„Städtebau ist zur ‚Königsdisziplin‘ in der Architekturausbildung geworden“
Christa Reicher ist Universitätsprofessorin für Städtebau und Entwerfen an der Fakultät für Architektur der RWTH Aachen sowie Inhaberin des UNESCO Lehrstuhls für Kulturerbe und Städtebau. Sie beschäftigt sich bewusst mit den unterschiedlichen Maßstabsebenen – vom Gebäude zum Quartier, von der Stadt bis zur Region.
Im Mittelpunkt stehen die großen Transformationsprozesse von Städten und Regionen. In dem von Christa Reicher gegründeten internationalen Masterstudiengang „Transforming City Regions“ richtet sie auch den Blick auf Räume, die sich nicht mehr eindeutig als Stadt oder Land beschreiben lassen. Klimawandel, Strukturwandel und Mobilität machen schließlich nicht an Verwaltungs- oder Staatsgrenzen halt. Für die Städtebaulehre bedeutet das: Studierende müssen lernen, in großräumigen und komplexen Zusammenhängen zu denken.
DAB: Sie lehren seit mehr als 25 Jahren Städtebau. Hat sich die Rolle des Fachs verändert?
Christa Reicher: Als ich angefangen habe, Städtebau zu unterrichten, spielte das Fach in architektonischen Debatten eher eine untergeordnete Rolle. Heute ist das völlig anders. Städtebau ist plötzlich in den Fokus der Beschäftigung mit Raum, Architektur und Zukunftsstrategien gerückt. Das liegt auch daran, dass Städtebau immer mehr ist als das einzelne Gebäude oder ein Ensemble. Es geht um gebaute Strukturen und deren Nutzung im Sinne der Transformation. Und darum, wie Konzepte ihren Weg in die Umsetzung finden.
Ein guter Entwurf ist ungemein wichtig, reicht aber nicht. Wichtig ist auch das Wissen über Strategien, Prozesse und die Umsetzung von Ideen. Ich bin davon überzeugt, dass viele gesellschaftliche Fragen nicht auf der Ebene des einzelnen Gebäudes beantwortet werden können, sondern Konzepte in einem größeren Kontext erfordern.
Spüren Sie diese Veränderung auch bei den Studierenden?
Ja, sehr deutlich. Ich unterrichte bereits im zweiten Semester des Bachelorstudiengang Architektur und kann für die Studienanfänger die Vorlesung „Grundlagen des Entwerfens“ mit dem Schwerpunkt Städtebau halten. Wenn ich zu Beginn des Semesters mein Vorlesungsprogramm zur Diskussion stelle, dann äußern die Studierenden Wünsche nach Themen wie klimasensibler Städtebau oder Umgang mit Ressourcen. Das Interesse an Nachhaltigkeit in all ihren Dimensionen ist enorm. Sie wollen wissen, was diese Herausforderungen für ihr späteres Berufsbild bedeuten und wie sie selbst darauf reagieren können.
Neben dem Masterstudiengang Architektur unterrichte ich in den Masterstudiengängen Architektur, Stadtplanung und Transforming City Regions. Allein die Existenz dieses neuen internationalen Studiengangs zeigt, wie sehr sich das Berufsbild verändert hat
Warum braucht es diesen überregionalen Blick?
Wir adressieren bewusst die unterschiedlichen Ebenen – vom Quartier bis zur Region –, da wir zunehmend feststellen, dass viele Entwicklungen nicht an Grenzen haltmachen. So endet der Klimawandel beispielsweise nicht an der deutsch-niederländischen oder deutsch-belgischen Grenze, die unmittelbar vor unserer „Haustüre“ liegen.
Auch Strategien für die Transformation des Rheinischen Reviers – einer Region im Städtedreieck Aachen, Düsseldorf und Köln, die bis 2030 aus der Braunkohleförderung aussteigen will – müssen über diese Grenzen hinweg gedacht werden: Landschafts- und Siedlungsräume sind miteinander verflochten. Mobilitätstrassen machen genauso wenig an administrativen Grenzen halt. Deshalb wird die Skalierung von Maßstäben und die Fähigkeit, zwischen ihnen zu wechseln, zunehmend wichtiger. Das hat letztlich auch etwas mit einer stärkeren Internationalisierung zu tun.
Wer heute Stadtentwicklung betreibt, muss regionale Zusammenhänge verstehen und mit unterschiedlichen kulturellen und planerischen Kontexten umgehen können. Dies betrifft nicht nur Genehmigungen, Bau- oder Nutzungsverordnungen, sondern auch das grundlegende Verständnis dafür, wie räumliche Entwicklung gesteuert wird. Das ist zunächst einmal eine Herausforderung, aber gleichzeitig liegt genau darin ein großer Mehrwert. Man kann unglaublich viel voneinander lernen, wenn man sich auf dieses Abendteuer einlässt.
Dabei interessieren uns nicht nur die Städte selbst, sondern auch die Beziehungen zwischen Stadt und Land. Viele Herausforderungen entstehen gerade in diesen Zwischenräumen. Fragen der Resilienz, des Ressourcenmanagements oder der Mobilität lassen sich heute häufig nicht mehr auf der Ebene einer einzelnen Kommune beantworten.
Wir schauen in vielen Dingen auf die Niederlande und fragen uns: Warum schaffen die es, Projekte schnell zu realisieren, und warum brauchen wir dafür deutlich länger? Bei solchen Vergleichen und Dialogen geht es nicht um die Frage, wer die bessere Lösung hat. Sie eröffnen einfach kreative Lernräume und helfen dabei, das scheinbar Unmögliche doch zu ermöglichen.
Spielt dieser Blick über Grenzen hinweg auch in Ihren aktuellen Projekten eine Rolle?
Ja, sehr stark. Ein Beispiel ist das „New Regional Bauhaus“ (NRB) in Heerlen, einer niederländischen Stadt, die nur wenige Kilometer von Aachen entfernt liegt. Die Stadt hat uns ein Gebäude zur Verfügung gestellt, das wir als Dependance für unsere Studierenden und Aktivitäten der RWTH Aachen nutzen können. Dabei interessiert uns die Frage, wie sich die Idee des „New European Bauhaus“ mit seiner Vorstellung einer nachhaltigen, inklusiven und ästhetischen Zukunft auf eine konkrete grenzüberschreitende Region übertragen lässt. Wir verstehen das New Regional Bauhaus als eine Art Reallabor, in dem Wissenschaft, Kommunen, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenkommen. Hier diskutieren wir Fragen der Regionalentwicklung, arbeiten an Forschungsprojekten und schaffen Räume für Austausch und Wissenstransfer.
Über diese konkreten Aktivitäten hinaus sind verschiedene Erwartungen an das NRB geknüpft: Das Gebäude, das vorher die Zentrale der Internationalen Bauausstellung (IBA) Parkstad in der niederländischen Städteregion war, soll mit seiner neuen Nutzung die Innenstadt beleben. Das Haus steht an ganz zentraler Lage in einer Fußgängerzone mit vielen Leerständen. Die Stadt sieht die Hochschule und die Studierenden bewusst als Impulsgeber für die Innenstadtentwicklung.
Das New Regional Bauhaus wird von der Stadt und der Provinz zugleich als wichtiger Baustein ihrer neuen Strategie der Wissenslandschaft gesehen. Hochschulen wie die RWTH Aachen, die Universität Maastricht und andere sollen die Stadt revitalisieren. Und nicht zuletzt erfahren die Studierenden durch Projekte, in denen sie sich mit dieser grenzüberschreitenden Region befassen, wie spannend die Herausforderungen sind, auch als möglicher Arbeitsort nach dem Studium.
Genau solche Orte begeistern mich, weil hier Lehre, Forschung und Praxis unmittelbar aufeinandertreffen und weil man in dieser Allianz etwas bewirken kann.
Sie sprechen häufig von Kulturerbe und Transformation. Viele sehen darin einen Widerspruch. Sie offenbar nicht.
Nein, im Gegenteil. Für mich liegt genau dort eine der zentralen Fragen unserer Zeit. Als wir uns um den UNESCO-Lehrstuhl für Kulturerbe und Städtebau beworben haben, wurde uns häufig geraten, die Ausrichtung stärker einzugrenzen und uns auf einzelne Themen zu konzentrieren. Aber genau das wollte ich nicht. Die eigentliche Konfliktlinie lautet doch: Wie kann Innovation in bestehende städtische Kontexte kommen, ohne alles auf null zu setzen? Städte verändern sich permanent. Gleichzeitig sind sie Träger von Erinnerung, Identität und kulturellen Werten.
Der UNESCO-Lehrstuhl beschäftigt sich deshalb nicht nur mit einzelnen Denkmalen oder historischen Gebäuden. Wir betrachten auch hier die unterschiedliche Maßstabsebenen und fragen, wie kulturelles Erbe zu einer nachhaltigen und inklusiven Entwicklung beitragen kann. Dabei geht es ebenso um soziale und kulturelle Aspekte wie um die gebaute Umwelt. Die Herausforderung besteht darin, Neues zu ermöglichen und gleichzeitig den Bestand und das historische Erbe zu bewahren. Städte können und dürfen nicht konserviert werden, sondern Transformationsprozesse müssen so gestaltet werden, dass sie an bestehende Qualitäten anknüpfen und diese in Wert setzen.
Sie sprechen häufig von Strategien. Geht es heute weniger um den Entwurf als früher?
Nein, ein guter Entwurf ist nach wie vor eine wichtige Grundlage. Aber eine gute räumliche und konzeptionelle Idee allein reicht nicht aus. Es braucht eine überzeugende Struktur, eine nachvollziehbare Geschichte und die Fähigkeit, diese zu vermitteln. Die Studierenden müssen lernen, ihre Ideen zu erklären und zu vertreten. Auch deshalb arbeiten wir häufig in Formaten wie studentischen Ideenwettbewerben mit externen Jurys.
Dabei erleben die Studierenden, dass ein Entwurf nicht nur gezeichnet, sondern auch argumentativ untermauert werden muss. Dann müssen sie ihre Position schärfen, Argumente vortragen und auf kritische Nachfragen reagieren. Wenn die Arbeiten anschließend ausgestellt werden und öffentliche Debatten auslösen, merken die Studierenden, dass ihre Ideen Wirkung entfalten können. Das ist ein wichtiger Teil der Ausbildung. Gute Planung entsteht nicht nur am Zeichentisch. Sie entsteht auch im Austausch und im Diskurs mit anderen, auch mit der Stadtgesellschaft.
Was müssen Studierende heute lernen, um auf die Herausforderungen unserer Zeit vorbereitet zu sein?
Sie müssen lernen, die zunehmend komplexer werdenden Zusammenhänge zu verstehen. Dabei sollen sie nicht nur das einzelne Gebäude betrachten, sondern auch Quartiere, Städte und Regionen mitdenken und in die Konzepte einbeziehen. Sie müssen unterschiedliche Perspektiven zusammenführen können und verstehen, dass Planung und insbesondere der Städtebau immer auch ein Aushandlungsprozess sind. Als ich bei der Zulassung des internationalen Studiengangs „Transforming City Regions“ gefragt worden bin, was denn das Profil der Studierenden kennzeichne, habe ich geantwortet: „Troublemaker“. Also wie müssen als „Unruhestifter“ befähigt werden, die richtigen Fragen zu stellen, denn nur so kann man überzeugende Antworten finden und der Komplexität in der Stadt- und Raumentwicklung gerecht werden.
Vor allem aber sollten die Studierenden herausfinden, was sie selbst begeistert. Irgendwann habe ich für mich verstanden, dass ich nicht das fünfte Dachdetail in einer weiteren Variante zeichnen möchte, sondern dass mich die größeren Maßstäbe interessieren. In diesem Moment ist mir klar geworden, wohin mein Weg in diesem ausgesprochen breiten Berufsfeld führen könnte. Ich bin davon überzeugt, dass es ungemein wichtig ist, eine eigene Begeisterung und Haltung zu entwickeln. Dann sind die Weichen für einen spannenden und erfolgreichen Berufsweg gestellt, in dem man ungemein viel bewirken kann – räumlich, gesellschaftlich und menschlich.
Über New Regional Bauhaus
Über New Regional Bauhaus
Das „New Regional Bauhaus“ ist ein Ort der Lehre und Forschung, aber auch des Wissenstransfers in der Rhein-Maas-Region. Im Einklang mit dem UNESCO-Lehrstuhl liegt der Schwerpunkt auf Kulturerbe und Stadtplanung, aber auch auf Fragen des Wandels und des Strukturwandels im großen Maßstab. Dem dient insbesondere der Masterstudiengang „Transforming City Regions“.
DAB Redaktion
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