Gestaltungsraum verteidigen: Die Recherche hinter dem offenen Brief
Nachwuchs-Kolumne: Der offene Brief „Gestaltungsraum verteidigen“ fragt, was das Erstarken der extremen Rechten für den Architekturberuf bedeutet. Grundlage ist eine breit angelegte Recherche zu rechten Raumvorstellungen, politischen Konflikten vor Ort und den Handlungsmöglichkeiten des Berufsstands. Ein Einblick in Methodik und Quellen.
„Demokratie ist nicht selbstverständlich. Wir alle sind aufgefordert, gemeinsam Verantwortung für ein aufgeschlossenes und respektvolles Umfeld zu übernehmen und uns jeden Tag aufs Neue dafür einzusetzen.“
Aus dem Statement zum offenen Brief von der Bundesarchitektenkammer
Das Erstarken der extremen Rechten betrifft auch den Architekturberuf. Denn politische und gesellschaftliche Konflikte werden nicht nur in Parlamenten und öffentlichen Debatten ausgetragen, sondern auch im Raum: wenn über die Nutzung öffentlicher Orte, über Baukultur, Stadtbilder oder den Zugang zu gesellschaftlicher Infrastruktur verhandelt wird. Von diesem Verständnis von Architektur und Raum geht die Masterarbeit „Stabil bleiben: Demokratische Wehrhaftigkeit in Weißwasser und im Architekturberuf“ von Lorenz Hahnheiser und Teresa Immler (TU Berlin, 2026) aus. Der offene Brief „Gestaltungsraum verteidigen“ ist das verdichtete Ergebnis dieser Arbeit.
Seine Aussagen und Forderungen beruhen auf einer umfassenden Recherche, deren methodisches Vorgehen wir hier vorstellen. Sie folgt einem qualitativ-interpretativen Forschungsansatz und gliedert sich in drei aufeinander aufbauende Ebenen.
Rechte Raumvorstellungen und -strategien
Die erste Ebene widmet sich der systematischen Untersuchung rechter Raumtheorien und -praktiken. In „Stadt von Rechts“ wertet der Humangeograf Johann Braun eine breite Palette rechtsintellektueller Publikationen und völkischer Schriften aus. Er arbeitet heraus, wie die gegenwärtige Stadt im rechten Diskurs als „identitätsloser“ Ort des Kontrollverlusts beschrieben und ihr das Ideal einer geordneten, homogenen „alten Stadt“ gegenübergestellt wird. Zudem zeigt er Narrative wie die Umdeutung handwerklicher Traditionen in völkische Bautraditionen auf.
Ein historischer Blick auf die Gleichschaltung des Berufsstands während des Nationalsozialismus – darunter die Gleichschaltung des BDA und seine Eingliederung in die Reichskulturkammer – ergänzt die Recherche. Für die Gegenwart wurden aktuelle AfD-Wahlprogramme und deren Strategiepapiere ausgewertet. Untersucht wurden dabei unter anderem Positionen zum Bauhaus, die Verknüpfung von Wohnraum- und Migrationspolitik sowie die Strategie einer „Verankerung in der Fläche“.
„Gerade in einer Zeit, in der demokratische Grundwerte zunehmend unter Druck geraten und gesellschaftliche Polarisierung zunimmt, ist es wichtig, gemeinsam darüber zu sprechen, welche Rolle Architektur und Stadtplanung für den Erhalt einer offenen Gesellschaft spielen.“
Aus dem Statement zum offenen Brief von Alexander Poetzsch, Präsident des BDA
Politische Konflikte im „Brennglas“ Weißwasser
Die zweite Ebene untersucht am Beispiel der Lausitzer Stadt Weißwasser, wie politische Auseinandersetzungen um konkrete Orte, Nutzungen und Planungsentscheidungen geführt werden. Über ein halbes Jahr hinweg wurden dafür Stadtratsprotokolle ausgewertet, Kartierungen vorgenommen und Straßengespräche geführt. Im Fokus standen Orte, an denen unterschiedliche politische und gesellschaftliche Interessen unmittelbar aufeinandertrafen: etwa das Rathaus, das soziokulturelle Zentrum Telux oder der Bahnhof. Untersucht wurde unter anderem, wie politische Mehrheiten Planungs- und Förderentscheidungen beeinflussen, welche Rolle zivilgesellschaftliche Initiativen spielen und welche Handlungsmöglichkeiten Verwaltung und Planung besitzen. So wurde etwa die Auseinandersetzung um die Förderung des Telux betrachtet sowie ein Bürgerbegehren zur Planung des Bahnhofsumfelds.
„Wir rufen dazu auf, diese Verantwortung anzunehmen: in der Wahl der Aufträge, in Entwürfen, in Arbeitsstrukturen und in der öffentlichen Debatte. Die Verteidigung demokratischer Gestaltungsräume beginnt in der täglichen Praxis.“
Aus dem Statement zum offenen Brief von den Architects for Future
Wehrhafte Architekturpraxis
Die dritte Ebene untersucht die Handlungsspielräume und Werkzeuge einer demokratisch wehrhaften Berufspraxis. In semistrukturierten Interviews wurden acht Akteurinnen und Akteure aus Praxis, Wissenschaft, Verwaltung und Berufsvertretung zu ihrer Haltung und zu konkreten Strategien befragt: Philipp Oswalt (Professor für Architekturtheorie und Entwerfen, Universität Kassel), Leon Beck (Vorstandsmitglied Architects for Future), Dorit Baumeister (Leiterin des Referats Bau und Stadtplanung Weißwasser), Gabu Heindl (Architektin und Professorin für Bauwirtschaft und Projektentwicklung, Universität Kassel), Jurek Brüggen (Architekt und Dozent für Entwerfen, RWTH Aachen), Ivana Rohr (Geschäftsleitung der endboss GmbH), Andrea Gebhard (Landschaftsarchitektin und Präsidentin der Bundesarchitektenkammer) und Alexander Poetzsch (Architekt und BDA-Präsident).
„Wir sind die Zukunft – aber auch die Gegenwart unseres Berufsstandes. Es ist daher unsere Verantwortung, Haltung zu zeigen. Lasst uns unsere Arbeit zugunsten einer solidarischen Gemeinschaft nutzen – als demokratisch wehrhafter Berufsstand!“
Aus dem Statement zum offenen Brief von nexture+
Von der Recherche zu 39 Strategien
Aus den drei Untersuchungsebenen wurden 39 Strategien demokratischer Wehrhaftigkeit abgeleitet. Sie sind sechs Phasen zugeordnet, die den sechs Handlungsfeldern des offenen Briefs entsprechen, und zeigen Handlungsmöglichkeiten für Planende im gesamten Spektrum der Berufspraxis auf: von den Rahmenbedingungen über Planungs- und Entwurfsprozesse bis zur langfristigen Verankerung demokratischer Nutzungen.
Der daraus entstandene Werkzeugkasten versteht sich als unvollständige Sammlung, die im breiten Diskurs weiterentwickelt werden soll. In den kommenden Kolumnen werden einzelne Strategien und die ihnen zugrunde liegenden Begriffe näher vorgestellt.
Disclaimer
Diese Kolumne enthält persönliche Meinungen und kritische Einschätzungen des Autors. Sie stellen keine offizielle Stellungnahme dar und entsprechen nicht notwendigerweise der Auffassung der Vertreterinnen und Vertreter der Kammern.
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