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Ikonen, Technotempel, Pragmatismus – die Stadien der Fußball-WM

Gerade findet in Nordamerika die Fußball-Weltmeisterschaft statt. Ganz neu gebaut werden musste keines der Stadien in Mexiko, Kanada und den USA. Dennoch – oder deshalb – unterscheiden sich diese in Konzept und Aura stark.

Alexander Gutzmer
01.07.2026 5min
Aztekenstadion in Mexiko-Stadt © Ulrike Stein/Getty Images

Das hatte sich Wilton Pereira Sampaio vermutlich anders vorgestellt. Der brasilianische Schiedsrichter, der das WM-Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika am 11. Juni pfiff, wurde zum Star in den sozialen Medien. Zahllose Internetmemes verarbeiteten seine Performance. Allerdings nicht wegen seiner Leistung als Spielleiter. Im Zentrum stand die Begründung einer roten Karte, die er, wie das die FIFA inzwischen vorsieht, per Mikrofon der gesamten Arena erklärte. Das Problem: Seine wortreiche Begründung hallte gut hörbar durchs Aztekenstadion – aber ihn verstand niemand. Sein Englisch war einfach nicht gut genug. Pereira Sampaios Kauderwelsch muss seither auf TikTok und Co. für alle möglichen Unverständlichkeiten herhalten, von Bahnsteig-Ansagen der DB bis zu Englisch-Versuchen deutscher Urlauber.  

Die WM hatte so schnell ihren ersten unfreiwilligen Social-Media-Helden – und einen weiteren Beleg dafür geliefert, dass Fußballspiele heute inhärent mediale Phänomene sind, deren Effekt weit über das Stadion selbst und auch über die TV-Übertragung  hinausreichen. Die Architektur spielt dabei aber eine tragende Rolle. Im Falle Pereira Sampaios wirkt die Meme-Verarbeitung nicht zuletzt deshalb so komisch, weil die hallende Akustik des riesigen Aztekenstadions den Kontrast zwischen Gesagtem und Verstandenem noch mal erhöht. 

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Doch nicht nur sozialmedial sind die WM-Arenen, die uns dieser Tage jeden Nachmittag und Abend begleiten, zunehmend entgrenzte Phänomene. Auch räumlich sehen wir einige Spielstätten, die den Charakter des abgeschlossenen Hexenkessels aufbrechen, um Ausblicke auf die Welt da draußen zu gewähren. Beispiel: das Estadio BBVA im nordmexikanischen Monterrey. Der Stahlriese, „Gigante de Acero“, wie ihn Fans nennen, öffnet sich bewusst nach draußen, um den Blick auf den markanten Hausberg Monterreys freizugeben, den Cerro de la Silla. Dem Architekturbüro Populous ist damit 2015 ein naturräumlicher Clou gelungen. Dieser wird durch die asymmetrische Form des Aluminiumdachs noch mal unterstrichen, die die Silhouette der Sierra Madre nachzeichnet.  

Eher auf städtische Integration setzt das Lumen Field in Seattle. Hier ist Offenheit architektonisches Programm. Nur rund 70 % der Sitzplätze sind überdacht, das Spielfeld selbst liegt unter freiem Himmel. Da das Stadion auch zur Innenstadt hin nahezu komplett offen ist, garantiert ein Platz auf der Tribüne einen Blick Richtung Norden auf die beeindruckende Skyline Seattles. Gen Südosten reicht der Blick bei klarem Wetter sogar bis zum Mount Rainier. Die Offenheit des Stadions irritiert beim Zuschauen zunächst. Letztlich wirken manche der Arenen aus europäischer Sicht ungewöhnlich – aber durchaus inspirierend. Und wer vermutet, dass die Offenheit des Stadions in Seattle der Akustik abträglich ist, liegt falsch. Im Gegenteil war die Idee bei der Planung, dass sich die Lautstärke regelrecht aufschaukelt. Lumen Field gilt als eine der lautesten Arenen der NFL.  

Mit der temporären Umnutzung eines NFL-Stadions steht Seattle exemplarisch für die Grundhaltung dieser WM: auf bestehende Stadien zu setzen. Elf NFL- und Mehrzweckstadien wurden durch Rasentechnologie, Bowl-Umgestaltung und Systemaufrüstung an die FIFA-Standards angepasst. Ob das nun Ausdruck ökologischen Denkens ist oder einfach amerikanischer Pragmatismus, ist eigentlich egal. Und dass so keine beeindruckenden neuen Fußballtempel entstanden sind, ist zu verschmerzen. Immerhin haben speziell die USA danach auch nicht mit weißen Elefanten ohne adäquate Nachnutzung zu tun, wie etwa Katar oder Brasilien nach den dortigen Turnieren.  

SoFi Stadium in Los Angeles © iStock/Getty Images
Mercedes-Benz Stadium in Atlanta © Felix Mizioznikov/Getty Images
Lumen Field in Seattle © iStock/Getty Images
Estadio BBVA in Monterrey © FIFA/Getty Images

Insgesamt ist diese WM ein Großversuch in Sachen Retrofitting

Das SoFi Stadium in Los Angeles verkörpert diesbezüglich einen Extremfall. Die erst 2020 eingeweihte Arena war trotz fünf Milliarden Dollar Baukosten für Fußball ungeeignet. Das Spielfeld musste um gut 19 m verbreitert werden. Dazu lag hier ein Kunstrasen, die FIFA will aber Naturrasen.  

Weniger zu tun war beim Mercedes-Benz Stadium in Atlanta. Das Stadion verfügt von Haus aus über eine spezielle „Soccer Configuration“: Die untersten Sitzreihen verschwinden, um das Spielfeld für Fußball zu verbreitern – und zwar für das MLS-Team Atlanta United, die hier ihre Heimspiele austragen. Die architektonische Form des Stadions wirkt mit den isoliert anmutenden Einzelwänden skulptural, aber auch fragmentarisch. Laut dem verantwortlichen Architekturbüro HOK sollen die Paneele aus Metall und Kunststoff an Falkenflügel erinnern. Hintergrund: Der dortige NFL-Club heißt „Atlanta Falcons“. Prägnant kommt auch die Dachöffnung daher. Inspiriert ist diese vom römischen Pantheon und dessen kreisrundem Loch in der Kuppel, dem Oculus (griechisch Opaion).

Spannende architektonische Formen also sehen wir in den US-Arenen durchaus. Dennoch: Manchem der oft recht jungen Techno-Tempel haftet etwas leicht Aseptisches an. Geschichte atmen sie nicht. Anders als das legendäre Aztekenstadion in Mexiko-Stadt, in den 1960er-Jahren vom mexikanischen Architekten Pedro Ramírez Vázquez realisiert (Eröffnung 1966). Der war einer der Heroen des mexikanischen Modernismus, hatte kurz zuvor das Nationalmuseum für Anthropologie realisiert. Gemeinsam mit Projektpartner Rafael Mijares Alcérreca reiste er zur Vorbereitung wochenlang durch Europa, besuchte Wembley und San Siro. Dennoch atmet der Bau mexikanische Spezifik. Die massiven Betonstützen der Außenfassade erinnern gar ein wenig an aztekische Pyramiden.  

Dennoch war das Stadion zu seiner Zeit hochmodern. Dieses „Estadio Azteca“, in dem Deutschland 1986 gegen Argentinien den WM-Titel knapp verpasste, war gebautes Zeugnis einer Zeit, in der Mexiko einen bemerkenswerten Optimismus entwickelte. Die Wirtschaft wuchs, Drogenkartelle spielten in den 1960ern noch keine Rolle. Und es entstanden ikonische Gebäude – wie eben dieses Stadion. Dessen Dach kommt ohne störende Pfeiler im Zuschauerbereich aus. Heute ist das Standard, damals aber galt es als vorbildlich demokratische Isoptik.  

Vor der WM wurde es jetzt renoviert, modernisiert und von rund 81.000 auf 87.000 Plätze erweitert. Verantwortlich für den Umbau war Javier Ramírez Campuzano, Sohn von Pedro Ramírez Vázquez. Er sagt: „Durch unsere Renovierung bleibt die äußere und innere Struktur erhalten – und das Stadion behält seine Identität.“ Komplett erneuert wurde aber das technische Equipment inklusive der Akustik mit einem System aus über 340 Lautsprechern. Das führt zu einem satten Sound – von dem der arme Wilton Pereira Sampaio vermutlich gern etwas weniger gehabt hätte. 

Buchtipp

Im Callwey-Verlag ist das Buch „Bundesliga-Kathedralen“ erschienen, das Alexander Gutzmer gemeinsam mit dem Fotografen Michael von Hassel realisierte.

Alexander Gutzmer

Alexander Gutzmer ist promovierter Kulturwissenschaftler und Professor für Kommunikation und Medien an der Berliner Quadriga-Hochschule. Der Publizist leitete lange das Fachmagazin Baumeister und ist heute Beirat des DAB.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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