Vom Bauen zum Weiterbauen: Was Berlin aus zehn Jahren Schulbauoffensive lernen kann
Typenbau hat Berlin schnell neue Schulen gebracht, nun geht es um den Bestand. Ein Gespräch mit Innenarchitektin Andrea Rausch und Stadtplaner Norbert Illiges von der Taskforce Schulbau.
Zehn Jahre Berliner Schulbauoffensive haben neue Schulen hervorgebracht – und zugleich Verfahren, Standards und Formen der Zusammenarbeit verändert. Nun rückt der Bestand stärker in den Mittelpunkt. Andrea Rausch und Norbert Illiges sprechen über die Grenzen von Standardisierung und Serialität, über Planungskompetenz und Vergabe sowie über die Frage, welche Strukturen qualitätsvollen Schulbau künftig ermöglichen.
Christine Jokerst-Pauli: Herr Illiges, Frau Rausch, was hat sich durch zehn Jahre Berliner Schulbauoffensive grundlegend verändert?
Norbert Illiges: Zunächst einmal, dass Berlin überhaupt wieder kontinuierlich Schulen baut. Die Schulbauoffensive war jedoch nie nur ein Mengenprogramm. Mit dem Berliner Lern- und Teamhaus nach dem Compartmentprinzip wurde auch räumlich ein Paradigmenwechsel eingeleitet: weg von der klassischen Flurschule, hin zu Gebäuden, die Ganztag, Inklusion und unterschiedliche Lernformen ermöglichen.
Andrea Rausch: Ebenso wichtig war die stärkere Beteiligung. Leistungsphase Null und Nutzerbeteiligung haben an Gewicht gewonnen, Wettbewerbe zusätzliche Qualität in die Verfahren gebracht. Gute räumliche Konzepte allein reichen aber nicht. Auch Ausstattung und Nutzung müssen mitgedacht werden. Gerade die Innenräume müssen so gestaltet und ausgestattet sein, dass die neuen Lernformen dort tatsächlich stattfinden können und die Schülerinnen und Schüler sich die Räume aneignen können.
Um schneller bauen zu können, hat Berlin auch auf Typenbauten und modulare Lösungen gesetzt. Wie gut lässt sich dabei auf den jeweiligen Standort reagieren?
Rausch: Gerade bei modularen Ergänzungsbauten ist die Einbindung in den jeweiligen Standort nicht immer überzeugend gelungen. Bei vielfacher Wiederholung können die Besonderheiten des Grundstücks und des Umfelds zu kurz kommen. Serialität darf nicht bedeuten, dass überall dieselbe Antwort entsteht.
Illiges: Die für weiterführende Schulen durchgeführten Wettbewerbe zeigen, dass individuellere Lösungen stärker auf ihren Ort reagieren können. Die Herausforderung liegt darin, die Effizienz wiederkehrender Lösungen mit städtebaulicher Qualität zu verbinden. Bei den wiederkehrenden Grundschultypen ist leider ein Teil der ursprünglich vorgesehenen Anpassungsfähigkeit an den Standort verloren gegangen.
Was sind die Taskforce Schulbau und die Steuergruppe?
Was sind die Taskforce Schulbau und die Steuergruppe?
Die Taskforce Schulbau koordiniert die Berliner Schulbauoffensive ressort- und ebenenübergreifend. In ihr arbeiten unter anderem die beteiligten Senatsverwaltungen, Bezirke und landeseigene Unternehmen zusammen.
Die Steuergruppe der Taskforce Schulbau, die Norbert Illiges leitet, begleitet die operative Umsetzung. Sie befasst sich unter anderem mit Schulneubau und -sanierung, Planungsfragen und der Weiterentwicklung von Verfahren.
Die konkrete Umsetzung von Schulbaumaßnahmen verteilt sich auf unterschiedliche Akteure. Neben den Bezirken haben im Rahmen der Berliner Schulbauoffensive insbesondere die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen und die HOWOGE Aufgaben im Schulbau übernommen.
Standards haben geholfen, schneller zu bauen. Haben sie inzwischen auch eine Kehrseite?
Illiges: Am Anfang waren Standards notwendig. Sie haben Orientierung gegeben und Abstimmungen vereinfacht. Nach zehn Jahren kann man sie souveräner anwenden. Wenn Planende eine gleichwertige oder bessere Lösung vorschlagen, sollte man sie prüfen können. Standards sollten künftig Orientierungsmaßstab sein – und kein Dogma.
Rausch: Das erleben wir in der Planung sehr konkret: Der Aufwand, von einem Standard abzuweichen, ist teilweise so groß, dass bessere Lösungen gar nicht weiterverfolgt werden. Dabei kann eine zusätzliche Untersuchung am Anfang später erhebliche Kosten sparen. Wenn Planende etwa eine andere Lösung für Lüftung, Brandschutz oder Schallschutz vorschlagen, sollte geprüft werden, ob sie für dieses Gebäude wirklich besser geeignet ist.
Was ist der Landesbeirat Schulbau?
Was ist der Landesbeirat Schulbau?
Der Landesbeirat Schulbau ist ein ehrenamtliches Beratungsgremium der Berliner Schulbauoffensive. In ihm kommen unterschiedliche Perspektiven aus der Berliner Bildungs- und Planungslandschaft zusammen. Der Beirat berät die für die Schulbauoffensive zuständigen Senatsverwaltungen und kann Stellungnahmen, Empfehlungen und Vorschläge einbringen – unter anderem zu Schulraumqualität, Sanierung, Außen- und Sportflächen sowie Beteiligungsverfahren. Andrea Rausch ist stellvertretende Vorsitzende des Landesbeirats.
Was müsste sich ändern, damit solche fachlichen Alternativen tatsächlich eine Chance haben?
Illiges: Gute Alternativen nützen nur dann etwas, wenn die Verwaltung die Kompetenz und Souveränität hat, sie zu prüfen und Verantwortung zu übernehmen. Wer sich immer nur auf Standards oder DIN-Normen beruft, ist formal auf der sicheren Seite. Aber man muss auch fragen dürfen: Ist diese Lösung hier wirklich die beste? Erfahrungen aus gebauten Projekten sollten schneller in neue Planungen zurückfließen.
Rausch: Und Planungsleistung muss angemessen bewertet werden. Wenn eine vertiefte Untersuchung am Anfang 20.000 Euro kostet, dadurch aber eine 200.000 Euro teure Lüftungsanlage vermieden werden kann, ist das gut investiertes Geld. Gute Planung kann Qualität und Wirtschaftlichkeit und Betrieb zusammenbringen – dafür muss man ihr am Anfang den nötigen Raum geben.
Die Schulbauoffensive wird fortgesetzt, zugleich rücken Sanierung und Bestand stärker in den Mittelpunkt. Was bedeutet dieser Schwerpunktwechsel?
Illiges: Das verändert die Aufgabe erheblich. Neubau wird weiterhin notwendig sein, aber in den kommenden Jahren müssen wir uns stärker um die bestehenden Schulen kümmern. Dafür braucht es zunächst eine belastbare Bestandsbewertung: Was ist technisch notwendig, was lässt sich räumlich verbessern, was ist langfristig sinnvoll? Bestand lässt sich nicht in gleicher Weise standardisieren wie Neubau. Man muss genauer hinschauen und stärker auf das einzelne Gebäude reagieren.
Rausch: Wir sollten Bestand nicht nur als Sanierung bestehender Schulgebäude verstehen. Für weiterführende Schulen können zum Beispiel auch leer stehende Büro-, Gewerbe- oder Kaufhausflächen interessant sein. Dafür braucht es eine gute Analyse und Offenheit für ungewöhnliche Lösungen. Gerade im Bestand wird die Qualität der Planung wichtiger, weil die Antwort nicht schon durch einen Typ oder einen Standard vorgegeben ist.
Gute Planung kann Qualität und Wirtschaftlichkeit zusammenbringen.
Andrea Rausch
InnenarchitektinWo liegen bei der Sanierung derzeit die größten Hürden?
Rausch: Vor allem bei den Kapazitäten aufseiten der öffentlichen Bauherrschaft. In den Bezirken müssen Maßnahmen zunächst bewertet und priorisiert, Planungsleistungen ausgeschrieben und die Projekte anschließend begleitet werden. Wenn dafür das Personal fehlt, kommen Vorhaben gar nicht erst so weit, dass Planungsbüros sie bearbeiten können.
Illiges: Sanierung ist kleinteilig und personalintensiv. Jedes Gebäude hat seine eigene Geschichte und seine eigenen Probleme. Deshalb wird man, wie bisher bereits in der Schulbauoffensive praktiziert, die Last auf verschiedene Schultern verteilen müssen. Gleichzeitig lässt sich der Bestand nur schwer in großen Paketen organisieren wie Teile des Neubaus.
Rausch: Genau deshalb würde ich vor einer zu starken Bündelung warnen. Große Vergabepakete können dazu führen, dass kleine und mittlere Planungsbüros kaum noch zum Zuge kommen. Gerade bei individuellen Bestandsaufgaben brauchen wir aber unterschiedliche Planungskompetenzen. Und auch die Beteiligung verschiedener Fachrichtungen, Verwaltungen und Nutzergruppen ist nicht nur zusätzlicher Aufwand. Dieses Aushandeln kann Qualität sichern.
In den kommenden Jahren müssen wir uns stärker um die bestehenden Schulen kümmern.
Norbert Illiges
Stadtplaner
Wenn Berlin in zehn Jahren zurückblickt: Woran würde man erkennen, dass aus der ersten Dekade die richtigen Schlüsse gezogen wurden?
Illiges: Daran, dass ein großes Programm effizient sein kann, ohne starr zu werden. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre sollten dazu führen, schneller zu lernen und mit neuen Situationen souveräner umzugehen. Gerade im Bestand werden Standardantworten oft nicht reichen. Am Ende sollte jedes Kind einen guten Schulplatz haben – und das Gebäude die Menschen unterstützen, die darin lernen und arbeiten.
Rausch: Ich würde mir wünschen, dass wir Prozesse nicht um jeden Preis vereinfachen. Es ist mühsam, verschiedene Verwaltungen, Planende und Nutzerinnen und Nutzer einzubeziehen, aber dieses Aushandeln kann Qualität sichern. Und wir müssen jetzt schon darüber nachdenken, was mit modularen Schulbauten passiert, wenn wir sie an einem Standort irgendwann nicht mehr brauchen. Dann kann man in zehn Jahren nicht erst anfangen zu überlegen, ob und wie man sie weiternutzt.
Christine Jokerst-Pauli
Team Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Architektenkammer Berlin DAB Redaktion BerlinDas könnte Sie auch interessieren
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