Vom Kreislauf-Ideal zur Realität und zurück?
Warum Deutschland bei Recycling und Reuse feststeckt – und welche Hebel sofort wirken würden.
Deutschland gilt als Recycling-Weltmeister. Doch im Bausektor ist davon nicht viel zu bemerken: Unter zehn % der verbauten Materialien finden tatsächlich in geschlossene Kreisläufe zurück. Der Rest wird downgecycelt, also zu Produkten gemacht, die nicht den Qualitätsstandard des Ausgangsproduktes erreichen, oder sie werden gar verfüllt, deponiert oder verbrannt. Annette Hillebrandt, Professorin für Baukonstruktion, Entwerfen und Materialkunde an der Bergischen Universität Wuppertal, hat am im Jahr 2024 veröffentlichten Positionspapier der Kommission Nachhaltiges Bauen mitgearbeitet. Seitdem ist wenig passiert, denn die Hürden sind weniger technischer als vielmehr politischer und struktureller Natur.
Frau Hillebrandt, warum haben Sie am Positionspapier der Kommission Nachhaltiges Bauen mitgearbeitet?
Annette Hillebrandt: Bei den Bauprodukten wird leider sehr viel Greenwashing betrieben mit Begriffen wie Recycling oder Upcycling, die bei näherer Analyse aber eine Verwertung auf niedrigem Niveau sind. Die meisten Prozesse, die mit Recycling bezeichnet werden, sind Downcycling-Prozesse. Mir war wichtig, dass wir ein einheitliches Wording finden für all die Begriffe, die mit Zirkularwirtschaft zu tun haben.
Und warum ist diese Begriffspräzision so wichtig?
AH: Weil man sonst nicht entlarven kann, was wirklich ein geschlossener Kreislauf ist und was nur so tut. Nehmen Sie zum Beispiel Beton. In Deutschland darf nach Richtlinien des Deutschen Ausschusses für Stahlbeton e.V. maximal 45 % Recycling-Gesteinskörnung im Beton verwendet werden – und das auch nur für Betoninnenwände, die keinem Frost- oder chemischen Angriff ausgesetzt sind. Bei hohen Festigkeitsklassen soll nach DIN 1045 sogar gar kein Recyclingmaterial eingesetzt werden. Das bedeutet: Der Kreislauf ist nicht geschlossen, sondern offen, weil neues Material hinzugefügt werden muss, um die gleiche Qualität zu erhalten wie das Ausgangsprodukt. Sobald die Loops offen sind, muss man es klar als Downcycling bezeichnen. In der Schweiz sind 100 % Recycling-Gesteinskörnung zulässig – damit erreichen sie immerhin 86 % Closed Loop – neuer Zement muss natürlich immer noch dazu. Das ist aber immerhin doppelt so viel Sekundärmaterial wie bei uns.
Warum sind die deutschen Normen so restriktiv?
AH: Ich wage zu bezweifeln, dass sich die Normengeber ernsthaft Sorgen um die Standfestigkeit unseres Betons machen. In der Schweiz halten die Betonbauwerke ja auch. Ich kann nur vermuten: Bestimmte Lobbygruppen haben offenbar einen starken Einfluss auf die Fortschreibung von Normen.
Die aktuelle Debatte – Stichwort Gebäudetyp E, Bau-Turbo – verspricht ja Wandel durch den Abbau von Normen und Regeln. Ist das der richtige Hebel?
AH: Wir könnten die Bauordnung tatsächlich anders interpretieren. Im Paragrafen 3 der Allgemeinen Anforderungen der Landesbauordnung ist zu lesen: „Anlagen sind so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und instand zu halten, dass (…) insbesondere Leben, Gesundheit und die natürlichen Lebensgrundlagen nicht gefährdet werden.“ Wir könnten diese Forderung nach Schutz der Lebensgrundlagen priorisieren vor den anderen technischen Bauvorschriften, an denen sich unsere Genehmigungsbehörden abarbeiten. Dann wäre ein Stahlbetonmassivbau mit aufgeklebtem Plastik-Wärmedämmverbundsystem nicht mehr genehmigungswürdig. Aber das wirksamste Mittel für mich wäre etwas anderes: ein Flächenmoratorium. Wir erreichen seit Jahren unsere Flächenschutzziele nicht. Wir liegen weit über den 30 ha pro Tag Versiegelung. Man muss sich es nur zu Ende denken: In 100 Jahren wäre Deutschland dann betoniert. Wir hätten dann keine Luft mehr zum Atmen, kein frisches Wasser, keine Biodiversität.
In Kraft setzen und durchführen, was schon geschrieben steht!
Annette Hillebrandt
Wie könnte ein Flächenmoratorium konkret funktionieren?
AH: Ein möglicher Ansatz wäre, dass in Gemeinden, in denen kein Zuzug herrscht, keine weiteren Flächen versiegelt werden dürfen. In großen Metropolen wie zum Beispiel München, wo Wohnungsnot herrscht, muss Versiegelung hingegen weiterhin ermöglicht werden. Aber nur mit einer Art Flächentauschbörse. Wenn man an einem Ort versiegeln möchte, muss man woanders entsiegeln. Ich komme aus dem Ruhrgebiet, da gibt es so viele Brachen. Wir könnten sagen: Wenn ihr hier 3.000 qm entsiegelt, könnt ihr bei München 3.000 qm versiegeln – ganz einfach: immer eins zu eins.
Sie haben gerade über Flächenversiegelung gesprochen. Aber auch bei den Materialien selbst gibt es ja große Hebel. Wo müsste die Politik ansetzen?
AH: Der einfachste Hebel: das bestehende Kreislaufwirtschaftsgesetz umsetzen. Da steht eindeutig drin, dass Hersteller verpflichtet werden könnten, ihre Produkte am Lebensende zurückzunehmen oder Sammelsysteme anzubieten. Da steht auch drin, dass bestimmte Produkte nicht in Verkehr gebracht werden dürfen, wenn sie zur erheblichen Vermüllung der Umwelt beitragen. Das wäre auf jeden Fall ein Riesenschritt: In Kraft setzen und durchführen, was schon geschrieben steht!
Klingt fast zu einfach.
AH: Ja, könnte diese Regierung einfach mal machen. Aber wir entwickeln am Lehrstuhl gerade noch etwas anderes: ein Top-Runner-Modell für Bauprodukte. Jedes Bauprodukt bekommt nur noch eine Neuzulassung, wenn es besser ist als die Vorgängerprodukte – wenn es auf Schadstoffe verzichtet, wenn es mehr Sekundärrohstoffe enthält als das Vorgängerprodukt oder wenn es komplett im Closed Loop zu führen ist. Oder sie müssen mit Rückbauanleitung nachweisen, dass sie für Reuse geeignet sind, also lösbar verbunden werden.
Und wie steht es um ökonomische Instrumente – etwa eine Lenkungsabgabe auf Primärrohstoffe?
AH: Das wäre eine weitere Möglichkeit. Diskutiert wird zum Beispiel eine Kiesabgabe von ein paar Euro pro Tonne – das ist eine minimale Belastung. Aber es könnte dazu führen, dass mehr Recyclingstoffe eingesetzt werden und mehr Recyclingmaterial hergestellt wird. Dazu müsste aber auch abgeschafft werden, dass RC-Material teilweise stärker auf Schadstoffe kontrolliert wird als Primärbaustoff. So hätten wir vielleicht innerhalb weniger Jahre einen leistungsfähigen Sektor für Sekundärrohstoffe aufgebaut.
Noch mal vom Wunsch zur Realität: Wie kriegen wir die Zirkularität von Materialien in die Breite?
AH: Deutschland verfügt bereits über einen enormen Bestand an Baumaterialien und -produkten. Es geht jetzt darum, in der Wirtschaft den Wechsel zu vollziehen: weg von „produce to waste“, hin zur Dienstleistung. Pflegen, Warten, Reparieren – das sind die neuen Berufe. Die Firmen haben die Kompetenz dazu – sie haben die Produkte zusammengebaut und können sie auch wieder zerlegen und aufbereiten.
Die Zeit des Abwartens ist vorbei.
Annette Hillebrandt
Warum passiert das nicht?
AH: In der Bauindustrie sitzen viele kluge Köpfe, Entwickler, Erfinder. Aber die widmen sich den falschen Sachen. Das ist wie die Einparkhilfe der Autoindustrie – eine Innovation, die nur einem Komfortzweck dient. Entscheidend ist, dass eine echte Transformation jetzt angegangen wird. Und die basiert auf Entwicklungen zur Suffizienz, zum Reuse und Recycling. Sonst werden wir unseren Lebensraum vernichten. Überdies werden wir im internationalen Wettbewerb abgehängt. Die Frage ist: Gehen wir jetzt den Weg nach vorne – oder verwalten wir den Niedergang: ökologisch wie ökonomisch?
Sehen Sie denn Beispiele, wo es funktioniert?
AH: Es gibt viele Hersteller, die bereits umgestellt haben. Aber anstatt diese Vorreiter zu fördern und zum Maßstab zu machen, wird immer noch Rücksicht genommen auf diejenigen, die bremsen. Ich frage mich: Welche Zielsetzung verfolgt die Politik eigentlich?
Wie erklären Sie sich die politische Blockade?
AH: Ich kann es nicht nachvollziehen. Aktuell wird weltweit viel Wissen ignoriert – man macht einfach weiter wie bisher. Dabei sind die Menschen viel weiter, als die Politik annimmt. Viele Bürgerinnen und Bürger haben längst verstanden, worum es geht. Aber während viele bereit sind, die Herausforderungen anzunehmen, bremsen sehr Mächtige die Entwicklungen aus.
Was ist Ihr Appell an die Planerschaft?
AH: Wir müssen Einfluss nehmen auf die Politik – alle, jeder Einzelne. Ob durch Demonstrationen, Briefe, Petitionen, Gespräche mit Lokalpolitikern oder durch eigenes politisches Engagement. Die Zeit des Abwartens ist vorbei. Mein Appell an alle Planer: Unterstützen Sie ihre Kammern darin, politischen Druck aufzubauen. Wir müssen diesen Wandel schaffen – und wir können ihn jetzt noch schaffen. Wenn wir nur abwarten, verschärft sich die Situation weiter. Allen, die diese Verantwortung annehmen und darunter leiden, dass zu wenig passiert, möchte ich sagen: Ihre Haltung ist die richtige und es bereitet Freude, auf der richtigen Seite zu arbeiten. Ignoranz hingegen macht nicht glücklich.
Ignoranz hingegen macht nicht glücklich.