Es handelt sich um einen dualen Studiengang, in dem eine Ausbildung in einem traditionellen Bauhandwerkberuf erlernt wird und parallel dazu ein Bachelor-Abschluss in Bauerhalt und traditionellen Werktechniken erworben werden kann. Die Studierenden erwerben handwerkliche Fachkompetenz und durch das Studium einen gewerkeübergreifenden Überblick neben den wissenschaftlichen Kompetenzen. Dadurch werden sie entweder zu Handwerkern, die über ihren Tellerrand hinausschauen, oder Akademiker, die die Sprache des Handwerks sprechen. Sie bekommen Kompetenzen vermittelt, wie man etwas instand setzen kann – und zwar nicht nur in der High-End-Variante, sondern auch niederschwellig.
Wir sehen die Absolventen auch als Schnittstelle zwischen Planung und Handwerk. Ein großes Thema ist zum Beispiel die Bauleitung: Eine Person, die wirklich auf der Baustelle ist, kennt die Materialen und Bautechniken, weiß, was dort gemacht werden muss, pflegt den direkten Kontakt zu den Handwerkern und bringt die Informationen ins Planungsbüro. Denn beim Bauen im Bestand muss man sich immer anpassen und es ist mehr oder weniger eine rollende Planung bis hin zu spontanen Entscheidungen auf der Baustelle, weil man vorher gar nicht alles abschätzen kann, was da kommt.
Welche Herausforderungen bringt ein solcher Ausbildungsansatz mit sich?
Schaut man sich das Curriculum für ein Architekturstudium an, dann fällt auf, dass es nach wie vor sehr entwurfslastig ist. Meiner Meinung nach entspricht das nicht mehr den aktuellen Anforderungen. Es müsste komplett überarbeitet werden. Und das zieht sich auf allen Ebenen durch. Das betrifft die Ausbildung, aber am Ende ist es das Bauen selbst. Man kann einen Umbau nicht wie einen Neubau angehen. Die ganzen industriegeprägten Normen und Regelwerke, die wir haben, funktionieren im Bestand leider nicht. In der Denkmalpflege hat man in den letzten Jahren viele wichtige Erkenntnisse gesammelt, weil dort geforscht wurde und nicht unbedingt regelkonform gebaut werden musste. Sie wird trotzdem immer noch ein bisschen belächelt, weil sie als verstaubt gilt. Aber aus diesen Kenntnissen und Forschungsergebnissen kann man heute sehr viel schöpfen und auf das Bauen im Bestand anwenden.
Eine weitere Frage ist die Berufsqualifizierung durch die Architektenkammer. Die Anforderungen an ein Architekturstudium sind durch diese klar definiert. In diese Kategorie passt unser neuer Studiengang noch nicht ganz hinein – obwohl wir der Meinung sind, dass das Umbau- und Handwerkswissen dringend notwendig sein wird für die Tätigkeit des zukünftigen Architekten im Bestand.
In vielen Punkten scheinen die Hochschulen bereits weiter zu sein als die Praxis. Was passiert, wenn die Studierenden anschließend in Architekturbüros auf andere Rahmenbedingungen treffen?
Wir stehen durch diesen Studiengang in engem Austausch mit der Bauwirtschaft und den Handwerkern. Die Bauwirtschaft fragt genau nach diesen Kompetenzen und genau diesen Leuten. Sie wünschen sich Fachleute, die durch ein Bestandsgebäude gehen, sehen, was auf sie zukommt, und relativ schnell Kosten abschätzen können. Da müssen auch die Architekturbüros am Ball bleiben und sich die Kompetenzen aneignen.
Ein großes Problem beim Bauen im Bestand ist die Kostensicherheit. Wenn private Bauherrschaften einen Neubau bauen lassen wollen, würden sie tendenziell eher einen Generalunternehmer beauftragen, weil der Preis dann fix ist. Dann wissen sie, was auf sie zukommt. Bei einem Bestandsgebäude ist das nicht möglich. Dazu kommt die Gewährleistung. Betrachten wir die Fenster: Man kann sie erhalten, instand setzen, neu kitten und gegebenenfalls sogar eine Isolierverglasung einbauen sowie eine Dichtung einfräsen. Dann hat man Fenster, die sind tipptopp. Aber dann fragt der Bauherr: „Und wenn es reinregnet, wer gewährleistet dann dafür?“ Das ist die große Frage. Nachhaltigkeit und Gewährleistungspflicht stehen leider oft in einem großen Widerspruch.
Ein anderes Thema ist die Honorierung. Wenn ein Architekt sagt: „Das können wir erhalten, das können wir instandsetzen“, dann kostet das vielleicht sogar weniger. Dann hat er sich jedoch im Vorfeld viele Überlegungen gemacht, wie das funktioniert. Wenn er jedoch nach HOAI anbietet, wird er dafür eigentlich gar nicht richtig entschädigt, da er Baukosten gespart hat. Aktuell gibt es deshalb noch wenig Ansporn, solche Dinge zu hinterfragen, was die Architekturbüros dazu verleitet, immer noch konventionell und industriegeprägt zu bauen.
Welche Haltung möchten Sie den Studierenden für die Praxis mitgeben?
Ich vermittle den Studierenden einen gewissen Idealismus und hoffe, dass sie diesen in die Architekturbüros tragen. Wenn sie das tun, stellen sie dort Dinge infrage. Aber es ist schwer, wirklich eigene Wege zu gehen und gegen den noch bestehenden „Mainstream“ anzukämpfen.
Letztendlich bin ich überzeugt, dass jeder bei sich selbst anfangen muss. Alle großen Transformationen haben im Kleinen angefangen. Deshalb bin ich optimistisch, dass wir etwas erreichen können, wenn wir im Kleinen anfangen und in der Lehre vor allem nachhaltige Werte vermitteln. Aufgrund derer können wir dann unser Wirken in der Architektur und beim Bauen ständig hinterfragen und bessere Ergebnisse hervorbringen.
DAB Redaktion
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