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Wie verändert sich Architektur, wenn sich unsere Vorstellung von Welt wandelt?

Für Klaus K. Loenhart ist die ökologische Krise vor allem eine Krise unseres Denkens. Der Architekt und Landschaftsarchitekt versteht Gebäude nicht als Objekte in einer Umwelt, sondern als Teil eines gemeinsamen Lebensraums. Seine Architekturtheorie verbindet Atmosphäre, Pflanzen und gebaute Praxis zu einem neuen Verständnis des Entwerfens. 

Julia Graven
24.08.2026 7min
Mehrere Personen betrachten fasziniert ein beleuchtetes, mit dichtem Nebel und Pflanzen gefülltes Gehege hinter Glas.
Pavillon breathe.austria auf der Expo Mailand 2015
© Daniele Madia

Was hat unser Atmen mit Architektur zu tun? Mit dieser Fragestellung beginnt für Klaus K. Loenhart genau hier eine andere Art des Entwerfens. Nicht beim Gebäude, nicht beim Grundriss und auch nicht bei der Form, sondern bei einer alltäglichen Erfahrung im planetaren Maßstab: Mit jedem Atemzug stehen wir im Austausch mit Pflanzen, Böden, Wasser und Atmosphäre. 

„Das Atmen macht erkennbar, dass wir nie außerhalb des planetaren Ganzen existieren.“ Für den Architekten, Landschaftsarchitekten und Architekturtheoretiker ist dieser Austausch mehr als eine biologische Tatsache. Er stellt unser Weltbild infrage, auf dem Architektur über Jahrhunderte ihre Fundamente begründete. Denn wer von „Umwelt“ spricht, setzt bereits eine Trennung voraus: hier der Mensch, dort die Natur. Loenhart hält diese Vorstellung für überholt. Klimawandel, Stoffkreisläufe und atmosphärische Prozesse machten deutlich, dass es dieses Außen nicht gebe. Alles, was wir der Atmosphäre in einem scheinbaren „Außen“ zufügen, kehre zu uns zurück. 

Dass Klaus Loenhart Architektur und Landschaft nie getrennt gedacht hat, ist kein Zufall. Als Architekt und Landschaftsarchitekt entwickelt er am Institut für Architektur und Landschaft (IA&L) der TU Graz eine Konzept- und Entwurfskultur, in der Architektur und Landschaft untrennbar zusammenwirken. Zwischen beiden Disziplinen entwickelte sich jener Blick, der heute seine Theorie prägt: Gebäude lassen sich nicht unabhängig vom performativen Zusammenspiel von Klima, Vegetation, Wasser oder Atmosphäre entwerfen. 

Systemische Hebelwirkung für den Wandel
Systemische Hebelwirkung für den Wandel
© IAL

„Die ökologische Krise ist vor allem eine Krise unseres externalisierenden Denkens.“ Statt von Umwelt spricht Loenhart vom „planetarischen Invironment“ oder einfacher vom „Weltinnenraum“. Diese Begriffsprägung beschreibt eine Welt, in der Menschen nie außerhalb ökologischer Zusammenhänge standen, sondern immer Teil eines gemeinsamen Lebensraums waren. „Wir gestalten nicht Objekte in einer Umwelt, sondern handeln innerhalb eines gemeinsamen planetaren Lebensraums.“

Diese Verschiebung betrifft nicht nur die Architektur, sondern das Verständnis von Ökologie insgesamt. So ist die Ökologie für ihn keine naturwissenschaftliche Spezialdisziplin, sondern eine Praxis des „Wohnens im Haus des Lebens“. Jede Mahlzeit, jeder Atemzug und jede bauliche Intervention sind Teil eines gemeinsamen planetaren Haushalts. Architektur entwirft deshalb nicht für eine äußere Natur, sondern innerhalb eines lebendigen Gefüges, dessen Wechselwirkungen sie immer mitgestaltet. 

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Atmosphäre als performatives Leitmotiv 

Für Klaus Loenhart beginnt Architektur in der Folge dort, wo klassische Entwurfstheorien oft ihre Grenzen finden: bei der Atmosphäre. Allerdings versteht er darunter nicht nur die räumliche Stimmung eines Ortes, sondern eine reale physische und biologische Wirklichkeit. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Wind, Verdunstung oder pflanzliche Stoffwechselprozesse prägen unser Wohlbefinden ebenso wie Material, Licht oder Proportion. „Atmosphäre ist nicht Hintergrund, sondern eine performative Ressource.“ Die Gedanken des französischen Philosophen Bruno Latour, der die Trennung zwischen Gesellschaft und Natur grundsätzlich infrage stellte, bilden dafür einen wichtigen theoretischen Bezugspunkt.  

„Eine Konzeptskizze, die ein Gebäude mit einem integrierten, grünen Ökosystem und dem natürlichen Kohlendioxid-Sauerstoff-Kreislauf zeigt.“
Konzeptschnitt
© IAL
„Ein architektonischer Querschnitt, der rechts ein zweistöckiges Gebäude mit Personen zeigt, die durch eine offene Fassade auf einen direkt angrenzenden, dichten Wald auf hügeligem Terrain blicken.“
Performanz der Atmosphäre
© IAL

Aus dieser Perspektive verschiebt sich auch der Gegenstand des Entwerfens. „Biometeorologische Austauschprozesse werden zur Grundlage einer neuen Gestaltungspraxis“ als Wechselwirkungen zwischen Atmosphäre und lebender Materie. Gebäude greifen in Wasserhaushalt, Luftströmungen, Verdunstung oder Mikroklimata ein und verändern damit die Bedingungen, unter denen sich Leben entfalten kann.

Loenhart fasst diesen Gestaltungsansatz unter dem Begriff biometeorologisches Design zusammen. Architektur entwirft dann nicht mehr nur Räume, sondern integriert deren klimatische und ökologische Leistungsfähigkeit. Pflanzen, Wasser, Material und Luft werden zu aktiven Bestandteilen eines räumlichen Systems, das Atmosphäre erzeugt, statt sie nur zu umschließen.

„Ein Mann hockt gestikulierend im Gegenlicht vor einer Berglandschaft, während direkt hinter ihm eine stilisierte Wolke aus Draht in den Abendhimmel ragt.“
© privat
Zur Person

Klaus K. Loenhart

Klaus K. Loenhart ist Architekt, Landschaftsarchitekt und Gründer von TERRAIN: INTEGRAL DESIGNS und dem Forschungslab TERRAIN.CLOUD. Im Mittelpunkt aktueller Arbeit stehen naturbasierte Entwurfsaufgaben, die ökologische und menschliche Akteure zusammenführen. Der theoretische und konzeptionelle Brückenschlag zwischen Forschung, Lehre und Praxis wurde hierfür im Rahmen seiner Professur an der TU Graz entwickelt. Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit dem UNESCO Global Award for Sustainable Architecture 2024 sowie dem UNESCO City of Design Award – Grand Award.

Pflanzen sind keine Ausstattung

Mit dieser Sichtweise verändert sich auch die Rolle der Natur. Pflanzen erscheinen in der Folge nicht als Begrünung oder dekorative Ergänzung einer Architektur. Sie werden zu aktiven Mitakteuren. Sie beeinflussen Temperatur und Luftfeuchtigkeit, erzeugen Mikroklimata, speichern Kohlenstoff, schaffen Lebensräume und prägen damit die Qualität eines Ortes unmittelbar: „Gestaltung wird vom Machen für zum Machen mit.“ 

Menschen bleiben die Entwerfenden, handeln jedoch nie allein. Pflanzen, Materialien, Böden oder atmosphärische Systeme wirken selbst an der Entstehung eines Ortes mit. Gestaltung bedeutet deshalb nicht mehr, diese Dynamiken zu kontrollieren, sondern mit ihnen zu arbeiten. Die Praxis des Co-Designs beschreibt für ihn deshalb weniger eine Methode als eine Haltung. Entwerfen heißt nicht, über Prozesse zu verfügen, sondern innerhalb bestehender Verflechtungen zu handeln. Verantwortung entsteht aus der Fähigkeit, auf diese Beziehungen zu antworten und Bedingungen zu schaffen, unter denen menschliche und mehr-als-menschliche Akteure gemeinsam wirken können. Aus einem „Handeln auf“ wird ein „Sein in“ – mitten im gemeinsamen Weltinnenraum. 

„Ein moderner, abgedunkelter Innenraum mit hohen, beleuchteten Bäumen auf der linken Seite und vorbeigehenden, unscharfen Personen auf einem hellen Gehweg rechts.“
Pavillon breathe.austria auf der Expo Mailand 2015
© Marc Lins

Bioklima selbst wird zum Entwurfswerkzeug

Dass diese Gedanken nicht theoretisch bleiben, zeigt sich in seinen gebauten Projekten. Er versteht sie ausdrücklich als „Proofs of Concept“ – gebaute Versuche, die Tragfähigkeit seiner Überlegungen zu überprüfen.

Der Österreich-Pavillon breathe.austriaauf der Expo Mailand 2015 machte erstmals die klimatische Leistungsfähigkeit eines Waldes selbst zum Entwurfsprinzip. Nicht mehr das Gebäude allein steht im Mittelpunkt, sondern seine atmosphärische Leistungsfähigkeit und Einbindung natürlicher Prozesse. Der Pavillon war weder klassischer Innen- noch Außenraum. Klaus Loenhart bezeichnete ihn als „Middoor“ – einen Raum zwischen Innen und Außen, in dem Pflanzen, Wasser und Luft gemeinsam das Mikroklima erzeugten. 

„Helle Sonnenstrahlen durchdringen dichten Nebel und beleuchten grüne Bäume in einem waldähnlichen Innenraum.“
Grüne Erde Breathing Headquarter
© Jan Schuenke
„Ein heller, moderner Ausstellungsraum mit großen Fenstern zum Garten, einer deckenhohen Regalwand voller Exponate auf der rechten Seite und einer Besucherin in der Raummitte.“
Grüne Erde Breathing Headquarter
© Jan Schuenke
„Mehrere Bäume mit in Jute gewickelten Wurzelballen stehen auf einer unbepflanzten Erdfläche vor einem langen Gebäude mit Glasfassade zur Pflanzung bereit.“
Grüne Erde Breathing Headquarter
© terrain
„Eine bunte Blumenwiese mit rosa und gelben Blüten im Vordergrund, dahinter ein helles Gebäude und junge Bäume vor einem nebligen Waldhang.“
Grüne Erde Breathing Headquarter
© terrain
„Eine Gegenüberstellung von normalen Fotos und farbigen Wärmebildern, die Temperaturunterschiede zwischen einer Person, Architektur und Pflanzen zeigt, ergänzt durch eine große Thermografie und technische Daten.“
Grüne Erde Breathing Headquarter
© terrain

Mit dem Grüne Erde Breathing Headquarter wurde dieser Ansatz vom temporären Ausstellungsbau in den Alltag und ökonomischen Kontext übertragen. Hier wird anschaulich, dass nicht allein die ökologische Leistungsfähigkeit thematisiert wird. Entscheidend ist, dass Verdunstung, Luftbewegung, Temperatur oder Vegetation nicht im Hintergrund bleiben, sondern körperlich, also sinnlich wahrgenommen werden können. Besucherinnen und Besucher konnten diese Wirkung unmittelbar erleben. Die kühlere Luft, der Geruch des Waldes und die hohe Aufenthaltsqualität machten die Leistungsfähigkeit eines Ökosystems körperlich-sensorisch erfahrbar. Entscheidend ist dabei nicht möglichst viel Technik. Sein Studio terrain: integral designs setzt bewusst auf einfache Lowtech-Systeme, die natürliche Prozesse unterstützen, statt sie technisch zu ersetzen.

In diesem Studio Ökosystem entwickelt Klaus Loenhart diese Ansätze heute in praxisnaher Forschung und konkreten baulichen Projekten weiter. Im Healthy Buildings Lab untersucht sein Team, wie Architektur Gesundheit aktiv unterstützen kann – etwa durch Pflanzen, Luftqualität, Materialwahl oder biometeorologische Gestaltung. Arbeitswelten, Wohnen, Schulen oder Gesundheitsbauten sind dabei besonders geeignete Orte, um diese Prinzipien in die gebaute Realität zu überführen. 

„Dunkle Hügelkuppen mit vereinzelten Bäumen ragen aus einer dichten, weißen Nebeldecke unter einem klaren blauen Himmel.“
Pazifisches Mikroklima
© privat

Eine neue Haltung zum Entwerfen 

„Grundlage einer neuen Architektur ist ein aktualisiertes Verständnis unseres In-der-Welt-Seins.“ Für Klaus Loenhart liegt die eigentliche Veränderung daher nicht in der Form der Architektur, sondern in einem anderen Verständnis von Welt, aus dem sie hervorgeht. 

Das Atmen macht erkennbar, dass wir nie außerhalb des planetaren Ganzen existieren.

Klaus K. Loenhart

Architektur entsteht aus der Art, wie Menschen ihre Beziehung zum planetaren Ganzen begreifen und in der Folge gesellschaftlich praktizieren. Ökologie versteht er dabei nicht als moralischen Auftrag oder naturwissenschaftliche Spezialdisziplin, sondern als Beschreibung unseres In-der-Welt-Seins – als Praxis des gemeinsamen Wohnens im „Haus des Lebens“. Jede architektonische Entscheidung greift in Stoffkreisläufe, Mikroklimata, Böden, Pflanzen oder atmosphärische Prozesse ein – unabhängig davon, ob sie dies bewusst tut oder nicht.

Erst wenn wir uns als Teil eines gemeinsamen Weltinnenraums verstehen, verändert sich auch das Entwerfen selbst. Architektur wird dann zur Gestaltung von Beziehungen. Sie verbindet Menschen, Pflanzen, Materialien und Atmosphäre zu einem gemeinsamen Gefüge, in dem ökologische Prozesse nicht länger Hintergrund, sondern aktiver Teil des Entwurfs sind. Für Klaus Loenhart liegt darin weniger eine neue Stilrichtung als ein neues Gestaltungsbewusstsein. Architektur versteht sich dann nicht länger als Eingriff in eine äußere Umwelt, sondern als bewusste Mitgestaltung eines gemeinsamen planetaren Weltinnenraums. 

„Buch- oder Katalogcover mit dem zentralen Titel ‚BREATHE‘ vor dem Foto eines stimmungsvollen, nebligen Weges, der durch einen dichten, grünen Wald führt.“
© Birkhäuser Verlag

Buchtipp

Breathe – Erkundungen unserer atmosphärisch verflochtenen Zukunft

Klaus Klaas Loenhart (Hg.)
Erscheinungsdatum: 2021
Seiten: 290
Birkhäuser Verlag
ISBN 978-3-0356-1209-7 

birkhauser.com

Porträt einer Person mit Brille und schulterlangem Haar im Freien; gestreiftes T‑Shirt, Blick in die Kamera.
© Privat

Julia Graven

Journalistin

Julia Graven ist Journalistin und beschäftigt sich vor allem mit den Themen Ökologie und Klimaschutz. Besonders angetan haben es ihr nachhaltige Start-ups, die unsere großen Zukunftsfragen angehen. Als freie Redakteurin bei National Geographic Deutschland betreut sie auch die Bereiche Bauen der Zukunft, erneuerbare Energien, ressourcenschonenende Städte und Kreislaufwirtschaft. 

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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