„Wir planen, bauen und gestalten immer für Menschen“
Was müssen angehende Innenarchitektinnen und -architekten heute lernen? Für Prof. Ingo Haerlin beginnt die Antwort nicht erst beim Entwerfen. Denn immer häufiger steht am Anfang keine klar definierte Aufgabe, sondern ein Ort, für den es eine Zukunft zu entwickeln gilt.
Innenarchitektur hatte schon immer viel mit dem Vorhandenen zu tun. Während in der Architektur Entwurfsprojekte auf der grünen Wiese lange Zeit selbstverständlich waren, wurde in der Innenarchitektur erweitert, weitergebaut und aufgestockt. „Es ist immer schon etwas da, das es zu analysieren und zu respektieren gilt “, sagt Ingo Haerlin, Innenarchitekt und Professor am Fachbereich Architektur der Hochschule Darmstadt. Im Umgang mit dem Bestand sei seine Disziplin deshalb „sowohl in der Lehre als auch in der Praxis einen Schritt voraus“.
Dabei dürfe die Disziplin nicht als ‚Lifestyle oder Luxus‘ gesehen werden, denn gute Raumgestaltung sei unabhängig vom Budget. Gerade heute erweitert sich das Aufgabenfeld: Statt Shopdesign und Boutiquen beschäftigen Haerlin zunehmend Leerstände in den Innenstädten und die Frage, wie diese Orte wieder genutzt und belebt werden können. Menschen kämen weiterhin in die Innenstädte, weil es das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Begegnung gebe – was den Missstand, dass mehr Flächen leer stehen, umso stärker spürbar mache.
Nicht jede Aufgabe ist schon formuliert
Dadurch verändert sich auch die Entwurfsaufgabe im Studium. Es gibt nicht immer einen Nutzer mit einem fertig formulierten Raumprogramm. Die Studierenden müssen einen Ort analysieren und herausfinden, was dort benötigt wird bzw. welche Potenziale dort verborgen sind. Und das geht über den Innenraum hinaus: „Innenarchitektur kann nicht nur auf den Innenraum reduziert werden“, sagt Haerlin. „Es ist Innenraum, Zwischenraum, Außenraum.“
Ebenso wichtig ist ihm der Kontakt zu den Menschen vor Ort. Aus seinem eigenen Studium kennt er Aufgaben, bei denen Ort und Programm vorgegeben waren, aber häufig niemand da war, mit dem man tatsächlich in Austausch trat. „Wir planen, bauen und gestalten immer für Menschen.“ Heute gehört es für ihn selbstverständlich dazu, gemeinsam Lösungen zu finden und auf Wünsche und Bedarfe einzugehen, statt ein eigenes Konzept zu entwickeln und es anschließend über einen Ort „drüberzustülpen“.
Architektur, Innenarchitektur – und was dazwischenliegt
Auch die Grenzen der Disziplinen werden dabei zunehmend durchlässig. An der Hochschule Darmstadt ist die Nähe von Architektur und Innenarchitektur bereits im sogenannten Y-Modell verankert. Beide Studiengänge beginnen in den ersten Semestern gemeinsam und differenzieren sich später. Inzwischen, so Haerlin, müsste man das Y irgendwann wieder umdrehen: Architektur und Innenarchitektur verzahnen sich im weiteren Studium an vielen Stellen erneut.
Einige Studierende absolvieren sogar beide Bachelorstudiengänge. Haerlin erlebt auch gemeinsame Projekte von Studierenden der Fachrichtungen Architektur und Innenarchitektur sowie Kooperationen mit der Landschaftsarchitektur. Dabei geht es nicht darum, dass plötzlich alle alles können. Bei Bepflanzungen oder Bodenaufbauten fehlt Innenarchitektinnen und Innenarchitekten das spezifische Wissen der Landschaftsarchitektur. Umgekehrt sieht Haerlin Kompetenzen der Innenarchitektur in der räumlichen Atmosphäre, Materialität, Raumstrukturen, Beleuchtung und dem Verhältnis von innen und außen. Es werde spannend, „wenn diese Dinge zusammenkommen“.
Material muss man erfahren
Haerlin kam vor seinem Studium selbst aus dem Handwerk und war Möbelschreiner. Diese Erfahrung prägt bis heute seine Lehre in Materialkunde, Detail und Fügung. „Man kann 50 Folien über Materialien zeigen“, sagt er. „Oder man legt Materialien auf den Tisch, probiert sie aus, spürt haptische Qualitäten, erprobt Fügungen und Verbindungen.“ Am Fachbereich hat Haerlin eine Materialbibliothek aufgebaut und arbeitet mit Handwerker:innen und Hersteller:innen zusammen. „So lernt man die Materialien und ihre Eigenschaften durch eigenes Tun kennen und begreift sie, im Wortsinn.“
Bei großen Studierendenzahlen stößt diese Hands-on-Lehre allerdings an ihre Grenzen. Aber es muss auch nicht immer der große Demonstrator sein. Manches Wissen steckt schon in der unmittelbaren Erfahrung – und im Können anderer. Haerlin erzählt von einem Holzschindel-Familienbetrieb aus dem Odenwald, der die Holzschindeln für eine Sanierung selbst herstellte. Über den ganzen Tag verteilt saß jeder Nagel zur Befestigung der Schindeln an der Unterkonstruktion mit exakt fünf Schlägen. „Da war so viel Präzision und Können drin.“ Eine Fähigkeit, die man sich über lange Zeit erarbeiten muss. Angesichts der vielen neuen Aufgaben und Innovationen, die in der Ausbildung hinzukommen und vermittelt werden, plädiert Haerlin deshalb auch für eine Besinnung „auf die Tradition und das Traditionelle im Bauen“. Materialkenntnisse bedeuten für ihn: hinfahren, anschauen, anfassen und mit den Menschen sprechen, die etwas herstellen.
Was in keinem Modulhandbuch steht
Rückblickend zählt Haerlin die Vorträge einer studentisch organisierten Gruppe „mit zum Wichtigsten“ seines eigenen Studiums. Sie gaben Einblicke in die Praxis und in die oft sehr persönlichen Werdegänge der Vortragenden. Auch Vortragsreihen, die Fachschaft oder informelle Treffpunkte wie die „Milchbar“, ein Cafe am Fachbereich, sind für ihn Teil dieser Hochschulkultur: Orte, an denen man Dinge erfährt, die man sonst vielleicht nicht hört, an denen man Kontakte knüpft und erlebt, „wie viel Qualität eigentlich in diesem gemeinsamen Tun steckt“.
Heute sei es schwieriger, Studierende für ein freiwilliges Engagement und Veranstaltungen außerhalb des regulären Hochschultags zu gewinnen. Haerlin sieht aber ebenso die Lehrenden in der Verantwortung: „Auch wir müssen präsent sein“, selbst wenn Pendeln, Familie und Alltag das nicht immer einfach machen. Für ihn bleibt entscheidend, dass die Hochschule Möglichkeiten für Austausch schafft: unter Studierenden, zwischen den Disziplinen und mit Menschen aus der Praxis.
Denn vieles, was gute (Innen-)Architektur ausmacht, lässt sich nicht allein aus Büchern oder Vorlesungen lernen. Es entsteht im Austausch, im gemeinsamen Tun – und im direkten Kontakt mit den Menschen, mit denen und für die Räume geplant, gebaut und gestaltet werden.
DAB Redaktion
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