Blickwechsel Bauwende: Dritte Ringvorlesung abgeschlossen
Nachwuchs-Kolumne: Mit der dritten Ringvorlesung des Hochschulnetzwerks „Gemeinsam für die Bauwende“ rückten acht Disziplinen ihre Perspektiven auf die sozialökologische Transformation des Bauens in den Mittelpunkt. Sie erarbeiteten ein differenziertes Bild auf die Herausforderungen und Hebel für Veränderung.
Nach Abschluss der zweiten Ringvorlesung resümierte das Planungsteam selbstkritisch: Wenn von Bauwende die Rede ist, sprechen Architektinnen und Architekten häufig unter sich über Architektur. Auch wichtig, aber die Transformation betrifft die gesamte Baubranche. Zwar hatten bereits die ersten beiden Ringvorlesungen des Hochschulnetzwerks wichtige Themen gesetzt – von den Forderungen von Architects for Future zum Umgang mit dem Bestehenden. Doch selbst angrenzende Disziplinen wie die Landschaftsarchitektur blieben dabei weitgehend außen vor.
Die Vorstellung, dass Architektinnen und Architekten von Anfang bis Ende allein gestalten, ist überholt. Die Bauwende reicht weit über die Fragen von Material und Konstruktion hinaus, denn die gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen sind schlichtweg komplexer. So entstand die Idee einer „Blickwende“. Kein Perspektivwechsel – so anders sind die verwandten Disziplinen auch nicht –, sondern Einblick in all jene Disziplinen, die längst an denselben Fragen arbeiten. Dabei bestand kein Anspruch auf Vollständigkeit. Denn wie sollte das eine Vorlesung pro Disziplin leisten?
Es ging um ein interdisziplinäres Kennenlernen: Einerseits die Expertise der anderen wahrnehmen und andererseits die Grenzen der eigenen Expertise anerkennen und erkennen, wann man den Hut abgibt.
Vom Kern zum Handeln
Die dritte Ringvorlesung, „Blickwechsel Bauwende“, versammelt neben der Architektur Beiträge aus Innenarchitektur, Ökonomie, Soziologie, Landschaftsarchitektur, Ingenieurwesen, Handwerk und dem Aktivismus. Gerahmt wurde die Reihe von zwei grundlegenden Fragen: Wo liegt der Kern der Bauwende? Und wie kommen wir ins Handeln?
Die Vorträge bewegten sich in unterschiedlichen Flughöhen – von systemischen Analysen bis hin zu konkreten Praxisbeispielen. Gerade dadurch wurde sichtbar, dass die Herausforderungen der Bauwende nicht an den Grenzen einzelner Fachgebiete haltmachen.
Die Reihe macht deutlich, dass die technischen und materiellen Antworten einer sozialökologischen Praxis weitestgehend bekannt sind. Kreislaufgerechtes Bauen, der Erhalt von Bestandsgebäuden, globales Ressourcenbewusstsein, gemeinwohlorientierte Planung, Biodiversität und, und, und werden seit Jahren diskutiert. Die eigentliche Herausforderung liegt häufig nicht im fehlenden Wissen, sondern in dessen Vernetzung und Umsetzung.
Acht Blickwechsel im Überblick
Architektur
Architektur
Im Intro wurde deutlich, dass Architektur und Baubranche nicht die Lösung, sondern Teil des Problems sind. Wer die Klimawirkungen des Bauens verstehen will, muss über die Baustelle hinausblicken und Rohstoffgewinnung, Lieferketten sowie soziale und ökologische Auswirkungen globaler Produktionsketten mitdenken. Und wer challengen will, wie Architektinnen und Architekten heute handeln, muss in die Geschichte des beruflichen Selbstverständnisses blicken.
Innenarchitektur
Innenarchitektur
Nur Räume, die gern genutzt werden, bleiben auch erhalten. Dieser Prämisse folgend zeigte der Beitrag der Innenarchitektur insbesondere die hiesige Expertise im Umgang mit Bestand – der in gekonnter Umnutzung immer wieder neue Hoch-Zeiten erleben kann.
Ökonomie und Soziologie
Ökonomie und Soziologie
Die Beiträge lenkten den Blick auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Sie zeigten, dass Nachhaltigkeit und Bezahlbarkeit nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen und dass gesellschaftliche Realitäten stärker in die Debatten einbezogen werden müssen. Technische Lösungen allein beantworten noch nicht, wie gesellschaftliche Veränderung tatsächlich gelingt. Die Frage, wie mit der weiterhin beliebtesten Wohnform, dem Einfamilienhaus, umzugehen ist, verdeutlicht diese Herausforderung exemplarisch.
Landschaftsarchitektur
Landschaftsarchitektur
Wichtige Impulse kamen hier für Beteiligung und gemeinschaftliche Gestaltung. Freiräume entstehen nicht allein durch Entwurf, sondern durch Aushandlungsprozesse zwischen unterschiedlichen Akteur:innen.
Bauingenieurwesen
Bauingenieurwesen
Deutlich zeigten die Ingenieur:innen ihre Bereitschaft, sich aktiv in Sachen Bauwende zu vernetzen. Dargestellt wurde, wie gewinnbringend es ist, wenn Ingenieur:innen nicht lediglich zum berechnenden Möglich-Machen eines Entwurfs herangezogen werden. Ihre Expertise ermöglicht Konstruktionen effizient und materialgerecht auszugestalten, wenn sie früh herangezogen werden.
Handwerk
Handwerk
Der Blick in die angewandte Praxis wiederum machte sichtbar, dass viele Prinzipien der Bauwende bereits praktiziert werden – allerdings häufig in Modellprojekten und engagierten Einzelinitiativen, während der Weg in die alltägliche Breite der Baupraxis noch aussteht.
Aktivismus
Aktivismus
Die letzte Vorlesung richtete den Blick weniger auf das Bauen selbst als auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Anhand erfolgreicher Initiativen wurde deutlich, dass Wandel selten an fehlenden Argumenten scheitert. Entscheidend sind Kommunikation, Vertrauen und Bündnisse. Veränderungen entstehen dort, wo Menschen Selbstwirksamkeit erfahren und langfristig Teil einer Gemeinschaft werden.
Nach der Ringvorlesung ist vor der Ringvorlesung
Zum Abschluss wurde über mögliche Themen einer vierten Ringvorlesung diskutiert. Politik, Aktivismus, Machtstrukturen, intersektionaler Feminismus, Inklusion wurden gewünscht und die Frage in den Raum gestellt, wie die Transformation strukturell in die Breite getragen werden kann.
Alle Vorlesungen sind auf YouTube im Kanal der Architects for Future öffentlich einsehbar.
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