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Der Frankenstein-Moment

 Nachwuchs-Kolumne: Die Idee war einfach: Ein zweigeschossiger, von oben belichteter Raum sollte das Herz eines Seminarbereichs bilden. Dann kam die Lüftungsanlage. Zunächst war es nur ein Gerät, dann kamen Leitungen, Verteiler und Wartungsflächen hinzu. Am Ende blieb von der ursprünglichen Raumidee kaum noch etwas übrig.
 

Fabian P. Dahinten
05.08.2026 3min
"Schwarzweiß-Filmszene: Ein Mann mit charakteristischen Gesichtszügen, flachem Oberkopf und Narben auf der Stirn blickt durch eine dunkle Türöffnung. Er trägt einen dunklen Anzug und hat die Hand an der Tür. Die Beleuchtung schafft dramatische Kontraste. Archivnummer sichtbar."
Boris Karloff als das Monster in „Frankenstein“ (USA, 1931), nach dem Roman von Mary Shelley.
© Mary Evans Picture Library / picture-alliance 

Am Anfang eines Projekts ist vieles klar: eine räumliche Idee, eine Struktur, eine Haltung. In diesem Projekt war es ein zweigeschossiger Raum, der wie eine Laterne Tageslicht von oben in einen Seminar- und Lernbereich bringt. Das Licht fällt von oben in den Raum, während die Decke ruhig bleibt und die Konstruktion lesbar ist. Eine einfache Idee. Dann begann die Planung.  

Kurz vor der Bauantragstellung meldet sich die Haustechnik. Für den Seminar- und Lernbereich wird nun doch eine Lüftungsanlage benötigt. Die Frage lautet nun: Wo bringen wir sie unter?  

Eine grundlegende Neuplanung ist zu diesem Zeitpunkt im Projekt nicht mehr möglich. Also entsteht eine erste Idee. Die Technik könnte in einer Zwischendecke im Bereich dieser „Laterne“ untergebracht werden. Eine leichte Abhangdecke, Ansaugung an der Fassade, die Luft von oben in den Raum. Im ersten Moment wirkt das plausibel. Dann beginnt die Abstimmung. Die Haustechnik weist darauf hin, dass es nicht nur um ein Gerät geht. Es kommen Leitungen hinzu, Verteiler, Wartungsflächen. Die Luft kann nicht einfach von oben in den Raum geblasen werden. Sie muss geführt und verteilt werden.  

Die Technik übernimmt den Raum

Mit jeder Besprechung wird die Lösung größer. Aus einer schlichten Zwischendecke wird ein immer größerer Technikraum. Leitungen ziehen durch den Luftraum. So entsteht aus der leichten Decke ein fast halbgeschossiger Kubus. Die räumliche Idee kippte. So etwas passiert in Projekten häufiger, als man denkt. Jede einzelne Anforderung ist nachvollziehbar. Die Technik funktioniert. Der Brandschutz wurde berücksichtigt. Die Anlage ist wartbar. Alles ist lösbar. Und doch stellt sich irgendwann eine andere Frage: Was passiert gerade mit dem Raum?  

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Wenn Funktion die Idee verdrängt

Architektur entsteht im Abwägen. Tragwerk, Haustechnik, Brandschutz und Kosten beeinflussen jeden Entwurf. Die Frage ist nur, inwieweit sie ihn weiterbringen und wann sie ihn verdrängen. Manchmal macht genau diese Reibung eine Idee besser. Manchmal nicht. In diesem Fall wurde irgendwann klar: Diese technische Lösung überlagert die räumliche Idee. Der Raum, der ursprünglich von Licht und Höhe lebte, wurde zunehmend von Technik bestimmt. Der Fachplaner wollte an der Lösung festhalten, da sie technisch funktionierte.

In solchen Momenten muss eine Entscheidung getroffen werden. Also wurde die Lösung verworfen. Nicht weil sie technisch falsch gewesen wäre, sondern weil sie den Raum zerstört hätte. Die Suche begann von vorn. Der schwierigste Entwurfsschritt ist manchmal nicht das Weiterdenken, sondern das Verwerfen – bevor aus einer guten Idee ein Frankenstein wird.

© MICHAEL HUDLER

Fabian P. Dahinten

Architekt

Fabian P. Dahinten schreibt über den Einstieg ins Berufsleben, über Tipps und Tricks, Risiken und Fallstricke. Er ist Architekt und Partner bei Lengfeld & Wilisch Architekten in Darmstadt. Er studierte Architektur an der Hochschule Darmstadt und engagiert sich bei der Nachwuchsorganisation nexture+. Seit 2020 ist er Kolumnist für dabonline.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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