Nachhaltig bauen, flexibel nutzen: Schule als multifunktionaler Quartiersbaustein
Zunehmend setzt man in München auf partizipative Schulkonzepte: Mehrfachnutzung, Öffnung ins Quartier und nachhaltige Bauweisen. So bleibt die Bildungsinfrastruktur auch in einer hochverdichteten Stadt zukunftsfähig.
München wächst weiter. Im Jahr 2024 lebten gut 1,6 Millionen Menschen in der Isarmetropole. Bis zum Jahr 2024 erwartet man einen weiteren Anstieg der Bevölkerung um 14 % auf voraussichtlich 1,83 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Diese Entwicklung stellt die Stadt in erster Linie vor die Herausforderung, genügend Wohnraum zu schaffen. Doch auch die dazugehörigen Infrastrukturmaßnahmen wie Schulen, Kitas, Sport- und Kultureinrichtungen, müssen gebaut oder instandgesetzt werden. Das alles vor dem Hintergrund der hohen Flächenkonkurrenz einer hochverdichteten Stadt, der steigenden Kosten und der vielfältigen Anforderungen durch Klimaschutz und Nachhaltigkeit.
Räume, die über sich hinauswachsen
Ein vielversprechender Lösungsansatz liegt in der intelligenten Mehrfachnutzung vorhandener Flächen und einer damit verbundenen Öffnung der Schulen ins Quartier über den reinen Schulbetrieb hinaus. Nutzungen für die Ganztagsbetreuung, Hausaufgabenhilfen oder muttersprachlichen Ergänzungsunterricht gehören bereits wie selbstverständlich dazu. Sie markieren jedoch nur einen ersten Schritt hin zu Schulen als vielfältig vernetzten Quartiersbausteinen. Ein Blick nach Skandinavien zeigt, in welche Richtung es gehen könnte: Viele Schulen, wie beispielsweise „Das Herz“ im dänischen Ikast oder das „Haus der Generationen“ in Nivå, verstehen sich mehr als lokale, kulturelle Wissenszentren für alle denn als Bildungsorte im klassischen Sinn. Durch die Zusammenarbeit mit lokalen Verbänden können Räume in der Schule, aber auch Sport- und Freizeitflächen zu unterschiedlichen Zeiten von verschiedenen Akteurinnen und Akteuren gebucht und genutzt werden. Ein Planungsansatz, der einen stadtgestalterischen Mehrwert für die gesamte Stadtgesellschaft in Aussicht stellt und hilft, zusätzliche Versiegelungen von Flächen und hohe Baukosten zu vermeiden.
Dass dieser Ansatz auch in München Schule macht, bestätigt Stadtbaurätin Elisabeth Merk: „Auf vielfältige Weise prägen Schulen das Image und die Identität eines Quartiers ganz entscheidend mit. Die Planung von multifunktionalen, architektonisch qualitätsvollen und städtebaulich optimal eingebundenen Schulbauten ist deshalb integraler Bestandteil unserer nachhaltigen und klimafreundlichen Stadtentwicklung.“
Mit dem Lernhauskonzept und den Campuslösungen wurden erste Voraussetzungen bereits geschaffen. Ganztagsbetreuung kann beispielsweise innerhalb der Lernhäuser stattfinden, sodass keine zusätzlichen Hortgebäude benötigt werden und die dafür vorgesehenen Flächen anderweitig genutzt oder begrünt werden können. Sportflächen werden außerhalb des Schulsports seit Jahren von Vereinen, Unternehmen oder anderen kommerziellen Anbietern genutzt und leisten damit einen wichtigen Beitrag für die Belebung der Quartiere. Ein inklusionsorientierter Ansatz ist dabei selbstverständlich, damit alle Menschen gemeinsam Sport treiben und erleben können. Auch Klassenräume, Pausenhallen und Mensen werden bereits für Kurse der Volkshochschule oder Veranstaltungen der Stadtgesellschaft genutzt. Umgekehrt können in den Unterricht integriere Angebote externer Einrichtungen die Schülerinnen und Schüler auf die lokale Gemeinschaft aufmerksam machen und zu Treffen und Austausch anregen.
Mehr Grün für alle
Weiterhin gibt es erste Überlegungen, ob auch Schulhöfe außerhalb der Schulzeiten geöffnet und bespielt werden können. Deren Entsieglung und Begrünung würden nicht nur die Vielfältigkeit der Nutzung erhöhen, sondern hätten auch eine Verbesserung des Stadtklimas zur Folge. Gisela Inzinger vom Referat für Bildung und Sport erläutert. „In der dicht bebauten Stadt München fehlen frei nutzbare Flächen für Kinder und Jugendliche. Deshalb öffnet das Referat für Bildung und Sport Schulhöfe und Schulsportplätze auch außerhalb der Unterrichtszeiten. Diese Orte sind vertraut, sicher und bieten Raum für Spiel, Bewegung und Begegnung. Dabei müssen Sicherheit, Lärmschutz und ein reibungsloser Schulbetrieb gewährleistet bleiben. Durch eine sorgfältige Prüfung gelingt es, immer mehr Schulhöfe für die Öffentlichkeit bereitzustellen.“ Diese Themen sind nicht trivial und führen immer wieder zu Diskussionen. Um Räume zu schaffen, die sowohl schützende Lernorte als auch offene Begegnungsflächen sind, bedarf es nicht nur einer ganzheitlichen Planung unter Einbeziehung aller Beteiligten, sondern auch baulicher und organisatorischer Maßnahmen, wie zum Beispiel die Regelung von Zugangsrechten und Verantwortlichkeiten der verschiedenen Akteurinnen und Akteure.
Schöne Aussichten
Wenn man die genannten Ansätze noch weiterentwickeln möchte, bieten zusätzliche Nutzungsmöglichkeiten auf dem Schulareal, wie zum Beispiel ein Repair-Café, konkrete Chancen, sich am sozialen Miteinander zu beteiligen, sich kennenzulernen und weitere gemeinsame Projekte ins Leben zu rufen. Dies bietet vor allem in neuen Stadtvierteln, wo es noch keine gewachsene Infrastruktur gibt, Potenzial zur Vernetzung und Belebung des Quartiers. Profitieren würden die Schulgemeinschaft und die Bevölkerung auch von Kooperationen mit außerschulischen Personenkreisen unterschiedlichster Altersgruppen wie zum Beispiel einem Jugend-, Eltern- und Seniorentreff, einen Co-Working-Space, einer Kochschule oder verschiedenen Beratungsstellen. Vorbildcharakter haben beispielsweise die Münchner Stadtbibliotheken. Hier weiß man sehr genau, was es bedeutet, Bildungsgerechtigkeit – der Schlüssel für eine zukunftsfähige Gesellschaft – in Infrastruktur zu übersetzen. Wenn Schulen, wie Bibliotheken, als soziale Orte des Quartiers gedacht werden, gilt es, alle Beteiligten frühzeitig einzubinden, um gemeinsam Räume zu gestalten, die den vielfältigen Bedürfnissen in der Stadt gerecht werden und allen Menschen die gleichen Chancen eröffnen.
Der Weg zum Ziel
Dies alles kann jedoch nur gelingen, wenn ein gemeinsames Zielverständnis und ein transformatives Leitbild bestehen. Zudem bedarf es Mut aufseiten der Bauherrinnen oder Bauherren sowie einer frühzeitigen Diskussion auf Augenhöhe und Einbindung aller beteiligten Referate, Planenden und zukünftigen Nutzenden. Dabei geht es nicht darum, Wunschzettel zu formulieren, sondern sich gemeinschaftlich über die Priorisierung des Möglichen, funktionsfähige Organisationsmodelle und alternative Geschäftsprozesse abzustimmen, um die Ideen aus der Entwicklungsphase auch im späteren Betrieb verankern zu können. Im Rahmen der Projektentwicklung hat sich die sogenannte „Phase Null“ als Erfolg versprechend gezeigt. Wichtige Fragestellungen und Entscheidungen werden damit in die Anfangsphase des Prozesses verlegt und mit allen Beteiligten geklärt. Zu bedenken ist aber, dass dies den Prozess in der Anfangsphase zeitintensiver macht. In den nachgelagerten Leistungsphasen lässt sich dies jedoch ausgleichen und durch optimierte Planungs- und Bauprozesse kompensieren. Gemeinsames Ziel muss es sein, mögliche Konflikte frühzeitig zu erkennen und innovative, nachhaltige Lösungen zu entwickeln, die den Anforderungen an Klimaschutz, soziale Integration und Kosteneinsparung gerecht werden. So können Schulen der Zukunft nicht nur Lernorte sein, sondern offene und flexible Räume werden, die das soziale Miteinander fördern, lebendige Quartiere entstehen lassen und die Stadtgesellschaft bereichern.
Das könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven DAB Update!