„Gebt das Denken nicht auf. Es geht nicht darum, Lösungen von der Stange zu suchen, sondern individuelle Lösungen zu finden.“
An der TU Berlin bildet Prof. Dr. Norbert Kühn Landschaftsarchitekt:innen für eine Zeit aus, in der Freiräume zu den wichtigsten Zukunftsaufgaben zählen – während der eigene Studiengang zugleich unter Kürzungsdruck gerät. Er erklärt, warum Landschaft kein Luxus ist, sondern Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge.
DAB: Herr Kühn, was macht den Studiengang Landschaftsarchitektur an der TU Berlin besonders?
Norbert Kühn: Wir haben eine sehr lange Tradition. Es ist der älteste universitäre Studiengang für Landschaftsarchitektur in Deutschland. Unser Schwerpunkt liegt auf Konzeption und Entwurf. Das heißt, wir versuchen nicht, sofort fertige Lösungen anzubieten oder direkt in die Umsetzung zu gehen. Zunächst interessiert uns die Frage: Warum machen wir das überhaupt? Was sind die eigentlichen Probleme? Erst wenn wir diese verstanden haben, entwickeln wir Methoden und daraus Lösungen. Freiräume werden immer komplexer. Durch Klimawandel, Verkehrswende und die Erfahrungen der Pandemie haben sie eine ganz neue Bedeutung erlangt. Gerade hier treffen heute unterschiedlichste Interessen unmittelbar aufeinander. Es reicht also nicht mehr, einfach schöne Plätze zu entwerfen – wir müssen sehr unterschiedliche Anforderungen zusammenbringen.
Verändern sich dadurch auch die Interessen der Studierenden?
In den Entwurfsstudios geben wir die Themen zunächst vor. Bei den Abschlussarbeiten sehen wir jedoch sehr deutlich, was die Studierenden bewegt. Da kommen Themen wie nachhaltiges Bauen, Schwammstadt oder neue Formen der Wassernutzung auf den Tisch. Viele beschäftigen sich mit der Frage, wie wir Wasser in der Stadt halten oder Freiräume an den Klimawandel anpassen können. Das ist für uns interessant, weil wir so auch erfahren, welche Fragen die nächste Generation beschäftigen. Gleichzeitig versuchen wir natürlich, selbst aktuelle Themen in die Lehre zu integrieren. So waren wir zum Beispiel mit Studierenden in Paris und haben uns dort die Umgestaltung der Straßenräume oder den neuen Stadtwald vor dem Rathaus angesehen. Allein die Symbolik dahinter hat viele Studierende begeistert.
Landschaftsarchitektur ist allgegenwärtig – und gleichzeitig kaum sichtbar.
Das ist tatsächlich eines unserer Grundprobleme. Die meisten Menschen nehmen gar nicht wahr, dass Freiräume gestaltet wurden. Sie nutzen sie einfach. Gleichzeitig drängen inzwischen viele andere Disziplinen in dieses Feld: Architektinnen und Architekten beschäftigen sich mit Pflanzen, Stadtplaner mit der Schwammstadt. Gerade daran sieht man, wie zentral der Freiraum inzwischen geworden ist. Denn die eigentliche Verfügungsmasse liegt heute oft nicht mehr im gebauten Bereich, sondern im ungebauten. Dadurch entsteht jedoch auch Konkurrenz um Zuständigkeiten. Dass die Landschaftsarchitektur dafür eine eigene Kompetenz mitbringt, wird häufig übersehen.
Worüber müssen wir in Zukunft stärker nachdenken?
Die Themen sind eigentlich klar, auch wenn sie im politischen Alltag manchmal in den Hintergrund rücken. Wir brauchen Klimavorsorge und Anpassungsstrategien, wir müssen uns um mehr Biodiversität kümmern und überlegen, wie Menschen künftig in Städten leben werden. Hinzu kommt Urban Health. Grün ist nicht einfach Dekoration. Freiräume tragen wesentlich zur psychischen und körperlichen Gesundheit bei. Gleichzeitig erleben wir eine zunehmende Entfremdung von der Natur. Die Frage ist also auch: Wie schaffen wir wieder Orte, an denen Menschen Natur unmittelbar erfahren können?
Paris wird oft als Vorbild für Klimaanpassung genannt. Warum?
Städte wie Paris zeigen, was möglich ist. Unser eigentliches Problem sind aber gar nicht die Leuchtturmprojekte. Gute Beispiele gibt es genug. Berlin hat den Gleisdreieckpark, Schwammstadtprojekte in Adlershof oder Tegel. Hamburg arbeitet seit Jahren intensiv mit Gründächern. Entscheidend ist, dass diese Ansätze selbstverständlich werden. Klimaanpassung darf kein Luxusprojekt sein, das man sich gelegentlich leistet. Solange wir sagen: „Hier machen wir mal ein Modellprojekt, ansonsten bauen wir weiter wie bisher“, kommen wir nicht voran. Die eigentliche Herausforderung ist die flächige Umsetzung. Wir müssen akzeptieren, dass Landschaft Zeit braucht. Anders als ein Gebäude entwickelt sie ihre Qualität oft erst über Jahre hinweg.
Von den aktuellen Kürzungen ist die TU Berlin betroffen. Gerade der älteste universitäre Studiengang für Landschaftsarchitektur steht dadurch unter Druck. Haben wir den Wert dieser Disziplin aus den Augen verloren?
Am frustrierendsten ist, dass über ihren Wert gar nicht diskutiert wird. Die Sparvorgaben werden von oben nach unten weitergegeben, aber niemand stellt eine inhaltliche oder strategische Frage dazu. Es heißt einfach: Schaut, wo ihr einsparen könnt. Für unsere Fakultät Bauen Planen Umwelt wurde beschlossen, dass fünf Fachgebiete wegfallen müssen, eines davon in der Landschaftsarchitektur, das ist immerhin ein Viertel der Kapazität im Studiengang. Zunächst schaut man, welche Professuren ohnehin bald frei werden oder welche besonders viele Drittmittel einwerben. Das sind die Kriterien, nicht die Frage, welche Kompetenzen unsere Gesellschaft künftig braucht.
Lesen Sie hier den offenen Brief zur Zukunft der Landschaftsarchitektur an der TU Berlin
Dabei gewinnt die Gestaltung von Freiräumen doch gerade enorm an Bedeutung!
Genau darin liegt der Widerspruch. Wir versuchen immer wieder, deutlich zu machen, wie relevant Landschaftsarchitektur für Klimaanpassung, Biodiversität und lebenswerte Städte ist. Aber darüber wird letztlich nicht gesprochen. Gleichzeitig greifen immer mehr andere Disziplinen unsere Themen auf. Umso wichtiger wäre es, die eigene Expertise sichtbar zu machen und weiterzuentwickeln – auch in der Forschung. Da müssen wir übrigens selbstkritisch sein. Diesen Bereich hat die Landschaftsarchitektur in der Vergangenheit teilweise verschlafen.
Was wünschen Sie sich von der Politik?
Ein bisschen mutiger zu sein und mehr Haltung zu zeigen. Gerade in Berlin haben wir erlebt, dass zunächst gute Ansätze entwickelt wurden, die anschließend jedoch wieder zurückgenommen wurden. Dabei wartet der Klimawandel nicht, bis die Haushaltslage besser ist. Das eigentliche Problem ist, dass sich schleichende Entwicklungen wie Hitze oder Biodiversitätsverlust viel schwerer vermitteln lassen als akute Krisen. Trotzdem bleiben sie bestehen. Deshalb müssen wir konsequent handeln und gute Lösungen nicht immer wieder infrage stellen.
Trotz aller Herausforderungen – was macht Ihnen Hoffnung?
Unsere Studierenden. Sie machen mir Mut. Sie sind unglaublich engagiert und wollen etwas verändern. Man merkt, dass ihnen Fragen von Umwelt, Gestaltung und Freiraum wirklich wichtig sind. Ich würde ihnen vor allem mitgeben: Gebt das Denken nicht auf! Es geht nicht darum, Lösungen von der Stange zu suchen, sondern individuelle Antworten zu entwickeln. Diese Kreativität und dieser Mut sind genau das, was wir in Zukunft brauchen. Und ich hoffe sehr, dass genau diese Qualität auch künftig ihren gesellschaftlichen Wert behält.
DAB Redaktion
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