Zwischen Dorf und Diskurs: Baukulturvermittlung auf Oberpfälzisch
Studiobesuch: Wie ein Architekturbüro die Vortragsreihe „Architektur + Baukultur“ organisiert und damit seit 25 Jahren zeigt, dass gute Baukulturvermittlung vom Ort und vom Austausch lebt.
Wien, Los Angeles, Neumarkt in der Oberpfalz. Architektur wird mit den Orten verbunden, an denen sie stattfindet. Wo sie geplant, realisiert und auch vermittelt wird. Orte spiegeln das internationale Flair von Architekt:innen wider, lassen sie und ihre Projekte kosmopolitisch und glanzvoll erscheinen. Im Vortragsportfolio der Referent:innen, die in Neumarkt bei „Architektur + Baukultur“ sprechen, finden sich all die genannten Städte. Die Kreisstadt südöstlich von Nürnberg springt dabei direkt ins Auge, bringt einen lokalen Farbtupfer in die mondäne Auflistung.
Nicht weit entfernt, im kleinen Pilsach, liegt das Büro „Berschneider + Berschneider“. Klare geometrische Formen, viel Holz, große Fenster. Im hellen Besprechungsraum stimmen Melanie Schlegel und Andreas Schmid die letzten Details für den Abend ab. Das Büro organisiert das Format, das Bürogründer Johannes Berschneider 2001 ins Leben rief. Hauptveranstalter ist der BDA Kreisverband Regensburg-Niederbayern-Oberpfalz, in Kooperation mit dem Treffpunkt Architektur Niederbayern und Oberpfalz und weiteren Partnern.
Gute Architekturvermittlung braucht keine Agenda
Im Frühjahr stehen drei Werkvorträge von Büros aus Österreich auf dem Programm. Das entspricht keiner geplanten Agenda, inhaltliches Kriterium ist nur die architektonische Qualität: Bezieht ein Projekt den Standort und die Umgebung mit ins architektonische Konzept ein? Sind nicht nur technische, sondern auch gesellschaftliche und klimatische Dimensionen bedacht? Werden Materialien effizient und nachhaltig eingesetzt? Bei der Auswahl der Referent:innen zählt zudem, dass sie die Geschichten hinter ihren Projekten anschaulich vermitteln. „Kürzlich wurde die Käserei eines Familienbetriebes vorgestellt. Die Besonderheit eines solchen Holzbaus vermittelt man nicht mit Dämmwerten, sondern über seine Entstehungsgeschichte, den Standort und die Potenziale des Materials, die sich in der Bauweise widerspiegeln“, erklärt Schmid. Zu den Abenden kommen Menschen mit unterschiedlichem fachlichem Hintergrund und aller Altersstufen. Manche waren schon weit mehr als siebzigmal dabei. Nach den Vorträgen wird gemeinsam im Foyer des Museums für historische Maybach-Fahrzeuge, wo die Veranstaltungen stattfinden, diskutiert und gefachsimpelt – bei „Wurschtbrot“ und Wein.
132
Vorträge haben bereits stattgefunden.
300
Besuchende kommen regelmäßig zu den Abenden.
Es sollen gute architektonische Beispiele gezeigt werden, praxisnah, ohne Fachjargon und fern akademischer Diskurse. Die Tiefe leidet darunter nicht: Viele Vortragende sind überrascht vom Wissen des Publikums, das über Jahre gewachsen ist. Neben dem Qualitätsbewusstsein bekommen die Besucherinnen und Besucher auch ein Gespür dafür, welche Themen gerade aktuell sind. Gute Architektur setzt sich per se mit den drängendsten Fragen der Zeit auseinander. Standen vor zwanzig Jahren noch neue Materialien und technische Innovationen im Mittelpunkt, sind es heute Fragen von Nutzungsmischung, Nachverdichtung und Kreislaufwirtschaft.
Das Studio
Das Studio
Das Architekturbüro „Berschneider + Berschneider“ mit Sitz in Pilsach wurde 2002 von Gudrun und Johannes Berschneider gegründet und setzt die Arbeit eines Büros fort, das seit 1984 besteht. Heute sind hier 40 Mitarbeitende tätig. Zu den wichtigsten Bauten zählen das Museum Lothar Fischer und das Museum für historische Maybach-Fahrzeuge, beide in Neumarkt. 2001 rief Johannes Berschneider die Vortragsreihe „Architektur + Baukultur“, neben weiteren Formaten der Baukulturvermittlung, ins Leben. Bis heute wird dieses ehrenamtliche Engagement fortgesetzt. Sechs Mitarbeitende sind an der Organisation beteiligt.
Von der Architektenfigur zur Teamarbeit
Die Reihe blickt im Jubiläumsjahr auf eine lange Geschichte zurück: 25 Jahre, über 130 Vorträge, mehrere zehntausend Besucherinnen und Besucher. Die Corona-Pandemie brachte 2020 eine Zäsur, doch seit Herbst 2022 läuft „Architektur + Baukultur“ wieder – und das Interesse ist ungebrochen. Früher wurden die Bilder über einen Diaprojektor an die Wand geworfen, heute postet Melanie Schlegel noch während der Veranstaltung die ersten Eindrücke direkt aus dem Saal.
Auch das Büro „Berschneider + Berschneider“ hat sich verändert. Wo früher Johannes Berschneider als prägende Figur im Vordergrund stand, ist heute das Team noch mehr im Zentrum. Andreas Schmid, Rico Lehmeier, Silke Zeiger, Melanie Schlegel, Jennifer Reichert und Corina Kerl organisieren die Abende, planen Programme, kalkulieren, laden Referent:innen ein, kümmern sich um Ablauf und Kommunikation. Der Wandel der Architektur, weg vom Bild des genialischen Einzelnen hin zum kollektiven Arbeiten, spiegelt sich hier im Kleinen wider. Dass es früher auch anders zuging, erzählt man sich in Neumarkt noch immer gern. Als der Architekt Hadi Teherani im April 2003 zu Gast war, wurde er im Sportwagen vom Flughafen abgeholt. Der wehende Mantel des Gastes blieb dabei noch mehr im Gedächtnis als der Vortrag selbst.
In Neumarkt wird deutlich, dass Baukulturvermittlung nicht beliebig übertragbar ist. Was hier funktioniert, muss woanders noch lange nicht aufgehen. Der Erfolg der Reihe liegt gerade in ihrer lokalen Verankerung: in der Nähe zum Publikum, im informellen Austausch, im Lokalkolorit. Vor jedem Vortrag spielt eine zweiköpfige Band ein Mundartlied, eine charmante Ouvertüre, die den Ton für das Nachfolgende setzt. Mit Blick auf die Zukunft dürfte die Bedeutung solcher Vermittlungsformate eher zunehmen. In Zeiten von KI-generierten Bildern, Generalübernehmern und vermeintlich einfachen Lösungen wird der Bedarf an Einordnung noch größer. Architektur, so formuliert es Schlegel, sei kein Produkt von der Stange, sondern eher „ein Maßanzug, der mitwächst“. Künftige Anforderungsprofile müssen demnach schon heute perspektivisch mitgedacht werden.
Architektur live und vor Ort
An diesem Mittwochabend ist die Halle bis auf den letzten Platz besetzt. Rund 300 Menschen sind gekommen. Der Vortrag von Günter Katherl vom Wiener Büro „Caramel Architektinnen“ – Nummer 132 der Reihe – greift viele der aktuellen Themen auf. Er spricht über Häuser mit Grünflächen auf dem Dach und zeigt, wie Nachverdichtung mit einfachsten Mitteln wie Grobspanplatten und Netzen funktioniert. Am Schluss präsentiert er die neuen Räume des eigenen Büros, die in einer alten Industriegarage entstanden und aus rezyklierten Materialien vor Ort gestaltet wurden. Es geht um verantwortungsvolles und nachhaltiges Planen, um die Rolle von Architektur in einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhang.
Zwei Stunden später, zurück im Foyer, ist die Resonanz eindeutig. Eine Besucherin, die seit Jahren regelmäßig kommt, ist begeistert von der lebendigen Vortragsweise Katherls – und davon, dass Architektur hier in der Stadt so präsent ist. Damals ließ sie ihr eigenes Haus vom Büro „Berschneider + Berschneider“ planen und staunte nicht schlecht, als plötzlich der „Architektourbus“ vor ihrer Tür hielt. Den hatte Johannes Berschneider einst ins Leben gerufen, um den Menschen qualitätvolle Architektur direkt am Gebäude näherzubringen. Gute Architekturvermittlung ist, das wird in Neumarkt besonders deutlich, eben vor allem eine Frage des Ortes.
Ein Gebäude vermittelt man über seine Geschichten.
Andreas Schmid
MitorganisatorZuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q2/2026 für Bayern
David Fuchs
Bayerische Architektenkammer DAB Redaktion BayernDas könnte Sie auch interessieren
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