Warum der ikonische Entwerfer ausgedient hat und was an seine Stelle tritt
Ich bin Architekt. Ich entwerfe und leite Projekte. Ich trage Verantwortung für Teams, Budgets und Entscheidungen. Dabei merke ich immer wieder, wie wenig das Bild, das wir von unserem Beruf im Kopf haben, noch zu dem passt, was wir im Alltag tatsächlich tun.
Deshalb reicht mir das Berufsbild des ikonischen Entwerfers mit dem 6B-Bleistift nicht mehr aus. Dieses Bild hat lange funktioniert. Der starke Entwurf, die klare Handschrift und die Idee des eigenen Werks haben das Verständnis von Architektur geprägt. Architektur wurde als Leistung Einzelner gelesen, als etwas Sichtbares mit Wiedererkennungswert. Dieses Bild ist tief verankert – in der Branche, in unseren Köpfen und in der Ausbildung. Es ist nicht verschwunden. Im Gegenteil, es wirkt weiter – meist leise und oft unbemerkt.
Gleichzeitig erlebe ich im Alltag etwas anderes. Architektur ist heute kein Sololauf mehr. Sie entsteht im Team und im Austausch. Ein großer Teil der Arbeit besteht darin, Zielkonflikte auszuhandeln, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen – für Ressourcen und den Bestand ebenso wie für die gesellschaftlichen Folgen. Viele der entscheidenden Momente entstehen nicht mehr am Zeichentisch, sondern im Gespräch und in Abstimmungen, oft als Teil eines längeren Prozesses. Das fühlt sich für manche wie ein Verlust an. Für mich ist es das Gegenteil. Ich erlebe es als Erweiterung des Berufsbildes.
Die Architekt:in von heute gestaltet Räume und Prozesse. Sie führt Gespräche, vermittelt zwischen Interessen und setzt Prioritäten. Sie entscheidet, wo Gestaltung nicht verhandelbar ist und wo andere Aspekte Vorrang haben. Das verlangt andere Fähigkeiten als früher. Dabei spielen Haltung und Urteilskraft ebenso eine Rolle wie kommunikative Stärke und Reflexion. Vor allem braucht es den Mut, Entscheidungen zu erklären, auszuhandeln und immer wieder neu abzuwägen.
Der Widerspruch zwischen Anspruch und Praxis
Und trotzdem bewerten wir vielerorts noch nach alten Maßstäben. Wir sprechen über Nachhaltigkeit und bewundern gleichzeitig Neubau-Ikonen. Wir fordern Verantwortung und belohnen zugleich oft die Geste. Diesen Widerspruch erlebe ich nicht nur in der Ausbildung, sondern auch in Wettbewerben, in Veröffentlichungen und im Austausch mit Auftraggebern.
Ich halte nichts davon, Entwurf gegen Verantwortung auszuspielen. Der Entwurf bleibt zentral. Gestaltung bleibt unser Kern. Aber sie allein reicht nicht mehr aus. Wer heute Architektur verantwortet, muss mehr können, als Formen zu erzeugen. Es geht darum, mit Komplexität umzugehen und Entscheidungen zu treffen, auch wenn das Ergebnis weniger spektakulär, dafür aber wirksamer ist. Das neue Berufsbild ist kein Gegenentwurf zum Entwerfen. Es ist seine zeitgemäße Fortsetzung. Der Anspruch wird nicht geringer, sondern größer. Die Verantwortung nimmt zu, der Dialog wird wichtiger und Entscheidungen müssen klarer begründet werden. Das ist anspruchsvoll und bedeutet auch eine Zumutung für uns selbst.
Die Bauwende scheitert nicht an fehlenden Ideen. Sie scheitert dort, wo wir an einem Berufsbild festhalten, das die Realität längst überholt hat. Wenn Architektur relevant bleiben soll, müssen wir sichtbar machen, was wir heute tatsächlich tun und wofür wir Verantwortung übernehmen. Die Zeit des ikonischen Entwerfers ist vorbei. Die Architekt:in als Gestalter:in von Verantwortung hat sie jetzt inne.
Disclaimer
Diese Kolumne enthält persönliche Meinungen und kritische Einschätzungen der Autorin/des Autors. Sie stellt keine offizielle Stellungnahme dar und entspricht nicht notwendigerweise der Auffassung der Vertreterinnen und Vertreter der Kammern.