Neue Perspektiven auf den Städtebau. Gendergerechte Planung für lebenswerte Städte
Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen veröffentlichte Leitlinien für eine gendergerechte Stadtentwicklungspolitik. Studierende der TU München entwickelten auf Grundlage dessen das Handbuch „Raumpilot:in“
Wenn Frauen nachts lieber den beleuchteten Umweg statt der Unterführung wählen oder Menschen mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen wegen zugeparkter Gehwege häufig ausweichen müssen, zeigt das, wie unterschiedlich Räume nutzbar sind. Diese Szenen verdeutlichen, dass Städte nicht für alle gemacht sind. Sie sind das Ergebnis einer Stadtplanung, die lange Zeit vor allem Autos Raum gegeben hat und bis heute nicht inklusiv gestaltet ist.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden westdeutsche Städte funktional getrennt und autogerecht geplant. Doch die Ansprüche haben sich gewandelt. So finden die Bedürfnisse von marginalisierten Menschen und Personen, die Care-Arbeit leisten und mehr Wege zurücklegen, in diesen Strukturen kaum Beachtung. Ein Paradigmenwechsel ist jedoch erkennbar: Ende November 2020 verabschiedeten die EU-Ministerien die „Neue Leipzig-Charta“. Sie formuliert Leitlinien für die Stärkung des Gemeinwohls und markiert damit einen wichtigen Schritt hin zu neuen Planungsprinzipien.
Neue Leipzig-Charta – die transformative Kraft des Gemeinwohls
Neue Leipzig-Charta – die transformative Kraft des Gemeinwohls
Ende November 2020 verabschiedeten die für die Stadtentwicklung zuständigen EU-Ministerinnen und Minister die „Neue Leipzig-Charta – die transformative Kraft des Gemeinwohls“. Die Charta zielt auf eine gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung ab und benennt drei Handlungsdimensionen: die gerechte, die grüne und die produktive Stadt. Die Gestaltung der digitalen Transformation sowie Bodenpolitik werden darüber hinaus als konkrete Aufgabenfelder benannt. Die fünf Schlüsselprinzipien – Gemeinwohlorientierung, integrierter Ansatz, Beteiligung und Koproduktion, Mehrebenenkooperation und der ortsbezogene Ansatz – definieren gute urbane Governance. Dabei werden das Quartier, die Gesamtstadt und die Stadtregion als die drei räumlichen Ebenen des gemeinwohlorientierten stadtpolitischen Handelns benannt.
Weitere Informationen zur Neuen Leipzig-Charta 2020 gibt es auf der Website des BMWSB.
Leitlinien für die gendergerechte Stadtentwicklungspolitik
Im Juli 2025 veröffentlichte das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) Leitlinien für eine gendergerechte Stadtentwicklungspolitik. Diese umfassen acht Positionen für eine faire, inklusive und sorgende Stadt: starke Repräsentation, Diskriminierungsfreiheit, mehr Sichtbarkeit und Teilhabe, gerechte Mobilität, Sicherheit für ein diskriminierungsfreies öffentliches Leben, qualitätsvolles Wohnen und Sicherheit im häuslichen Umfeld, Berücksichtigung von Care-Arbeit, eine gesunde Stadt und gendersensible Klimaanpassung.
Als Grundlage für die Leitlinien dienten zwei Roundtables im Jahr 2024, bei denen Fachleute aus den Gender Studies strategische Ansätze entwickelten. Jede Position wird in der Publikation anschaulich und knapp erläutert. Handlungsansätze und Empfehlungen geben auf einer übergeordneten Ebene Hinweise auf eine mögliche Ausführung, wie Fortbildungsprogramme für Behördenmitarbeitende, Aufklärungskampagnen oder Förderungen für gemeinwohlorientierte Projekte.
Gendergerechte Stadtentwicklung ganz konkret: das neue Handbuch Raumpilot:in
Das Handbuch „Raumpilot:in“ zeigt, wie sich gendergerechte Stadtentwicklung konkret auf die bauliche Umwelt auswirken kann. Studierende der TU München entwickelten es auf Basis der BMWSB-Leitlinien und übersetzten sie in Entwurfs- und Planungsinstrumente. Es stellt eine Übersicht der neuen Anforderungen an Städte dar und überträgt Statuten der „Neuen Leipzig-Charta“ auf den gebauten Raum.
Zu Beginn spürt man bei Menschen, die sich noch nicht mit dem Thema Gendergerechtigkeit auseinandergesetzt haben, oft eine ablehnende Haltung. Sobald man jedoch mit ihnen in Diskussion tritt und aufklärt, merkt man schnell, dass die Inhalte positiv überraschen und verstanden werden: Letztlich profitieren alle davon, nicht nur eine Minderheit.
Pia Katharina Winder
So stießen die Autor:innen während der Entwicklung auf Herausforderungen. „Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema fiel immer wieder auf, dass es häufig zu Nutzungskonflikten kommen kann. Einige Menschen benötigen abgesenkte Bordsteine, andere benötigen wiederum den höheren Absatz als Orientierungshilfe“, erläutert Pauline Elena Philipp, Co-Autorin des Handbuchs. Aber auch die Kommunikation nach außen war nicht einfach. „Herausforderungen gab es vor allem in der Kommunikation rund um den Begriff Gendergerechtigkeit im Allgemeinen. Das Thema an sich ist polarisierend, bedingt durch falsche Verwendungen des Begriffs sowie strukturelle und gesellschaftliche Prägungen“, erklärt Lara Brezing, Co-Autorin.
Werkzeug für Planung, Lehre und Verwaltung
Auf rund 300 Seiten erläutert die Redaktion die unterschiedlichen Positionen. Der Fokus liegt auf FLINTA*-Personen (Frauen, Lesben, inter, nicht-binär, trans und agender) und berücksichtigt Menschen mit Behinderung. Maßstabsgerechte Zeichnungen, kurze Erläuterungstexte und comichafte Infografiken zeigen Fragestellungen und führen Lösungsvorschläge auf. Best-Practice-Beispiele verdeutlichen die Umsetzungsmöglichkeiten der einzelnen Themenfelder. Gleichzeitig entwickelte die Redaktion Empfehlungen auf Basis wissenschaftlicher Grundlagen.
Das Handbuch bietet eine gute Übersicht der neuen Anforderungen an Städte und damit die ideale Grundlage, die Statuten der Neuen Leipzig-Charta auf den gebauten Raum zu übertragen. „Wir wünschen uns, dass das Handbuch im Alltag von Planerinnen und Planern, von der Studierendenschaft sowie der Verwaltung genutzt wird und zu einem allgemeinen Werkzeug für die Stadtraumentwicklung wird“, erklärt Mathias Faul, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur für Urban Design, Betreuer und Herausgeber des Handbuchs. Auch der barrierefreie Zugang zur Publikation ist vorhanden: Das Handbuch kann kostenlos heruntergeladen werden. Die Zugänglichkeit setzt sich bis auf diese Ebene fort.