„Man muss den Blick dafür öffnen, was man mit diesem Beruf alles machen kann“
Wie lassen sich Bauaufgaben neu denken? Xaver Egger über die Verbindung von Entwurf, Ökonomie und gesellschaftlichem Bedarf.
DAB Redaktion: Herr Egger, wie sind Sie zur Projektentwicklung gekommen?
Xaver Egger: Zur Projektentwicklung bin ich aus der Praxis gekommen. In den 90er-Jahren sind alle nach Berlin gegangen, weil dort eine regelrechte Goldgräberstimmung herrschte. Ich habe mich in Hamburg selbstständig gemacht. Über ein Projekt sind wir später doch nach Berlin gekommen. Dann kam die erste Haushaltssperre und ich saß mit meinem kleinen Team dort, ohne in der Stadt vernetzt zu sein. Gleichzeitig hatte Berlin damals unglaublich viel Potenzial, weil die Stadt so perforiert war und viele Leerstellen hatte. So bin ich früh zur Projektentwicklung gekommen. Wir haben uns nach und nach vernetzt in der Stadt und dadurch Partner und Interessenten für eigene Projektentwicklungen kennengelernt. Die Grundstücke kosteten damals fast nichts, und so ging es los. Das war ein Riesenabenteuer.
Inzwischen hat sich das in Form von Beteiligungs- und Entwicklungsgesellschaften professionalisiert. Das war die praktische Seite. Gleichzeitig habe ich viel Fort- und Weiterbildung für Architektinnen und Architekten angeboten und irgendwann überlegt, wie ich das verstetigen könnte. Da kam die Professur in Bochum – und ich dachte: Das ist genau mein Gebiet. Das mache ich jetzt seit 16 Jahren, mit einem Jahr Auszeit zwischendurch. Und es macht immer noch riesigen Spaß, auch wegen der veränderten Herangehensweise der nächsten Generation an die vor uns liegenden Herausforderungen. Lehre ist keine Einbahnstraße. Ich kann meine Erfahrungen einbringen und nehme gleichzeitig viel mit an Impulsen.
Was wollten Sie in Bochum anders machen?
Aus der Praxis wusste ich, welche Dinge mir selbst gefehlt hatten. Deshalb habe ich die Projektentwicklung stärker in Richtung Stadtforschung und Stadtsoziologie ausgerichtet. Für wen werden wir künftig eigentlich bauen? Die Erfahrung, dass Vertrieb am liebsten immer das bauen möchte, was gestern am besten verkauft wurde, fand ich frustrierend. Ich wollte wissen, was wir morgen bauen werden, was morgen gebraucht wird. Und was wir überhaupt noch bauen werden, wenn wir wissen, dass eigentlich schon alles gebaut ist und wir uns stärker mit dem Bestand beschäftigen müssen.
Dafür haben wir im Laufe der Jahre ein interdisziplinäres Team aufgebaut mit Soziologen, Kommunikationsfachleuten, Strategen, Steuerern, Stadtentwicklern und vielen mehr, die den Studiengang zum Reallabor machen. Gleichzeitig haben sich die Interessen der Studierenden verändert. Früher stand meist das wirtschaftliche Thema im Vordergrund, da es im Architekturstudium kaum behandelt wurde. Heute sagen viele: „Ich finde dieses stadtsoziologische Thema spannend. Wie verändern sich die Welt und die Stadt – und was können wir dazu beitragen?“ Natürlich gehört auch die Immobilienökonomie dazu, damit man zumindest die groben Rechenarten kennt. Am Ende geht es den Studierenden neben der rein monetären Rendite oft auch um die soziale Rendite. Sie könnten dann sagen: „Ich habe das alles durchgerechnet, es funktioniert. Und es bietet einen Mehrwert für das Viertel oder die Nachbarschaft.“
Was bedeutet das für die Ausbildung von Architektinnen und Architekten?
Es gibt sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was Architektinnen und Architekten heute und in Zukunft sind. Das Berufsbild ist äußerst dynamisch. Wir haben immer gesagt: Im Bachelor bilden wir die künftigen Mitarbeiter aus, im Master die künftigen Mitbewerber. Tatsächlich sind in der Metropolregion Ruhr einige junge Büros aus diesem Umfeld entstanden. Absolventinnen und Absolventen haben gesagt: „Mit dem Handwerkszeug, das wir hier mitbekommen haben, und vielleicht ein paar Kontakten in die Immobilienbranche, mache ich mich selbstständig.“
Am Ende des Masters hören wir oft: „Das war wahnsinnig anstrengend.“ Es ist ein einjähriger Master, also schon eine Art Druckbetankung. Gleichzeitig sagen viele: „Wir hätten uns gewünscht, diese Perspektive schon im Bachelor kennengelernt zu haben.“ Dort steht eher das klassische Handwerk im Vordergrund. Bei uns bauen sie darauf auf. Denn ohne gute Gestaltung geht es auch in der Projektentwicklung nicht.
Was macht das mit dem Entwerfen?
Wir sind selbst ein Wettbewerbsbüro und haben in den 30 Jahren des Bestehens des Unternehmens für uns herausgefunden, dass wir mit guten, sehr robusten und gestalterisch oft sehr auf den Fokus reduzierten Konzepten erfolgreich sind. Sie lassen später vieles zu, ermöglichen mehrere Zukünfte eines Gebäudes. Denn nichts ist für die Ewigkeit. Man muss viele Dinge bereits während der Entwurfsphase neu denken.
Bei einem Co-Living-Projekt in Berlin-Moabit hatte der Investor und Entwickler Bedenken. Was ist, wenn die Idee der zimmerweisen Vermietung nicht vom Markt angenommen wird? Was, wenn die urbanen Nomaden als relevante Zielgruppe nicht existieren? Das Gebäude war als Holzsystembau konzipiert. Wir haben die Konstruktion so angelegt, dass sich Wände herausnehmen lassen und sich aus einzelnen Zimmern andere Wohnformen entwickeln lassen. Auch die Verbindung von Arbeiten und Wohnen haben wir damals schon berücksichtigt, ohne zu wissen, dass irgendwann die Corona-Pandemie ausbrechen würde.
Solche Dinge berücksichtigen wir in der Projektentwicklung von Anfang an. Vielleicht ist es manchmal auch ein Klotz am Bein, dass ich immer an die ökonomischen Rahmenbedingungen denke. Aber es geht eben auch nicht ohne. Damit eine Idee fliegen lernt, muss man sich überlegen, wie sie auch wirtschaftlich funktionieren kann. Für mich geht es um eine Balance im Dreieck von Gesellschaft, Wirtschaft und Gestaltung.
Was nehmen Sie selbst aus der Lehre mit?
Ganz viel. Wir sagen den Studierenden immer: Schaut genau hin, um eure Aufgaben der Zukunft zu finden. Und dann kommen Dinge zurück, bei denen ich denke: Darauf wäre ich selbst nicht gekommen. Wir hatten zum Beispiel im vergangenen Jahr im Kontext mit dem Campus der Ruhr-Universität eine Arbeit, die sich mit Sicherheit, Resilienz und Schutzinfrastruktur beschäftigte. Die Studierenden haben ein Gebäude entwickelt, das im normalen Betrieb die Erweiterung der medizinischen Fakultät und studentisches Wohnen beherbergt, im Ernstfall aber zu einem Lazarett werden könnte.
Das fand ich fast schockierend. Dass ausgerechnet eine junge Generation so etwas als Aufgabe der Zukunft identifiziert, zeigt, wie sehr sich die Zeiten verändert haben und dass die von Olaf Scholz als Kanzler postulierte Zeitenwende eben auch gebaut werden muss und Teil unseres Aufgabenspektrums werden wird. Aber genau das ist das Schöne an der Lehre: Sie hält einen geistig fit und offen für neue Themen.
Welche Möglichkeiten eröffnet die Projektentwicklung?
Unter anderem den Blick dafür zu öffnen, was man mit dieser Profession eigentlich alles machen kann. Wir haben zum Beispiel bei der Konversion eines Logistikparks einen Urban-Farming-Anbieter ins Projekt geholt und sind selbst Gesellschafter geworden. Aus einem anderen Projekt im Modulbau ist ein Tiny-House-Resort entstanden.
Wenn man einen klassischen Architektur-Bachelor gemacht hat, kommt man vielleicht gar nicht auf die Idee, was man mit dieser Ausbildung alles machen kann. Bei den Studierenden ist das am Anfang oft eine Mischung aus Angst vor dem weißen Blatt und der Begeisterung der neuen Erfahrung: „Ich kann tatsächlich eine eigene Idee entwickeln.“ Das ist das Spannende. Nischen suchen, Lücken finden, innovative Konzepte entwickeln und die Menschen mitnehmen auf dem Weg dorthin.
Was würden Sie selbst gern noch entwickeln?
Mich würde reizen, einige der Themen, die mich gerade umtreiben, miteinander zu verbinden. Mit diesen Themen beschäftigen sich aus meiner Sicht noch zu wenige Projektentwickler. Ein Beispiel ist die alternde Gesellschaft: Wie werden wir künftig im Alter leben? In der Schweiz oder in Frankreich gibt es spannende Modelle für ältere Menschen. Diese mit anderen Generationen zu mischen und Menschen zusammenzubringen, darin sehe ich eine der spannenden Aufgaben angesichts der aktuellen Entwicklung unserer Städte.
Ich könnte mir ein Haus vorstellen, in dem junge und alte Menschen zusammenkommen. Im Erdgeschoss könnte sich eine Art Wohnzimmer der Stadt befinden, das den Straßenraum erweitert. Das muss auch kein Neubau sein. Es könnte zum Beispiel ein ehemaliges Kaufhaus sein: unten eine Markthalle, Gastronomie und vielleicht Gemüse aus dem Gewächshaus auf dem Dach, darüber Wohnen und Arbeiten für unterschiedliche Generationen.
Ich bin ganz grundsätzlich davon überzeugt, dass die Zeit der Nutzungstrennung der Vergangenheit angehört. In einer Zeit der Segregation, des Auseinanderdriftens der Gesellschaft, brauchen wir viel mehr Mischung, viel mehr Miteinander. Und gute Orte dafür!
DAB Redaktion
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