Praeger Richter Architekten: die Ausbauhausbauer
Ein Studiobesuch bei den Trägern des Sonderpreises für Städtebau und Wohnen beim Brandenburgischen Baukulturpreis 2025.
Ganz leicht bewegt sich der rote Vorhang vor der grauen Lärchenschalung im Wind. Das atmosphärisch wirkende Bild auf der Startseite von Praeger Richter Architekten sagt viel über ihre Haltung. Einsatz einfacher, preiswerter und kreislauffähiger Materialien. Simple Veränderbarkeit im Gebrauch ihrer Bauten und Teilhabe für die Bewohnerinnen und Bewohner. Die roten Vorhänge an der Fassade des Ausbauhauses Südkreuz in Berlin dienen als Lowtech-Sonnenschutz. Hergestellt aus einem robusten Gewebe, das sonst in der Landwirtschaft verwendet wird, kosten sie nur einen Bruchteil von Raffstoren oder Vertikalmarkisen. Zugleich beleben sie die Fassade und zeugen von der Vitalität im Inneren des Hauses. Unkonventionelle Lösungen sind Standard bei Jana Richter und Henri Praeger, die sich dem gemeinschaftlichen, regenerativen und wirtschaftlichen Wohnungsbau verschrieben haben, einer Ausrichtung die angesichts starker Wohnungsnachfrage, drohender Klimakrise und steigender Baukosten große Zukunft hat. Zahlreiche Preise bestätigen ihren eingeschlagenen Weg.
In Brandenburg geboren, Jana Richter in Neuruppin und Henri Praeger in Guben, haben die beiden an der BTU in Cottbus studiert und damals schon erfolgreich zusammengearbeitet. Jobs gab es im Osten nach dem Diplom Anfang der 2000er-Jahre keine, weswegen Richter und Praeger an der Städelschule in Frankfurt am Main weiter studierten und dort parallel in Büros arbeiteten. Für die wissenschaftliche Mitarbeit an der Hochschule kehrten beide in die Region zurück, Henri Praeger an die BTU Cottbus, Jana Richter an die TU Berlin. In Berlin eröffneten sie bald auch ihr gemeinsames Büro.
2004
gründeten Jana Richter und Henri Praeger ihr Büro in Berlin
Prägend für ihr Profil war der Auftrag einer Baugruppe in Dresden, eine ehemalige Tabakfabrik zu einem Wohnprojekt mit zwölf Einheiten umzubauen. Den Altbau auf kleinem Grundstück, den sie für die Gruppe entdeckt hatten, entkernten Praeger Richter und implantierten drei hölzerne Baukörper rund um einen Patio. Vor dem Abbruch der inneren Bausubstanz sicherte die Baugruppe Ziegel, Dielen und Türen, um diese nach der Aufarbeitung wiederzuverwenden.
Motiviert durch Baugruppen
Jana Richter und Henri Praeger schätzen Baugruppen und junge Genossenschaften als Auftraggeberinnen mit zukunftsweisenden und nachhaltigen Ideen. „Bei der Tabakfabrik wurden wir mit allen Wassern gewaschen“, erinnert sich Jana Richter an erste Erfahrungen mit einem Gemeinschaftsprojekt. Sie hätten jedoch schnell gelernt, dem Planungsprozess effektive Struktur zu geben, damit dieser bei den vielen Beteiligten nicht ausufert. Der Schwung der bauwilligen Gruppen, gemeinsam ein innovatives Wohnprojekt zu entwickeln, sei sehr motivierend. „Als Selbstnutzende sind sie die interessantesten Bauherrinnen.“ So stellen sich Praeger Richter immer wieder der Herausforderung, Ideen unterschiedlichster Gruppen Raum zu geben, auch wenn der Aufwand deutlich höher ist, als etwa für Investoren zu planen.
Das Ausbauhaus in Neukölln war 2014 der nächste Meilenstein des Büros. Wie ein Regal schufen die Architekten für eine Baugruppe eine robuste und kostengünstige Grundstruktur mit 24 Nutzungseinheiten ohne tragende Zwischenwände. Weit gespannte Decken, enge Fensterachsen auf der Straßen- und große Loggien auf der Hofseite ermöglichen Vielfalt. Mit drei Ausbaupaketen, Wohnung, Loft und Selbstbau, konnten die Bewohner:innen selbst bestimmen, wie sie sich den veredelten Rohbau aneignen wollten. Das Haus mit den großzügigen Räumen ist noch immer Henri Praegers Lieblingsprojekt.
Vorfertigung von Bauelementen wird im Wohnungsbau leider noch viel zu wenig eingesetzt.
Jana Richter
ArchitektinEine Baugruppe in Neuruppin regte Richter und Praeger an, die Nachhaltigkeit ihrer Bauten stärker in den Fokus zu nehmen. So entstand der zweite Holzbau des Büros. Im Werk vorgefertigte Wände und Decken aus Brettsperrholz wurden in kürzester Zeit auf der Baustelle montiert. Die Fassade ist mit roten Biberschwanzziegeln bekleidet, als kostengünstige Alternative zum marktüblichen WDV-System. Nicht nur die Gebäudehülle ist damit reparatur- und rückbaufähig. Durch Verzicht auf Verbundwerkstoffe kann die gesamte Konstruktion zu 90 % wiederverwendet werden. Weitergenutzt wurden auch die Holztafeln, die bei den Ausschnitten für die raumhohen Fenster anfielen. Aus ihnen entstanden Nebengebäude im Garten.
Konsequent regenerativ und kostensparend
Beim 2022 fertiggestellten Ausbauhaus Südkreuz in Berlin stand die Nachhaltigkeit bereits in der Ausschreibung des Konzeptverfahrens – ganz im Sinn der fortschrittlichen Baugruppe, die mit den beiden Architekten den Zuschlag erhielt. Daher folgten Jana Richter und Henri Praeger dem Prinzip, die Materialien des Gebäudes adäquat zu ihrem erwartbaren Lebenszyklus einzusetzen. Das Regal als langlebige und nutzungsneutrale Grundstruktur bauten sie wieder in Beton. Alle weiteren Elemente, die rascheren Veränderungen unterliegen, sind dagegen reversibel und regenerativ gestaltet. Nicht nur die Fassade, auch die Trennwände in den Wohnungen bestehen aus Holz und wurden eigens mit einem Bauakustiker entwickelt: Dreischichtplatten, sichtbar verschraubt, mit Holzfaserdämmung und einer Lehmbauplatte als Schallschutz. Natürlich sei das zunächst teurer als eine Gipskartonwand, meint Jana Richter. Im Hinblick auf die Lebenszeit des Bauteils dagegen nicht. Den ambitionierten Bewohnerinnen und Bewohnern war es das Geld wert. Immerhin brauchten sie weder Spachtelung noch Anstrich und sparten durch den einfachen Sonnenschutz der Außenvorhänge
472
Wohnungen hat das Büro seit 2004 geplant, 228 davon für gemeinschaftliche Wohnprojekte
Die blanke Holzwand steht für eine robuste Architektur, die keine glattweißen Oberflächen erfordert, um gute Wohnqualität zu bieten. Auch beim Projekt Leben im Fläming, der ausgezeichneten Genossenschaftssiedlung in Bad Belzig, kam vorwiegend Holz zum Einsatz, ergänzt durch Laubengänge in frei stehender Stahlkonstruktion.
Besteht die Gefahr, dass durch Vorfertigung und Elementierung die gestalterische Qualität leidet? Nein, sind sich die Architekten sicher, dank digitaler Produktion gebe es keine Einschränkungen für individuelle Architektur. In der werkseitigen Fabrikation sehen sie die Lösung, trotz Fachkräftemangel präzise ausgeführte, regenerative Bauteile herzustellen, die auf der Baustelle zeit- und kostensparend montiert werden: „Vorfertigung von Bauelementen wird im Wohnungsbau leider noch viel zu wenig eingesetzt.“ Seit einem Jahr vermitteln Jana Richter und Henri Praeger ihre Erfahrungen aus der Praxis auch an folgende Generationen. Als Professorin und Professor an der BTU Cottbus-Senftenberg lehren die beiden gemeinsam Entwerfen und Ökonomisches Bauen.
8
Mitarbeiter:innen beschäftigen Praeger Richter, je 50 % Frauen und Männer in allen Positionen
Dieser Artikel erschien in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q1/2026 für die Region Berlin - Brandenburg
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