„Wir können die Starttaste auf null setzen“
Wie bildet man Architektinnen und Architekten für eine Zukunft aus, die gerade erst entsteht? Veronika Kammerer und Stephan Rauch bauen in Landshut einen neuen Studiengang auf, der sich auf Bestand, Bauwende und ein verändertes Berufsbild fokussiert.
DAB: Ihr habt die seltene Gelegenheit, einen Architekturstudiengang komplett neu aufzubauen. Was macht ihr daraus?
Veronika Kammerer: Wir können die Starttaste auf null setzen. Es gibt viele anerkannte Architekturschulen in Deutschland mit eingefahrenen Strukturen, die sich schwertun, sich zu erneuern. Diesen Freischwimmungsprozess können wir uns sparen. Wir können die großen Themen, die jetzt in der Architektur anstehen – der Wandel im Umgang mit Bestand, mit der Gesellschaft und mit dem Wert der Architektur –, direkt in unser Curriculum integrieren, ohne uns mit alten Strukturen auseinandersetzen zu müssen.
Stephan Rauch: Man kann hier Dinge komplett von vorne denken. Und wir hatten vielleicht auch ein bisschen Glück, dass wir uns getroffen haben. Wir kannten uns vorher kaum, aber wir ziehen am gleichen Strang und brauchen uns oft gar nicht abzustimmen. Diesen Spirit merken auch die Studierenden. Das ist ansteckend, und unabhängig von den inhaltlichen Themen kann daraus schon etwas Gutes entstehen.
Welche Themen habt ihr dabei ins Zentrum des Curriculums gestellt?
Kammerer: Wir haben die Transformation des Gebäudebestands ganz klar als Hauptthema, vor allem in den ersten Semestern. Uns ist wichtig, dass die Studierenden eine Sensibilität dafür entwickeln. Was gibt es schon? Welche wertvollen Materialien gibt es? Dieses Bodenständige ist uns sehr wichtig. Unser Curriculum sieht vor, dass wir uns hauptsächlich mit Umbauen, Anbauen, Aufbauen und Einbauen beschäftigen. Das Bauen auf der grünen Wiese kommt frühestens im sechsten Semester vor – wenn überhaupt.
Rauch: Es ist schon eine große Aufgabe, jungen Menschen, die in unserer Gesellschaft sozialisiert wurden, zu sagen: Diese Materialien, der Bestand, das sind Werte und die werden nicht weggeworfen, sondern wir verwenden sie neu. Wir sind alle durch unsere Konsumgesellschaft geprägt.
Gleichzeitig wollen wir die Bauwende in die Gesellschaft hineintragen. Deshalb gibt es Wahlpflichtfächer wie „Architektur und Politik“, „Architektur und Stadtgesellschaft“ oder „Architektur und Öffentlichkeit“. Die Studierenden müssen wirklich raus. Architekten äußern sich nicht mehr nur mit Modell und Zeichnung – wir müssen auch Moderatoren dieser Bauwende werden.
Das heißt, ihr arbeitet möglichst nah an realen Aufgaben?
Kammerer: Ja, und das ist wirklich toll hier in Landshut: Alle freuen sich sehr, dass wir da sind. In anderen Städten gibt es schon seit Ewigkeiten Architekturstudiengänge, in Landshut gab es diesen blinden Fleck. Wir bekommen von allen möglichen Institutionen tolle Angebote zur Zusammenarbeit.
Derzeit arbeiten wir beispielsweise mit einer Genossenschaft zusammen und überplanen eine Wohnsiedlung aus den 1930er-Jahren. Die Studierenden können täglich hingehen und sich das anschauen. Leider wird eine ähnliche Wohnanlage nebenan gerade abgebrochen. Dort können wir jedoch Materialien retten und sie vielleicht in unsere nächsten Projekte einbauen.
Auch eure eigenen Räume sind ja eine Zwischennutzung.
Kammerer: Genau. Wir sind in einer ehemaligen Realschule, die ein Jahr leer gestanden wäre, weil sie zu einer Mittelschule umgebaut wird. Einige Klassen- und Werkräume stehen uns zur Verfügung. Das ist für beide Seiten eine Win-win-Situation.
Wir haben ewig viel Platz. Jeder Student hat mehr als einen Arbeitsplatz. Sie können sich total entfalten, wodurch eine produktive Dynamik entstanden ist: Sie arbeiten zusammen, lernen voneinander und befruchten sich gegenseitig.
Rauch: Bei der Werkschau nach dem ersten Semester war ich selbst baff, was die 24 Studierenden alles geschaffen haben. Wir konnten die Räume mit Objekten, Zeichnungen und Modellen füllen. Ich glaube schon, dass das auf dieser Basis fruchtet.
Kammerer: Wir sind eine kollaborative Masse, die zusammen viel reißt. Gemeinsam – ohne die klassische Professor-Studierenden-Hierarchie – entstehen tolle Ideen. Das hat einerseits mit den Arbeitsräumen zu tun, andererseits mit unserem gesellschaftlichen Ansatz. Es geht nicht darum, schöne Häuser für ein paar reiche Menschen zu bauen. Wir sagen: Wir müssen für die Gesellschaft umbauen.
Wie setzt sich euer erster Jahrgang zusammen?
Kammerer: Eine super Mischung. Unsere Altersrange geht von 18 bis 58. Die Hälfte hat eine Ausbildung als Schreiner, Maler oder Maurer und bringt natürlich viel Know-how ein. Hinzu kommen Studierende, die direkt aus der Schule kommen und manchmal viel verwegenere Ideen haben, da sie nicht so sehr in der Praxis verwurzelt sind. Jeder ist für den anderen eine Quelle der Inspiration.
Rauch: Viele unserer Studierenden kommen auch aus der Region. Niederbayern hatte bisher keine Architekturausbildung – da merkt man schon, dass etwas gefehlt hat. Im besten Fall kehren die Studierenden später in die Region zurück und arbeiten hier. Deshalb wollen wir auch die Gemeinden und regionale Themen ins Curriculum aufnehmen.
Gleichzeitig müsst ihr die heutige Generation auf Herausforderungen vorbereiten, deren genaue Ausgestaltung in fünf oder zehn Jahren noch völlig unklar ist.
Kammerer: Das ist das Spannende. Weil es den Studiengang vorher nicht gab, ist jedes Semester ein Experiment, auf das sich die Studierenden wissentlich mit uns eingelassen haben. Und das hat total Parallelen zu unserer Welt. Beim Studieninfotag kam zum Beispiel die Frage auf: Braucht es überhaupt noch Architekten, wenn künstliche Intelligenz Aufgaben übernimmt? Solche Themen werden unser Berufsbild stark verändern.
Rauch: Das Berufsbild treibt uns sehr um. Die Zerpflückung des klassischen Architektenbildes ist ja schon seit Jahrzehnten im Gange. Die Vorstellung vom freien Architekten, der Wettbewerbe gewinnt und dann baut, funktioniert so nicht mehr. Für mich gehört deshalb dieses Gemeinsame und Kollaborative nicht nur zum Planungsprozess. Warum tut man sich nicht zu Baugenossenschaften oder Baugemeinschaften zusammen? Wenn man sich die Bodenpreise anschaut, wird es wahrscheinlich sowieso darauf hinauslaufen, dass man sich zusammentun muss.
Kammerer: Und das klassische Wohnungsangebot ist genauso tot, weil es für ein Familienmodell entwickelt wurde, das es so de facto nicht mehr gibt. Wir könnten der Gesellschaft zeigen: Mit guter Gestaltung und durchdachten Räumen ist viel mehr Flexibilität möglich.
Was möchtet ihr euren Studierenden für die Zukunft mitgeben?
Kammerer: Viel Mut. Das Schöne an der Aufgabe, Professorin zu sein, ist, dass man sein Wissen und seine Haltung weitergeben und Menschen inspirieren kann. Und andererseits bekommt man natürlich auch Inspiration zurück. Es ist eine tolle Möglichkeit, mit so jungen Menschen zu arbeiten und am Puls der Zeit zu sein. Ich hoffe, wir können ein bisschen Haltung weitergeben.
Rauch: Ich wünsche mir, dass es mit diesem Spirit und dieser Teamfähigkeit so weitergeht – zwischen uns, aber natürlich auch zwischen uns und den Studierenden. Beim Aufbau dieses Studiengangs haben wir eine Gestaltungsmöglichkeit und erfahren unglaublich viel Unterstützung von der Hochschulleitung und von der Stadt.
Auch dieser Brückenschlag vom Campus in die Stadt, den wir mit den Zwischennutzungen geschaffen haben, basiert darauf. Ich wünsche mir, dass das möglichst lange so weitergeht. Dann kann man viel bewegen, Spirit weitergeben und Leute motivieren, in diese Richtung weiterzugehen und weiterzudenken.
DAB Redaktion
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