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Mit Haltung ins Ungewisse

Das Hannoveraner Büro Studiomauer baut mit Haltung: nachhaltig, kooperativ, pragmatisch – und nimmt Zukunft ernst

Nils Marius Kirschstein
25.03.2026 6min
Hinten: Dariya Muxunova, Niklas Staack, Paul Jakob Bohlen, Franziska Faber, Max Pape | vorne: Bela Janke, Laura Kreis, Heiko Lubs © Andrea Seifert

Wer sich hier einen Moment aufhält, der stellt fest, dass etwas gesucht wird. Nicht die Form, nicht die ikonische Geste, sondern der sinnvollste Weg, etwas zu ermöglichen. Nachhaltigkeit, Suffizienz, Bestandserhalt, Ressourcenschonung – während des Gesprächs merkt man schnell: Für die vier Gründer sind das keine Schlagworte, sondern Ausgangspunkte ihres architektonischen Denkens.

Gegründet aus einem mittlerweile unzertrennlichen Freundeskreis, der sich im ersten Studiensemester an der Leibniz Universität Hannover fand – von der „Ersti-Woche“ zu Fachschaftsaktivitäten, später zusammen im Arbeitsraum, um „gemeinsam an unseren Masterarbeiten zu schreiben“, wie sie sagen, schlussendlich die Bürogründung. Der Übergang war fließend: Teilzeitstellen in verschiedenen Büros und an der Uni sollten verhindern, dass sich die Gruppe nach dem Studium in alle Richtungen verliert. Zu groß war die Angst, das lang geplante Projekt des eigenen Architektur- und Stadtplanungsbüros nicht umzusetzen. Montags bis mittwochs Teilzeit, donnerstags und freitags traf man sich zum gemeinsamen Arbeiten, irgendwann war klar: Wir bauen uns etwas Eigenes auf. Wo früher Waschmaschinen den Besitzer wechselten, stehen heute sieben offene Arbeitsplätze über zwei Etagen verteilt – Hamburger Loft-Maisonette-Feeling in der Calenberger Neustadt in Hannover. Zwei Tage pro Woche über Monate wurde renoviert, zwischenvermietet, viel Hilfe von Freunden in Anspruch genommen und manchmal auch hinterfragt, ob das, was sie hier gerade tun, das Richtige ist. „Wir würden es genauso wieder tun.“ 

2018

Gründung Studiomauer direkt nach dem Studium an der Leibniz Universität Hannover 

Projekt im Bau:Holz-Wohnungsbau mit integriertem Gemeindezentrum in Leinhausen, Hannover. Architektur: Studiomauer © Jan Schölzel

Früh gewann Studiomauer Wettbewerbe, zunächst im Städtebau. Der erste große Schritt: das ecovillage Hannover (mit Cityförster), das dem jungen Büro zu einer Referenz verhalf, die Türen öffnete. Wettbewerbe, sagen sie, seien für junge Büros Chance und Risiko zugleich: hoher Aufwand, Unsicherheit, dünne Finanzdecke. Zugangsbarrieren für junge Büros seien zu hoch; die Kategorie „junges Büro“ in Auslobungen – die ihnen mehrfach die Teilnahme ermöglichte – müsse Standard werden. Und doch sind Wettbewerbe der wichtigste Weg, um an öffentliche Bauaufgaben zu kommen. 2025 wurde dann zu ihrem Jahr. Gleich drei Wettbewerbsgewinne, ein Stadtteilhaus in Lübeck, ein neues Stadtquartier in Hannover, eine Schulbau-Erweiterung in Husum, innerhalb weniger Wochen. „Wir konnten es nicht glauben“, erzählen sie. „Man wartet den ganzen Tag, rechnet nicht mehr damit – und dann klingelt plötzlich das Telefon.“

Unsichtbare Qualitäten

Dass Studiomauer häufig mit Partnerbüros arbeitet, hat weniger mit fehlenden Kompetenzen zu tun als mit den Zugangshürden vieler Verfahren. Oft braucht es realisierte Referenzen – ein Widerspruch für ein Büro, das gerade erst beginnt. Kooperationen ermöglichen Teilnahme und erlauben es zugleich, Expertise gezielt ins Team zu holen. So macht es Studiomauer bereits seit 2018. Im Städtebau sind es feste Partner, im Hochbau jeweils lokale Büros für Umsetzung und Bauleitung. Ganz bewusst: Denn das Büro versteht sich nicht als abgeschlossene Einheit, sondern als Netzwerk. Ein Netzwerk, das wächst. Was ist die „Studiomauer-Handschrift“? Die Antwort überrascht: Man sieht sie anscheinend kaum. „Unsere Qualitäten sind oft unsichtbar“, sagt das Team – und meint damit radikal pragmatische, ressourcenschonende Entwurfsentscheidungen. Keine Tiefgarage, wenn ein Mobilitätskonzept oder die Stellplatzordnung es erlaubt. Flexible Grundrisse, die Wohnungen teilbar machen. Bestandsräume erhalten statt neu konstruieren. Holzbau, wo möglich, und zunehmend auch recycelte Materialien.

Beim Stadtteilhaus in Lübeck wird die Fassade zum Beispiel aus zurückgebauten Ziegeln der benachbarten Abrissbauten entstehen – nicht als ästhetische Geste, sondern als logische Konsequenz. Bei Schul- und Wohnungsbauten hinterfragt man Raumprogramme, um Eingriffe und Kosten zu reduzieren. Nachhaltigkeit ist hier kein Add-on, sondern Planungsstrategie.

Verantwortung gestalten

Dass diese Haltung Überzeugungsarbeit erfordert, ist selbstverständlich. Manche Bauherren kommen wegen der ökologischen Agenda zu Studiomauer – andere müssen mit Argumenten gewonnen werden. Mal über Flächeneffizienz, mal über Bauzeit, mal über Betriebskosten. „Manchmal muss man über Zahlen kommen, nicht über Ideale.“ Doch bislang ist das Büro erstaunlich erfolgreich damit, seine Themen zu setzen. Kein Projekt wurde konventionell massiv errichtet; selbst im Neubau kommen Holzbau, Re-Use oder Suffizienzansätze zum Tragen. Prinzipien haben sie, an jedem Wettbewerb würden sie nicht teilnehmen. Es muss ja schließlich auch inhaltlich passen. Und Inhalte haben sie. Wie alle jungen Büros bewegt sich Studiomauer im Spannungsfeld zwischen Haltung und finanzieller Realität. Wettbewerbe kosten mitunter Hunderte Stunden Arbeit und oft Zigtausende Euro – ohne Garantie auf Erfolg. Parallel dazu muss laufende Projektarbeit gestemmt werden. Die ersten Jahre hielten Machbarkeitsstudien, Umbauten, kleinere Projekte das Büro finanziell am Leben. „Ausgezahlt haben wir uns in den ersten Jahren wenig, erst jetzt mit den Wettbewerbsgewinnen im Rücken können wir es etwas erhöhen.“ Heute steht Studiomauer breiter da, doch die strukturelle Unsicherheit bleibt. Sie nehmen es sportlich: „Wir sind vorsichtig geworden, aber wir glauben an das, was wir tun.“ 

13

Projekte im Bereich Städtebau und Architektur mit Fokus auf nachhaltige Bauweise

3

Wettbewerbsgewinne in Lübeck, Hannover und Husum im letzten Jahr 

Projekt im Bau: Sanierung und Umnutzung eines Bauernhauses in Hamburg. Architektur: Studiomauer © Studiomauer

Von den Kammern – drei sind Mitglieder in Niedersachsen, einer in Hamburg – wünschen sie sich stärkere berufspolitische Unterstützung für Nachwuchsbüros, klarere Signale an Auslobende und verbindlichere Nachhaltigkeitsanforderungen, die nicht nur als „Floskel“ im Text stehen. Um selber darauf Einfluss nehmen zu können, engagieren sie sich gleichzeitig selbst. Gründungsmitglied Paul Jakob Bohlen ist Mitglied im Ausschuss Klimaschutz und Nachhaltigkeit sowie in der Vertreterversammlung der Architektenkammer Niedersachsen. „Wenn wir wollen, dass sich etwas ändert, müssen wir mitgestalten.“ Studiomauer ist ein junges Büro, das nicht über Form spricht, sondern über Verantwortung. Über Kreisläufe, Ressourcennutzung, soziale Räume. Über das, was Architektur jenseits ihrer sichtbaren Oberfläche leisten kann und mittlerweile auch muss.  Im Juli 2025 feierte man das zweite Richtfest. Wenn in wenigen Jahren die ersten Gebäude stehen, wird man sie vermutlich optisch nicht sofort als ihre Arbeit erkennen. Aber man wird spüren, dass hier jemand Zukunft ernst nimmt. Und vielleicht ist genau das ihre eigentliche Handschrift. 

Das Studio

Studiomauer aus Hannover steht für eine Architektur, die aus Überzeugung handelt. Das junge Büro entwickelt Projekte mit Fokus auf Nachhaltigkeit, Suffizienz und den bewussten Umgang mit Bestand und Ressourcen. Wettbewerbe und Kooperationen sind dabei zentrale Werkzeuge. Statt formaler Gesten prägen flexible Konzepte, Re-Use, Holzbau und pragmatische Entscheidungen die Arbeit. Die Qualität zeigt sich weniger im Ausdruck als im verantwortungsvollen Umgang mit Zukunft.

studiomauer.com


Dieser Artikel erschien in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q1/2026 für die Region Niedersachsen und Bremen. 

Nils Marius Kirschstein

Referent Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Architektenkammer Niedersachsen
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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