Nachwuchsreport 2025/26 von nexture+
Die Schattenseiten des Traumberufs verfestigen sich – trotz höherer Gehälter. Unbezahlte Überstunden, gebrochene Absprachen und wachsende Unzufriedenheit trüben die Begeisterung des Nachwuchses für die architektonischen Disziplinen.
Bereits die erste Erhebung 2023/24 offenbarte alarmierende Missstände beim Berufseinstieg in diesen Bereichen. Zwei Jahre später zeichnet sich ein ähnlich ernüchterndes Bild ab. Der Vergleich der beiden Umfragen zeigt: Während die Einstiegsgehälter deutlich gestiegen sind, bleiben viele strukturelle Probleme im Büroalltag bestehen. Besonders bedenklich ist, dass sich immer weniger Befragte erneut für ihr Studium entscheiden würden.
Ein Stimmungsbild mit deutlichen Warnsignalen
Der alle zwei Jahre erscheinende Nachwuchsreport von nexture+ beleuchtet die Arbeitsbedingungen des planerischen Nachwuchses in Deutschland. Die Studie basiert auf einer unabhängigen Befragung von Studierenden und Berufseinsteigenden der Fachrichtungen Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur sowie Stadt- und Raumplanung. Analysiert werden Einstiegsgehälter, Überstunden, Arbeitsverträge und die allgemeine Zufriedenheit. Ziel ist es, unabhängige Daten zu liefern, Missstände aufzudecken und Reformen anzustoßen.
Die Stichproben der Jahre 2023/24 und 2025/26 weisen eine ähnliche Demografie auf: Durchschnittsalter 26,8 Jahre, 64 % weiblich, überwiegend in großstädtischen Büros tätig. Der Nachwuchsreport 2025/26 bietet mit 777 Teilnehmenden jedoch keinen statistisch belastbaren Längsschnitt. Durch die digitale Durchführung über soziale Medien und Partnernetzwerke liegt zudem ein Self-Selection-Bias vor. Prozentuale Verschiebungen sollten daher als Gegenüberstellung zweier Schlaglichter gelesen werden, nicht als allgemeingültiger Trend. Dies schmälert die Relevanz der Daten keineswegs: Es ist die beste Datengrundlage, die es für den Berufseinstieg gibt.
Bereits die erste Umfrage vor zwei Jahren offenbarte ein deutliches Spannungsfeld zwischen der hohen Motivation des Nachwuchses und ernüchternden Realitäten wie unbezahlten Überstunden, niedrigen Gehältern, dem Gender Pay Gap und unzulässigen Vertragsklauseln. Ein direkter Vergleich zeigt eine Verfestigung der Situation: Die meisten Kennzahlen zu Arbeitsbelastung und Arbeitskultur haben sich bestätigt oder leicht verschlechtert.
Amelie Gadow, Vorständin für Berufseinstieg bei nexture+, resümiert: „Die Branche gewinnt zwar an wirtschaftlicher Attraktivität, kämpft aber weiter mit Defiziten bei Arbeitskultur und Wertschätzung.“
Mehrarbeit bleibt ohne Lohn und Auszeiten auf Sparflamme
Obwohl immer mehr Architekturbüros auf digitale Zeiterfassung setzen, schützt das den Nachwuchs keineswegs vor unbezahlter Mehrarbeit: Mittlerweile leisten knapp drei Viertel der Vollzeit-Einsteigenden regelmäßig Überstunden – ein spürbarer Anstieg gegenüber der ersten Erhebung. Im Durchschnitt arbeiten Berufseinsteiger rund 3,2 Stunden pro Woche zusätzlich.
Die reguläre Erholungszeit bleibt hingegen unverändert. Im Median stehen Berufseinsteigenden über beide Reports hinweg 26 Urlaubstage pro Jahr zu. Das sind zwar immerhin sechs Tage über dem gesetzlichen Minimum, aber keineswegs üppige Auszeiten im Vergleich zu 28–30 Tagen im branchenübergreifenden Durchschnitt. Wie viel Erholung der Nachwuchs tatsächlich bekommt, hängt dabei erheblich von der Bürogröße ab. In kleineren Praxen wird häufig kaum mehr als der gesetzliche Mindesturlaub gewährt, während der Anspruch in Großbüros spürbar höher liegt.
Beste Einstiegsgehälter im öffentlichen Dienst, der Wissenschaft und Forschung
Trotz des Fachkräftemangels bleibt das Verhandlungsverhalten zurückhaltend: Mehr als die Hälfte der Berufseinsteigenden hat das angebotene Gehalt akzeptiert, ohne nachzuverhandeln. Dennoch betrifft die wohl spürbarste positive Entwicklung das Konto. Das Median-Einstiegsgehalt für Master-Absolvierende ist in der aktuellen Umfrage mit 48.000 Euro deutlich höher als zuvor (39.000 Euro). Auch Werkstudierende profitieren mit Stundenlöhnen von rund 19 bis 20 Euro (zuvor 13 bis 14 Euro).
Dieser Zuwachs kommt jedoch nicht bei allen im gleichen Maße an. Während Frauen und Männer ganz ohne Berufserfahrung noch nahezu gleichauf starten (21,98 Euro gegenüber 22,50 Euro pro Stunde), driftet die Lohnschere mit zunehmender Berufserfahrung spürbar auseinander. Die Tatsache, dass ungleiche Gehälter von den Befragten weiterhin explizit als Diskriminierungsform im Büroalltag genannt werden, unterstreicht die Handlungsnotwendigkeit in diesem Bereich.
Neben dem Geschlecht und der Berufserfahrung besteht eine weitere Wahlfreiheit beim Sektor des Berufseinstiegs. Hier liegt ein entscheidender Faktor für das Gehalt. Während der öffentliche Dienst, die Wissenschaft und Forschung (56.400 Euro) sowie Ingenieurbüros (54.000 Euro) ihren Nachwuchs vergleichsweise gut entlohnen, hinken klassische Architektur- und Planungsbüros mit 44.800 Euro spürbar hinterher.
Arbeitgeber müssen nicht nur Gehälter anheben, sondern Wertschätzung und Kultur im Büro viel stärker in den Fokus rücken.
Amelie Gadow
Vorständin für Berufseinstieg nexture+
Arbeitskultur zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Bei der Arbeitsplatzwahl wünscht sich der Nachwuchs vor allem echte zeitliche Selbstbestimmung, ein kollegiales Umfeld und ein gutes Gehalt. Die Realität in den Büros hinkt diesen Erwartungen jedoch hinterher. Zwar sind Gleitzeit (56 %) und Homeoffice (55 %) in mehr als der Hälfte der Büros angekommen, aber Gratis-Obst ist immer noch das Hauptangebot.
Doch aufgepasst: Selbst dort, wo im Bewerbungsgespräch konkrete Versprechen gemacht werden, bröckelt das Vertrauen schnell. Alarmierende 81 % der Befragten berichten von gebrochenen mündlichen oder schriftlichen Vereinbarungen, vor allem bei Gehaltsperspektiven, Homeoffice-Regelungen, tatsächlichen Aufgabenfeldern oder der Unterstützung beim Kammerbeitritt. Zudem leidet häufig auch das Miteinander im Büro: Mehr als jede fünfte Nachwuchskraft (21 %, im Vorbericht waren es 17 %) berichtet von drängenden Diskriminierungserfahrungen im Praxisalltag. Diese reichen von Sexismus und Mansplaining bis hin zu Rassismus und Benachteiligungen auf der Baustelle.
Wenn aus Begeisterung Ernüchterung wird
Mehr Geld allein schafft jedoch kein Wohlbefinden. Der Anteil der glücklichen Berufseinsteiger ist von 56 auf 52 % gesunken, während sich die Gruppe der explizit Unzufriedenen auf 12 % verdoppelt hat. Entsprechend hoch bleibt die Wechselabsicht: Die Hälfte denkt konkret über einen Stellenwechsel nach, rund 70 % ziehen sogar den Ausstieg in eine fachfremde Branche in Betracht.
Gadow sieht hier unter anderem die Hochschulen in der Pflicht: „Sie müssen die Lücke zwischen Studium und Praxis adressieren, um Absolvent:innen besser auf den Berufsalltag vorzubereiten.“ Die alarmierendste Erkenntnis ist nämlich die Warnung, die Berufseinsteiger:innen an den jüngeren Nachwuchs richten. Würden sich Absolvent:innen der Architektur noch einmal für ihr Studium entscheiden? Im ersten Report bejahten dies noch 58 %, im aktuellen Bericht fällt dieser Wert auf unter die Hälfte (48,9 %). Wenn die Mehrheit des eigenen Nachwuchses den Sinn der absolvierten Ausbildung infrage stellt, ist das ein unüberhörbarer Alarmruf an die gesamte Branche.
Das könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven DAB Update!