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Offener Brief: Gestaltungsraum verteidigen

Nachwuchs-Kolumne: Architektur ist nie unpolitisch. Wenn das Fundament der Demokratie erschüttert wird, verändern sich auch unsere Räume. Sechs Handlungsfelder für einen demokratisch wehrhaften Berufsstand.

Lorenz Hahnheiser, Teresa Immler
26.08.2026 5min
© Lorenz Hanheiser & Teresa Immler

Die Häuser, die wir bauen, wählen zwar nicht – aber es sind Orte, an denen politische Ideologien physisch manifest und erlebbar werden. Wenn das Fundament unserer Demokratie erschüttert wird, verändern sich Räume. Die Freiheit unserer Gestaltung und die demokratische Substanz unserer gebauten Umwelt stehen heute unter einem massiven Druck. Wir erleben ein Erstarken rechtsextremer Kräfte, die Architektur und Stadtplanung gezielt als Schauplatz ihrer menschenfeindlichen Ideologie instrumentalisieren. Wir müssen uns fragen: Wie positionieren wir uns innerhalb dieser Entwicklungen als demokratischer, wehrhafter Berufsstand? Als Berufsstand, der unsere Demokratie robust und dauerhaft festigt und vor rechtsextremer Einflussnahme schützt.

Es ist eine strategische Raumnahme der extremen Rechten zu beobachten mit weitreichendem Zugriff auf die architektonischen Disziplinen: In ihren Wahlprogrammen fordert die AfD eine völkisch-homogene „Schönheit“, die auf Ausgrenzung statt auf Inklusion basiert. Sie diskreditieren die Moderne, insbesondere das Bauhaus, in rechtsextremer Tradition. In Strategiepapieren planen sie die „Verankerung in der Fläche“ rechtsextremer Hegemonie durch das Besetzen leer stehender Kneipen. Auf kommunaler Ebene nehmen sie bereits Parlamente ein. Hier blockieren sie erfolgreich progressive Planungen, machen demokratiefördernden Projekten die Fördermittel streitig und vereinnahmen Kulturorte mit völkischer Ideologie.

Aktivistische extreme Rechte besetzen Marktplätze, dringen in Fachdiskurse ein, bedrohen Teilnehmende bei Beteiligungsverfahren und sichern sich Grund und Boden als Infrastruktur für Rekrutierung und Vernetzung. So normalisieren sie ihre autoritäre Ideologie in der Zivilgesellschaft. Jeden Gelegenheitsraum, den demokratische Akteur:innenoffen lassen, besetzen die extremen Rechten.

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Die Bundesarchitektenkammer und der BDA haben in Stellungnahmen bereits Haltung gegen Extremismus und für eine vielfältige Gesellschaft gezeigt. Dies ist ein notwendiges und wichtiges Signal. Doch wir müssen mehrere Schritte weitergehen. Worte allein bilden keine Brandmauer. Um dem wirksam zu begegnen, braucht es eine wehrhafte Praxis, die demokratische Werte in jede Phase unseres architektonischen Handelns übersetzt und verteidigt.

Wir fordern eine wehrhafte „Berufs-Statik“, die das gesamte Spektrum unserer Handlungsfähigkeit ausschöpft: 

Rahmenbedingungen aktiv gestalten


„Cartoon-Zeichnung einer Frau hinter einem Schild mit der Aufschrift ‚Stadtverwaltung‘, die in einer Sprechblase sagt: ‚Lasst uns richtig gute Architekturbüros einladen!‘“
© Lorenz Hanheiser & Teresa Immler

Demokratische Grundwerte, allen voran Inklusion, Vielfalt und aktive Teilhabe, sind innerhalb und außerhalb des Berufsalltags ebenso wie in Kammern, Verbänden und der Verwaltung zu verankern. Der von extremen Rechten angestoßenen Verschiebung politischer und fachlicher Diskurse wird aktiv entgegengetreten, indem Begriffe wie Heimat, Sicherheit, traditionelles Handwerk oder natürliche Baumaterialien konsequent und unmissverständlich mit Offenheit, Inklusivität sowie intersektionaler und globaler Gerechtigkeit verbunden werden. 

Demokratiefördernde Aufträge organisieren

„Cartoon-Zeichnung eines Mannes im Anzug, der gestikulierend auf eine Frau einredet. Diese hebt abwehrend die Hände und erwidert in einer Sprechblase: ‚Nein, danke!‘“
© Lorenz Hanheiser & Teresa Immler

Der Beruf geht über die Dienstleistung hinaus. Entwurfskompetenz heißt auch, demokratiefördernde Aufträge selbst hervorzubringen – durch alternative Finanzierungsmodelle, neue Organisationsformen und die Initiierung kommunaler wie gemeinwohlorientierter Bauherrschaften. Es gilt der Grundsatz „Don’t work with assholes“: Die Mitwirkung an menschenfeindlichen oder ausgrenzenden Vorhaben wird konsequent verweigert. Unterschiedliche Perspektiven werden aktiv mitgedacht und inkludiert.

Entwurfsprozesse demokratisieren

„Eine minimalistische Schwarz-Weiß-Zeichnung einer Personengruppe, die an einem runden Tisch sitzt, unter einem Banner mit der Aufschrift ‚Not Sure Citizens – Der Krisenrat für Unentschlossene‘.“
© Lorenz Hanheiser & Teresa Immler

Planungsentscheidungen dürfen nicht „top down“ verordnet werden, sondern müssen „bottom up“ mit der Zivilgesellschaft und ausgehend von konkreten Bedürfnissen entwickelt werden. Partizipation ermöglicht basisdemokratische Selbstwirksamkeitserfahrungen und verankert Planungen wehrhaft in der Bevölkerung. Produktiver Dissens wird zugelassen, Machtstrukturen werden offengelegt. Breit verankerte Beteiligung erzeugt öffentlichen Druck und stärkt die Forderung, Gestaltungshoheit schrittweise in zivilgesellschaftliche Gremien zu verlagern. Offenheit im Dialog endet dort, wo Intoleranz und Menschenfeindlichkeit beginnen. 

Demokratische Werte räumlich manifestieren


„Eine minimalistische Schwarz-Weiß-Zeichnung: Vor dem Brandenburger Tor steht eine große Wasserrutsche, die in ein schwarzes Schwimmbecken mit planschenden Figuren mündet.“
© Lorenz Hanheiser & Teresa Immler

Architektur ist die Bühne der Gesellschaft, nicht Ornament. Einschüchternde Machtsymbolik und die dazugehörende Instrumentalisierung des Raums werden zurückgewiesen. Inklusive Orte stärken als niedrigschwellige Begegnungsräume den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wehrhaftigkeit im Entwurf bedeutet eine klare Absage an aggressive oder defensive Architektur, die marginalisierte Gruppen ausschließt oder Räume privatisiert. Die dauerhafte Belebung und soziokulturelle Aneignung baukulturellen Erbes schafft emotionale Ankerpunkte gegen ideologische Vereinnahmung und völkische Umdeutung.

Entwürfe transparent vermitteln und Allianzen bilden

„Cartoon-Zeichnung eines gelangweilten Mannes am Laptop, der in einer Sprechblase sagt: ‚Manno, es meldet sich niemand mit demokratiefördernden Aufträgen.‘“
© Lorenz Hanheiser & Teresa Immler


Bauliche Entscheidungen müssen nachvollziehbar und die Zivilgesellschaft durch baukulturelle Bildung befähigt werden mitzureden. Verständliche Sprache und eine offensive Vermittlung des städtebaulichen Diskurses machen fachliche Exzellenz zum Schutzwall gegen populistische Vereinfachung. Progressive Ideale müssen als attraktive Zukunftsbilder sichtbar und Inklusion sowie soziale Gerechtigkeit als gesellschaftliche Normalität verankert werden. Nachhaltige und soziale Standards werden in einem breiten demokratischen Konsens gefestigt, indem sowohl progressive als auch konservative Argumentationsmuster zusammengeführt werden. 

Demokratische Nutzung dauerhaft verankern

„Eine minimalistische Schwarz-Weiß-Zeichnung von vier Personen, die vor einem historischen Gebäude mit verziertem Giebel stehen und Plakate hochhalten.“
© Lorenz Hanheiser & Teresa Immler

Der demokratische Wert von Architektur entsteht erst durch ihre aktive Nutzung. Orte demokratischer Bildungsarbeit und inklusive Begegnungsorte ermöglichen die generationenübergreifende Praxis demokratischer Grundwerte. Lokale gewerbliche Strukturen und alltägliche Begegnungsorte stärken lebenswerte Städte und entziehen rechter Vereinnahmung den sozialen Nährboden. Darum sind ihre Ressourcen zu stärken, gegen rechte Zugriffe abzusichern und räumlich zu erweitern. 

Jeder Spielraum, den wir heute ungenutzt lassen, kann morgen verloren sein. Es ist Zeit, dass wir als Berufsstand nicht nur verwalten und reagieren, sondern aktiv Widerstand gegen die Feinde einer offenen Gesellschaft leisten. Lasst uns auf dieser Grundlage ins Gespräch kommen und den Diskurs gemeinsam und öffentlich weiter anschieben. Lasst uns diskutieren, ob die Mitgliedschaft in einer extrem rechten Organisation oder Partei vereinbar mit der Mitgliedschaft in der Kammer oder im Berufsverband ist. Lasst uns gemeinsam eine klare Position beziehen und uns hinter diesem offenen Brief versammeln. Bauen wir an einer Demokratie, die Bestand hat. 

© privat

Lorenz Hahnheiser, Teresa Immler

Absolvierten ihren Architektur-Master an der TU Berlin. Dieser offene Brief ist die Synthese ihrer Masterarbeit. Sie leiten die Nachwuchsorganisation nexture+. Lorenz schreibt regelmäßig für das DAB über Lehre, Berufspolitik, Wohnungsbau und Nachhaltigkeit. 

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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