Deutsches Architektenblatt Logodab-logo
Finden Sie genau die Themen,
die Sie interessieren

Die beliebtesten Themen:

Deutsches Architektenblatt Logodab-logo Deutsches Architektenblatt Logodab-logo-description

Fluch oder Segen – der Götterbaum

Nachwuchs-Kolumne: Er wächst schnell, trotzt Hitze und Dürre und kommt selbst dort zurecht, wo andere Bäume längst aufgeben. Eigentlich wäre der Götterbaum der perfekte Zukunftsbaum. Wäre da nicht eine Eigenschaft, die ihn vom Hoffnungsträger zum Problemfall macht.

Luisa Richter-Wolf
14.10.2026 3min
Grüne Sträucher wachsen über eine niedrige Mauer aus Betonsteinen an einem sonnigen Tag
Götterbäume auf Sardinien – auch das Mittelmeerklima ist kein Problem.
© Luisa Richter-Wolf

In meiner letzten Kolumne habe ich über Zukunftsbäume gesprochen. Bäume, die wir auf Listen schreiben und empfehlen, weil wir vermuten, dass sie mit den zukünftigen Klimabedingungen klarkommen. Bäume, bei denen wir beobachtet haben, dass sie mit den lebensfeindlichen Bedingungen, die wir in der Stadt für sie geschaffen haben, trotzdem noch zurechtkommen. Aber was, wenn es bereits einen Baum gibt, der all unsere Anforderungen überdurchschnittlich gut erfüllt?

Dürre? Hitze? Abgase? Streusalz? Hundeurin? Was für die allermeisten und besonders unsere heimischen Baumarten nach einer wirklich lebensbedrohlichen Ausgangslage klingt, stört ihn überhaupt nicht: Ailanthus altissima. Wobei ihn wohl mehr Menschen unter seinem deutschen Namen „Götterbaum“ kennen.

Was hat der Baum mit den Göttern zu tun? Heißt er so, weil er ein göttliches Geschenk für die Klimaanpassung in unseren Städten ist? Nicht ganz. Kaum ein anderer Baum in unserer Klimazone kann so schnell wachsen. Bis zu 4 m Zuwachs in einem Jahr kann er erreichen und wächst so gewissermaßen „zu den Göttern“. Auch wenn sich dies alles nach einem perfekten Zukunfts- oder Klimabaum anhört, hat die Geschichte leider einen Haken. Seine anderen deutschen Spitznamen lassen es bereits vermuten. Im Sprachgebrauch wird er auch „Trümmerbaum“ oder „Ghettopalme“ genannt. 

ANZEIGE
ANZEIGE

Vom Exoten zur Ghettopalme

Doch wie kam es dazu? Um 1750 wurde der Baum, wie viele andere Baumarten aus aller Welt, nach Europa eingeführt. Er sollte als Futterpflanze für eine Seidenspinnerart dienen. Auch wenn die Seidenproduktion in Europa scheiterte, fand der Götterbaum in den Pflanzensammlungen der großen Parks ein neues Zuhause. Es gefiel ihm offenbar so gut, dass er spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg begann, sich in unseren Städten auszubreiten. Durch seine Fähigkeit, an den widrigsten Orten zu wachsen, boten ihm auch Schuttberge ein geeignetes Habitat.

Auch wenn wir heute keine Schuttberge mehr in unseren Städten haben, sieht man zum Beispiel in Berlin zahlreiche Exemplare: aus einem Gully wachsend, in leeren Baumscheiben, am Bahndamm oder in einer kleinen Ritze zwischen Gehweg und Hauswand. Seine unbekümmerte Art, in den unangenehmsten Ecken zu wachsen, führte zu seinem heutigen Spitznamen: Ghettopalme. Nun könnte man denken: Das ist ja super! Wir haben Probleme damit, Bäume zu finden, die uns Schatten spenden und so unsere Städte im Sommer etwas erträglicher machen. Da kommt der schnell wachsende Baum in unseren Gefilden ja wie gerufen. So müssen wir keine 25 bis 35 Jahre auf wahrnehmbaren Schatten warten. Doch genau das, was den Götterbaum für die Stadt so attraktiv macht, wird außerhalb der Stadt zum Problem: seine enorme Anpassungsfähigkeit und Ausbreitungskraft. 

Vom Stadtbaum zur invasiven Art

Während er bisher vor allem in der Stadt blieb, da er in unseren urbanen Hitzeinseln auch den Winter überleben konnte, sorgt der Klimawandel nun dafür, dass er sich auch im Umland ausbreitet. Dort verdrängt er heimische Pflanzenarten, zum Beispiel auf Trocken- oder Magerwiesen. Gerade diese sehr artenreichen, nährstoffarmen Lebensräume sind bereits extrem gefährdet, da sie durch intensive Landwirtschaft und damit verbundene Nährstoffeinträge an ihrer Artenvielfalt verlieren. Die Ausbreitung von Gehölzen wie dem Götterbaum verdrängt zusätzlich jene Pflanzenarten, die eine offene Wiese benötigen. Zudem fördert ein Abschneiden oder Fällen des Götterbaums das Wachstum, weil es zu zahlreichen neuen Trieben führt. Die einzige erfolgreiche Bekämpfungsmethode ist das vollständige Entfernen der Pflanzen mitsamt den Wurzeln. Und so kam es 2019 dazu, dass die EU den Götterbaum auf die Liste der invasiven Arten aufgenommen hat. Somit gibt es seither ein Handelsverbot, und die EU-Staaten werden angehalten, einen Maßnahmenplan zu erstellen, wie sie mit der invasiven Pflanze umgehen. 

Was bedeutet das für unsere Zukunftsbäume?

Ein wachsamer Blick beim Schlendern durch unsere Städte zeigt uns: Er ist bereits überall. Ganz egal, ob wir ihn verbieten oder nicht. Und eine Liste kann jederzeit ergänzt werden. Wie werden sich also unsere Zukunfts- und Klimabäume entwickeln? Werden wir sie auch verbieten, wenn sie sich zu wohl fühlen? Wir verändern das Klima, wundern uns, dass die Pflanzen, die nicht daran angepasst sind, durch neue Arten verdrängt werden, und verbieten dann die neuen Arten? Jene, die sich wohl auch noch 2050 bei uns wohlfühlen werden, wenn sich die klimatischen Bedingungen weiter verändern? Ich sage ganz gewiss nicht, dass wir nun überall Götterbäume pflanzen sollten. Der Götterbaum zeigt aber, wie widersprüchlich unsere Suche nach dem Zukunftsbaum ist. Wir brauchen Arten, die mit Bedingungen zurechtkommen, an denen andere scheitern – und müssen zugleich damit rechnen, dass gerade diese Anpassungsfähigkeit neue Probleme schafft.

Die Frage ist deshalb vielleicht nicht nur, welche Bäume in unseren Städten künftig wachsen können. Sondern auch, welche Folgen es hat, wenn sie es besonders gut können. 

© privat

Luisa Richter-Wolf

Kolumnistin

Luisa Richter-Wolf schreibt über Landschaftsarchitektur an den Unis, im Beruf und im Alltag. Sie absolvierte ihren Bachelor in der Landschaftsarchitektur an der Technischen Universität Berlin und studiert dort nun im Master weiter. Sie engagiert sich in der Bundesfachschaft Landschaft. Seit 2023 bringt sie das Thema Landschaftsarchitektur in unsere wöchentlichen Nachwuchs-Kolumnen ein.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

Bauen Sie Ihre
Zukunft – jetzt
Stellen entdecken

Das könnte Sie auch interessieren

"Ausstellungsplakat mit rot-orangem Hintergrund. Großer blauer Text 'TOO HOT' mit Untertitel 'HEISSE STÄDTE, NEUE WEGE / SCORCHING CITIES, NEW IDEAS' in kleinerer Schrift. Ein stilisiertes Sonnenmotiv mit spitzigen roten und violetten Strahlen rahmt den Text ein."

Too hot? Die Lösungen sind längst da

Wenn über Klimawandel gesprochen wird, dominieren oft Rekordtemperaturen, Hitzetote oder Starkregen. Die Ausstellung „Too Hot – Heiße Städte, neue Wege“ im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main wählt einen anderen Zugang: Sie fragt nicht mehr, ob sich Städte verändern müssen, sondern wie sie das bereits tun.

Nachhaltigkeit Bundesweit
07.08.2026
13:02     Person mit Schürze formt an einer Tonplatte auf einer Werkbank in heller Keramikwerkstatt; im Hintergrund Regale mit Schalen, seitlich fällt Tageslicht durchs Fenster.

Architektur studieren und die Branche wechseln?

Nachwuchs-Kolumne: Medizin studieren heißt Ärzt:in werden, Lehramt – Lehrer:in und Architektur – Architekt:in, oder? Das stimmt so nicht. Sieben Erfahrungsberichte zeigen exemplarisch, dass viele Berufswege nach dem Architekturstudium auch wieder weg von der klassischen Architektur führen.

Nachwuchs Bundesweit
10.02.2026

Auf der Suche nach Identität nach dem Architekturstudium

Nachwuchs-Kolumne: Ich habe Architektur und Städtebau studiert und einen berufsqualifizierenden Masterabschluss in der Tasche. Ich beschäftige mich beruflich wie im Ehrenamt täglich mit Architektur. Architektin bin ich deshalb nicht – und musste mich dafür schon das ein oder andere Mal erklären.

Nachwuchs Bundesweit
24.06.2026
Mann mit dunklem Hemd und beiger Hose steht vor einer Glasfront mit Blick auf Garten und Bäume.
Geschwungene Holzstruktur mit parallelen Linien, die eine organische, fließende Form bilden.
Freitreppe mit grasbedeckten Seitenflächen vor einem modernen, geschwungenen Gebäude mit weißer Fassade und dunklem Unterbau.
Blick über eine große, gepflasterte Fläche auf ein modernes Gebäude mit schrägen Stützen und Glasfassade, im Hintergrund Stadtgebäude und Bäume.

Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen

Entdecken Sie die Welt der Architektur – 
jetzt im exklusiven DAB Update!

Bitte gültige E-Mail-Adresse eingeben. Bestätigung der Datenschutzerklärung ist erforderlich.