Freiraum first: Die Chancen eines jungen Büros nutzen
Studiobesuch: An der Lutherkirche in Hannover arbeitet ein junges, interdisziplinäres Büro mit dem Namen arc.lab. Zu Besuch bei den Gründerinnen – einem Team aus Architektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung.
In Wettbewerben lässt sich dieses Denken am deutlichsten erproben. Dort fallen die Grenzen zwischen den Disziplinen zeitweise weg. Städtebau, Architektur, Freiraum und Mobilität entstehen gleichzeitig, jede Entscheidung beeinflusst die nächste.
Im Projektalltag gelingt das deutlich seltener. Umso wichtiger sind für arc.lab Kooperationen mit anderen Büros. Gerade bei größeren Wettbewerben oder Generalplanungen entstehen so Teams, in denen jede Disziplin frühzeitig ihre Kompetenz einbringen kann.
Unser Autor kämpft gegen die Hitze. Draußen zieht der beruhigte Nachmittagsverkehr durch Hannovers Nordstadt, direkt an der Lutherkirche. Diskutiert wird trotzdem konzentriert. Nicht über Stilfragen oder Fassadenfarben, sondern über Regenwasser, Pflegekosten kommunaler Grünflächen und die Frage, warum Freiräume in vielen Planungsprozessen noch immer erst dann ins Spiel kommen, wenn das Gebäude längst feststeht.
Vor drei Jahren gründeten Architektin Marsha Dinse, Landschaftsarchitektin Freya Bergner und Architektin und Stadtplanerin Julia Theis arc.lab. Das Risiko war ihnen bewusst. Gleichzeitig erschien der Zeitpunkt günstig: beruflich bereits durch gemeinsame Zusammenarbeit in einem Büro erfahren, privat aber noch ohne die Verpflichtungen, die eine Unternehmensgründung oft deutlich schwieriger machen.
Dass arc.lab heute wächst, führen die Gründerinnen nicht auf einen ausgefeilten Businessplan zurück. Entscheidend sei vielmehr die Konstellation selbst gewesen. Die drei kennen sich fachlich gut, sind lange befreundet und begegnen sich auf Augenhöhe. Die Zuständigkeiten ergeben sich aus den jeweiligen Projekten und nicht aus Hierarchien. Unterschiede zwischen den Disziplinen werden dabei nicht eingeebnet, sie werden vielmehr ausdrücklich gesucht. Gerade dort, wo Architektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung unterschiedliche Perspektiven einbringen, entstehen aus ihrer Sicht die besten Lösungen.
Das Studio
Das Studio
Drei Disziplinen, ein gemeinsamer Blick auf Planung: Bei arc.lab aus Hannover arbeiten Architektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung seit der Gründung 2023 nicht nebeneinander, sondern von Beginn an zusammen. Das junge Büro setzt einen klaren Fokus auf den Bestand, klimaangepasste Freiräume und kooperative Planungsprozesse. Im Mittelpunkt steht bei Umbauten, Quartiersentwicklungen oder bei der Teilnahme an Wettbewerben weniger die eigene Handschrift als die Suche nach tragfähigen Lösungen für den jeweiligen Ort.
Jung sein ist kein Nachteil
Überrascht hat die Gründerinnen vor allem die Offenheit der Branche. Aus den Projekten des früheren Büros entwickelte sich der erste Auftragsbestand, ehemalige Kolleginnen und Kollegen unterstützten sie mit Kontakten und Erfahrungen. Währenddessen entstand ein Netzwerk anderer junger Büros, mit denen man sich bis heute austauscht und regelmäßig zusammenarbeitet. Konkurrenzdenken spielte in dieser frühen Phase offenbar eine deutlich geringere Rolle als gegenseitige Unterstützung.
Vielleicht liegt darin auch eine Stärke junger Büros. Wer sich erst einen Namen erarbeitet, hört genauer zu, stellt mehr Fragen und entwickelt Lösungen gemeinsam mit den Bauherrschaften, statt auf Routinen zurückzugreifen. Die Gründerinnen erleben ihr junges Alter dabei keineswegs als Nachteil. Im Gegenteil: Gerade ihre Offenheit und ihr Interesse würden von vielen Auftraggebern positiv wahrgenommen.
Diese Haltung prägt auch die Arbeitsweise des Büros. Landschaftsarchitektur versteht sich hier nicht als Ergänzung zum Hochbau. Freya Bergner beschreibt vielmehr einen Planungsprozess, der vielerorts noch immer in der falschen Reihenfolge abläuft. Zunächst werde das Gebäude gesetzt, anschließend müsse der Außenraum mit den verbleibenden Flächen zurechtkommen.
Vom Freiraum her denken
Dabei entscheide sich genau dort, wie Regenwasser versickert, wie sich Hitze entwickelt oder welche Aufenthaltsqualität ein Ort später besitzt. Ein Quartier konsequent vom Freiraum her zu denken, Topografie, Vegetation und Wasserhaushalt zuerst zu betrachten und die Gebäude daraus zu entwickeln, erscheint für das Büro wesentlich schlüssiger.
In Wettbewerben lässt sich dieses Denken am deutlichsten erproben. Dort fallen die Grenzen zwischen den Disziplinen zeitweise weg. Städtebau, Architektur, Freiraum und Mobilität entstehen gleichzeitig, jede Entscheidung beeinflusst die nächste. Im Projektalltag gelingt das deutlich seltener. Umso wichtiger sind für arc.lab Kooperationen mit anderen Büros. Gerade bei größeren Wettbewerben oder Generalplanungen entstehen so Teams, in denen jede Disziplin frühzeitig ihre Kompetenz einbringen kann.
Auffällig ist, dass arc.lab kaum über Gestaltung spricht. Auf die Frage nach einer eigenen Handschrift antworten die Gründerinnen nicht mit Materialien, Details oder wiederkehrenden Formen. Stattdessen fällt das Gespräch auf Bestandsgebäude, Umbauten und das Weiterbauen. Die vorhandene Substanz bildet den Ausgangspunkt, nicht die Gelegenheit zur gestalterischen Selbstdarstellung. Gebäude sollen auch nach einer Sanierung als das erkennbar bleiben, was sie einmal waren. Ornamentik, Proportionen und räumliche Strukturen werden aufgenommen, anstatt sie zu überformen. Ein Projekt müsse nicht zeigen, wer es entworfen habe – wichtiger sei, dass der Ort seine Geschichte behalte.
Auffällig ist, dass arc.lab kaum über Gestaltung spricht. Auf die Frage nach einer eigenen Handschrift antworten die Gründerinnen nicht mit Materialien, Details oder wiederkehrenden Formen. Stattdessen fällt das Gespräch auf Bestandsgebäude, Umbauten und das Weiterbauen. Die vorhandene Substanz bildet den Ausgangspunkt, nicht die Gelegenheit zur gestalterischen Selbstdarstellung. Gebäude sollen auch nach einer Sanierung als das erkennbar bleiben, was sie einmal waren. Ornamentik, Proportionen und räumliche Strukturen werden aufgenommen, anstatt sie zu überformen. Ein Projekt müsse nicht zeigen, wer es entworfen habe – wichtiger sei, dass der Ort seine Geschichte behalte.
Nicht verwalten, sondern selbst gestalten.
Freya Bergner
Gründerin und LandschaftsarchitektinEbenso unaufgeregt gehen die Planerinnen mit dem Begriff Nachhaltigkeit um. Im Büro wird darüber kaum grundsätzlich diskutiert, weil seine Bedeutung längst selbstverständlich geworden ist. Die eigentlichen Fragen beginnen erst danach: Welche Lösung lässt sich unter den gegebenen Rahmenbedingungen realisieren? Wo lohnt es sich, Bauherrschaften von einer weitergehenden Maßnahme zu überzeugen? Und an welcher Stelle müssen wirtschaftliche Zwänge akzeptiert werden?
Nachhaltig planen – auch wenn es Geld kostet
Gerade kommunale Projekte zeigen diese Grenzen immer wieder. Zusätzliche Bäume, entsiegelte Flächen oder aufwendigere Begrünungen scheitern häufig nicht an mangelnder fachlicher Überzeugung, sondern an Unterhaltungskosten und knappen Pflegebudgets. Grünflächen verursachen Folgekosten – und genau dort wird vielerorts zuerst gespart.
Trotzdem verzichtet arc.lab nicht darauf, solche Varianten überhaupt zu entwickeln. Für die Gründerinnen gehört es zur Verantwortung von Planenden, Bauherrschaften aufzuzeigen, welche Möglichkeiten bestehen, auch wenn diese zunächst vielleicht außerhalb des Budgets liegen. Erst wenn Alternativen sichtbar werden, können sie überhaupt ernsthaft diskutiert werden.
7
Personen teilen sich die vier Arbeitsplätze im kleinen Büro direkt an der Lutherkirche in Hannover. Möglich wird das durch flexible Arbeitszeitgestaltung und Homeoffice.
100
Prozent selbstverständlich: Nachhaltigkeit ist fester Bestandteil der Planung – im Gespräch mit Bauherren oft eine Abwägung zwischen Kosten und Nutzen.
Mit inzwischen sieben Personen im Büro wäre der nächste Wachstumsschritt denkbar. Für die Gründerinnen besitzt diese Vorstellung allerdings nur begrenzten Reiz. Sie möchten weiterhin selbst entwerfen, Projekte begleiten und Entscheidungen unmittelbar treffen. Ein deutlich größeres Büro würde zwangsläufig bedeuten, mehr zu organisieren, als selbst zu planen. Freya Bergner vergleicht Projekte mit einer Familie: Jedes entwickelt sich anders und verlangt Aufmerksamkeit. Irgendwann, so die Sorge, würde man vor allem verwalten, anstatt selbst zu gestalten.
Unaufgeregt und gemeinsam
Vielleicht erklärt gerade dieser Gedanke, weshalb im Gespräch so selten von Expansion die Rede ist. Erfolg bemisst sich bei arc.lab weder an Mitarbeiterzahlen noch an möglichst spektakulären Projekten. Wichtiger ist den drei Gründerinnen, dass ihre Form der Zusammenarbeit erhalten bleibt. Architektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung sollen gemeinsam Verantwortung übernehmen und nicht nacheinander arbeiten. Für ein junges Büro ist das ein bemerkenswert unaufgeregter Anspruch. Und vielleicht gerade deshalb einer, der langfristig trägt.
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q3/2026 für Niedersachsen.
Nils Marius Kirschstein
Referent Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Architektenkammer Niedersachsen DAB Redaktion NiedersachsenDas könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven DAB Update!