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Neue Perspektiven auf den Städtebau. Gendergerechte Planung für lebenswerte Städte

Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen veröffentlichte Leitlinien für eine gendergerechte Stadtentwicklungspolitik. Studierende der TU München entwickelten auf Grundlage dessen das Handbuch „Raumpilot:in“

DAB Redaktion
06.02.2026 5min
Stadtplanung Buch Bundesweit
Das Bild zeigt drei Personen, die im Freien auf einem gepflasterten Weg stehen, umgeben von Bäumen und Grünflächen. Sie tragen wetterfeste Kleidung und halten Notizblöcke und lose Blätter in den Händen. Eine Person zeigt mit einem Stift auf ein Dokument, während die anderen aufmerksam mitlesen. Die Situation wirkt konzentriert und kooperativ, als würden sie gemeinsam etwas planen oder überprüfen. Zweck des Bildes ist es, partizipative Arbeit im öffentlichen Raum zu zeigen, etwa gemeinsames Planen, Diskutieren oder Bewerten von Projekten vor Ort.
Die Autor:innen des Handbuchs Pia Katharina Winder, Lara Brezing, Pauline Elena Philipp (v. l. n. r.) in München. © Nadine Reisen

Wenn Frauen nachts lieber den beleuchteten Umweg statt der Unterführung wählen oder Menschen mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen wegen zugeparkter Gehwege häufig ausweichen müssen, zeigt das, wie unterschiedlich Räume nutzbar sind. Diese Szenen verdeutlichen, dass Städte nicht für alle gemacht sind. Sie sind das Ergebnis einer Stadtplanung, die lange Zeit vor allem Autos Raum gegeben hat und bis heute nicht inklusiv gestaltet ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden westdeutsche Städte funktional getrennt und autogerecht geplant. Doch die Ansprüche haben sich gewandelt. So finden die Bedürfnisse von marginalisierten Menschen und Personen, die Care-Arbeit leisten und mehr Wege zurücklegen, in diesen Strukturen kaum Beachtung. Ein Paradigmenwechsel ist jedoch erkennbar: Ende November 2020 verabschiedeten die EU-Ministerien die „Neue Leipzig-Charta“. Sie formuliert Leitlinien für die Stärkung des Gemeinwohls und markiert damit einen wichtigen Schritt hin zu neuen Planungsprinzipien. 

Neue Leipzig-Charta – die transformative Kraft des Gemeinwohls

Ende November 2020 verabschiedeten die für die Stadtentwicklung zuständigen EU-Ministerinnen und Minister die „Neue Leipzig-Charta – die transformative Kraft des Gemeinwohls“. Die Charta zielt auf eine gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung ab und benennt drei Handlungsdimensionen: die gerechte, die grüne und die produktive Stadt. Die Gestaltung der digitalen Transformation sowie Bodenpolitik werden darüber hinaus als konkrete Aufgabenfelder benannt. Die fünf Schlüsselprinzipien – Gemeinwohlorientierung, integrierter Ansatz, Beteiligung und Koproduktion, Mehrebenenkooperation und der ortsbezogene Ansatz – definieren gute urbane Governance. Dabei werden das Quartier, die Gesamtstadt und die Stadtregion als die drei räumlichen Ebenen des gemeinwohlorientierten stadtpolitischen Handelns benannt.

Weitere Informationen zur Neuen Leipzig-Charta 2020 gibt es auf der Website des BMWSB.

Das Bild zeigt das Titelblatt einer Publikation mit grafisch dargestellten Menschen in unterschiedlichen Alltagssituationen wie Gehen, Spielen, Radfahren oder Ausruhen. Der Titel lautet „Gendergerechte Stadtentwicklungspolitik – Leitlinien für eine faire, inklusive und sorgende Stadt“. Zweck des Bildes ist es, politische Leitlinien für eine inklusive Stadtentwicklung zu präsentieren und visuell zu betonen, dass Städte für unterschiedliche Menschen und Lebenslagen gestaltet werden sollen.
Cover Gendergerechte Stadtentwicklungspolitik © Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen; Oksana stock.adobe.com

Leitlinien für die gendergerechte Stadtentwicklungspolitik

Im Juli 2025 veröffentlichte das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) Leitlinien für eine gendergerechte Stadtentwicklungspolitik. Diese umfassen acht Positionen für eine faire, inklusive und sorgende Stadt: starke Repräsentation, Diskriminierungsfreiheit, mehr Sichtbarkeit und Teilhabe, gerechte Mobilität, Sicherheit für ein diskriminierungsfreies öffentliches Leben, qualitätsvolles Wohnen und Sicherheit im häuslichen Umfeld, Berücksichtigung von Care-Arbeit, eine gesunde Stadt und gendersensible Klimaanpassung.  

Als Grundlage für die Leitlinien dienten zwei Roundtables im Jahr 2024, bei denen Fachleute aus den Gender Studies strategische Ansätze entwickelten. Jede Position wird in der Publikation anschaulich und knapp erläutert. Handlungsansätze und Empfehlungen geben auf einer übergeordneten Ebene Hinweise auf eine mögliche Ausführung, wie Fortbildungsprogramme für Behördenmitarbeitende, Aufklärungskampagnen oder Förderungen für gemeinwohlorientierte Projekte. 

Das Bild zeigt ein rotes, spiralgebundenes Handbuch mit dem Titel „Raumpilotin – Gendergerechter Städtebau. Handbuch für Planerinnen“. Das Buch steht auf einer Fläche, daneben sind mehrere Exemplare gestapelt. Zweck des Bildes ist es, eine Publikation sichtbar zu machen, die Fachwissen und praktische Werkzeuge für gendergerechte Stadtplanung vermittelt.
Rund 300 Seiten umfasst das ringgebundene Handbuch © Sophie Lin

Gendergerechte Stadtentwicklung ganz konkret: das neue Handbuch Raumpilot:in

Das Handbuch „Raumpilot:in“ zeigt, wie sich gendergerechte Stadtentwicklung konkret auf die bauliche Umwelt auswirken kann. Studierende der TU München entwickelten es auf Basis der BMWSB-Leitlinien und übersetzten sie in Entwurfs- und Planungsinstrumente. Es stellt eine Übersicht der neuen Anforderungen an Städte dar und überträgt Statuten der „Neuen Leipzig-Charta“ auf den gebauten Raum.  

Zu Beginn spürt man bei Menschen, die sich noch nicht mit dem Thema Gendergerechtigkeit auseinandergesetzt haben, oft eine ablehnende Haltung. Sobald man jedoch mit ihnen in Diskussion tritt und aufklärt, merkt man schnell, dass die Inhalte positiv überraschen und verstanden werden: Letztlich profitieren alle davon, nicht nur eine Minderheit.

Pia Katharina Winder

Co-Autorin Raumpilot:in

So stießen die Autor:innen während der Entwicklung auf Herausforderungen. „Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema fiel immer wieder auf, dass es häufig zu Nutzungskonflikten kommen kann. Einige Menschen benötigen abgesenkte Bordsteine, andere benötigen wiederum den höheren Absatz als Orientierungshilfe“, erläutert Pauline Elena Philipp, Co-Autorin des Handbuchs. Aber auch die Kommunikation nach außen war nicht einfach. „Herausforderungen gab es vor allem in der Kommunikation rund um den Begriff Gendergerechtigkeit im Allgemeinen. Das Thema an sich ist polarisierend, bedingt durch falsche Verwendungen des Begriffs sowie strukturelle und gesellschaftliche Prägungen“, erklärt Lara Brezing, Co-Autorin. 

Das Bild zeigt eine grüne Zeichnung eines lebendigen Parks oder Quartiersplatzes mit vielen Menschen: Kinder spielen, Erwachsene sitzen auf Bänken, einige bewegen sich mit Rollstuhl oder Fahrrad. Es gibt Treffpunkte, Spielgeräte und Grünflächen. Zweck des Bildes ist es, die Vielfalt von Nutzungen im öffentlichen Raum darzustellen und zu zeigen, wie inklusiv gestaltete Orte von vielen Menschen gleichzeitig genutzt werden können.
Links: Repräsentation, rechts: Vielfalt im öffentlichen Raum © Pia Katharina Winder
Das Bild zeigt eine Illustration eines öffentlichen Platzes mit Kita, Spielbereichen, Sitzgelegenheiten und Menschen, die sich austauschen oder an einer Abstimmung teilnehmen. Texte sprechen Mitbestimmung, Betreuung und Gleichstellung an. Zweck des Bildes ist es, Beteiligung und demokratische Prozesse in der Stadtentwicklung zu veranschaulichen und die Rolle von Mitbestimmung hervorzuheben.
Links: Mobilität und Zugänglichkeit, rechts: Sicherheit und Angsträume © Pauline Elena Philipp; Pia Katharina Winder
Das Bild zeigt eine gezeichnete Unterführung oder einen dunkleren Durchgang im Stadtraum. Wenige Lichtquellen beleuchten den Raum, Müll liegt am Boden, und Figuren äußern Unsicherheit und Unwohlsein. Andere Textblasen thematisieren Sauberkeit und Gestaltung. Zweck des Bildes ist es, problematische Orte im Stadtraum sichtbar zu machen und zu zeigen, wie Gestaltung, Licht und Pflege das Sicherheitsgefühl beeinflussen.
Links: qualitätsvolles und gendergerechtes Wohnen, rechts: überschaubare Nachbarschaften © Fiona Günther; Pauline Elena Philipp | Fiona Günther
Das Bild zeigt eine gezeichnete, comicartige Stadtansicht in grüner Liniengrafik. Zu sehen sind Gebäude wie ein Klinikum, ein Rehazentrum, eine Apotheke und Wohnhäuser. Kleine Figuren bewegen sich durch den Stadtraum, sprechen miteinander und äußern Bedürfnisse in Textblasen, zum Beispiel zu Gesundheit, Wegen oder Versorgung. Zweck des Bildes ist es, alltägliche Wege und Bedürfnisse von Menschen im Stadtraum sichtbar zu machen und zu zeigen, wie Stadtplanung das tägliche Leben beeinflusst.
Links: gesunde Stadt, rechts: Klimaresilienz © Pauline Elena Philipp; Fiona Günther
Das Bild zeigt eine Gruppe von sieben jungen Erwachsenen, die auf einer breiten Treppe in einem hellen Innenraum sitzen. Sie schauen in die Kamera und lächeln, die Stimmung wirkt offen und kollegial. Die Umgebung ist schlicht, mit weißen Geländern und viel Tageslicht. Die Personen sitzen locker verteilt auf den Stufen, was Nähe und Teamgeist vermittelt. Zweck des Bildes ist es, ein Team oder eine Projektgruppe sichtbar zu machen und Zusammenarbeit sowie Vielfalt innerhalb einer Organisation oder Initiative zu zeigen.
Das Raumpilot:innen-Team (v. l. n. r.): Lara Brezing, Valentin Böll, Pauline Elena Philipp, Laurenz Murken, Pia Katharina Winder, Fiona Günther © Valentin Griesmann

Werkzeug für Planung, Lehre und Verwaltung

Auf rund 300 Seiten erläutert die Redaktion die unterschiedlichen Positionen. Der Fokus liegt auf FLINTA*-Personen (Frauen, Lesben, inter, nicht-binär, trans und agender) und berücksichtigt Menschen mit Behinderung. Maßstabsgerechte Zeichnungen, kurze Erläuterungstexte und comichafte Infografiken zeigen Fragestellungen und führen Lösungsvorschläge auf. Best-Practice-Beispiele verdeutlichen die Umsetzungsmöglichkeiten der einzelnen Themenfelder. Gleichzeitig entwickelte die Redaktion Empfehlungen auf Basis wissenschaftlicher Grundlagen.  

Das Handbuch bietet eine gute Übersicht der neuen Anforderungen an Städte und damit die ideale Grundlage, die Statuten der Neuen Leipzig-Charta auf den gebauten Raum zu übertragen. „Wir wünschen uns, dass das Handbuch im Alltag von Planerinnen und Planern, von der Studierendenschaft sowie der Verwaltung genutzt wird und zu einem allgemeinen Werkzeug für die Stadtraumentwicklung wird“, erklärt Mathias Faul, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur für Urban Design, Betreuer und Herausgeber des Handbuchs. Auch der barrierefreie Zugang zur Publikation ist vorhanden: Das Handbuch kann kostenlos heruntergeladen werden. Die Zugänglichkeit setzt sich bis auf diese Ebene fort. 

Raumpilot:in. Gendergerechter Städtebau – Handbuch für Planer*innen

Lara Brezing und Pia Winde

mit Pauline Elena Philipp, Valentin Böll, Fiona Günther und Laurenz Murken
Herausgegeben von Benedikt Boucsein und Matthias Faul (Professur Urban Design, TU München)

 

296 Seiten
14,8 × 21 cm
Gestaltung: Falk Kuckert, München
Deutsch

 

M BOOKS, Weimar
1. Auflage, 2025
ISBN 978-3-944425-55-9 (print)
ISBN 978-3-944425-58-0 (open access) 

DAB Redaktion

Berlin