„Einfach“ mehr Planung!
Bezahlbares Bauen ist untrennbar verknüpft mit guter Baukultur, sagt der Kieler Architekt und Hochschullehrer Dietmar Walberg im Interview.
Herr Walberg, denkt man an Regionen, die von besorgniserregender Wohnungsknappheit betroffen sind, fällt einem nicht als Erstes „Schleswig-Holstein“ ein.
Prof. Walberg: Man muss unterscheiden zwischen der Situation in Städten wie beispielsweise Kiel und Lübeck und dem ländlichen Raum. Und die Wohnungsknappheit Hamburgs schwappt in die Randgebiete nach Schleswig-Holstein und schlägt dort Wellen. Zu Schleswig-Holstein gehören auch die Inseln Fehmarn, Sylt, Amrum, Föhr und Helgoland – die Wohnungsmärkte dort gehören zu den prekärsten bundesweit!
Also ist die Frage nach dem einfachen und schnellen Bauen in Schleswig-Holstein nicht neu?
Eine deutliche Zäsur waren die Jahre 2015 und 2016, geprägt von massivem Bevölkerungszuwachs durch Kriegsflüchtlinge. Um in Schleswig-Holstein die Schaffung von „Container-Welten im großen Stil“ zu vermeiden, wurden Planungskonzepte wie das „Kieler Modell“ entwickelt und das Förderprogramm „Erleichtertes Bauen“ erfunden und zur Umsetzung angeboten. Es musste dringend, zügig und einfach gebaut werden – aber es wurde nur gebaut, was tatsächlich nachhaltig war und langfristige Nutzung versprach. Projekte und Quartiere, die daraus realisiert wurden, erfreuen sich auch heute noch großer Beliebtheit – sie funktionieren baulich und gesellschaftlich einwandfrei und können als beispielgebend bezeichnet werden. Der Vollständigkeit halber muss man an dieser Stelle natürlich mitdenken, dass die Kosten insgesamt zum damaligen Zeitpunkt deutlich niedriger waren. Und es liegt in der Natur der Sache, dass das Bauen im ländlich geprägten Raum mit weniger komplexen Begleiterscheinungen behaftet ist als im städtischen Umfeld.
Knapp zehn Jahre nach dieser Zäsur wurden die gewonnenen Erfahrungen zum Maßstab!
Das ist richtig; seit September 2024 ist der „Regelstandard Erleichtertes Bauen“ im Zusammenhang mit der sozialen Wohnraumförderung in Schleswig-Holstein verpflichtend einzuhalten. In unserem Bundesland tragen rund 80 % aller Bauvorhaben im Wohnungsbau geförderten Wohnraum in sich. In meinem Arbeitsalltag erlebe ich eine hohe Akzeptanz des Regelstandards – und ich erlebe ein daraus resultierendes Aufblühen der Planungs- und Baukultur, denn es braucht gute Planerinnen und Planer, um mit limitierten Ressourcen vorausschauend umzugehen.
Materialschlachten und eine Übernormierung, die man sich in der Vergangenheit leisten konnte, sind heute nicht mehr bezahlbar. Heute braucht es intelligente Grundrisse und eingeplante Nach- und Weiternutzungen, die dennoch hohen Ansprüchen an Komfort und Ästhetik begegnen. Zu Beginn eines Planungsprozesses beobachte ich erhöhten Gesprächsbedarf, doch der Austausch aller am Planungs- und Bauprozess Beteiligten hat in Schleswig-Holstein gute Tradition. Was genau soll für wen gebaut werden? Welche Bedarfe bestehen konkret? Der Ruf nach Tempo darf nicht zulasten einer guten Planungskultur gehen, denn die Fehler, die dadurch entstehen, sind nicht oder nur schwer wieder aufzufangen und rächen sich zu einem späteren Zeitpunkt.
Die Rückbesinnung auf das Wesentliche macht den Weg frei für eine gebaute Umwelt, die durch Fingerspitzengefühl überzeugt.
Dietmar Walberg
Architekt und Hochschulprofessor aus KielUnd wie beurteilen Sie die Situation im frei finanzierten Wohnungsbau?
Ich empfehle den schleswig-holsteinischen „Regelstandard Erleichtertes Bauen“ auch hier als konkretes Angebot; er hat den Charakter einer guten Blaupause. Aus einer Notwendigkeit heraus geboren, hat er in seiner Umsetzung nichts mit einer notvollen Lösung zu tun. Evaluierungen von Projekten, die nach reduzierten Standards gebaut wurden, ziehen keine Beschwerdewellen nach sich – im Gegenteil. Die Kolleginnen und Kollegen planen und bauen, um ein mängelfreies Werk zu liefern – auch die Arbeit mit reduzierten Baustandards garantiert ein solches Ergebnis. Wir haben uns in den vergangenen Jahrzehnten an einen heute nicht mehr darstellbaren Spielraum gewöhnt, den wir – sofern gut geplant wird – gar nicht zwingend benötigen. Die Rückbesinnung auf das Wesentliche macht den Weg frei für eine gebaute Umwelt, die nicht durch Masse und Überfluss, sondern durch Fingerspitzengefühl und das Bauen für den Menschen und seine konkreten Bedarfe überzeugt.
Was fehlt? Wo wünschen Sie sich neue Impulse in der Diskussion um schnelles und bezahlbares Wohnen?
Ich betone immer wieder, dass in der Diskussion um bezahlbares Bauen die Rolle der planenden Berufe herausgestellt werden muss. Wir lösen unsere Probleme nicht, indem wir buchstäblich planlos und in Serie Gebäude erstellen und ohne Rücksicht auf Verluste am Tempo schrauben. Gute Planung bedeutet nicht, Nachweise zu erstellen und für eine „hübsche Fassade“ zu sorgen, gute Planung denkt die heutigen und zukünftigen Anforderungen mit und führt zu wirklich nachhaltigem Wirken. Um an dieser Stelle nur drei Faktoren zu nennen, greife ich die erforderliche Klimaneutralität, die Anpassung an den Klimawandel und sinnvolle Reaktionen auf den demografischen Wandel beispielhaft heraus. Wir können es uns nicht erlauben, heute zu bauen, ohne diese und weitere Anforderungen zu bedenken und zu bearbeiten.
Materialschlachten und eine Übernormierung, die man sich früher leisten konnte, sind heute nicht mehr bezahlbar.
Dietmar Walberg
Architekt und Hochschulprofessor aus KielWelche weiteren Maßnahmen schlagen Sie vor, um dem Problem der Wohnungsknappheit zeitnah und effektiv begegnen zu können?
Ich denke, eine intelligente und übersichtlich gestaltete Förderlandschaft kann ein Schlüssel sein, um bundesweit einen zielführenden Turbo im Wohnungsbau auszulösen. Ich sehe einen Bedarf für bessere Förderhebel am Markt, und diese müssen gut verständlich sein. Ein strukturiertes und anwenderfreundliches Programm für den Neubau – und selbstverständlich eines für den Bestand, denn gerade im Bestand gilt es, Potenziale zu heben und cleveren Wohnungsbau möglich zu machen.
Geben Sie uns gern einen Ausblick!
Die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. wird im Jahr 2026 80 Jahre alt! Sie steht für 80 Jahre gemeinsames Nachdenken über kostengünstiges, rationelles und rationales Bauen! Dieses gemeinsame Nachdenken hat in der Vergangenheit immer gute Ergebnisse hervorgebracht – und das wünsche ich mir auch für die Zukunft. Jede Diskussion um schnelles und bezahlbares Bauen fördert nicht zuletzt immer auch die Reflexion der eigenen Arbeit.
Und ich werbe für gute Ausbildungsstandorte und -standards. Alle Planung muss genehmigt werden, und Fachkolleginnen und -kollegen in den Bauaufsichtsbehörden sollten gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen aus den Planungsbüros planungs- und baufördernd wirken können. Wenn alle am Prozess Beteiligten am gleichen Strang ziehen (können), wird auch hier ein Turbo zur zwangsläufigen Begleiterscheinung.
Architekten- und Ingenieurkammer Schleswig-Holstein
Team Presse- und ÖffentlichkeitsarbeitDas könnte Sie auch interessieren
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