Was kommt auf die Architekturbüros zu?
Konjunkturdaten zeigen früh, wohin sich der Markt bewegt. Was Architekturbüros aus den regelmäßigen Befragungen vom ifo Institut und BAK über die Branche – und die eigene Lage – ablesen können.
Konjunkturumfragen wirken auf den ersten Blick abstrakt. Dabei können sie Architekturbüros helfen, die eigene wirtschaftliche Lage einzuordnen – und früh zu erkennen, wohin sich der Markt bewegt. Katrin Demmelhuber vom ifo Institut und Dr. Philip Steden von der Bundesarchitektenkammer erklären, was die verschiedenen Befragungen leisten, wie belastbar die Ergebnisse sind und welchen konkreten Nutzen Büros daraus ziehen können.
DAB: Es gibt verschiedene Befragungen unter Architektinnen und Architekten. Was wird da eigentlich jeweils untersucht?
Dr. Philip Steden: Es gibt zum einen die Kammerbefragungen. Alle zwei Jahre machen wir eine Strukturbefragung, die im Grunde Kennzahlen erhebt: Wie groß sind die Büros? Wie viele Mitarbeitende haben sie? Wie sieht es bei den Angestelltengehältern, bei der Auftragslage und der Auftragsstruktur aus? Also ganz viele Kennzahlen, die wir in der berufspolitischen Arbeit brauchen. Der Name Strukturumfrage klingt ein bisschen sperrig, aber er trifft es ganz gut, weil die Struktur der Branche und des Berufsstands vermessen wird. In den Jahren dazwischen führen wir gemeinsam mit den Länderkammern eine berufspolitische Befragung durch. Da geht es eher um Einstellungen, die Zustimmung zu Thesen und Haltungen zu verschiedenen Themen. Und das Dritte ist die Konjunktur: Wie steht es gerade, wie laufen die Geschäfte, wie sind die Geschäftserwartungen bei den Architekten? Da kommt das ifo Institut ins Spiel, das diese Panelbefragung monatlich macht.
Frau Demmelhuber, was erfahren wir durch diese monatliche Befragung?
Katrin Demmelhuber: Das ifo Institut befragt seit über 70 Jahren Unternehmen im Rahmen der Konjunkturumfragen. Daraus wird das ifo Geschäftsklima berechnet, das jeden Monat veröffentlicht wird. Es setzt sich aus den Urteilen der Firmen zu ihrer aktuellen Lage und ihren Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate zusammen. Für Architekturbüros führen wir diese Befragung seit knapp zehn Jahren gemeinsam mit der Bundesarchitektenkammer durch. Es geht darum, sichtbar zu machen: Wie schätzen Architektinnen und Architekten gerade ihre wirtschaftliche Situation ein und wie sind ihre Erwartungen für die nächsten Monate? Wie entwickeln sich kurzfristig Aufträge und Auslastung? Weil die Ergebnisse früher vorliegen als amtliche Statistiken, die meist mit ein bis zwei Monaten Verzögerung veröffentlicht werden, kann das Geschäftsklima frühzeitig auf Veränderungen hinweisen.
Was macht gerade die monatliche Wiederholung so wichtig?
Dr. Steden: Man hat immer Vergleichswerte. Wenn wir alle zwei Jahre fragen, wie es den Architekten geht, bekommen wir natürlich auch viel heraus. Aber so eine Zahl sagt vor allem in Relation zu den vorherigen Messpunkten etwas aus. Und da wird es spannend: Wenn wir herausfinden, dass 45 % der Architekten sagen, ihnen geht es wirtschaftlich ganz gut, dann ist das zwar schön. Aber es macht eigentlich erst Sinn, wenn wir wissen: Wie war es vor einem halben Jahr oder im letzten Monat? Waren es da vielleicht 10 % mehr? Wie war der langjährige Durchschnittswert? Diese Veränderungen der Werte sind für uns ein Frühindikator.
Demmelhuber: Genau. Wir fragen die Architektinnen und Architekten nicht nur: Wie sieht es gerade aus, wie ist die wirtschaftliche Lage? Sondern auch: Was erwarten sie für die Zukunft? Der besondere Wert liegt darin, dass sich Veränderungen zeitnah verfolgen lassen, etwa, ob sich die Lageurteile und Erwartungen über mehrere Monate hinweg eintrüben oder verbessern. Für den Dienstleistungssektor und damit die Architekturbüros liegen bereits seit 2005 Zeitreihen vor. Man hat also inzwischen Vergleichswerte aus rund 20 Jahren und kann aktuelle Entwicklungen einordnen.
Und die Architektur ist ihrerseits ein Frühindikator für die Bauwirtschaft?
Dr. Steden: Ja, weil die Architektur anderen Branchen vorläuft. Was heute geplant wird, wird morgen gebaut. Und was heute nicht geplant wird, wird auch nicht morgen genehmigt und übermorgen gebaut. Ich weiß aus der Bauwirtschaft, dass man sich deshalb das Geschäftsklima der Architekten anschaut. Das ist eigentlich sogar ein Prognoseindikator für andere Branchen. Für die Bauinvestitionen hat man einen Vorlauf von ungefähr elf Monaten errechnet. Das ist doch sehr interessant!
Wenn ich mich als Büro mit diesen Daten beschäftige: Kann ich daraus tatsächlich Stellschrauben für meine eigene Positionierung oder Diversifizierung herauslesen?
Dr. Steden: Absolut. Stellschrauben kann man immer finden. Wir haben zum Beispiel in einer Befragung, die wir mit dem AHO und den Ingenieuren gemacht haben, gefragt, welche Aufträge zurückgestellt oder storniert wurden. Da haben wir gesehen, dass es besonders Aufträge von Privaten sind und nicht so sehr von der öffentlichen Hand. Das zeigt dann eben auch, dass es Architekten, die sich besonders stark auf private Häuslebauer oder die Privatwirtschaft konzentrieren, momentan schwerer haben können.
Demmelhuber: Die Daten können ein Benchmarking ermöglichen. Man kann vergleichen: Wie geht es mir gerade und wie geht es anderen Büros oder der Branche insgesamt? Ist das ähnlich oder läuft es bei mir anders? Auch lassen sich Verschiebungen zwischen Segmenten erkennen. Der Wohnungsbau ist aktuell besonders belastet; der Tiefbau sowie öffentliche und infrastrukturbasierte Projekte entwickeln sich stabiler.
Ein weiterer Wert ist die Auftragsreichweite. Was sagt sie einem Büro?
Dr. Steden: Man könnte auch sagen „Auftragsbestand“ oder: Wie lange reichen die Aufträge noch zum Leben? Bei Architekturbüros liegt das immer ungefähr zwischen einem halben und einem ganzen Jahr. Bei der letzten Messung waren es im Schnitt zehn Monate Auftragsreichweite. Ein Jahr vorher waren es gut elf Monate. Das sollten wir jetzt nicht überbewerten. Aber es zeigt eben auch, dass das Auftragspolster etwas abgeschmolzen ist. Architekturbüros sind nicht wie ein Anlagenbauer, der eine Auftragsreichweite von mehreren Jahren hat und sagen kann: Wir sind bis 2030 voll ausgelastet. Für Architekten geht es in viel kürzeren Zyklen darum, neue Aufträge hereinzuholen.
Beim angekündigten Sondervermögen und den Infrastrukturinvestitionen hätte man vielleicht einen Schub erwarten können. Ist der in den Zahlen schon angekommen?
Demmelhuber: Bereiche, die stärker von öffentlichen Infrastrukturinvestitionen profitieren können wie Tief- und Straßenbau, entwickeln sich derzeit günstiger als der Wohnungsbau. Dort bremsen hohe Bau- und Finanzierungskosten sowie die zurückhaltende Nachfrage. Für die Architekturbüros bedeutet das bislang keine breit angelegte Erholung.
Wie repräsentativ sind die Ergebnisse? Sind kleine und große Büros, Stadt und Land ausreichend abgebildet?
Demmelhuber: Die ifo Konjunkturumfrage ist als freiwilliges Unternehmenspanel angelegt. Unser Ziel ist, die wesentlichen Merkmale der Architekturbüros in Deutschland möglichst gut abzubilden: unterschiedliche Bürogrößen, Regionen und wirtschaftliche Strukturen. Gerade weil die Branche von kleinen Büros geprägt ist, muss sich das auch im Panel widerspiegeln: Ein großer Teil der teilnehmenden Büros hat weniger als zehn Beschäftigte, darunter auch viele Soloselbstständige. Für bundesweite Aussagen liefert die Befragung eine belastbare Grundlage. Auf Ebene einzelner Bundesländer können die Teilnehmerzahlen unterschiedlich ausfallen. Auch deshalb ist die kontinuierliche Gewinnung neuer Architekturbüros wichtig, damit das Panel die Branche dauerhaft möglichst gut abbildet.
Die Branche besteht traditionell aus vielen kleinen Büros. Zeigen die Befragungen Unterschiede nach Bürogröße?
Dr. Steden: Wir reden bei Architekturbüros grundsätzlich von kleinen Strukturen. Das durchschnittliche Architekturbüro hat vier Mitarbeitende. Das sind Kleinstbetriebe. Wenn man sonst vom Mittelstand nach EU-Definition redet, geht es bis 250 Mitarbeitende – da wäre man als Architekturbüro schon ein Riese.
Wir sehen aber, dass größere Büros gesündere Finanzkennzahlen haben. Und wir sehen einen Trend dahin, dass sich Büros zusammenschließen und die Bürogröße im Trend steigt. Vielleicht liegt das auch daran, dass Architektur komplexer wird. Man braucht Nachhaltigkeitsexperten, Energieeffizienzexperten und so weiter. Es ist zwar immer noch ein generalistischer Beruf, aber größere Büros können solche Experten eher vorhalten, haben mehr Referenzen und kommen eventuell leichter bei öffentlichen Vergabeverfahren zum Zuge. Gleichzeitig sind kleine Büros sehr wichtig. Dass es sie flächendeckend gibt, hat auch etwas mit Daseinsvorsorge zu tun. Wenn jemand sein Häuschen umbauen und energetisch sanieren möchte, ist er darauf angewiesen, ein Architekturbüro in der Nähe zu finden.
Was können die Büros mit den Ergebnissen anfangen?
Demmelhuber: Für die Büros selbst ermöglicht das Benchmarking. Man kann vergleichen: Wie geht es mir gerade und wie geht es den anderen? So lässt sich besser und auch frühzeitig einordnen, ob zum Beispiel eine schwierige Auftragslage eher ein eigenes Thema ist oder Teil einer allgemeinen Marktentwicklung. Wenn man mitmacht, erhält man Ergebnisse für die Branche und kann sich darüber hinaus ansehen: Wie läuft es gerade in der Bau- und Immobilienwirtschaft? Die monatliche Befragung dauert nur etwa fünf Minuten. Und je mehr Büros teilnehmen, desto belastbarer werden die Ergebnisse.
DAB Redaktion
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