Partizipation statt Spekulation: Das Kollektiv Hütten & Paläste
Studiobesuch : Von Berlin aus planen die Architekt:innen vorwiegend für Brandenburg - und haben dort auch einen Arbeitsplatz. Ein Studiobesuch auf dem Lande.
Nie hätte sie daran gedacht, einmal im eigenen Projekt zu arbeiten, sagt Jene Van Den Abeele. Die Mitarbeiterin von Hütten & Paläste sitzt in der umgebauten Dorfscheune Prädikow – nicht oben im Co-Working-Space, dem Zweitsitz des Berliner Büros, sondern ebenerdig im Café „Schwarzer Storch“, an der Stelle einer Durchfahrt, in der früher die Erntewagen gewogen wurden.
Ihr Kollege Frank Schönert sitzt mit am Tisch, ebenso wie die Nutzer:innen zweier Projekte. Zeichen dafür, wie eng das Büro mit den Menschen kooperiert, für die es plant. Philipp Hentschel ist Mitglied des Vereins Hof Prädikow e.V., der den alten Gutshof in der Märkischen Schweiz als Ort für Wohnen, Arbeit und Kultur entwickelt. Darüber hinaus unterstützt Hentschel im Netzwerk Zukunftsorte mit Andrea Nickisch und weiteren Mitarbeitenden andere Pioniere bei der gemeinwohlorientierten Aktivierung verlassener Immobilien auf dem Land. Laura van Altena, die online zugeschaltet ist, vertritt das Stadtteilnetzwerk Potsdam-West, das den „Lottenhof“ am Park Sanssouci als Begegnungshaus aufbaut.
Das Studio
Das Studio
Hütten & Paläste, gegründet 2005, verfolgen eine Praxis der minimalen Eingriffe, mit denen bestehenden Gebäuden neue, flexible Nutzungen ermöglicht werden. Sie begreifen Gebäude als vernetzte Lebensräume und Teil von Kreisläufen, weswegen sie für einen reduzierten Ressourceneinsatz und offene, robuste Raumstrukturen stehen.
Sie arbeiten in kooperativen Verfahren mit Nutzergruppen, Entwicklern und Eigentümern und ermöglichen Selbstbau. Ihre bekanntesten Bauten sind die U-Halle für die BUGA Mannheim, das Holzmarkt-Dorf in Berlin und die Scheune Prädikow.
Nanni Grau ist Professorin des Fachgebiets Architektur der Transformation an der TU Berlin.
„Wir beginnen jedes Projekt mit einem Organigramm“, erklärt Frank Schönert den Umgang mit den Akteursgruppen, für die das Büro vorrangig tätig ist. Denn die Eigentümer und Bauherrinnen sind oft andere als die Nutzenden.
Kontra Spekulation, für Partizipation
In Prädikow gehört das Grundstück der gemeinnützigen Stiftung trias und die Gebäude der Berliner Mietergenossenschaft SelbstBau e.G., denen die im Verein organisierten Nutzer:innen Miete zahlen. Die Rollenverteilung verhindert nicht nur Spekulation, sondern erlaubt auch mehr Mittel für Partizipation und ambitionierte Architektur
Kooperative Planung für engagierte Gruppen
Wie fand das Büro seinen Tätigkeitsschwerpunkt? Frank Schönert blickt auf die Anfänge zurück, als er gemeinsam mit seiner Büropartnerin Nanni Grau noch Einraumhäuser – Datschen und Ferienhäuser – plante. „Wir haben uns mit der Frage auseinandergesetzt, wie klein ein Haus sein kann und welche Nutzungen sich auf einer Fläche überlagern lassen.“
Da die meisten dieser Holzhäuser in Brandenburg entstanden und die Spielräume in Berlin seit den 2010er- Jahren zunehmend enger wurden, fokussierten sie sich auf die vielfältigen Möglichkeiten des Landes. Offene Strukturen in größerem Maßstab planten die Architekt:innen doch zunächst 2012 für das Holzmarkt-Dorf in Berlin.
Hütten für die Hauptstadt
Schönert erinnert sich an den Anruf: „Könnt ihr uns 100 Hütten bauen?“ Die Betreiber des früheren Clubs 25 am Friedrichshainer Spreeufer hatten lange Erfahrung mit subkultureller Eigeninitiative und wollten eine tragfähige Planung für ihr Gewerbequartier rund um den Club Katerblau, dessen Gestalt immer im Werden bleiben sollte.
Mit Beteiligung der Auftraggebenden entwickelte das Büro eine Struktur, die in Phasen selbst wachsen kann und die Vielfalt wechselnder Nutzungsansprüche ermöglicht, ohne die städtebauliche Leitidee zu verlieren. Frank Schönert und Nanni Grau lernten viel an dem Projekt und entwickelten ihre eigenen Strategien und Beteiligungsformate für den Umgang mit offenen Programmen und mit Bauherren- und Nutzergruppen.
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Mitarbeitende umfasst das Kollektiv Hütten & Paläste, eine davon arbeitet überwiegend in Prädikow
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aktive Ansprechpartner:innen gibt es für das Büro in den Gruppenprozessen
Für Hütten & Paläste sind sie die idealen Auftraggeber. Hoch motivierte Gruppen sind „die besten Treiber für gute Architektur“, schwärmt Schönert und nennt gleich ein Beispiel. In einem der Workshops mit dem Stadtteilnetzwerk Potsdam-West zur Nutzung des Saals im „Lottenhof“ warf das Büro seine Vorschläge über Bord, weil sich im Dialog mit allen Beteiligten eine deutlich bessere Raumfigur ergab. Auch Jene Van Den Abeele betont, wie inspirierend der Enthusiasmus engagierter Akteur:innen sei. Ihr Input wird durch Hütten & Paläste in gute Gestaltung übersetzt.
Wertebasierte Akteursgruppen sind die besten Treiber für gute Architektur.
Frank Schönert
ArchitektZur Arbeitsweise der Architekt:innen gehört auch, sich den Baubestand, mit dem sie ausschließlich planen, sehr genau anzusehen. Die Fragen der Ressourcen sind für das Büro ebenso wichtig wie soziale Fragen. „Wie funktioniert ein Gebäude? Was bietet es an? Wo ist seine Struktur fluid?“
Beim Stadtbad Luckenwalde, einem 1929 vom Siemens-Architekten Hans Hertlein errichteten Hallenbad, ist die Umprogrammierung in ein Kulturzentrum herausfordernd. Bürger:innen und Besucher:innen soll ein möglichst flexibler Raum angeboten werden. Um die architektonische Qualität des Baudenkmals zu erhalten, soll das mit minimalen Anpassungen gelingen.
Dornröschens Transformation
Der „Lottenhof“ in Potsdam ist kein Einzeldenkmal, obwohl das ehemalige Restaurant, das 1971 am Eingang Charlottenhof von Park Sanssouci errichtet wurde, ein Kleinod der DDR-Architektur darstellt. Das Dach des transparenten Flachbaus ist mit Zugseilen von vier schlanken Pylonen abgehängt. Nach der Wende fiel das beliebte Ausflugslokal in einen Dornröschenschlaf, bis ihn das Stadtteilnetzwerk zu neuem Leben erweckte.
Laura van Altena schildert den mühsamen Prozess, das zugewucherte Grundstück wieder als Garten und Veranstaltungsfläche nutzbar zu machen, aber auch im Dickicht von Verwaltung und Politik die Umnutzung als Nachbarschaftshaus durchzusetzen. Inzwischen ist das Vorhaben mit der Schlösserstiftung als Erbbaurechtsgeberin und der Stadt als Bauherrin auf einem guten Weg. Noch 2026 soll mit dem Bau begonnen werden. Wer sonst als Hütten & Paläste sollte sich für die behutsame Transformation in der prominenten Nachbarschaft eines Schlossparks als würdig erweisen?
Auch in Prädikow galt es zunächst zu untersuchen, welcher der 14 Bestandsbauten sich für welche Nutzung eignet. 2018 erhielten Hütten & Paläste den Auftrag zu einer Machbarkeitsstudie, um das Potenzial des weiten Gutshofgeländes unter Einhaltung des Ensembleschutzes auszuloten. Die ersten Umbauten zu Wohnungen erfolgten aufgrund der Eigentumssituation durch eigene Planer der Berliner Genossenschaft.
Überzeugen – auf ungewöhnliche Art
Parallel dazu sollte die Dorfscheune als Dorfkneipe, Arbeits- und Veranstaltungsort zum Nukleus der Hofentwicklung werden. Jene Van Den Abeele, damals noch Angestellte in einem anderen Büro, gehörte früh zu der Hofgruppe, die es von Berlin aus ins Brandenburgische zog. Anfangs vertrat sie im Verein Hof Prädikow e.V. die Interessen der Bewohner:innen und wirkte daran mit, geeignete Architekt:innen für die Umnutzung der Dorfscheune zu finden.
Hütten & Paläste waren wegen der Machbarkeitsstudie prädestiniert dazu und verfügten als eines von wenigen Büros über die gewünschte Erfahrung mit Partizipation und dem Bauen im Bestand. Das überzeugte Jene Van Den Abeele auch beruflich so, dass sie den Arbeitgeber wechselte, um bei Hütten & Paläste die Projektleitung für den Umbau zu übernehmen: „Die Scheune hat mich nicht mehr losgelassen.“
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q3/2026 für die Regionen Berlin, Brandenburg.
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