„Wer Architektur ernst nimmt, plant nachhaltig. Alles andere ist kurzfristig gedacht.“
Gerade in Zeiten wie diesen, in denen einzelne Akteure die globalen Krisen nutzen, um die Errungenschaften beim nachhaltigen Bauen infrage zu stellen, ist es wichtig, Haltung einzunehmen. Nachhaltigkeit ist kein modisches Zusatzthema, das irgendwann wieder weggeht. Die Umsetzung auf allen Ebenen ist Voraussetzung für eine gebaute Umwelt, die den vorherrschenden Herausforderungen langfristig gewachsen ist.
Es lohnt sich also, genau hinzuschauen, wer die Diskussion führt und welche Motivation dahintersteckt. Auffällig ist nämlich, dass Nachhaltigkeitsthemen häufig von jenen relativiert werden, die nie angefangen haben, sie ernsthaft in ihr eigenes Handeln zu integrieren. Demgegenüber steht aber eine wachsende Zahl an Unternehmen und Akteuren, die sich längst auf den Weg gemacht haben und gewappnet sind, wenn die europäischen Berichtspflichten zu Nachhaltigkeit und Lieferketten vollumfänglich greifen.
Auch beim Blick über den Tellerrand wird schnell klar, dass Nachhaltigkeit in anderen Bereichen als ein zentraler Faktor für wirtschaftliche Stabilität erkannt wurde. So preist der Finanzsektor CO2-Emissionen und Energieeffizienz nicht zuletzt im Zuge von EU-Taxonomie und ESG-Kriterien in der Risikobewertung und bei Kreditvergaben mit ein. Themen wie Biodiversität, Klimarisiken und soziale Aspekte stehen ebenfalls auf der Agenda.
Und wie kommen wir als Baubranche unserer Verantwortung für eine zukunftsfähig gebaute Umwelt nach? Zunächst ist es wichtig zu begreifen, dass Nachhaltigkeit ein ganzheitlich zu betrachtender Ansatz ist, um die Klimakrise zu bekämpfen, soziale Gerechtigkeit zu fördern und langfristig wirtschaftliche Stabilität zu sichern. Die damit verbundenen Themen sind vielschichtig, müssen verstanden sein und in jedem Projekt von Anfang an systematisch mitgedacht und entschieden werden.
So lässt sich auch die gerne ins Rennen geworfene These, nachhaltig zu bauen sei kompliziert und teuer, relativieren. Wer Gebäude und Freiräume nicht kurzfristig, sondern über den gesamten Lebenszyklus betrachtet, profitiert mehrfach. Ein gut geplantes, qualitativ hochwertig ausgeführtes Bauprojekt dient dem Menschen. Es ist anpassungsfähig und somit vielseitig nutzbar, es verursacht weniger Kosten für Betrieb und Wartung und behält seinen Wert über Jahrzehnte.
Um Nachhaltigkeit dauerhaft in der Planungspraxis zu verankern, muss Bauen wieder als Gemeinschaftsaufgabe verstanden werden. Instrumente wie die Gebäudezertifizierung bieten hierfür einen strukturierten Rahmen. Sie macht Nachhaltigkeit mess- und vergleichbar, schafft ein gemeinsames Verständnis unter allen Projektbeteiligten, klärt Verantwortlichkeiten und dokumentiert das Erreichte unabhängig und transparent – ein klarer Vorteil angesichts wachsender regulatorischer Anforderungen.
Darüber hinaus unterstützen Zertifizierungssysteme bei der Priorisierung und lenken den Einsatz von Zeit, Geld und Ressourcen auf Maßnahmen, die tatsächlich Wirkung entfalten. Ein zentraler Mehrwert liegt dabei im bewussten Umgang mit Zielkonflikten. So bietet zum Beispiel das zirkuläre Bauen großes Potenzial für Ressourcenschonung und Wiederverwendbarkeit, entfaltet seine Wirkung jedoch erst im Zusammenspiel mit weiteren Zukunftsthemen wie Klimaanpassung, Energieeffizienz und sozialer Verantwortung.
Einheitliche Standards helfen dabei, die richtigen Hebel zu identifizieren, und verhindern, dass einzelne Aspekte überbetont werden, während andere vernachlässigt bleiben. So entsteht eine fundierte Entscheidungsgrundlage für eine Baukultur, die nicht von kurzfristigen Hypes geprägt ist, sondern von Wirksamkeit und Langlebigkeit.
Um in dieser Gemengelage den Überblick zu behalten, ist der Ausbau der eigenen Kompetenzen enorm wichtig. Gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten liegt für Architekturschaffende die Chance darin, das eigene Selbstverständnis als Generalist neu zu definieren. Wer bereit ist, sich auch mit zunächst sperrigen Themen auseinanderzusetzen und sich darin fortbildet, entwickelt ein besseres Verständnis für das große Ganze.
Der Bedarf an qualifizierten Architektinnen und Architekten, die neben ihren kreativen Fähigkeiten beispielsweise in der Lage sind, eine Ökobilanz zu erstellen, nachhaltige Materialien einzuordnen und integrale Planungsstrategien zu koordinieren, wird weiter steigen. An diesem Wandel, der einen Perspektivwechsel voraussetzt, kommt der gesamte Bau- und Gebäudesektor nicht vorbei. Die europäische Gebäuderichtlinie EPBD setzt unmissverständlich den Kurs auf einen klimaneutralen Gebäudebestand bis 2050.
Jetzt erst recht gilt es zu zeigen, was gute Architektur bedeutet. Nachhaltig zu bauen ist ein Qualitätsversprechen, das mit gestalterischer Vision, technischer Machbarkeit und gesellschaftlicher Verantwortung einhergeht. Wer heute mutig vorangeht, leistet einen aktiven Beitrag und prägt unsere gebaute Umwelt von morgen. Wie das funktionieren kann, zeigt ein Blick auf die Gewinner beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur. In den letzten 13 Jahren waren die ausgezeichneten Projekte ihrer Zeit stets voraus und haben wichtige Impulse beim nachhaltigen Bauen gesetzt.
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