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„Die Materialien von heute und morgen bilden das Übermorgen“

Material-Experte Hannes Bäuerle über ehrliche Baustoffe, verlorene Handwerkskunst und warum gesund das neue Ökologisch ist. Im ersten Teil des Gesprächs erklärt er, warum Material mit allen Sinnen erlebt werden muss – und weshalb die Branche dringend wieder unter den Teppich schauen sollte.

DAB Redaktion
21.05.2026 6min
Weiterbildung Bundesweit
Hand hält eine hellgraue, feinporige Materialprobe mit mehreren parallel verlaufenden Rillen – abwechselnd rechteckig und halbkreisförmig gefräst.
© Hannes Bäuerle / Material Bank

DAB: Herr Bäuerle, was fasziniert Sie nach über 20 Jahren immer noch an Material?

Hannes Bäuerle: Mit Material werden Ideen real. Man denkt sich irgendwas aus, hat eine Idee im Kopf – und die muss man materialisieren. Erst in dem Moment, wo man es materialisiert, wird es auch tatsächlich real. Und dann ist da noch das sinnliche Erleben: Wie fühlt sich ein Material an – nicht nur in den Händen, sondern von der Fußspitze her, wenn ich drauf laufe? Wie riecht es, wie klingt es? Das spielt alles mit, bis hin zu: Wie verhält es sich über die Dauer der Nutzung? Mir geht es ums Begreifen im wörtlichsten Sinne und darum, in unserer digital und visuell geprägten Welt wirklich zu spüren.

Hat sich Ihr Blick auf Material über die Jahre verändert?

Als wir vor 20 Jahren angefangen haben, war das Thema neue Materialien ganz klar der Fokus. Je länger ich den Job mache, umso mehr faszinieren mich aber auch alte Baustoffe – weil sie oft schlicht das können, was wir heute mit viel Aufwand neu zu erfinden versuchen: altern, eine Patina entwickeln, über Generationen funktionieren. Inzwischen ist es wirklich die Vielfalt, die mich antreibt. Wobei: Der nie abbrechende Strom an Neuheiten ist gleichzeitig Fluch und Segen. Fluch, weil uns immer wieder etwas neu verkauft wird, was es eigentlich schon lange gab. Segen, weil es eben auch echte Entdeckungen gibt – Materialien, die neue Möglichkeiten eröffnen und Dinge ermöglichen, die vorher schlicht nicht denkbar waren. 

Sie vermeiden in Ihren Workshops bewusst den Begriff „ökologisch“. Warum?

Das ist genau die entscheidende Frage – und die Antwort hat sich für mich über die Jahre verschoben. Wenn es um Labels, Zertifikate und Auflagen geht, wird sehr schnell abgeschaltet. Das haben wir alle schon x-mal gehört – es geht aber nicht weiter. Ich spreche deshalb lieber von gesunden Materialien. Das ist viel direkter und greifbarer, eine völlig andere Aufmerksamkeitsspanne. Und bevor wir in komplexe Zertifizierungssysteme eintauchen, reicht oft schon der normale Menschenverstand, um sich dem Thema zu nähern. 

Stampflehm-Detail mit waagerechten Schichten; mittig eine rötliche Ader im beigen Erdmaterial.
Die Stampflehmwand ist ein modernes Architektur- und Klimaelement, das als Sinnbild für die Begriffe gesund und schön steht. © Hannes Bäuerle / Material Bank
Wellenförmig profilierte Holzoberfläche aus vielen schmalen Lamellen; lebhaftes Linienmuster.
Das Naturmaterial Birkenrinde eignet sich unter anderem für wasserliebende und rutschfeste Furniere, Fußböden, Wandpaneele und Griffe. Es verbindet zeitlose Ästhetik, herausragende Funktionalität und ein haptisches Erlebnis. © Hannes Bäuerle / Material Bank

Ist das nur eine Frage der richtigen Begriffe – oder steckt da ein echter Bewusstseinswandel dahinter?

Beides, glaube ich. Bei mir persönlich war es die eigene Erfahrung: Je mehr man gesunde Materialien einsetzt und in den damit gebauten Räumen sich aufhält, desto mehr merkt man, was für ein Unterschied das zu konventionellen Lösungen ist. Irgendwann will man eigentlich nichts anderes mehr. Ich habe kürzlich Lehmputz aufgetragen – dieses direkte Arbeiten mit dem Material ist für mich Teil des Verstehens.

Auf gesellschaftlicher Ebene kommt ein anderer Treiber dazu: Wir stoßen an Grenzen. Materialien, die wir für selbstverständlich gehalten haben, werden knapp – Sand zum Beispiel, der in manchen Regionen der Welt schon heute nicht mehr frei verfügbar ist. Das macht etwas mit dem Bewusstsein: Was endlich ist, behandelt man anders. 

Hand hält eine Terrazzo-Platte; bunte Kiesel im grauen Bindemittel, Kante im Querschnitt sichtbar.
Nagelfluh ist ein charakteristisches Gestein, das vor allem entlang des Alpenrands vorkommt. Es entsteht aus ehemaligen Flusskieseln, die im Laufe der Zeit zu einem festen Konglomerat verfestigt wurden. Im Volksmund wird Nagelfluh auch „Herrgottsbeton“ genannt, da man sich seine Entstehung früher nicht erklären konnte und sie daher göttlichem Einfluss zuschrieb. Aufgrund von Naturschutzauflagen existieren heute kaum noch aktive Abbaustellen. © Hannes Bäuerle / Material Bank
Sechs Kunststoffdosen als Pyramide: oben gelbes Pulver, darunter rote Späne und getrocknete Blätter, unten dunkle Rinden‑ und Pflanzenteile.
Seit Jahrtausenden werden Rinden, Blätter, Früchte, Flechten und Wurzeln als Rohmaterial für die Herstellung verschiedenster Farbstoffe verwendet. Diese ursprünglichen Rohmaterialien wurden jedoch größtenteils durch moderne Farbstoffe abgelöst, was die Farbenvielfalt und Verfügbarkeit immens erweitert hat. © Hannes Bäuerle / Material Bank

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Das eine ist die Endlichkeit von Rohstoffen, in der Diskussion sprechen Sie aber auch von „ehrlichen“ und „unehrlichen“ Materialien. Was meinen Sie damit?

Ein ehrliches Material ist das, was man sieht und anfasst. Nehmen Sie massives Holz, Naturstein oder Lehmputz – da ist die Oberfläche das Material, durch und durch. Unehrlich wird es, wenn eine hauchdünne Schicht eine Materialität vortäuscht, die dahinter gar nicht existiert. Eine Folie in Holzoptik, ein Laminat, das wie Stein aussieht – das ist auf Optik getrimmte Oberfläche, mehr nicht. Das Problem dabei: Wie soll so ein Material altern, eine Patina entwickeln, repariert werden? Es kann es nicht. Und wenn ich dann noch weiterdenke – heute haben wir vom Tisch, an dem ich sitze, über den Bodenbelag bis zur Fassade alles Multilayer-Systeme. 

Irgendwann muss man sich fragen: Warum brauche ich so viele Materialschichten übereinander? Je komplexer ein System wird, umso fehleranfälliger – und umso schwieriger ist es später, die Materialien wieder sauber zu trennen. 

Detail einer silbrig‑weißen Dämmplatte; folierte, körnige Oberfläche und dicker Hartschaumkern an der Kante.
Bei vielen Objekten denkt man inzwischen: „Alles nur Fassade!“ – im wörtlichem wie im redensartlichen Sinn. Multilayer-Systeme lassen so gut wie keine Umwelteinflüsse an sich heran und können daher keine schöne Patina entwickeln. split: © Hannes Bäuerle / Material Bank

Heißt das, Schichtstoffe und Imitate sind grundsätzlich problematisch?

Nein, ich hab kein Problem mit Schichtstoffen, auch mit Imitaten. Fliesen, die aussehen wie Holz – in gewissen Bereichen gehen die sehr wohl. Es kommt extrem auf den Einsatz an. Genauso wenig würde ich den Grabenkampf „kein Beton mehr, weil Holz so toll ist“ aufmachen – ein guter Betonbau, der die entsprechende Haltbarkeit hat und in der Situation Sinn macht, hat seine Berechtigung. 

Die Frage ist immer: Brauche ich diese Komplexität wirklich? Je mehr Schichten und Systeme ich übereinanderstapele, umso fehleranfälliger wird das Ganze. Ich saniere gerade ein Rustico im Tessin – Naturstein und Holz, that’s it, vielleicht ein bisschen Mörtel. Das ist die Einfachheit, die funktioniert, die altert, die eine Patina bekommt. 

Drei Leichtbauplatten im Stapel; Faserzement‑Decklagen mit Waben‑ bzw. Wellenkern aus Karton.
Leichtbau spart nicht nur Gewicht, sondern auch jede Menge Ressourcen. In diesem Fall wird Beton imitiert – allerdings mit einer Schicht aus Zementösen als „echte“ Materialität. © Hannes Bäuerle / Material Bank
Sammlung verschiedener Materialmuster auf Weiß: Terrazzo, gerilltes Holz, dunkler Kunststein, braunes Formteil, Platte in Marmoroptik, patinierte Oberfläche, harzartiges Gesteinsmuster.
Ehrliche Materialien zeigen durchgängig, was sie sind – und sind alterungsfähig. Kritisch wird es bei rein visuellen Imitationen ohne materielle Tiefe. Gleichzeitig zeigt Keramik, dass Nachbildungen differenziert zu betrachten sind. Durch moderne Fertigungstechniken entstehen präzise Reproduktionen von Holz oder Stein. Diese schonen Ressourcen, sind langlebig und entwickeln zugleich eigene gestalterische Qualitäten. © Hannes Bäuerle / Material Bank

Was beschäftigt Sie gerade besonders?

Ich bin im Gipser-Stuckateur-Haushalt aufgewachsen – das prägt. Und wenn ich mir heute anschaue, was aus dem Handwerk geworden ist, schmerzt das schon. Jeder Handwerker hatte früher seine eigene Handschrift, regional unterschiedliche Techniken, vom Graffito bis zum Münchner Rauputz und Berliner Kratzputz. Heute sieht mit den Industrieprodukten jede Fassade gefühlt gleich aus. Dabei steckt da gigantisches Gestaltungspotenzial: Welche Zuschlagstoffe, welche Steine, welche Pigmente gibt es vor Ort? Das ist ein Feld, das wir als Gestalter viel mehr für uns beanspruchen sollten. 

Betonplatte mit reliefartigen, geschwungenen Fräsrillen; Ecke der Platte im Bild.
Die Zusammensetzung und Verarbeitung prägen den Putz als plastischen Baustoff. Tradierte Techniken, regionale Zuschläge und moderne Rezepturen ermöglichen eine nahezu unendliche Gestaltungsvielfalt. Zahlreiche Fassaden zeigen, was mit echter Handwerkskunst möglich ist. © Hannes Bäuerle / Material Bank
Weiße, grobkörnige Putzfläche mit runden, glatteren Ausbesserungsflecken.
Die Zusammensetzung und Verarbeitung prägen den Putz als plastischen Baustoff. Tradierte Techniken, regionale Zuschläge und moderne Rezepturen ermöglichen eine nahezu unendliche Gestaltungsvielfalt. Zahlreiche Fassaden zeigen, was mit echter Handwerkskunst möglich ist. © Hannes Bäuerle / Material Bank
Helle Putzoberfläche mit parallelen, tiefen Rillen; Stoßfuge mit kleinen Zähnen in der Mitte.
Die Zusammensetzung und Verarbeitung prägen den Putz als plastischen Baustoff. Tradierte Techniken, regionale Zuschläge und moderne Rezepturen ermöglichen eine nahezu unendliche Gestaltungsvielfalt. Zahlreiche Fassaden zeigen, was mit echter Handwerkskunst möglich ist. © Hannes Bäuerle / Material Bank

Im nächsten Teil spricht Hannes Bäuerle über neue Materialentwicklungen, die Grenzen der Kreislaufwirtschaft und warum die Branche Komplexität nicht fürchten, sondern feiern sollte. 

Zur Person

Hannes Bäuerle 

Managing Director Material Bank DACH & Material Bank Studio

Hannes Bäuerle gründete 2005 gemeinsam mit Architekt Joachim Stumpp Raumprobe – Europas größte Materialbibliothek für Baumaterialien im deutschsprachigen Raum. Nach der Übernahme durch Material Bank im Juni 2023 führen beide das Unternehmen als Geschäftsführer der DACH-Region weiter und bauen die globale Reichweite des weltweit größten Online-Marktplatzes für Architektur-, Design- und Baumaterialien aus. 

DAB Redaktion

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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