Fluch oder Segen – der Götterbaum
Nachwuchs-Kolumne: Er wächst schnell, trotzt Hitze und Dürre und kommt selbst dort zurecht, wo andere Bäume längst aufgeben. Eigentlich wäre der Götterbaum der perfekte Zukunftsbaum. Wäre da nicht eine Eigenschaft, die ihn vom Hoffnungsträger zum Problemfall macht.
In meiner letzten Kolumne habe ich über Zukunftsbäume gesprochen. Bäume, die wir auf Listen schreiben und empfehlen, weil wir vermuten, dass sie mit den zukünftigen Klimabedingungen klarkommen. Bäume, bei denen wir beobachtet haben, dass sie mit den lebensfeindlichen Bedingungen, die wir in der Stadt für sie geschaffen haben, trotzdem noch zurechtkommen. Aber was, wenn es bereits einen Baum gibt, der all unsere Anforderungen überdurchschnittlich gut erfüllt?
Dürre? Hitze? Abgase? Streusalz? Hundeurin? Was für die allermeisten und besonders unsere heimischen Baumarten nach einer wirklich lebensbedrohlichen Ausgangslage klingt, stört ihn überhaupt nicht: Ailanthus altissima. Wobei ihn wohl mehr Menschen unter seinem deutschen Namen „Götterbaum“ kennen.
Was hat der Baum mit den Göttern zu tun? Heißt er so, weil er ein göttliches Geschenk für die Klimaanpassung in unseren Städten ist? Nicht ganz. Kaum ein anderer Baum in unserer Klimazone kann so schnell wachsen. Bis zu 4 m Zuwachs in einem Jahr kann er erreichen und wächst so gewissermaßen „zu den Göttern“. Auch wenn sich dies alles nach einem perfekten Zukunfts- oder Klimabaum anhört, hat die Geschichte leider einen Haken. Seine anderen deutschen Spitznamen lassen es bereits vermuten. Im Sprachgebrauch wird er auch „Trümmerbaum“ oder „Ghettopalme“ genannt.
Vom Exoten zur Ghettopalme
Doch wie kam es dazu? Um 1750 wurde der Baum, wie viele andere Baumarten aus aller Welt, nach Europa eingeführt. Er sollte als Futterpflanze für eine Seidenspinnerart dienen. Auch wenn die Seidenproduktion in Europa scheiterte, fand der Götterbaum in den Pflanzensammlungen der großen Parks ein neues Zuhause. Es gefiel ihm offenbar so gut, dass er spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg begann, sich in unseren Städten auszubreiten. Durch seine Fähigkeit, an den widrigsten Orten zu wachsen, boten ihm auch Schuttberge ein geeignetes Habitat.
Auch wenn wir heute keine Schuttberge mehr in unseren Städten haben, sieht man zum Beispiel in Berlin zahlreiche Exemplare: aus einem Gully wachsend, in leeren Baumscheiben, am Bahndamm oder in einer kleinen Ritze zwischen Gehweg und Hauswand. Seine unbekümmerte Art, in den unangenehmsten Ecken zu wachsen, führte zu seinem heutigen Spitznamen: Ghettopalme. Nun könnte man denken: Das ist ja super! Wir haben Probleme damit, Bäume zu finden, die uns Schatten spenden und so unsere Städte im Sommer etwas erträglicher machen. Da kommt der schnell wachsende Baum in unseren Gefilden ja wie gerufen. So müssen wir keine 25 bis 35 Jahre auf wahrnehmbaren Schatten warten. Doch genau das, was den Götterbaum für die Stadt so attraktiv macht, wird außerhalb der Stadt zum Problem: seine enorme Anpassungsfähigkeit und Ausbreitungskraft.
Vom Stadtbaum zur invasiven Art
Während er bisher vor allem in der Stadt blieb, da er in unseren urbanen Hitzeinseln auch den Winter überleben konnte, sorgt der Klimawandel nun dafür, dass er sich auch im Umland ausbreitet. Dort verdrängt er heimische Pflanzenarten, zum Beispiel auf Trocken- oder Magerwiesen. Gerade diese sehr artenreichen, nährstoffarmen Lebensräume sind bereits extrem gefährdet, da sie durch intensive Landwirtschaft und damit verbundene Nährstoffeinträge an ihrer Artenvielfalt verlieren. Die Ausbreitung von Gehölzen wie dem Götterbaum verdrängt zusätzlich jene Pflanzenarten, die eine offene Wiese benötigen. Zudem fördert ein Abschneiden oder Fällen des Götterbaums das Wachstum, weil es zu zahlreichen neuen Trieben führt. Die einzige erfolgreiche Bekämpfungsmethode ist das vollständige Entfernen der Pflanzen mitsamt den Wurzeln. Und so kam es 2019 dazu, dass die EU den Götterbaum auf die Liste der invasiven Arten aufgenommen hat. Somit gibt es seither ein Handelsverbot, und die EU-Staaten werden angehalten, einen Maßnahmenplan zu erstellen, wie sie mit der invasiven Pflanze umgehen.
Was bedeutet das für unsere Zukunftsbäume?
Ein wachsamer Blick beim Schlendern durch unsere Städte zeigt uns: Er ist bereits überall. Ganz egal, ob wir ihn verbieten oder nicht. Und eine Liste kann jederzeit ergänzt werden. Wie werden sich also unsere Zukunfts- und Klimabäume entwickeln? Werden wir sie auch verbieten, wenn sie sich zu wohl fühlen? Wir verändern das Klima, wundern uns, dass die Pflanzen, die nicht daran angepasst sind, durch neue Arten verdrängt werden, und verbieten dann die neuen Arten? Jene, die sich wohl auch noch 2050 bei uns wohlfühlen werden, wenn sich die klimatischen Bedingungen weiter verändern? Ich sage ganz gewiss nicht, dass wir nun überall Götterbäume pflanzen sollten. Der Götterbaum zeigt aber, wie widersprüchlich unsere Suche nach dem Zukunftsbaum ist. Wir brauchen Arten, die mit Bedingungen zurechtkommen, an denen andere scheitern – und müssen zugleich damit rechnen, dass gerade diese Anpassungsfähigkeit neue Probleme schafft.
Die Frage ist deshalb vielleicht nicht nur, welche Bäume in unseren Städten künftig wachsen können. Sondern auch, welche Folgen es hat, wenn sie es besonders gut können.
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