Print ist tot? Warum Architekturbücher bleiben
Informationen sind heute jederzeit verfügbar. Dennoch entstehen weiterhin Architekturbücher – als Handbücher, Essays, Debattenbände oder Monografien. Drei Verleger erklären, welche Rolle das gedruckte Medium heute noch spielt.
Architektur wird heute überwiegend digital vermittelt. Projekte erscheinen auf Webseiten, Debatten werden über Newsletter und soziale Medien geführt und Fachinformationen sind jederzeit verfügbar. Wer sich schnell informieren möchte, findet nahezu alles online. Dennoch entstehen weiterhin Architekturbücher – und das keineswegs nur als Monografien. Verlage veröffentlichen Handbücher zu neuen Bauweisen, Essays zu aktuellen Fragen des Planens, Stadtporträts, Forschungspublikationen und Debattenbände. In einer Zeit, in der Informationen permanent verfügbar sind, liegt ihr Wert offenbar nicht mehr allein im Zugang zu Wissen. Bücher erfüllen andere Aufgaben: Sie ordnen Themen, stellen Zusammenhänge her und schaffen Raum für eine konzentrierte Auseinandersetzung. Sie bündeln Wissen, das über Jahre Bestand haben soll, und machen sichtbar, welche Fragen eine Disziplin beschäftigen. Damit sind sie mehr als ein Trägermedium für Inhalte – sie sind Ausdruck einer redaktionellen Haltung und eines bewussten Umgangs mit Wissen.
Welche Leistungen können Architekturbücher heute erbringen? Und welche Rolle sehen Verlage in einer Öffentlichkeit, die zunehmend von digitalen Formaten geprägt wird? Drei Verleger geben darauf ihre Antworten.
Inhaltsverzeichnis
Architekturführer Turkmenistan
„Die Frage ‚Print oder digital?‘ interessiert mich eigentlich nur am Rande. Beides muss heute parallel gedacht werden. Die eigentliche Herausforderung für uns als Verlag liegt woanders: Wie gehen wir mit Wissen um?
Nach mehr als 20 Jahren Verlagstätigkeit haben wir über 800 Bücher veröffentlicht. Daraus ist ein einzigartiger Wissensbestand entstanden, der Architektur auf nahezu allen Kontinenten dokumentiert und in Beziehung setzt. Die zentrale Aufgabe der kommenden Jahre besteht für uns deshalb nicht nur darin, neue Titel zu produzieren, sondern auch darin, dieses Wissen als Gesamtheit zu kuratieren, zu vernetzen und dauerhaft zugänglich zu machen. Wir verstehen den Verlag zunehmend als verlässliche Wissensquelle. In einer Zeit, in der Inhalte immer schneller produziert, verbreitet und durch künstliche Intelligenz beliebig reproduziert werden können, gewinnen Einordnung, Autorenschaft, Quellenkritik und redaktionelle Verantwortung an Bedeutung. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Wissen auf Papier oder auf einem Bildschirm erscheint. Entscheidend ist, wer es geprüft, eingeordnet und über Jahre hinweg aufgebaut hat.
Die Resilienz und Qualität eines Verlags bemisst sich somit weniger am Trägermedium als an seiner Fähigkeit, Vertrauen in Wissen zu schaffen.“
Prof. Dr. Philipp Meuser,
praktizierender Architekt und Verleger von DOM publishers
Take On Add Away
„Im Jahr 1998 prognostizierte Bill Gates, dass es im Jahr 2000 keine gedruckten Zeitungen mehr geben werde. Damit lag er zwar falsch, aber ich selbst lese meine Tages- und Wochenzeitungen schon lange nur noch im digitalen Abo.
Zwar genieße ich es immer, wenn ich ein gedrucktes Exemplar in den Händen halte, doch die Vorzüge der digitalen Variante überwiegen: Nachrichten werden permanent aktualisiert, sind über unser Smartphone jederzeit verfügbar und lassen sich in Sekunden durchsuchen. Zudem wächst zu Hause kein Papierstapel, der mich täglich daran erinnert, was ich noch lesen wollte, aber nie geschafft habe, bis ich ihn irgendwann mit schlechtem Gewissen ins Altpapier gebe.
Aber Architekturbücher sind keine Zeitungen. Sie sind nicht schnelllebig. Sie haben ein langes Leben und sind das Gegenmittel zur Instant Gratification des Internets. Genau deshalb gründeten wir 2008 Ruby Press und publizieren seitdem gedruckte Bücher.
Das Aufschlagen und Lesen eines Buches erzeugt eine andere Form der Konzentration als das Scrollen durch eine Webseite, auf der jede Ablenkung nur einen Klick entfernt ist. „Begreifen“ leitet sich nicht nur etymologisch von „greifen“ ab. Wir begreifen die Welt, indem wir sie mit den Händen fassen. Wie Architektur ist auch ein Buch ein physisches Objekt mit ganz spezifischen Eigenschaften: Es hat ein Format, ein Gewicht und eine Materialität. Ein Werkverzeichnis liegt anders in der Hand und öffnet sich anders als ein Taschenbuch.
Ein Buch vermittelt Informationen nicht nur in Form von Text und Bild, sondern spricht alle Sinne an. Wir riechen die Druckfarbe und hören das Rascheln der Seiten. Wir verknüpfen den Inhalt eines Buchs mit diesen sinnlichen Wahrnehmungen und erinnern uns dadurch intensiver an das Gelesene und Gesehene. Hinzu kommt, dass die Größe von Text und Bildern sowie ihr Verhältnis zueinander im Buchlayout präzise komponiert werden – unabhängig von Fensterbreite oder Bildschirmauflösung. Auch diese räumliche Verortung von Informationen hilft uns, Gelesenes dauerhaft zu erinnern, genauso wie unsere persönlichen Notizen und Lesezeichen, mit denen wir bestimmte Stellen im Buch physisch markieren können.
Während Inhalte online jederzeit bearbeitet oder gelöscht werden können, ist ein Buch ein in sich geschlossenes Werk, das zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer begrenzten Auflage entstanden ist. Es ist ein kuratiertes, verbindliches Objekt, das durch seinen Platz im Regal Präsenz zeigt und noch da ist, wenn der Server längst abgeschaltet wurde.“
Ilka Ruby
Kuratorin, Autorin und Verlegerin für Architektur und Urbanismus, Mitgründerin von Ruby Press
Meditations in Entropy
„Die digitale Medienwelt eignet sich gut für das schnelle Rezipieren, Verarbeiten und Vergessen von Inhalten. Sorgfältig konzipierte, präzise reflektierte, anspruchsvoll gestaltete und schön materialisierte Architekturbücher helfen dagegen beim Nachdenken und Vorwärtshandeln für eine ambitionierte und nachhaltige Welt des Gebauten. Daher fließen viel Zeit und Aufmerksamkeit in unsere Bücher, die auch Zeit und Aufmerksamkeit bei der Rezeption und beim Genießen erfordern und ermöglichen.
Eine anspruchsvolle Printwelt ist ganz und gar nicht tot! Tot ist eher die standardisierte und rationalisierte Konsumierbarmachung von Inhalten, egal ob digital oder gerade noch knapp gedruckt. Denn diese wird tatsächlich nur noch sehr oberflächlich wahrgenommen. Mein aktuelles Lieblingsbuch ist die Monografie ‚Meditations in Entropy. The Work of Kashef Chowdhury / URBANA‘, die soeben als eines der Schönsten Deutschen Bücher ausgezeichnet wurde. Sie zeigt hervorragende Architektur in einem der ärmsten Länder der Welt, die visionär entworfen wurde und ein starkes soziales Engagement für eine vom Klimawandel heftig betroffene Weltgegend widerspiegelt. Anschauungsunterricht für Architektinnen und Architekten überall.“
Thomas Kramer,
Verleger/Publisher, Verlag Scheidegger & Spiess / Park Books
DAB Redaktion
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