„Wir dürfen uns nicht auf eine einzelne Wasserquelle verlassen“
Regen, Klimastrategien und der richtige Umgang mit (Trink-)Wasser waren Themen des Gesprächs der Architektenkammer Niedersachsen mit der Umweltingenieurin Henriette Hartkopp.
DAB Redaktion Niedersachsen: Was sind aus Ihrer Sicht die Kernhandlungsfelder für den Umgang mit Wasser in einer klimaangepassten Stadt, damit sie Starkregen ebenso bewältigen kann wie lange Hitze- und Trockenperioden?
Henriette Hartkopp: Für mich geht es im Kern darum, Wasser in der Stadt gezielt zurückzuhalten, zu speichern und zu nutzen, statt es nur schnell abzuleiten. Konkret heißt das: Wir müssen die Topografie anpassen, wo immer das möglich ist – also mehr Senken an bekannten Gefahrenstellen schaffen, zum Beispiel durch den Umbau von Parkanlagen, die sich ja vergleichsweise leicht modifizieren lassen. Dazu kommt die Entsiegelung, um die Rauigkeit zu erhöhen und Starkregenströme abzubremsen – ein schönes Beispiel ist das niederländische „Tegelwippen“, ein Entsiegelungswettbewerb mit Bürger:innen. Und schließlich müssen wir die Begrünung erhöhen und die Substrate beziehungsweise Pflanzgruben verbessern, sodass sie mehr Wasser speichern und verdunsten können. Ziel ist es, mit einfachen, kostengünstigen und möglichst dezentralen Maßnahmen eine große Wirkung zu erzielen.
Regenwasser wird vielerorts noch immer vor allem möglichst schnell abgeleitet. Wie kann es stattdessen als Ressource für Stadtgrün, Verdunstung und Kühlung genutzt werden und was muss dafür planerisch anders werden?
Der Grundgedanke ist, Regenwasser dortzubehalten und zu nutzen, wo es fällt, statt es schnell abzuleiten – es sollte an der Oberfläche geführt und den Grünflächen zugeleitet werden, um die Verdunstung zu erhöhen. Wo unterirdische Rückhaltesysteme nötig sind, sollte die Nutzung des Wassers, etwa zur Bewässerung, von Anfang an mitgedacht werden. Außerdem sollten grundstücksübergreifende Lösungen leichter möglich sein – in Berlin zeigt das GÜL-Dokument des Berliner Senats mit Musterverträgen, wie das gelingen kann, denn oft scheitern innovative Lösungen an Genehmigungs- und Haftungsfragen. Deshalb müssen solche Konzepte schon auf Ebene von Masterplänen und B-Plänen verankert werden.
Gerade in trockenen Sommern steigt der Bewässerungsbedarf, während Grund- und Trinkwasser gleichzeitig stärker unter Druck geraten. Welche Strategien sind für Städte und Quartiere realistisch, um darauf zu reagieren?
Wichtig ist mir, dass wir uns nicht auf eine einzelne Wasserquelle verlassen, sondern verschiedene Kreisläufe kombinieren. Regenwasser ist eine Möglichkeit, doch bei Trockenheit bleiben die Speicher oft leer. Eine bislang wenig genutzte, aber sehr verlässliche Quelle ist dagegen das wenig verschmutzte Grauwasser aus Dusche, Waschbecken und Waschmaschine, das täglich in den Haushalten anfällt und wetterunabhängig ist. Andere Länder machen es uns aber bereits vor: In Bulgarien muss jeder öffentliche Neubau eine Grauwasseranlage mit einplanen. Ein solches Konzept haben wir für den neuen Stadtteil Wiesbaden Ostfeld vorgeschlagen, denn wer heute baut und Grauwasser ungenutzt lässt, verschenkt eine Ressource, die sich später nur mit hohem Aufwand nachrüsten lässt. Ergänzend helfen klimaangepasste Pflanzen, wasserspeichernde Substrate und größere Baumgruben, damit Bäume Trockenperioden besser überstehen.
Andere Länder machen es uns aber bereits vor: In Bulgarien muss jeder öffentliche Neubau eine Grauwasseranlage mit einplanen.
Henriette Hartkopp
M. Sc. Umweltingenieurin
Sollte frei zugängliches Trinkwasser im öffentlichen Raum künftig selbstverständlicher Bestandteil einer hitzeresilienten Stadt sein? Wie müsste ein tragfähiges Konzept aussehen, das über einzelne Trinkbrunnen hinausgeht?
Ein tragfähiges Konzept braucht mehr als einzelne Trinkbrunnen – es geht um ein Zusammenspiel aus Wasser, Schatten und Grün. Kostenfreies Trinkwasser an extremen Hitzetagen ist wichtig, ebenso mehr Bäume und Grünflächen, wobei der Erhalt bestehender Bäume besonders zählt, da sie Neupflanzungen in Größe und Verdunstungsleistung um Jahre voraus sind. Technische Lösungen wie Sprühanlagen sorgen zwar für kurzzeitige Abkühlung, sind aber wartungsintensiv und verbrauchen Trinkwasser. Nachhaltiger und zielführender ist es, den Wald wieder in die Stadt zu holen.
Klimaresilienz entsteht nicht durch eine einzelne Maßnahme. Wie gelingt es, Wasser, Stadtgrün, Freiraum und Gebäude von Beginn an gemeinsam zu planen, und wo liegen dabei heute noch die größten Hürden?
Am Ende ist das aus meiner Erfahrung vor allem eine Frage danach, wie wir in Zukunft leben wollen – wir brauchen andere Bilder und Narrative einer lebenswerten Stadt, auch wenn es heiß ist oder Starkregen fällt.
Dafür müssen wir weg von reinen Technikfragen und hin zu echten Beteiligungsprozessen, die alle Stakeholder frühzeitig einbeziehen, damit sich alle gehört fühlen. Für uns ist es manchmal ganz erstaunlich, dass es noch viel Unwissen und Missverständnisse gibt. Wir nutzen dafür den KURAS/Networks4-Prozess mit interaktiven Workshops zu Beginn und zu wichtigen Meilensteinen. Außerdem besuchen wir zusammen mit Entscheidungsträger:innen unsere bereits realisierten Projekte, um zu zeigen, dass es funktioniert, und um über Missverständnisse aufzuklären.
Architektenkammer Niedersachsen
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