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Schulhöfe ohne Baum

Klimaanpassung ist die Planungsaufgabe der Zeit, doch die Förderlinien sind dünn wie manch nachgepflanztes Stämmchen

Gabriele Renz
17.08.2026 5min
Grafik zur Wirkung von Begrünung auf die Umgebungstemperatur eines Gebäudes mit begrüntem Dach, Fassadenbegrünung und Bäumen.
Wärmebildaufnahmen Obertorplatz Hechingen vom 29. Juni 2023
© Tim Kaysers, Planstatt Senner, Überlingen

Drei Minuten Zeit hatte Sonja Blaser für ihre Kurzpräsentation als Nominierte für den ARCHITEKTINNENPREIS akbw 2026. Trotzdem stieg die 47-Jährige statt mit Details zur eingereichten Arbeit mit harten Fakten zum menschengemachten Klimawandel ein: Extremhitzetage, Tausende Tote durch Hitzefolgen, versiegelte Flächen, verdörrende Böden. Der Bericht des Club of Rome hat ihre Haltung geprägt. „Ich mag einfach nicht aufhören, davon zu reden“, so die Landschaftsarchitektin vom Büro faktorgruen, die den Publikumspreis erhielt für die klimaangepasste Vorentwurfsplanung eines Schulcampus in Mössingen auf der Schwäbischen Alb, in dem rund 1.000 Menschen lernen und arbeiten – der Schulhof bislang „eine baumlose, versiegelte, staubige Fläche“. Es gibt sie noch zu Tausenden.
Blasers Arbeit sei ein „gutes Beispiel, wie die Akteure vor Ort didaktisch an die Problematik des Klimawandels herangeführt werden und daraus einen bewussten Umgang für ihr eigenes Handeln ableiten können“, befand die Jury. Blaser sagt, Menschen zu motivieren sei ihr wichtig: „Darauf zu warten, dass die Politik etwas unternimmt, funktioniert nicht mehr.“ Jeder müsse bei sich in seinem Alltag schauen, Bewusstsein entwickeln.   

Darauf zu warten, dass die Politik etwas unternimmt, funktioniert nicht mehr.

Sonja Blaser

Weiße Schulgebäude mit bunten Sonnenschirmen und überdachtem Außenbereich vor bewaldeten Hügeln.
Status quo ev. Schulcampus am Firstwald in Mössingen: aufgeheizte Klassenzimmer, ein stark versiegeltes Gebäudeumfeld, ein fast baumloser Pausenhof, staubige, ausgetrocknete Aufenthaltsflächen. Rund 1.000 Menschen lernen und arbeiten hier täglich – etwa 70 % gehören zu besonders hitzevulnerablen Gruppen. 
© faktorgruen
Schematische Diagramm-Grafik zur Standort- und Klimaanpassungsanalyse, überlagert auf einen abgeblassten Campusplan. Verschiedene farbige Kreise verdeutlichen die Analyseebenen: Ein roter Kreis außerhalb steht für „Klimawandelfolgen“. Die weiteren Kreise markieren die Faktoren vor Ort: „Fokus Außenanlagen“ (grün), „Gebäude“ (gelb), „Abläufe, Prozesse“ (orange), „Menschen vor Ort“ (blau) und „Situation vor Ort“ (dunkelgrün), zusammengefasst unter dem Begriff „im Blick“.
„Mapping-Prozess“ mit Akteuren vor Ort: Wo sind die hitzebelasteten Bereiche? Wo trocknen Flächen besonders schnell aus? Wo staut sich bei Starkregen das Wasser? Was funktioniert schon gut – und was braucht es noch? 
© faktorgruen
Übersichtskarte des Baumkonzepts für den Schulwaldcampus Mössingen im Lageplan, dargestellt ohne Textlegende. Der Plan zeigt die räumliche Verteilung der farbigen Baumzonen über das Schulgelände: rote Einzelbäume im zentralen Pausenhof, blau gefasste schlangenlinienförmige Schul-Habitate entlang der Pfade, gelbe Zonen nahe der Gebäude und Sportplätze sowie blaue und violette Baumpackungen in den nördlichen Freiflächen.
Maßnahmenpakete: Reduktion der versiegelten Flächen, Stärkung des natürlichen Wasserhaushalts und Erlebbarmachen der verschiedenen Ökosystemleistungen von Bäumen und Sträuchern
© faktorgruen
Detaillierter Freiflächen-Entwurfsplan des Schulwaldcampus Mössingen. Der Lageplan zeigt die Anordnung der Schulgebäude (Gymnasium, Jenaplanschule, Internat, Schulmensa, Pavillon) eingebettet in grüne Außenanlagen. Beschriftet sind verschiedene Funktionsbereiche wie ein Teich im Nordwesten, ein temporärer Wasserlauf, Biodiversitätswiese, Schulgarten, grünes Klassenzimmer, Multifunktionsspielfeld, Bolzplatz, Mensa-Terrasse sowie verschiedene Vorplätze und Versickerungsstränge.
Vorentwurfsplanung: Der zentrale Pausenhof wird zu einem klimaresilienten Freiraum mit angenehmem Mikroklima und vielfältigen Räumen für Bewegung und Aufenthalt. Dichte Bepflanzung mit Zukunftsbäumen: Verschattung, Verdunstungskühle, Biodiversität.
© faktorgruen
Architektonischer Geländeschnitt/Profilzeichnung der Außenanlagen vor den Schulgebäuden. Die Zeichnung illustriert das Schwammstadt- und Regenwasserkonzept: Dargestellt sind versickerungsfähige Mulden, Abenteuerwege und Trittplattenwege zwischen Bäumen und Bepflanzung. Blau gestrichelte Pfeile verdeutlichen, wie anfallendes Regenwasser aufgefangen, zurückgehalten, versickert sowie zur Verdunstung und Kühlung genutzt wird.
Vorentwurfsplanung: Der zentrale Pausenhof wird zu einem klimaresilienten Freiraum mit angenehmem Mikroklima und vielfältigen Räumen für Bewegung und Aufenthalt. Dichte Bepflanzung mit Zukunftsbäumen: Verschattung, Verdunstungskühle, Biodiversität.
© faktorgruen

Projektdaten

Schul(wald)campus Mössingen

Ort: Mössingen
Auftraggeber: Schulstiftung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg 
Architekt: Alexander Beck
Landschaftsarchitektur/Klimaanpassung: faktorgruen 

„Wir brauchen in der Stadtplanung ein ganz anderes Verhältnis von grünen, unversiegelten und versiegelten Flächen.“ Der Vorstand der Architektenkammer Baden-Württemberg (AKBW) und Stadtplaner Albrecht Reuß gab zahlreiche Interviews in diesen Monaten. Im Grunde sei es sehr einfach, so seine Dauerbotschaft: „Mehr Grün und mehr Wasser.“ In Stuttgart gilt das besonders. Die Großstadt heizt sich durch die Kessellage in ihrer Mitte auf. Wenn allerdings – wie bei der preisgekrönten Stadtbibliothek des südkoreanischen Architekten Eun Young Yi geschehen – das geplante gebäudeumschließende Wasserbecken mit dem Kostenargument gestrichen wird, fehlt nicht nur das Grün, sondern auch das Blau und der Mailänder Platz gleicht an Tagen, wie sie jetzt üblich werden, noch mehr einem Saunen-Aufgussstein. 

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Schulhöfe ohne Bäume, Freiflächen ohne Schatten – bei solchen Bildern kommt Tim Kaysers, Planstatt Senner, in Wallungen. Der Landschaftsarchitekt engagiert sich seit Jahren im Kompetenzteam Nachhaltigkeit der AKBW, ist Verfasser eines Standardwerks zur Stadtbegrünung und veröffentlichte mit dem Kompetenzteam jüngst ein Positionspapier, das landesweit einheitliche Regelungen (und Sanktionierungen) zum Baumschutz anmahnt.  

Grafik zur Wirkung von Begrünung auf die Umgebungstemperatur eines Gebäudes mit begrüntem Dach, Fassadenbegrünung und Bäumen.
Temperatur- und Regenwasserabflussdifferenzen von übergrünten und begrünten Stadtoberflächen
© Tim Kaysers, Planstatt Senner, Überlingen
Zwei Aufnahmen eines belebten Stadtplatzes mit historischen Gebäuden, auf dem eine kreisförmige Wassersprühanlage auf dem Pflaster für Abkühlung sorgt.
Notlösung: Künstlicher Regen auf dem Prešerenplatz in Ljubljana, Slowenien, 2023
© Tim Kaysers, Planstatt Senner, Überlingen

Kaysers war auch Mitautor der Handreichung zum sommerlichen Hitzeschutz, mit der die AKBW und die Landesärztekammer Baden-Württemberg vor zwei Jahren an die Öffentlichkeit gingen. Darin: seitenweise konkrete Anregungen. Gesundheitliche Aspekte, so die Forderung, müssten bei Planung und Genehmigung (neuer) baulicher Maßnahmen eine erheblich größere Rolle spielen als bisher. Hitzeschutz sei zwingend als gesetzliche Pflichtaufgabe zu verankern.
Tim Kaysers versteht nicht, warum so wenig zum Schutz der Bevölkerung unternommen wird. „Vielleicht wird gedacht, dass ein einzelner Baum nicht zählt. Doch Baumschutz sollte viel mehr als Lebenserhalt in den Vordergrund gestellt werden. Ohne die Verdunstungskühle durch die Vegetation wird unsere Erde immer heißer. Es sind die weltweiten Pflanzen, die das Klima maßgeblich regulieren. Durch Technik kann diese Kühlung nicht ersetzt werden. Jede Pflanze, jeder Baum dabei ist wichtig“. 

Großer Laubbaum mit dichtem Blätterdach vor blauem Himmel.
Die beste Lösung laut Tim Kaysers: Bäume
© Tim Kaysers, Planstatt Senner, Überlingen

An Ideen, Konzepten und Wissen um die Kühlungswirkung von Bäumen, von Retentionsflächen oder Begrünungen mangelt es nicht. Offenbar auch nicht am guten Willen oder an Tatkraft der Kommunen, wie Landschaftsarchitektin Blaser aus der Praxis bestätigt. Bereits 2011 beschloss Baden-Württembergs erste grün-rote Landesregierung die „Anpassungsstrategie zum Umgang mit den Folgen des Klimawandels“. Im Klimagesetz ist das Programm „KLIMOPASS“ festgeschrieben, die Zuschusskulisse reicht von 5.000 Euro für „Trinkwasserspender in hitzebelasteten stark frequentierten öffentlichen Räumen und auf Schulhöfen“ bis 700 Euro für die „Pflanzung eines mindestens 10 Jahre alten Baumes“. Aktuell können Kommunen in Baden-Württemberg Anträge im Förderfenster „Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels“ (DAS) stellen – Gesamtvolumen 10 Millionen Euro für die Erarbeitung von Konzepten. Für den Mössinger Schulcampus konnte die auftraggebende Schulstiftung der evangelischen Landeskirche die erste Förderrunde der Förderrichtlinie „Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen (AnpaSo)“ nutzen. Doch die Anschlussförderung, die es für die Umsetzung bräuchte, sei bisher nicht bestätigt, berichtet Blaser. „Da kommt eine gewisse Hoffnungslosigkeit bei den sozialen Einrichtungen auf, denn sie wissen, sie müssen etwas tun, aber wer bezahlt?“  

Die Kommunen sind ohnehin gezwungen, zu priorisieren. Mit dem ARCHITEKTINNENPREIS akbw 2026 wurde in der Kategorie „Junior-Architektinnen“ die Stadtplanerin Maren Tetting für ihre Masterarbeit „Stadt.Klima.Ungleichheit“ ausgezeichnet. Das von ihr entwickelte Tool könnte Entscheider in Städten, Kreisen und Gemeinden entlasten, denn es identifiziert mithilfe von Indikatoren wie Alter, Miethöhe und Einkommen diejenigen Wohnbebauungen, wo vulnerable Gruppen unter Extremhitze besonders leiden und Klimaanpassungsmaßnahmen dringend nötig wären. Aber Förderlinien sind oft dünn wie der Stamm manch nachgepflanzten Bäumchens. Das Landesamt für Umwelt auf der Website zum KLIMOPASS: „Zur Zeit erreichen uns viele Anfragen, weshalb die Antwortzeit etwas länger ist als üblich. Vielen Dank für Ihr Verständnis.“    

Weitere Handreichungen

Baumschutzpapier der AKBW:
www.akbw.de/Baumschutz.pdf

Hitzeschutz-Handreichung AKBW/Landesärztekammer BW:
 www.akbw.de/Hitzeschutz.pdf

Gabriele Renz

Leitung Kommunikation/ Pressesprecherin Architektenkammer Baden-Württemberg DAB Redaktion Baden-Württemberg
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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