Einladung zum Nachmachen: Gemeinsames Gestalten als Vermittlungsformat
Architekturvermittlung als Werkzeug der Stadtentwicklung ist keine neue Idee. Doch wie wird sie zum übertragbaren Instrument einer nachhaltigen Transformation? Als Leuchtturmprojekt für das Neue Europäische Bauhaus zeigt „Creating NEBourhoods Together“, wie die Gestaltung zukunftsfähiger und sozial gerechter Lebensräume gelingen kann. Ein Erfahrungsbericht aus der Perspektive unterschiedlicher Beteiligter, der zur Nachahmung inspirieren möchte.
Greifbare Erfahrungen und spürbarer Nutzen im Alltag sollen die Lust auf einen neuen Lebensstil wecken, „der Nachhaltigkeit mit gutem Design in Einklang bringt, inklusiv und erschwinglich für alle ist“, wie Ursula von der Leyen ihre Vision eines klimaneutralen Europas beschreibt. Um diese Transformation gemeinsam zu gestalten, startete die Europäische Kommission 2020 die Initiative Neues Europäisches Bauhaus (NEB) und ergänzte den Green Deal damit um eine kulturell-kreative Dimension, formuliert in den NEB-Werten „beautiful, sustainable, together“.
„Wie das historische Bauhaus für Aufbruch, Experiment und Innovation für eine neue Gesellschaft stand, braucht es heute eine sozial-ökologische Transformation zur Gestaltung zukünftiger Lebensräume“, beschreibt Münchens Stadtbaurätin Elisabeth Merk und Initiatorin des mit fünf Millionen Euro von der EU geförderten NEB-Leuchtturmprojekts „Creating NEBourhoods Together“ (2022–2025) ihre Begeisterung für die Idee der europäischen Initiative.
Nachhaltige Innovation entstehe nicht allein, ergänzt Helmut Schönenberger, CEO von UnternehmerTUM. Wissenschaft, Wirtschaft, öffentliche Hand, Kreative und Zivilgesellschaft müssten zusammenwirken. Dieses Miteinander zu erforschen ist daher ebenso Aufgabe der NEB-Projekte wie die Entwicklung übertragbarer – replizierbarer – Prozesse und Prototypen für andere Städte in Europa.
Die Förderung kreativer Zusammenarbeit mit dem NEBourhoods-Konsortium – bestehend aus Münchner Institutionen, Vereinen, Beteiligten aus der Wissenschaft und Verwaltung – war für Merk dabei zentral. Partizipation gelinge nur, wenn echter Dialog entstehe, vor allem mit den Menschen vor Ort. „Diese kreativen Interaktionen bringen neue Ideen hervor, die über das hinausgehen, was in traditionellen Programmen möglich wäre.“
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Erster Schritt Perspektivwechsel: Ressource und Potenzial statt Defizite
NEBourhoods baut auf dem Integrierten Stadtteilentwicklungs- und dem Handlungsraumkonzept für Neuperlach und deren Management auf. „Wir betrachten Neuperlach als Ressource für die NEB-Perspektive“, resümiert Merk. Starke Bindung der Bevölkerung, aktive Vereine und großzügige Grünflächen zählen zu seinen Stärken. Großwohnsiedlungen und autogerechter Städtebau prägen aber die Strukturen für 70.000 Menschen im größten Stadterweiterungsgebiete der BRD der Nachkriegszeit. Auslaufen der Sozialbindung, Büroleerstand, Sanierungsbedarf, aufzuwertende Freiräume sowie höhere Arbeitslosigkeit – Herausforderungen, die Neuperlach mit anderen europäischen Städten teilt.
Daraus leiten sich die NEBourhoods-Vorhaben, die NEB-Aktionen, ab: Lösungen für konkrete Probleme wie Hitzeinseln und fehlende Räume für Jugendkultur, ergänzt um Ertüchtigung baulicher Strukturen, Zirkularität im Gebäudebestand, Biodiversität, erneuerbare Energie, Nahmobilität und gesunde Ernährung.
Wahrnehmung und wertschätzender Dialog als zentrale Elemente der Partizipation
Die Zusammenarbeit beruhte darauf, verschiedene fachliche, aber auch lebensweltliche Expertise in Dialog und gestaltenden Austausch zu bringen. So konnten Perspektiven nachvollzogen, eigene Bedürfnisse erkannt und Wahrnehmung zu aktiver Teilhaben werden. „Die Umwandlung unserer Städte erfordert nicht nur innovative Stadtplanung, sondern lebendige Kommunikation“, fasst Nicola Borgmann, Leiterin der Architekturgalerie München und des Arbeitspakets Communication, Dissemination and Replication, zusammen. Erst inklusive Teilhabe schaffe Wertschätzung und damit die Basis gleichberechtigter Kooperation.
In Reallaboren arbeiteten Akteurinnen und Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung, Zivilgesellschaft mit Kultur- und Kreativschaffenden zusammen. Ko-Kreation und unternehmerisches Denken und Handeln wirkten als treibende Kräfte.
Mit dem „Transition Hub“ schuf das Innovationsnetzwerk der Hochschule München (HM) HM:UniverCity einen Raum für schnellen Transfer zwischen Theorie und Praxis, „der nicht nur akademische Erkenntnisse lieferte, sondern konkrete Veränderungen vor Ort ermöglichte. Erst wenn diese sichtbar sind, erlebt und geteilt werden, können sie in der Breite wirken“, resümiert Thomas Stumpp, Vizepräsident der HM seine Erfahrung.
Von Co-creation zu Co-responsibility
Im Projektverlauf entstand so eine neue Form der Co-creation: Co-responsibility, geteilte Verantwortung. „Die Lösung liegt nicht darin, eine Mehrheit zu finden, sondern verschiedene Perspektiven so zu integrieren, dass ein gemeinsames Ziel entsteht, das man sich gemeinsam erkämpft“, beschreibt Werner Lang, Vizepräsident der Technischen Universität München, seine Erkenntnis aus dem Projektprozess. „Transformationen müssen auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens beruhen“.
Drei NEB-Aktionen zeigen, was dies konkret bedeutet:
Mit einer quartiersbasierten Energiegemeinschaft die grüne Transformation fördern, gemeinsam Strom produzieren und fair teilen, Energieüberschüsse in Zusammenarbeit mit einem Start-up handeln: Teilnehmen können alle – mit Flächen, Geld oder Zeit. NEBourhoods entwickelte die Grundlagen, die nun auch andere Quartiere nutzen.
Die erste PV-Anlage in Neuperlach findet sich seit Winter 2025 auf dem Dach des Nachbarschaftszentrums „Perlacher Herz“. Gründer Bülent Askar ist begeistert – von der praxisnahen Zusammenarbeit und dem Ergebnis: „Etwas für die Umwelt tun, Geld sparen und dieses nun in Bildung investieren – das ist wirklich etwas Besonderes.“ Vereine wie das Perlacher Herz erweisen sich dabei als entscheidende Multiplikatoren – sie schaffen Vertrauen, das kein Programm erzeugen kann
Netzwerke bilden: Die Rollen lokaler Gemeinschaften stärken
Da über der Tiefgarage keine schattenspendenden Bäume gepflanzt werden können, war die Grünfläche vor einer Schule im Sommer kaum nutzbar. Gemeinsam mit einer Klasse entstand das „NEBourhoods Schattendach“: eine Leichtbaukonstruktion mit PV-Modulen als (Klassen-)Zimmer im Freien inmitten des Schul- und Nachbarschaftsgartens „Hortus di Monaco“. Man wollte mit der Nachbarschaft in Kontakt kommen, erzählt Florian Rödiger, Pädagoge der Montessorischule „Campus di Monaco“, aber der Anlass fehlte. Institutionen und Initiativen vor Ort bieten genau dieses Potenzial, müssen allerdings bei der Vernetzung unterstützt werden. So konnte die nicht zur Schule gehörende Fläche von der benachbarten Eigentümergemeinschaft angemietet werden. Nun gärtnern Klassen, Eltern und die Nachbarschaft gemeinsam an barrierefreien Beeten: lokale Gemeinschaften nicht als Zielgruppe, sondern als tragende Kraft.
Selbstermächtigung als Weg zu Identifikation und Teilhabe
Jugendliche einer Mittelschule wollten einen Ort zum Chillen – dort, wo etwas passiert. Nach performativen Workshops zur Raumwahrnehmung und dem Entwurfsprozess mit Architekturstudierenden entstand in Bauworkshops schließlich der „CHILLspORT“, eine Holzkonstruktion auf dem Schulvorplatz – Beobachterposition und Bühne zugleich. Die positive Erfahrung von Selbstwirksamkeit durch aktive Teilhabe wurde spürbar: „Wir fühlen uns wie Erwachsene, solche Sachen lernen zu dürfen“, formuliert es eine der Schülerinnen.
„Als Menschen kommunizieren wir direkt, nonverbal – wir lernen und handeln intuitiv miteinander, ohne dass es vorher viel Theorie braucht. Das ist in meinen Augen die echte Ermächtigung: dass einem bewusst wird, dass dies geht“, beschreibt Stadtbaurätin Merk. Und das mache die Menschen vor Ort zu aktiven Gestalterinnen und Gestaltern des Wandels.
Grundlagen und Werkzeuge der EU: Mitteilungen der Kommission, im Mai 2026 eine Empfehlung des Europäischen Rats zum NEB, der „NEB Kompass“, eine Toolbox und mehr dienen als Orientierungshilfe für NEB-Projekte: Der Kompass zeigt die Bedeutung der Werte und Arbeitsweisen auf unterschiedlichen Anspruchsniveaus.
NEBourhoods Werkzeuge und Methoden: Sämtliche Veröffentlichungen, Filme und Erklärungen stehen kostenlos als Downloads auf nebourhoods.de/results zur Verfügung.
Übergeordnetes Material: Replication Handbook „NEBourhoods for Tomorrow“ „Handbook for Co-creation“ Lehrmaterial für Entrepreneurship Education im Sinne des NEB (Videoformate)
Creating NEBourhoods Together Neuperlach
Finanzierung: EU (Programm: Horizont Europa) 5 Mio. Euro, Landeshauptstadt München 0,6 Mio. Euro
Konsortium: Landeshauptstadt München: Referat für Stadtplanung und Bauordnung, Referat für Arbeit und Wirtschaft, Kreativ.München; weitere Beteiligte: Architekturgalerie München e.V., Bayerische Forschungsallianz GmbH, Green City e.V., Hochschule für angewandte Wissenschaften München, HM:UniverCity, Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung mbH, Strascheg Center for Entrepreneurship gGmbH, str.ucture GmbH, Studio Animal-Aided Design GmbH, Studio | Stadt | Region, Technische Universität München, UnternehmerTUM GmbH, UnternehmerTUM MakerSpace GmbH
Cornelia Hellstern ist Baukulturvermittlerin mit Schwerpunkt auf der Revitalisierung der gebauten Umwelt sowie der Transformation des urbanen und ländlichen Raums. Im Rahmen des Leuchtturmprojekts „Creating NEBourhoods Together“ für das Neue Europäische Bauhaus war sie mitverantwortlich für Kommunikation und Replikation. Aktuell arbeitet sie als Autorin, Kuratorin und Dozentin für Gestaltung und Entwurf.
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