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Was das Studium nicht lehrt

Nachwuchs-Kolumne: Eine kurze Skizze, ein paar Stichworte – und plötzlich liegt eine Aufgabe auf dem Tisch, die größer wirkt als erwartet. Solche Situationen gehören zum Alltag in Architekturbüros. Genau dort beginnt oft der Moment, in dem junge Architektinnen und Architekten Verantwortung übernehmen.

Fabian P. Dahinten
27.05.2026 7min
© Hector Roqueta Rivero/gettyimages

Zwischen zwei Terminen klingelt das Telefon. Der Bauherr meldet sich wegen einer Idee, die wir kurz zuvor im Projekt aufgeworfen hatten: eine alternative Deckengestaltung in einem Bereich, der eigentlich schon durchgeplant ist. Konkret geht es darum, die geschlossene Decke durch eine offene Konstruktion zu ersetzen, sodass technische Bauteile in den Hintergrund treten und der Raum ruhiger wirkt. Die Idee kam spät im Projekt, denn erst in der Ausführungsplanung wurde spürbar, wie dominierend die ursprünglich geplante Lösung den Raum prägen würde. Die Frage des Bauherrn ist einfach: Können wir das weiterdenken?  

Die Situation ist weniger einfach. In wenigen Minuten beginnt der nächste Termin. Für eine ausführliche Erklärung bleibt keine Zeit. Also fertige ich schnell eine Handskizze an, gehe zu einem Teammitglied und erkläre in zwei Minuten, worum es geht. Alternative Decke. Der Bereich ist bereits teilweise gebaut. Bitte prüft, was das bedeutet. Mehr Zeit bleibt nicht. Ich mag solche Situationen nicht. Nicht, weil ich Aufgaben abgebe, sondern weil ich sie nicht sauber übergeben kann. Wenn Themen bei mir liegen bleiben, weil ich keine Zeit finde, sie ordentlich zu erklären, stauen sie sich. Und am Ende wird dadurch die Bearbeitungszeit unnötig kürzer.

Die Realität sieht anders aus  

Was man tatsächlich bekommt, ist ein Thema, eine Richtung, vielleicht eine Handskizze – und die Verantwortung, selbst eine Lösung zu entwickeln. In solchen Momenten ist es selten sinnvoll, sofort sieben Varianten in CAD zu zeichnen. Wer zu früh ins Detail geht, verliert oft wertvolle Zeit. Der erste Schritt ist ein anderer: Wo liegt der kritische Punkt – in der Konstruktion, im Brandschutz oder in der technischen Integration?  

Oft genügt eine Handskizze, ein kurzes Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen oder eine Rückfrage bei der Fachplanung, um schrittweise zu einer prüfbaren Lösung zu gelangen. Ein paar Tage später liegt der Vorschlag auf dem Tisch: Die offene Decke funktioniert, der Übergang zur angrenzenden Decke ist sauber gelöst und der Bodenanschluss wurde berücksichtigt. Die TGA ist zufrieden – und der Bauherr auch. Die Lösung geht in die Ausführung. Die Lösung wird umgesetzt.  

Solche Situationen wirken im Projektalltag oft unspektakulär. Aber genau hier entsteht Verantwortung. Nicht, weil jemand alles weiß, sondern weil jemand beginnt, selbst zu entscheiden, wo er anfängt und welche Fragen zuerst geklärt werden müssen. Architekt:in wird man nicht im Studium. Man wird Architekt:in in dem Moment, in dem eine Aufgabe auf dem Tisch liegt, niemand mehr Zeit hat, sie vollständig zu erklären – und man trotzdem beginnt, eine Lösung zu entwickeln. 

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Die Aufgabe hinter der Aufgabe

Eine Decke zu verändern, bedeutet im Projekt selten, nur die Decke zu verändern. Möglicherweise sind Fassade und Brandschutz betroffen, die TGA muss überprüft, geeignete Produkte müssen recherchiert und die Fachplanung muss eingebunden werden. Der Bauherr braucht rasch eine Einschätzung zu Kosten und Auswirkungen, damit überhaupt entschieden werden kann, ob die Idee eine Chance hat. Die Ausführung in diesem Bereich hat bereits begonnen, doch mit Aufkommen der Idee wurde die Baustelle vorläufig gestoppt. Die Zeit drängt.  

Während ich zum nächsten Termin gehe, denke ich kurz darüber nach, ob ich mich mit meinem Vorschlag vielleicht zu weit aus dem Fenster gelehnt habe. Manchmal wirken Ideen im Entwurf klar und erweisen sich dann technisch als deutlich komplizierter. Das gehört zum Projekt dazu. Die eigentliche Herausforderung dieser Situation ist jedoch keine technische, sondern beginnt in dem Moment, in dem eine Aufgabe plötzlich in den Händen von jemand anderem liegt. Wenn man beginnt, in Projekten zu arbeiten, erwartet man oft klare Anweisungen. Ein Detail, das schon durchdacht ist. Eine Lösung, die nur noch ausgearbeitet werden muss. 

Fabian P. Dahinten

Architekt

Fabian P. Dahinten schreibt über den Einstieg ins Berufsleben, über Tipps und Tricks, Risiken und Fallstricke. Er ist Architekt und Partner bei Lengfeld & Wilisch Architekten in Darmstadt. Er studierte Architektur an der Hochschule Darmstadt und engagiert sich bei der Nachwuchsorganisation nexture+. Seit 2020 ist er Kolumnist für dabonline.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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