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„Die Schultür aufmachen – für die Stadt“

Seit 2013 bringt das Stadtentdecker-Projekt Schülerinnen und Schüler in Brandenburg dazu, ihre gebaute Umwelt mit anderen Augen zu sehen. Begleitet von Architektinnen und Architekten, eingebettet in den Schulunterricht und präsentiert vor echten Entscheidungsträgern, lernen die Kinder und Jugendlichen ihre Stadt neu kennen.

DAB Redaktion
19.06.2026 8min
"Ein Mosaik aus zwölf Porträtfotos. Jedes Bild zeigt ein oder zwei Schüler, die stolz vor einer Schultafel stehen und ihre selbstgebastelten Architektur-Modelle aus Pappe, Papier und Naturmaterialien präsentieren. Die Modelle sind sehr unterschiedlich gestaltet, von farbenfrohen Häusern bis hin zu Burgruinen."
© Martina Nadansky

Hinter dem Projekt stehen zwei Frauen, die das Kernprinzip des Projekts verkörpern: Mascha Kleinschmidt-Bräutigam, Lehrerin und ehemalige stellvertretende Direktorin des Landesinstituts für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM, heute LIBRA), sowie Sabine Thürigen, Architektin und Mitglied der Brandenburgischen Architektenkammer. Ein Gespräch mit dem DAB über das, was Schule kann – und was sie noch lernen muss.

DAB: Wenn Sie die Kernidee der Stadtentdecker in einem Satz zusammenfassen müssten, wie würde dieser lauten?

Mascha Kleinschmidt-Bräutigam: Schülerinnen und Schüler bekommen die Chance, die Schultür aufzumachen und ihre Umgebung, durch die sie jeden Tag gehen, mit anderen Augen zu sehen. Diese anderen Augen leihen wir uns von Architektinnen und Architekten, die sie dabei begleiten.

Sabine Thürigen: Aus der Perspektive von Architektinnen und Architekten geht es darum, etwas zu vermitteln, das man sonst kaum benennt: dass Architektur mit allen Lebenssituationen zu tun hat. Dass man sich immer in einem Raum befindet, der einen beeinflusst. Und dass man lernen kann, darauf Einfluss zu nehmen – als Kinder, als Jugendliche, später als Bürgerinnen und Bürger. Kinder begreifen das sehr schnell, wenn man ihnen die entsprechenden Möglichkeiten bietet. 

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Stadtentdecker-Projekte sind seit dem Start 2013 durchgeführt worden. Mehr Infos zu den Standorten auf der Karte „Baukultur in Brandenburg“

Wie läuft das konkret ab?

Kleinschmidt-Bräutigam: Das Projekt ist themen- und ergebnisoffen und richtet sich an Schülerinnen und Schüler der vierten Klasse bis zum Abitur. Trotz der Offenheit gibt es klar strukturierte Phasen: Zunächst findet ein Eröffnungsgespräch mit Vertreterinnen und Vertretern der Stadt, der Schulleitung, der Lehrkraft und der Architektin oder dem Architekten statt. Anschließend folgt ein Stadtspaziergang mit Klemmbrett und echten Beobachtungsaufgaben. Danach beginnt die Arbeitsphase, in der in Gruppen gebaut, gezeichnet, manchmal auch gedichtet oder gefilmt wird. Zum Abschluss findet eine öffentliche Präsentation der Arbeitsergebnisse vor Entscheidungsträgerinnen oder -trägern und dem sogenannten Stadtentdecker-Gespräch mit Entscheidungsträger:innen, den beteiligten Pädagog:innen und Architekt:innen sowie drei vorher benannten Schüler:innen statt. Wichtig: Der Ort ist kein Schulraum, sondern ein öffentlicher Raum in der Stadt.

Thürigen: Was mich immer wieder überrascht, ist die Tatsache, wie unterschiedlich die Architektinnen und Architekten ihren ersten Auftritt in der Klasse gestalten. Manche halten einen Vortrag über Architektur, andere zeigen sofort Beispiele und wieder andere haben schon eine konkrete Idee. Wobei wir immer sagen: Am Ende entscheiden die Schülerinnen und Schüler. Der Rahmen ist gesetzt, aber der Inhalt gehört ihnen.

"Eine Gruppe von etwa fünfzehn Schülern steht auf einer Holzbrücke mit Metallgeländer und blickt neugierig hinunter auf einen kleinen Bach. Die Schüler sind unterschiedlich gekleidet und haben teils Rucksäcke auf. Im Hintergrund sind Bäume und ein Backsteingebäude mit einem roten Dach zu sehen."
Stadtspaziergang © Martina Nadansky
Eine ungewöhnliche Perspektive. Von links unten ragt der Kopf eines Jungen mit braunen Haaren ins Bild, der durch einen großen, leuchtend roten Holzrahmen blickt, den er selbst hält. Der Rahmen umrandet eine herbstliche Parklandschaft mit einem bewachsenen Teich und dichten Bäumen im Hintergrund.
Stadtspaziergang © Martina Nadansky
Eine Weitwinkelaufnahme eines belebten, gemütlichen Raumes mit vielen Tischen, an denen überwiegend Mädchen an verschiedenen Kunstprojekten arbeiten. Die Tische sind mit Zeitungspapier, Farbkästen, Pinseln und Bastelmaterial bedeckt. Im Vordergrund sitzt ein Mädchen mit langen braunen Haaren und malt. An der hinteren Wand hängt ein ausgefallenes Kunstwerk: eine als Meerjungfrau gestaltete Schaufensterpuppe in einem Fischnetz.
Arbeitsphase © Martina Nadansky
"Zwei Jungs arbeiten konzentriert an einem großen städtebaulichen Modell auf einem Holztisch. Der linke Junge im schwarzen Pullover schaut genau zu, während der rechte Junge im blauen Pullover mit einer kleinen Schere ein schwarzes Band zuschneidet, das eine Straße darstellen könnte. Das Modell zeigt quaderförmige Gebäude aus gelbem Schaumstoff, geschwungene weiße Elemente und kleine Modellbäume
Arbeitsphase © Brandenburgische Architektenkammer

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Was unterscheidet dieses Projekt von anderen, die an Schulen durchgeführt werden?

Kleinschmidt-Bräutigam: Es gibt eine bestimmte Art von Projektangeboten für Schulen, bei denen ein schöner Medienkoffer kommt; die Kinder arbeiten Aufgaben ab und dann geht der Koffer wieder. Das war nie unser Weg. Die Schule muss einen aktiven Beitrag leisten. Die Lehrkraft muss wirklich dabei sein, sowohl beim Spaziergang als auch in der Arbeitsphase. Nicht weil wir Aufsicht brauchen, sondern weil von diesem Projekt Impulse in den Unterricht ausgehen sollen. Das macht das Projekt nicht gerade zum Selbstläufer. Wir sind nicht überlaufen. Es erfordert Arbeit, die ein bisschen anders ist als die gewohnte.

Thürigen: Aber wenn man sich darauf eingelassen hat, hat man gewonnen. Das sagen eigentlich alle. 

Was erleben Lehrkräfte, die das Projekt durchführen?

Thürigen: Häufig berichten Lehrerinnen und Lehrer im Nachhinein, dass sie ihre Schülerinnen und Schüler durch das Projekt von einer ganz anderen Seite erlebt haben. Das betrifft besonders die, die im normalen Schulalltag hinten runterfallen, die sogenannten schwierigen Schüler. Dabei sind es manchmal diese Schüler, die alle mitreißen. Das ist auch für Lehrkräfte ein echtes Aha-Erlebnis.

Kleinschmidt-Bräutigam: Das liegt auch daran, dass hier eine andere Art von Können gefragt ist. Wer sprachlich im Unterricht nicht mithalten kann, hat trotzdem die Möglichkeit, ein Modell zu bauen, das alle umhaut. Und beim Bauen kommt dann auch die Sprache. 

Wie meinen Sie das?

Thürigen: Das ist etwas, das uns wirklich fasziniert. Die Kinder fangen an, mit dem Material zu hantieren, und dann kommen die Ideen. Nicht umgekehrt. Am Anfang fragt man sich: Was sollen wir denn bauen? Doch sobald das Papier oder der Karton auf dem Tisch liegt, entsteht auf einmal etwas. Dieser Weg, über die Hände zu denken, ist in der Schule einfach nicht üblich.

Kleinschmidt-Bräutigam: Was mich dabei immer beschäftigt: Dasselbe Material ergibt unter Anleitung einer Kunstlehrerin etwas anderes als unter Anleitung eines Architekten. Das klingt banal, ist es aber nicht. Zwischen ästhetischer und baukultureller Bildung gibt es eine Schnittmenge, aber es ist nicht dasselbe. Das habe ich ehrlich gesagt selbst erst in diesem Projekt verstanden.

Thürigen: Als wir angefangen haben, gab es den Begriff „baukulturelle Bildung“ noch gar nicht. Wir waren einfach architekturvermittelnd unterwegs. Der Begriff ist erst in den letzten Jahren entstanden. Und dann merkten wir: Das ist ja genau das, was wir die ganze Zeit über machen

"Ein Stillleben aus einem Video, das Dreharbeiten in einem Treppenhaus zeigt. Ein Mädchen im grauen T-Shirt hält eine Filmklappe (Clapperboard) in die Kamera, während ein anderes Mädchen mit einer DSLR-Kamera filmt. Rechts hält ein Junge mit Kopfhörern eine Tonangel mit einem Mikrofon hoch. Im Hintergrund geht ein weiteres Mädchen die Treppe hoch."
Making-of eines Projektfilms zur Präsentation © Maria Pegelow
"Eine Gruppe von Jugendlichen geht durch einen Raum und hält handgemalte Schilder hoch. Ein gelbes Schild vorne zeigt ein gezeichnetes Fahrradrad mit der Aufschrift 'I want to ride my bicycle'. Ein anderes weißes Schild zeigt ein grünes 'H' im Kreis, das für eine Bushaltestelle steht. Die Jugendlichen schauen erwartungsvoll und lächeln teils."
Öffentliche Präsentation © Martina Nadansky
"Ein Mädchen mit einem Pferdeschwanz steht im Vordergrund und schaut zu zwei Männern, die sich angeregt über ein Modell einer Bushaltestelle auf dem Tisch unterhalten. Das Modell hat ein grünes Dach und blaue Bänke. Auf dem Tisch liegt auch ein großes Plakat mit der Aufschrift 'HALTESTELLE', wobei das 'H' als Bushaltestellensymbol gestaltet ist."
Öffentliche Präsentation © Martina Nadansky
"Ein Blick in einen Ausstellungsraum mit Holzboden und weißen Wänden. Auf mehreren Tischen, die über den Raum verteilt sind, stehen filigrane Architekturmodelle, die meisten davon weiß und minimalistisch. An der rechten Wand hängen drei große, dunkle Porträtgemälde in goldenen Rahmen, die historische Persönlichkeiten zeigen."
Ausstellung © Markus Tauber

Wenn Schülerinnen und Schüler anfangen, ihre Stadt mit anderen Augen zu sehen, entsteht genau das, was wir für eine lebendige Baukultur brauchen: Interesse, Verantwortung und der Mut, sich einzumischen. Das Stadtentdecker-Projekt verbindet Bildung, Architektur und Demokratie auf beispielhafte Weise. Deshalb fördern wir dieses Engagement aus Überzeugung.

Robert Crumbach

Minister für Infrastruktur und Landesplanung des Landes Brandenburg 

Wie politisch ist das Projekt?

Kleinschmidt-Bräutigam: Es lässt sich in das einordnen, was in den Rahmenlehrplänen als „Demokratieerziehung“ bezeichnet wird. Aber ich finde, man muss das gar nicht so hoch hängen. Was passiert, ist eigentlich ganz einfach: Schülerinnen und Schüler erleben, dass ihre Meinung, ihre Wünsche, Vorschläge und Erwartungen ein echtes Publikum finden. Nicht die Lehrkraft, die mit Zensuren ihre Ideen, Vorschläge und Produkte bewerten muss, sondern im besten Fall ein Bürgermeister, der zuhört, Rückmeldung gibt und den Blick auf die Zusammenhänge der Realität eröffnet, ist das Ziel der Arbeit. Das vermittelt ein Gefühl der Selbstwirksamkeit bei den zukünftigen Bürgerinnen und Bürgern.

Thürigen: Und gleichzeitig lernen sie, dass Zuhören noch kein Umsetzen ist. Die Frage „Und wird das dann auch wirklich gebaut?“ kommt in jedem Projekt auf. Auch von den Schülern selbst.

Kleinschmidt-Bräutigam: Das ist eine sensible Stelle, die man nicht einfach übergehen darf. Demokratie bedeutet auch, dass ich etwas einbringen kann, ohne damit automatisch Durchsetzungskraft zu haben. Es gibt andere Kräfte, andere Zwänge, andere Zeiträume. Gut argumentieren ist trotzdem nicht sinnlos, im Gegenteil. Aber die Qualität unseres Projekts liegt nicht darin, ob am Ende ein Gebäude gebaut wird.

Thürigen: Natürlich ist es schön, wenn es passiert. Und es passiert auch. Es gab Schulhöfe, die wirklich umgestaltet wurden, und einen Jugendclub, der saniert wurde. Es gab Schülerinnen, die in Ausschüsse eingeladen wurden oder bei einem Wettbewerb mitreden durften. Das sind Highlights. Aber das wird nicht der Maßstab sein.

Kleinschmidt-Bräutigam: Was sich als Standard entwickelt hat: Die Ergebnisse bleiben nach dem Tag der öffentlichen Präsentation noch eine Weile sichtbar. Es gibt zum Beispiel eine Ausstellung im Rathaus, im öffentlichen Raum. Die Schülerinnen und Schüler erleben, dass ihre Arbeit nachwirkt, auch wenn kein Gebäude entsteht. 

"Ein Porträtfoto von zwei älteren Frauen, die nebeneinander stehen und in die Kamera lächeln. Die linke Frau hat kurzes, weißes Haar und trägt einen schwarzen Pullover mit einer weißen Bluse darunter und einer Brosche. Die rechte Frau hat längeres, lockiges, grau-braunes Haar und trägt ein blau-weiß gestreiftes Langarmshirt."
Mascha Kleinschmidt-Bräutigam und Sabine Thürigen © Maria Pegelow

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Projekts?

Thürigen: Es sollten mehr Architektinnen und Architekten Lust haben, in die Schule zu gehen. Es gibt einige, denen das wirklich am Herzen liegt und die auch nach Jahren immer wiederkommen. Ich verstehe aber auch jeden, der das nicht macht, denn der Aufwand ist real. Aber was man zurückbekommt, wenn man mit Kindern so arbeitet, ist erstaunlich.

Kleinschmidt-Bräutigam: Ich wünsche mir eine Schule, die schülerorientierte Lernformen wirklich ernst nimmt. Der Schlüssel für unseren Erfolg liegt meiner Überzeugung nach darin, dass Schülerinnen und Schüler sich wiederfinden – in dem, was sie machen. Das geht mit Architektur. Aber es könnte genauso gut mit Medizin, Klimawandel oder Justiz gehen. Architektur ist für mich kein Allheilmittel. Sie ist aber ein wirksamer Anlass, das Nachdenken über uns selbst und unsere Gesellschaft zu eröffnen.

Also kein Schulfach Architektur?

Kleinschmidt-Bräutigam: Bitte nicht. Ich verstehe den Wunsch, halte ihn aber für falsch. Was ich mir wünsche, ist, dass die Vermittlung der eigenen Profession in der Ausbildung sowohl akademischer als auch handwerklicher Berufe mehr Gewicht hat. Wenn wir verstehen, was ein anderer Mensch beruflich tut und was er für die Gesellschaft beiträgt, kann ein Klima gegenseitiger Anerkennung entstehen, in dem das Wir mehr Raum hat als die Abgrenzung. Schule gewinnt nicht durch ein neues Fach, sondern indem sie sich in die Gesellschaft öffnet. Und dazu braucht es uns alle.  

Thürigen: Und wo man nebenbei auch Freunde findet. Eine Viertklässlerin aus Cottbus hat es einmal sehr treffend ausgedrückt: „Ich habe durch das Projekt erfahren, dass man beim Arbeiten Freunde kennenlernen kann.“ Ein Erlebnis, das bleibt. 

"Ein Porträtfoto von zwei älteren Frauen, die nebeneinander stehen und in die Kamera lächeln. Die linke Frau hat kurzes, weißes Haar und trägt einen schwarzen Pullover mit einer weißen Bluse darunter und einer Brosche. Die rechte Frau hat längeres, lockiges, grau-braunes Haar und trägt ein blau-weiß gestreiftes Langarmshirt."
Zu den Personen

Mascha Kleinschmidt-Bräutigam & Sabine Thürigen

Mascha Kleinschmidt-Bräutigam ist Lehrerin und war stellvertretende Direktorin des Landesinstituts für Schule und Medien Berlin-Brandenburg. Seit 2010/11 ist sie in der AG Architektur + Schule der Brandenburgischen Architektenkammer Teil der Projektleitung der Stadtentdecker. 


Sabine Thürigen ist Architektin, Mitglied der Brandenburgischen Architektenkammer und ebenfalls in der AG Architektur + Schule seit 2010/11 an der Entwicklung und Leitung des Stadtentdecker-Projekts beteiligt.  

Zum Projekt

Stadtentdecker ist ein Projekt der Brandenburgischen Architektenkammer, gefördert durch das Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung (MIL), in Kooperation mit dem Landesinstitut Brandenburg für Schule und Lehrkräftebildung (LIBRA), unterstützt durch das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (MBJS).  

Mehr unter www.ak-brandenburg.de 

Kontakt: Dipl.-Ing. Maria Pegelow
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Wettbewerb und Vergabe
Brandenburgische Architektenkammer
pegelow@ak-brandenburg.de 

DAB Redaktion

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