Schulhöfe ohne Baum
Klimaanpassung ist die Planungsaufgabe der Zeit, doch die Förderlinien sind dünn wie manch nachgepflanztes Stämmchen
Drei Minuten Zeit hatte Sonja Blaser für ihre Kurzpräsentation als Nominierte für den ARCHITEKTINNENPREIS akbw 2026. Trotzdem stieg die 47-Jährige statt mit Details zur eingereichten Arbeit mit harten Fakten zum menschengemachten Klimawandel ein: Extremhitzetage, Tausende Tote durch Hitzefolgen, versiegelte Flächen, verdörrende Böden. Der Bericht des Club of Rome hat ihre Haltung geprägt. „Ich mag einfach nicht aufhören, davon zu reden“, so die Landschaftsarchitektin vom Büro faktorgruen, die den Publikumspreis erhielt für die klimaangepasste Vorentwurfsplanung eines Schulcampus in Mössingen auf der Schwäbischen Alb, in dem rund 1.000 Menschen lernen und arbeiten – der Schulhof bislang „eine baumlose, versiegelte, staubige Fläche“. Es gibt sie noch zu Tausenden.
Blasers Arbeit sei ein „gutes Beispiel, wie die Akteure vor Ort didaktisch an die Problematik des Klimawandels herangeführt werden und daraus einen bewussten Umgang für ihr eigenes Handeln ableiten können“, befand die Jury. Blaser sagt, Menschen zu motivieren sei ihr wichtig: „Darauf zu warten, dass die Politik etwas unternimmt, funktioniert nicht mehr.“ Jeder müsse bei sich in seinem Alltag schauen, Bewusstsein entwickeln.
Darauf zu warten, dass die Politik etwas unternimmt, funktioniert nicht mehr.
Sonja Blaser
Projektdaten
Schul(wald)campus Mössingen
Projektdaten
Schul(wald)campus Mössingen
Ort: Mössingen
Auftraggeber: Schulstiftung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg
Architekt: Alexander Beck
Landschaftsarchitektur/Klimaanpassung: faktorgruen
„Wir brauchen in der Stadtplanung ein ganz anderes Verhältnis von grünen, unversiegelten und versiegelten Flächen.“ Der Vorstand der Architektenkammer Baden-Württemberg (AKBW) und Stadtplaner Albrecht Reuß gab zahlreiche Interviews in diesen Monaten. Im Grunde sei es sehr einfach, so seine Dauerbotschaft: „Mehr Grün und mehr Wasser.“ In Stuttgart gilt das besonders. Die Großstadt heizt sich durch die Kessellage in ihrer Mitte auf. Wenn allerdings – wie bei der preisgekrönten Stadtbibliothek des südkoreanischen Architekten Eun Young Yi geschehen – das geplante gebäudeumschließende Wasserbecken mit dem Kostenargument gestrichen wird, fehlt nicht nur das Grün, sondern auch das Blau und der Mailänder Platz gleicht an Tagen, wie sie jetzt üblich werden, noch mehr einem Saunen-Aufgussstein.
Schulhöfe ohne Bäume, Freiflächen ohne Schatten – bei solchen Bildern kommt Tim Kaysers, Planstatt Senner, in Wallungen. Der Landschaftsarchitekt engagiert sich seit Jahren im Kompetenzteam Nachhaltigkeit der AKBW, ist Verfasser eines Standardwerks zur Stadtbegrünung und veröffentlichte mit dem Kompetenzteam jüngst ein Positionspapier, das landesweit einheitliche Regelungen (und Sanktionierungen) zum Baumschutz anmahnt.
Kaysers war auch Mitautor der Handreichung zum sommerlichen Hitzeschutz, mit der die AKBW und die Landesärztekammer Baden-Württemberg vor zwei Jahren an die Öffentlichkeit gingen. Darin: seitenweise konkrete Anregungen. Gesundheitliche Aspekte, so die Forderung, müssten bei Planung und Genehmigung (neuer) baulicher Maßnahmen eine erheblich größere Rolle spielen als bisher. Hitzeschutz sei zwingend als gesetzliche Pflichtaufgabe zu verankern.
Tim Kaysers versteht nicht, warum so wenig zum Schutz der Bevölkerung unternommen wird. „Vielleicht wird gedacht, dass ein einzelner Baum nicht zählt. Doch Baumschutz sollte viel mehr als Lebenserhalt in den Vordergrund gestellt werden. Ohne die Verdunstungskühle durch die Vegetation wird unsere Erde immer heißer. Es sind die weltweiten Pflanzen, die das Klima maßgeblich regulieren. Durch Technik kann diese Kühlung nicht ersetzt werden. Jede Pflanze, jeder Baum dabei ist wichtig“.
An Ideen, Konzepten und Wissen um die Kühlungswirkung von Bäumen, von Retentionsflächen oder Begrünungen mangelt es nicht. Offenbar auch nicht am guten Willen oder an Tatkraft der Kommunen, wie Landschaftsarchitektin Blaser aus der Praxis bestätigt. Bereits 2011 beschloss Baden-Württembergs erste grün-rote Landesregierung die „Anpassungsstrategie zum Umgang mit den Folgen des Klimawandels“. Im Klimagesetz ist das Programm „KLIMOPASS“ festgeschrieben, die Zuschusskulisse reicht von 5.000 Euro für „Trinkwasserspender in hitzebelasteten stark frequentierten öffentlichen Räumen und auf Schulhöfen“ bis 700 Euro für die „Pflanzung eines mindestens 10 Jahre alten Baumes“. Aktuell können Kommunen in Baden-Württemberg Anträge im Förderfenster „Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels“ (DAS) stellen – Gesamtvolumen 10 Millionen Euro für die Erarbeitung von Konzepten. Für den Mössinger Schulcampus konnte die auftraggebende Schulstiftung der evangelischen Landeskirche die erste Förderrunde der Förderrichtlinie „Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen (AnpaSo)“ nutzen. Doch die Anschlussförderung, die es für die Umsetzung bräuchte, sei bisher nicht bestätigt, berichtet Blaser. „Da kommt eine gewisse Hoffnungslosigkeit bei den sozialen Einrichtungen auf, denn sie wissen, sie müssen etwas tun, aber wer bezahlt?“
Die Kommunen sind ohnehin gezwungen, zu priorisieren. Mit dem ARCHITEKTINNENPREIS akbw 2026 wurde in der Kategorie „Junior-Architektinnen“ die Stadtplanerin Maren Tetting für ihre Masterarbeit „Stadt.Klima.Ungleichheit“ ausgezeichnet. Das von ihr entwickelte Tool könnte Entscheider in Städten, Kreisen und Gemeinden entlasten, denn es identifiziert mithilfe von Indikatoren wie Alter, Miethöhe und Einkommen diejenigen Wohnbebauungen, wo vulnerable Gruppen unter Extremhitze besonders leiden und Klimaanpassungsmaßnahmen dringend nötig wären. Aber Förderlinien sind oft dünn wie der Stamm manch nachgepflanzten Bäumchens. Das Landesamt für Umwelt auf der Website zum KLIMOPASS: „Zur Zeit erreichen uns viele Anfragen, weshalb die Antwortzeit etwas länger ist als üblich. Vielen Dank für Ihr Verständnis.“
Weitere Handreichungen
Weitere Handreichungen
Baumschutzpapier der AKBW:
www.akbw.de/Baumschutz.pdf
Hitzeschutz-Handreichung AKBW/Landesärztekammer BW:
www.akbw.de/Hitzeschutz.pdf
Gabriele Renz
Leitung Kommunikation/ Pressesprecherin Architektenkammer Baden-Württemberg DAB Redaktion Baden-WürttembergDas könnte Sie auch interessieren
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