Bauen Schule Leben
Studiobesuch: Susanne Szepanski hat in Hamburg vor über 20 Jahren die Initiative „Architektur und Schule“ gegründet. Seitdem betreibt sie Architekturvermittlung für junge Menschen.
Architektur bestimmt unser Leben. Was hier wie ein Superlativ klingt, ist nicht weniger als alltägliche Realität. Wir wohnen, wir arbeiten in Architektur und auch die Schule ist ein architektonisch geprägter Ort. Und auf dem Weg zwischen unserer Wohnung und der Arbeitsstätte, der Schule oder der Kindertagesstätte bewegen wir uns durch mehr oder weniger gestaltete, manchmal auch durch weniger bewusst gestaltete Räume, ob wir nun in der Stadt oder auf dem Land leben. „Architecture is a frame of life!“, soll der Architekt Frank Lloyd Wright einmal den Menschen zugerufen haben, die von ihm etwas über den Entwurf und die Gestaltung von Gebäuden und Stadträumen lernen wollten.
Was ist Architektur oder kann sie sein? Wie wirken Stadträume auf uns? Wie bewegen wir uns darin? Wie eignen wir uns beides an? Wie können wir es benutzen und vielleicht verändern? Wie entsteht Architektur, wie wird sie entworfen? Solche Fragen regten die Architektin Susanne Szepanski zu einer Initiative an, die Themen Raum, Architektur und Stadt in den Schulunterricht zu bringen. Auslösend war dafür unter anderem der von dem Hamburger Architekturjournalisten Gert Kähler für die Bundesregierung erstellte Statusbericht zum Stand der Baukultur in Deutschland 2002. Denn hilfreich für die Qualität der gebauten Umwelt sei, so berichtete der Autor damals, nicht nur die Qualität der Arbeit von Architektinnen und Architekten, sondern auch das Verständnis davon in der Bevölkerung. Schließlich sollten nicht nur Menschen Wissen über die Qualität von Architektur haben, die später selbst einmal Architekt:innen werden wollen, sondern auch diejenigen, die diese Räume benutzen oder ihren Bau in Auftrag geben. Die Vorstellung, dass dieses Wissen zur Allgemeinbildung gehört, hegte auch der Vorstand der Hamburgischen Architektenkammer und sagte Susanne Szepanski Unterstützung für ihre Initiative „Architektur und Schule“ zu, die sich 2004 bereits zu einem festen Haushaltstitel entwickelte.
Vom Wissen zur Erfahrung
Mittlerweile hat sie mit dem Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg ein stetiges Angebot der Lehrerfortbildung entwickelt, das sich insbesondere auf den Kunstunterricht mit dem Profil Bildende Kunst, Design und Architektur bezieht. Sie hält auch selbst Unterricht und hat 2015 im Schroedel Verlag das Buch „Architektur Werkstatt. Lehrermaterial für den Unterricht im Fach Kunst in den Sekundarstufen I und II“ veröffentlicht, das die Hamburgische Architektenkammer herausgegeben hat. Seit 2012 loben die Kammer, das Landesinstitut und die Schulbehörde (in diesem Jahr zum fünften Mal im Rahmen des Hamburger Architektur Sommers) einen Schülerwettbewerb zu den Themen Architektur und Stadt aus.
2003
Start der Initiative “Architektur und Schule” durch Susanne Szepanski und die Hamburgische Architektenkammer
2006
Beginn von regelmäßigen Ausstellungen im Rahmen des Hamburger Architektur Sommers.
Es geht Susanne Szepanski nicht nur darum, theoretisches oder kunsthistorisches Wissen über Architektur und Stadt zu vermitteln, sondern auch konkrete Erlebnisse. So ist die Lehrerfortbildung auf drei Stunden Theorie und kleine Fingerübungen beschränkt, dann folgt ein intensiver Workshop, der eigene Erfahrungen mit Räumen und dem Schaffen von Räumen vermitteln soll. Sie möchte vor allem Lust darauf machen, sich in eigener Initiative mit der Materie auseinanderzusetzen. Dazu gehören auch Exkursionen nach Barcelona, Kopenhagen, Wien oder Amsterdam.
2012
Start des dreijährlichen Schülerwettbewerbs
2015
Schulbuch „ArchitekturWerkstatt“ erscheint – verfasst von Szepanski und herausgegeben von der Hamburgischen Architektenkammer
Wenn Szepanski selbst Unterricht gibt, legt sie zunächst einmal den Schwerpunkt auf das Thema Raum. Hier geht es dann um die Fragen: Was ist Raum eigentlich? Wie kann man einen gewachsenen Raum von einem gebauten unterscheiden? Was heißt „umbauter Raum“? Sie lässt Wortketten bilden und die Zusammenhänge klären, in denen das Wort Raum vorkommt, unterscheidet einen sozialen von einem kulturellen oder einem gebauten und umbauten Raum. Das Umbauen oder Umhüllen kann im Unterricht danach auch gleich ausprobiert werden, indem man Avocados, Tannenzapfen oder Wallnüsse umhüllt, oder besser: behaust. Diese Übung wirft dann Fragen nach der Konstruktion auf, die gleich im Modell beantwortet werden können. So lässt sich viel über den Entwurf von Gebäuden, aber auch das eigene Empfinden von Räumen, Materialien, Oberflächen lernen. Raumerfahrung spielt ohnehin in der Vermittlung von Susanne Szepanski eine wichtige Rolle. Wie erleben wir Räume? Wie nehmen wir sie mit welchen Sinnen war? Das bezieht sich auf Bauwerke, aber auch auf städtische Räume. Schließlich errichten die Schülerinnen und Schüler selbst kleinere Bauten oder entwerfen konkret Gebäude, die dann zumindest in einem maßstäblich verkleinerten Modell Realität werden. Auch über das eigene Schulgebäude kann dabei reflektiert, die eigenen alltäglichen Raumerfahrungen untersucht, eingeordnet und hinterfragt werden. Bestenfalls lassen sich daraus Verbesserungsvorschläge ableiten.
Architektur gehört zur Allgemeinbildung.
Susanne Szepanski
Ihr Lehrbuch hat Szepanski in fünf Abschnitte unterteilt, die die Themen Raum, Ort, Wohnen, Hülle/Körper/Form sowie Konstruktion und Material jeweils in einem Theorie- und einem Praxiskapitel behandeln. Darin schlägt sich eine kluge Betrachtung dieser Themen nieder, mit denen sich die Philosophie und die Architekturtheorie ausgiebig beschäftigt haben. Szepanski gelingt es in ihrem Buch, auch komplexe Zusammenhänge nicht nur allgemein verständlich, sondern auch kindgerecht zu vermitteln. Sie kann dabei eben auf eine langjährige Praxis im Unterrichten dieser Themen zurückgreifen und das merkt man diesem Buch deutlich an.
Inzwischen ist das Thema Architektur nicht mehr auf den Kunstunterricht beschränkt und findet auch in den Fächern Mathematik, PGW (Politik Gesellschaft Wirtschaft) oder Geografie Anwendung. Mittlerweile zeigen auch Kindertagesstätten Interessen an diesen Themen. Die Schule bleibt also nicht mehr der einzige Ort der Vermittlung. Die Initiative „Architektur und Schule“ findet nach gut 20 Jahren erheblichen Widerhall in den Hamburger Bildungseinrichtungen und kann sehr dazu beitragen, dass die Schülerinnen und Schüler ihre gebaute Umwelt reflektiert und kritisch wahrnehmen. Sie machen sich ihr Erleben, ihr Befinden (in der doppelten Bedeutung des Begriffs) in der Architektur, aber auch im städtischen Raum und mit dem Bewusstsein deutlich, dass sie sich hier kompetent auch beruflich einbringen können. An den Architekturhochschulen zeigt sich dieses Mehr an Wissen über das Schaffen von Räumen gelegentlich schon.
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q2/2026 für die Region Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein
Olaf Bartels
Hamburgische Architektenkammer DAB Redaktion HamburgDas könnte Sie auch interessieren
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