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Zwischennutzung mit Weltformat – kann Berlin die EXPO 2035?

Berlin und Brandenburg wollen die EXPO 2035 – nicht als Spektakel, sondern als strategischen Sprung in die Stadtentwicklung der Zukunft.

Tim Westphal
01.07.2026 5min
Panorama eines stark besuchten Expo Geländes bei Abenddämmerung mit leuchtenden Pavillons und breiten Wegen. Ein Flugzeug fliegt im Anflug über die Szene.
© Frank Schröder

Gute Architektur lässt sich selten schon am Tag ihrer Einweihung bewerten. Sie bewährt sich im täglichen Einsatz, wenn der erste mediale Hype verflogen ist und der Alltag in Räume und Strukturen einzieht. Wenn wir heute über die nachhaltige Zukunft unserer Gebäude – oder weiter gefasst: die Zukunft von Metropolen und Metropolregionen – diskutieren, landen wir schnell bei abstrakten Parametern. ESG-Kriterien, Zirkularität oder smarte Quartierskonzepte bestimmen den Diskurs. Konkrete Beispiele sind dennoch selten. Die entscheidende Frage lautet: Wie lassen sich diese Anforderungen in reale Stadträume übersetzen, ohne sich im administrativen Klein-Klein zu verlieren?

Ein städtebauliches und gesellschaftliches Großereignis wie die EXPO 2035 in Berlin und Brandenburg soll genau diesen Sprung in die Wirklichkeit leisten. Beide Bundesländer haben sich darauf verständigt, die Bewerbung gemeinsam zu prüfen und bis zum Herbst 2026 eine länderübergreifende Entscheidungsgrundlage zu erarbeiten. Ihre Weltausstellung ist dabei kein kurzlebiges Konsumspektakel, sondern strategischer Hebel für eine langfristige Entwicklung der Metropolregion. Das Event selbst wird dabei zum Zwischen-Augenblick, denn von Anfang an steht der Zugewinn für alle, auch nach der EXPO selbst, im Fokus.  

Inhaltsverzeichnis

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Der BER als Scharnier, das Metropole und Umland verbindet

Wer eine Universalweltausstellung nach den Regularien des 1928 gegründeten Bureau International des Expositions (BIE) ausrichten will, braucht viel Platz. Bei Hannover 2000 waren es gut 160 ha, für Berlin und Brandenburg sind 2035 mindestens 150 ha vorgesehen. In der verdichteten Bundeshauptstadt ist das innerstädtisch kaum realisierbar. Daher verschiebt sich das planerische Gewicht an die Peripherie, konkret nach Schönefeld und in die direkte Nachbarschaft zum Flughafen BER – auf Flächen, die überwiegend in Brandenburg liegen und damit zwangsläufig eine echte Berlin-Brandenburg-EXPO erzwingen. Was zunächst wie eine Ausweichlösung wirkte, steht in Wahrheit für eine der zentralen Zukunftsfragen: Wie kann ein fruchtbares Zusammenspiel von Stadt und Land gelingen? 

Futuristische Ausstellungshalle mit mehreren Ebenen, digitalen Anzeigen und Besuchergruppen. Internationale Flaggen verlaufen entlang der Decke, Rolltreppen führen in obere Bereiche.
© Frank Schröder
Blick über einen Kanal mit Booten und Uferwegen zwischen modernen Pavillons. Auf einem Gebäude steht Mexiko, dahinter ragt der Berliner Fernsehturm über dichten Bäumen auf.
© Frank Schröder

Ich würde mir wünschen, dass es eine Architektur wird, die die Menschen so begeistert, dass sie zwischen Ästhetik und Ansprache Räume schafft, in denen man lebendig sein darf, beweglich und wandelbar.

Henning Wehmeyer

EXPO 2035 GmbH

Das Hauptgelände fungiert damit als „infrastrukturelles Scharnier“ zwischen Berlin und Brandenburg. Das Konzept, unter anderem von LAVA, Graft und Arup begleitet, setzt aber bewusst nicht auf einen Solitär am Stadtrand, sondern auf ein agiles Netzwerk aus Hauptgelände, dezentralen EXPO-Satelliten und „Kiezlabs“. Der Slogan „Ganz Berlin eine Weltausstellung“ bekommt damit eine zweite Ebene: Er steht  auch für eine explizite, politisch verabredete Story für die gesamte Region Berlin-Brandenburg: Die Landesväter Kai Wegner und Dietmar Woidke haben sich Anfang Juni 2026 auf einen gemeinsamen Prüf- und Arbeitsprozess verständigt – mit dem Ziel, ein EXPO-Konzept zu entwickeln, das beide Länder gleichberechtigt trägt.

Die Ansätze von Carlos Morenos 15-Minuten-Stadt sollen helfen, die Peripherie zu einem polyzentrischen Netzwerk zu entwickeln. Ziel ist eine resilientere Verkehrs- und Versorgungsinfrastruktur, von der das Brandenburger Umland dauerhaft profitieren kann. Gleichzeitig gewinnt auch Berlin selbst: Man rückt näher zusammen, räumlich und in den Köpfen.

Breiter Expo Platz mit Schriftzug Expo zweitausendfünfunddreißig, vielen Menschen auf Wegen und Wiesen sowie einer Seilbahn über dem Gelände. Im Hintergrund steht ein schlanker Aussichtsturm.
© EXPO 2035 Berlin GmbH
Großes Open Air Konzert mit dichter Menschenmenge vor einer Bühne mit farbiger Lichtshow. Dahinter erhebt sich ein hoher transparenter Turm auf dem Expo Gelände.
© EXPO 2035 Berlin GmbH

Physische Präsenz als Kitt der Gesellschaft?

In der Architekturdebatte, die immer stärker durch digitale Modelle, Simulationen oder virtuelle Beteiligung bestimmt wird, wirkt die Forderung nach einem physischen Großereignis wie der EXPO 2035 für manche anachronistisch. Kritikerinnen und Kritiker verweisen auf Effizienz und Kostenvorteile digitaler Formate. Diese Sichtweise negiert aber die soziale Relevanz von Architektur. Unsere Gesellschaft ist zunehmend digitalisiert und stark polarisiert. Reale, niederschwellige Orte des Zusammenkommens werden darum immer wichtiger.

Ich glaube nicht, dass irgendeine Digitalität das Erlebnis ersetzen kann, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Nationalität, unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Bildung, unterschiedlicher religiöser Herkunft, unterschiedlicher sexueller Orientierung an realen Orten zusammenkommen, wo sie entdecken, dass es gemeinsame Interessen gibt!

Rudi Scheuermann

Arup Deutschland

Großprojekte können, sofern sie konsequent entwickelt sind, wie gesellschaftlicher Kitt wirken. Ein Beispiel war Paris, wo im Vorfeld der Olympischen Spiele 2024 soziale Gräben durch die Einbindung breiter Bevölkerungsschichten teilweise überbrückt werden konnten. Das gemeinsame Ziel hat die Menschen dort verbunden.  

Für Berlin bietet die EXPO 2035 ebenfalls eine Chance, eigene Brüche anzugehen: die Narben der Ost-West-Teilung ebenso wie die wachsende Kluft zwischen inneren Kiezen und äußeren Bezirken. Wenn die Transformation allgegenwärtiger Räume – etwa durch verkehrsberuhigte Quartiere oder Projekte wie das Reallabor Radbahn und das Fluss Bad Berlin – durch ein solches Großereignis beschleunigt oder legitimiert wird, entsteht Teilhabe, die nachwirkt. Von ihr profitieren damit nicht allein die Besuchenden der EXPO, sondern vor allem die Bewohnenden von Berlin und Brandenburg.

Luftblick auf ein begrüntes Expo Quartier mit Holzpavillons und Besucherwegen. Gebäude sind mit Argentinien und Chile beschriftet, im Hintergrund stehen Fernsehturm und Expo Kuppel.
© Frank Schröder
Weitläufiger Expo Platz mit dichtem Publikum, hängenden Länderflaggen und einem historischen Flugzeug unter einer großen Dachkonstruktion. Im Hintergrund steht ein Turm mit Expo Berlin Schriftzug.
© Frank Schröder

Reallabor EXPO: Kreislaufgerechtes Bauen und schlafende Riesen

Für Architekt:innen, Innenarchitekt:innen, Landschaftsplaner:innen und Ingenieur:innen liegt der Wert der EXPO 2035 in ihrer Funktion als gestalterisches, regulatorisches und technisches Experimentierfeld. Anknüpfungspunkte gibt es viele. Beim kreislaufgerechten Bauen beispielsweise herrscht theoretisch Konsens, in der Praxis scheitert es aber oft an fehlenden wirtschaftlichen Kennzahlen oder Flächen für urbane Bauteil- und Materiallager. Eine EXPO jedoch kann als groß skaliertes Reallabor neue Lösungen erproben.  

Statt für die Weltausstellung Freiflächen im Umland zu versiegeln, rücken „schlafende Riesen“ in der Berliner und Brandenburger Infrastrukturlandschaft in den Fokus: Das ICC, der ehemalige Flughafen Tegel, das Tempelhofer Feld oder der Teufelsberg Campus sind prädestinierte Orte für Umnutzung und Transformation. Parallel stellen öffentliche Diskussionen das EXPO-Projekt wegen vermeintlicher Konflikte (zum Beispiel mit dem Wohnungsbau) infrage – was jedoch zu kurz greift. Es ist zu früh, konkrete Orte auszuschließen. Aber es ist notwendig, sie konsequent mitzudenken. 

Eine Weltausstellung lebt vom Blick von außen. Berlins Entscheider:innen sollten sich fragen, wie die Stadt international wahrgenommen wird – und sich dabei nicht von lokalen Partikularinteressen leiten lassen. Unser Berufsstand bringt Mut und Perspektive mit, international zu denken.

Wiebke Ahues

LXSY Architektur

Ein Großereignis globaler Tragweite erzeugt oft erst den nötigen politischen Willen und internationalen Druck, um verkrustete administrative Abläufe aufzubrechen und komplizierte Genehmigungsprozesse zu beschleunigen. Ist das erreicht, fließen die Landes- und Bundesmittel sowie internationale Investitionen leichter. Ein Hebel liegt im Vergabewesen: Architektenkammern und Fachverbände sollten die EXPO 2035 nutzen, um im temporären Experimentierstatus neue, agile Vergabeverfahren zu testen. Wenn es gelingt, Wettbewerbe flexibler zu gestalten und Nachhaltigkeitskriterien wie den CO2-Fußabdruck oder die De- und Remontier-Fähigkeit zu priorisieren, liefert die Weltausstellung wertvolle Erfahrungswerte für die Praxis.  

Dass ein städtebauliches Großprojekt dieser Dimension maßgeblich von der Zivilgesellschaft getragen und eingefordert wird, ist ein Novum. Eine solche Dynamik gab es im EXPO-Kontext bisher noch nicht.

Henning Wehmeyer

EXPO 2035 GmbH
olzsteg durch einen begrünten Stadtbereich mit runden transparenten Gesprächskapseln. In einer Kapsel sitzen zwei Personen im Gespräch, weitere Menschen gehen den Weg entlang.
© Frank Schröder
Skulpturaler, gold leuchtender Pavillon mit sternartigen Öffnungen zwischen Bäumen und Stadtgebäuden. Menschen stehen und gehen rund um den offenen Eingang.
© Frank Schröder
Monumentaler dreieckiger Pavillon in einem Innenhof, flankiert von Sitzreihen mit Publikum. Ein zentraler Steg führt auf eine beleuchtete Bühne im Inneren.
© Frank Schröder

Dreigestirn aus EXPO, IBA und Stadtgeburtstag: Die 2030er als Dekade des Aufbruchs

Dem EXPO-Projekt fehlt es nicht an Skeptikern. Häufig verweisen sie auf die zeitliche und finanzielle Parallelität zu anderen Großereignissen, vor allem mit Blick auf die deutsche Olympiabewerbung, über die am 26. September 2026 entschieden wird. Auch die Annahme, mehrere Groß-Events würden sich zwangsläufig kannibalisieren, greift zu kurz. Mit einer strategischen Host-City-Planung in Zehnjahresschritten lassen sich Synergien heben. Dass Berlin und Brandenburg nun ausdrücklich eine gemeinsame Bewerbung vorbereiten, schärft diesen Anspruch: Die EXPO 2035 wäre kein Berliner Projekt vor Brandenburger Kulisse, sondern eine gemeinsame Weltausstellung der ganzen Hauptstadtregion.

Parallel dazu ergibt sich ein struktureller Glücksfall: Die geplante Internationale Bauausstellung (IBA Berlin 2034–37) ließe sich räumlich und thematisch mit der EXPO 2035 verschränken. Während die IBA kleinteilige Wohnungsbaukonzepte und typologische Experimente in den Fokus rückt, stellt die EXPO die übergeordnete Makroinfrastruktur und die internationale Plattform bereit. Unmittelbar danach folgt im Jahr 2037 die 800-Jahr-Feier Berlins, mit der die geschaffenen Strukturen in die dauerhafte Nutzung übergehen können. Ein Dreigestirn aus EXPO, IBA und Stadtgeburtstag bündelt also Mittel und Engagement in der gesamten Region.

Chiffren gestalten statt Renderings verreißen

Die im November 2025 veröffentlichten Konzeptstudien und 3D-Renderings wurden von Teilen der Fachwelt unreflektiert als rückwärtsgewandte Nachhaltigkeitsklischees kritisiert. Die Debatte verlagerte sich anschließend schnell auf ästhetische Fragen. Und damit weg vom Inhaltlichen, was ein Fehler war. Denn Visualisierungen im Bewerbungsstadium sind keine Ausführungsplanung. Ihre Aufgabe ist vielmehr, politischen Konsens zu bündeln und gesellschaftliche Unterstützung zu gewinnen.  

Dass ein praxisorientierter Ansatz eine EXPO-Bewerbung trägt, zeigt die Entwicklung des Projekts seit dem Jahr 2022: Aus der Berliner und Brandenburger Unternehmerschaft heraus hat die „Global Goals für Berlin GmbH“ inzwischen ein breites Fundament gelegt. Über 400 Mitglieder und ein Kuratorium aus rund 40 Vertreterinnen und Vertreter von Handwerkskammern, IHK und Verbänden stützen die Initiative heute.  

Für die Architekturplanenden folgt daraus eine eindeutige Verantwortung. Als geschulte Kommunikatorinnen und Kommunikatoren, die technische Anforderungen mit gesellschaftlichem Anspruch verbinden, sind sie ein wichtiges Sprachrohr zwischen Zivilgesellschaft und Politik. Und sie können Brücken schlagen, zum Beispiel mit fachübergreifenden, interdisziplinären Kooperationen (Entsiegelung, Schwammstadt etc.).

Die Kritikerinnen und Kritiker witterten schnell rückwärtsgewandte Nachhaltigkeitsansätze und machten dies an frühen Konzept-Renderings fest. Solche Bilder sind aber Gesprächsangebote, keine Festlegungen – sie müssen als Chiffren verstanden werden. Ich rufe auf zum Mitgestalten! Und dafür braucht eine noch abstrakte Idee zunächst unsere Unterstützung, dem Grunde nach.

Wiebke Ahues

LXSY Architektur

Endlich ins Machen kommen! Denn die Zeit läuft

Das Zeitfenster für die Bewerbung schließt sich offiziell im Oktober 2026; durch die parlamentarische Sommerpause bleibt nicht viel Zeit. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner hat darum gemeinsam mit Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke einen länderübergreifenden Prüf- und Arbeitsprozess verabredet, der bis Oktober 2026 zu einer gemeinsamen Entscheidungsgrundlage führen soll – ein wichtiger erster Schritt, dem parallel weitere folgen müssen.

Der Zeitdruck sollte aber weniger als Paniktreiber denn als Disziplinierungsfaktor verstanden werden. Die jüngere Planungsgeschichte lehrt, dass kleinteilige Projekte über Jahre und Jahre blockiert wurden – während komplexe Großvorhaben bei einem gemeinsamen Commitment in kurzer Zeit umsetzbar sind. Eine Universalweltausstellung wie die EXPO 2035 hat das Zeug dazu, um aus der passiven Defensive in die aktive Gestaltung einer zukunftsfähigen Stadt(und)Landschaft einzutreten. Darum gilt: Bedenkenträgertum ablegen. Urbanes Experiment wagen! 

Mit zehn Jahren Abstand voneinander muss eine Großstadt wie Berlin – eine Landes- und Bundeshauptstadt – in der Lage sein, zwei Großveranstaltungen zu stemmen. Wenn wir das nicht schaffen, haben wir ein ganz anderes Problem.

Rudi Scheuermann

Arup Deutschland

Tim Westphal

Tim Westphal studierte Architektur und arbeitete viele Jahre als Fachredakteur bei renommierten Fachverlagen und Zeitschriften. Seit 2016 ist er unter anderem mit seinem Kommunikationsbüro in Berlin selbstständig, schreibt und berät vorrangig zum Thema Digitalisierung im Bauwesen. Als Tech-Journalist verfasst er Fachartikel an der Schnittstelle von Architektur und digitalen Technologien und moderiert Veranstaltungen zu Themen wie BIM, KI und digitalem Prozessmanagement in Bauprojekten. 

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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