„Die Materialien von heute und morgen bilden das Übermorgen“
Material-Experte Hannes Bäuerle über ehrliche Baustoffe, verlorene Handwerkskunst und warum gesund das neue Ökologisch ist. Im ersten Teil des Gesprächs erklärt er, warum Material mit allen Sinnen erlebt werden muss – und weshalb die Branche dringend wieder unter den Teppich schauen sollte.
DAB: Herr Bäuerle, was fasziniert Sie nach über 20 Jahren immer noch an Material?
Hannes Bäuerle: Mit Material werden Ideen real. Man denkt sich irgendwas aus, hat eine Idee im Kopf – und die muss man materialisieren. Erst in dem Moment, wo man es materialisiert, wird es auch tatsächlich real. Und dann ist da noch das sinnliche Erleben: Wie fühlt sich ein Material an – nicht nur in den Händen, sondern von der Fußspitze her, wenn ich drauf laufe? Wie riecht es, wie klingt es? Das spielt alles mit, bis hin zu: Wie verhält es sich über die Dauer der Nutzung? Mir geht es ums Begreifen im wörtlichsten Sinne und darum, in unserer digital und visuell geprägten Welt wirklich zu spüren.
Hat sich Ihr Blick auf Material über die Jahre verändert?
Als wir vor 20 Jahren angefangen haben, war das Thema neue Materialien ganz klar der Fokus. Je länger ich den Job mache, umso mehr faszinieren mich aber auch alte Baustoffe – weil sie oft schlicht das können, was wir heute mit viel Aufwand neu zu erfinden versuchen: altern, eine Patina entwickeln, über Generationen funktionieren. Inzwischen ist es wirklich die Vielfalt, die mich antreibt. Wobei: Der nie abbrechende Strom an Neuheiten ist gleichzeitig Fluch und Segen. Fluch, weil uns immer wieder etwas neu verkauft wird, was es eigentlich schon lange gab. Segen, weil es eben auch echte Entdeckungen gibt – Materialien, die neue Möglichkeiten eröffnen und Dinge ermöglichen, die vorher schlicht nicht denkbar waren.
Sie vermeiden in Ihren Workshops bewusst den Begriff „ökologisch“. Warum?
Das ist genau die entscheidende Frage – und die Antwort hat sich für mich über die Jahre verschoben. Wenn es um Labels, Zertifikate und Auflagen geht, wird sehr schnell abgeschaltet. Das haben wir alle schon x-mal gehört – es geht aber nicht weiter. Ich spreche deshalb lieber von gesunden Materialien. Das ist viel direkter und greifbarer, eine völlig andere Aufmerksamkeitsspanne. Und bevor wir in komplexe Zertifizierungssysteme eintauchen, reicht oft schon der normale Menschenverstand, um sich dem Thema zu nähern.
Ist das nur eine Frage der richtigen Begriffe – oder steckt da ein echter Bewusstseinswandel dahinter?
Beides, glaube ich. Bei mir persönlich war es die eigene Erfahrung: Je mehr man gesunde Materialien einsetzt und in den damit gebauten Räumen sich aufhält, desto mehr merkt man, was für ein Unterschied das zu konventionellen Lösungen ist. Irgendwann will man eigentlich nichts anderes mehr. Ich habe kürzlich Lehmputz aufgetragen – dieses direkte Arbeiten mit dem Material ist für mich Teil des Verstehens.
Auf gesellschaftlicher Ebene kommt ein anderer Treiber dazu: Wir stoßen an Grenzen. Materialien, die wir für selbstverständlich gehalten haben, werden knapp – Sand zum Beispiel, der in manchen Regionen der Welt schon heute nicht mehr frei verfügbar ist. Das macht etwas mit dem Bewusstsein: Was endlich ist, behandelt man anders.
Das eine ist die Endlichkeit von Rohstoffen, in der Diskussion sprechen Sie aber auch von „ehrlichen“ und „unehrlichen“ Materialien. Was meinen Sie damit?
Ein ehrliches Material ist das, was man sieht und anfasst. Nehmen Sie massives Holz, Naturstein oder Lehmputz – da ist die Oberfläche das Material, durch und durch. Unehrlich wird es, wenn eine hauchdünne Schicht eine Materialität vortäuscht, die dahinter gar nicht existiert. Eine Folie in Holzoptik, ein Laminat, das wie Stein aussieht – das ist auf Optik getrimmte Oberfläche, mehr nicht. Das Problem dabei: Wie soll so ein Material altern, eine Patina entwickeln, repariert werden? Es kann es nicht. Und wenn ich dann noch weiterdenke – heute haben wir vom Tisch, an dem ich sitze, über den Bodenbelag bis zur Fassade alles Multilayer-Systeme.
Irgendwann muss man sich fragen: Warum brauche ich so viele Materialschichten übereinander? Je komplexer ein System wird, umso fehleranfälliger – und umso schwieriger ist es später, die Materialien wieder sauber zu trennen.
Heißt das, Schichtstoffe und Imitate sind grundsätzlich problematisch?
Nein, ich hab kein Problem mit Schichtstoffen, auch mit Imitaten. Fliesen, die aussehen wie Holz – in gewissen Bereichen gehen die sehr wohl. Es kommt extrem auf den Einsatz an. Genauso wenig würde ich den Grabenkampf „kein Beton mehr, weil Holz so toll ist“ aufmachen – ein guter Betonbau, der die entsprechende Haltbarkeit hat und in der Situation Sinn macht, hat seine Berechtigung.
Die Frage ist immer: Brauche ich diese Komplexität wirklich? Je mehr Schichten und Systeme ich übereinanderstapele, umso fehleranfälliger wird das Ganze. Ich saniere gerade ein Rustico im Tessin – Naturstein und Holz, that’s it, vielleicht ein bisschen Mörtel. Das ist die Einfachheit, die funktioniert, die altert, die eine Patina bekommt.
Was beschäftigt Sie gerade besonders?
Ich bin im Gipser-Stuckateur-Haushalt aufgewachsen – das prägt. Und wenn ich mir heute anschaue, was aus dem Handwerk geworden ist, schmerzt das schon. Jeder Handwerker hatte früher seine eigene Handschrift, regional unterschiedliche Techniken, vom Graffito bis zum Münchner Rauputz und Berliner Kratzputz. Heute sieht mit den Industrieprodukten jede Fassade gefühlt gleich aus. Dabei steckt da gigantisches Gestaltungspotenzial: Welche Zuschlagstoffe, welche Steine, welche Pigmente gibt es vor Ort? Das ist ein Feld, das wir als Gestalter viel mehr für uns beanspruchen sollten.
Im nächsten Teil spricht Hannes Bäuerle über neue Materialentwicklungen, die Grenzen der Kreislaufwirtschaft und warum die Branche Komplexität nicht fürchten, sondern feiern sollte.
DAB Redaktion
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