Gemeinsam gründen, oder: Ein Büro, das allen gehört!
Flavia-Ioana Biianu ist Teil von Team Dis+Ko, einem Architekturbüro in Berlin, das als eingetragene Genossenschaft organisiert ist. Aus einer kollektiven Praxis heraus gegründet, arbeitet das Team heute an Projekten im Bestand mit zirkulären Strategien und Beteiligungsformaten.
Die Mitglieder haben sich im Studium an der TU Berlin kennengelernt und bereits ihre Masterarbeit gemeinsam erstellt. Danach gehen die Wege der Teammitglieder von Dis+Ko in verschiedene Richtungen: Planungsbüros, Hochschulen, Beteiligungsprozesse. Nebenbei entstehen sechs Jahre lang gemeinsame Projekte. 2025 gründen sie schließlich eine gemeinsame Planungspraxis. „Wir sehen uns als frisch gegründetes Architekturbüro“, sagt Flavia Biianu, die derzeit den operativen Teil leitet. „Aber durch die parallelen Arbeitskontexte der letzten Jahre bringen wir deutlich mehr Erfahrung mit, als man von einem Gründungsbüro erwarten würde.“ Jede Person bringt einen anderen Hintergrund mit: Fachplanungen, Landschaftsarchitektur, Bestand, Lehre, Beteiligung, Forschung, kreislaufgerechtes Bauen und vieles mehr. Das zeigt sich in den Projekten.
Eine Struktur, die zur Arbeitsweise passt
Mit der Entscheidung zu gründen, stellt sich die Frage nach der passenden Rechtsform. „Eine GbR kam für uns nicht infrage, weil die Haftung ja immer noch personenbezogen ist und wir sichere Verhältnisse schaffen wollten.“ Auch eine GmbH wurde verworfen. Die Trennung zwischen Geschäftsführung und Mitarbeit entspricht nicht dem eigenen Verständnis von Zusammenarbeit auf Augenhöhe.
Die Wahl fällt auf die Genossenschaft. Damit ist nicht nur eine rechtliche Form gefunden, sondern auch eine inhaltliche Setzung: Das Büro gehört allen Mitgliedern, externe Einflussnahme ist ausgeschlossen. Kein Investor kann Anteile erwerben und keine Einzelperson kann die Firma übernehmen oder weitergeben. Gleichzeitig bleibt die kollektive Arbeitsweise bestehen und die Organisation ist kein statisches System. Zuständigkeiten werden verteilt und Prozesse angepasst. Wie Entscheidungen intern getroffen werden, ist abgestuft: Der Vorstand entscheidet operativ, während größere Fragen in die Generalversammlung und das gesamte Team gehen.
Entscheiden zu acht – oder zu dritt?
Kollektiventscheidungen klingen oft nach schlechten Kompromissen. Um dies zu vermeiden, hat Team Dis+Ko ein System entwickelt, das sich an soziokratischen Prinzipien orientiert, ohne diese dogmatisch umzusetzen. Wie Entscheidungen intern getroffen werden, ist abgestuft. Der Vorstand kümmert sich um operative, steuerliche und rechtliche Fragen. Strategische Entscheidungen, wie die Ausrichtung, die Inhalte und die wirtschaftlichen Ziele, liegen bei allen Mitgliedern der Genossenschaft gemeinsam. Was konkrete Projekte betrifft, entscheiden jene, die ein aktives Arbeitsverhältnis mit der Genossenschaft haben – aktuell drei Personen.
Dahinter steckt ein bewusstes Wachstumsmodell, das allen Teammitgliedern einen Einstieg bei Team Dis+Ko im eigenen Tempo ermöglicht. „Ja, es ist ein bisschen kompliziert”, gibt Biianu zu. „Hätten wir von Anfang an alle für die Disko eG gearbeitet, hätten wir wahrscheinlich andere Strukturen gefunden. So ermöglicht es uns aber einen Umgang mit den individuellen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten.”
Eine solche offene Struktur benötigt neben den rechtlichen und operativen Themen auch Regeln. Seit der gemeinsamen Masterarbeit führt das Team Dis+Ko ein internes Manifest – kein Schaufenster nach außen, sondern ein Kompass nach innen, der jährlich überarbeitet wird.
Erster Punkt: The power of many. Mehr Köpfe brauchen zwar mehr Zeit, das Ergebnis ist aber besser, weil mehr Perspektiven zusammenkommen. Dazu kommen Positionen zur Bodenpolitik, zum Recht auf Allgemeingut und zur Resilienz in der Planung. Das Manifest ist ein Work in Progress – so wie das Büro selbst. „Ein bisschen Idealismus muss ja dabei sein”, sagt Biianu. Ohne Entschuldigung, aber auch ohne Naivität: Sie weiß, dass Idealismus allein keine Aufträge bringt.
Bauen mit Muskelhypothek
Gemeinsam mit der GSE – Gesellschaft für Stadtentwicklung gGmbH, Verwalterin der Treuhandliegenschaften des Landes Berlin – hat Team Dis+Ko mit BLEIBE ein Modell entwickelt, das Sanierung und Selbstbau verbindet. Die Ausgangslage waren Mietwohnungen, die zwar wieder vermietbar gewesen wären, sich jedoch in einem Zustand befanden, der dies faktisch unmöglich machte. Die Frage war nicht, wie man billiger saniert, sondern wie man anders saniert – mit mehr Sorgfalt bei der Materialauswahl, echter Mitgestaltung und am Ende mit einer größeren Identifikation der Bewohner:innen mit ihrem Raum. Die zukünftigen Mieter:innen werden also selbst aktiv – unter fachlicher Anleitung und in klar geregelten Bereichen.
Was die Beteiligten investieren, nennt das Büro Muskelhypothek: Mitgestaltung, Wissen, Zeit und körperliche Arbeit werden auf die spätere Miete gutgeschrieben. Am Ende ist es ähnlich teuer wie eine konventionelle Sanierung. Aber es kommt mehr dabei heraus. BLEIBE 1.0 lief im Berliner Wedding, BLEIBE 2.0 läuft derzeit in Moabit, diesmal mit Auszubildenden. „Bei BLEIBE 1.0 bemerken wir, dass die Personen tatsächlich anders mit der Wohnung umgehen”, sagt Biianu. „Diese Sorge für den Bestand wird erweitert.“ Es ist kein Nutzgegenstand, sondern ein Ort, für den man sich verantwortlich fühlt.
Aktuell arbeitet das Team von Dis+Ko am Atelierhaus Hirschgarten, der Sanierung eines ehemaligen Jugendklubs zu Atelierräumen für bildende Künstler:innen. In enger Zusammenarbeit mit der Auftraggeberin und den Handwerksbetrieben werden bauliche Maßnahmen geplant, die funktionale Anforderungen, die vorhandene Bausubstanz, wiederverwendete Materialien und die begrenzten Mittel zusammenführen.
Was sollte man wissen, bevor man anfängt?
Was würde sie anders machen? Biianu überlegt kurz. „Eigentlich nichts. Aber mir war nicht klar, wie schnell sich unsere Strukturen ändern müssen.” Aufgrund der Auftragslage oder von Verzögerungen im Projekt. Wem würde sie diesen Weg empfehlen? Personen, die Interesse an einer hierarchiearmen und selbstbestimmten Zusammenarbeit haben und bereit sind, Zeit in den Aufbau einer anderen Unternehmensform zu investieren. Kollektive Selbstorganisation ist kein schnellerer Weg zu Wachstum. Sie ist ein Weg zu etwas anderem.
DAB Redaktion
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