Aus Ziegel und Lehm
Bei einem Verwaltungsgebäude in Tirschenreuth kombinierten Brückner & Brückner Architekten Holz-Lehm-Massivdecken mit einer monolithischen Ziegelbauweise. Der kleine Bau basiert auf einem Lowtech-Konzept und liefert ein weiteres Beispiel, wie einfaches Bauen aussehen kann.
Es tut sich was in der Architektur: Der Gebäudetyp E und die dazugehörigen Pilotprojekte zeigen gerade, wie man einfach und experimentell bauen kann. Beide Zuschreibungen treffen auch auf ein Verwaltungsgebäude in Tirschenreuth zu. Zwar handelt es sich hier nicht um ein Gebäudetyp-E-Projekt. Allerdings bietet der Bau von Brückner & Brückner Architekten interessante neue Ansätze aufgrund seiner Verbindung von monolithischem Ziegelmauerwerk mit Holz-Lehm-Massivdecken. „Eine grundlegende Idee für das Gebäude war es, die historische Baukultur der nördlichen Oberpfalz aufzugreifen. Deshalb haben wir uns für ein regionales Material wie Ziegel entschieden. Außerdem wollten wir mit Firmen zusammenarbeiten, die vor Ort tätig sind“, erzählt Peter Brückner von Brückner & Brückner Architekten.
Bauherr ist der Verband für Ländliche Entwicklung (VLE) Oberpfalz. Dessen Aufgaben bestehen unter anderem in Dorferneuerungen oder der Umstrukturierung landwirtschaftlicher Flächen. Dazu arbeitet der Verband auch mit dem Amt für Ländliche Entwicklung, einer staatlichen Behörde, zusammen. Beide Institutionen sind nun direkte Nachbarn. „Die beiden Gebäude befinden sich auf dem ehemaligen Bahnhofsareal von Tirschenreuth, für das die Stadt einen städtebaulichen Rahmenplan entwickelt hat. Sowohl der Verband als auch das Amt hatten ihren Sitz zuvor in Regensburg, konnten aber durch eine Ämterverlagerung auf Grundstücken nebeneinander platziert werden“, erläutert Peter Brückner.
Während es sich beim Amt für Ländliche Entwicklung um einen Holzbau aus dem Jahr 2013 mit prägnant roter Lattenfassade aus der Feder von SHL Architekten und Stadtplaner handelt, übt sich der gerade fertiggestellte und deutlich kleinere Bau von Brückner & Brückner Architekten in Zurückhaltung und Einfachheit. Dabei handelt es sich um einen etwa 19 × 19 m großen, zweigeschossigen Kubus. Die einzelnen Büros bieten Platz für 15 Arbeitsplätze und sind u-förmig um ein Atrium angeordnet. Als Erschließung dienen eine einläufige Treppe und ein umlaufender Flur. Ein zentrales Oberlicht versorgt das Innere mit Tageslicht und beleuchtet das prägnante Mauerwerk der Innenwände.
Zum Einsatz kamen sogenannte Kaltziegel, die hell geschlämmt sind. Sie wurden aus rezykliertem Ziegelschleifstaub gefertigt und anschließend ohne zusätzlichen Energieverbrauch luftgetrocknet. Die Verwendung der haptischen Ziegel hat auch akustische Gründe, wie Peter Brückner erklärt: „Es ist ein großer Vorteil, wenn man keine glatt geputzten Wände hat, sondern eine geriffelte Oberfläche.“ Bei den Außenwänden entschied man sich für 49 cm starke, mit Nadelholzfasern gefüllte Ziegel, die verputzt wurden. Zwischendecke und Dach bestehen aus Holz-Lehm-Massivdecken. Lediglich das Erdgeschoss weist eine konventionelle Bodenplatte und Fundamente aus Beton auf.
„Der Bau ist kompakt und schlicht gehalten, was wirtschaftliche Spannweiten und Dimensionen im Hinblick auf Decken und Ziegelwände ermöglichte“, sagt Peter Brückner. „Die Idee der Einfachheit betrifft aber nicht nur die Raumstruktur, sondern zum Beispiel auch die Haustechnik. In den Wänden haben wir etwa auf Schlitze für die Installationen verzichtet. Das Ganze ist stattdessen in den Decken, Fußböden und den Türrahmen untergebracht. Außerdem gibt es keine Verschattungselemente an den Fenstern. Das konnten wir zum einen durch eine entsprechende Fensterdimensionierung und zum anderen durch die hohe thermische Masse der Bauteile erreichen.“ Deshalb braucht es im Gebäude keine aktive Kühlung mit entsprechender Haustechnik. Stattdessen sorgt das Oberlicht in der Mitte für eine natürliche Durchlüftung. Wichtig war den Architektinnen und Architekten Flexibilität und eine gewisse Rückbaubarkeit, weshalb einige Trennwände zwischen den Büros mit Lehmplatten beplankt sind. Gleiches gilt für den Ziegelestrich als Bodenbelag und die Holz-Lehm-Massivdecken.
Besonders Letztere haben einen gewissen Pioniercharakter. Die Konstruktion ist an historische Staken-, Wickel- und Einschubdecken angelehnt, die man aus Fachwerkhäusern oder Gründerzeitbauten kennt. Sie dienten als Vorbild für ein Studentenprojekt von Julian Trummer an der TU München, der mittlerweile in der Entwicklungsabteilung des Baustoffherstellers Leipfinger-Bader arbeitet. Die zum Produkt gereifte Konstruktion konnte in Tirschenreuth zum ersten Mal umgesetzt werden. Dabei handelt es sich um eine Tragstruktur aus Holz, in die ein speziell entwickeltes Massivlehmgemisch mit einer Rohdichte von 2.200 kg/cbm gegossen wird. Die Holzelemente wurden manuell zusammengefügt, mit Lehm vergossen, an der freien Luft getrocknet und anschließend als Fertigteile auf die Baustelle geliefert. Der Einbau erfolgte vor Ort durch die Rohbaufirma.
Dabei gab es vorab einige Punkte zu klären, wie Peter Brückner erzählt: „Trotz der experimentellen Bauweise durften die Holz-Lehm-Massivdecken nicht mehr kosten als eine konventionelle Konstruktion. Außerdem mussten verschiedene logistische Vorgaben gelöst werden.“ So galt es zum Beispiel sicherzustellen, dass der in die Holzschalung gegossene Lehm sich beim Transport zur Baustelle nicht rausrüttelt. Außerdem mussten die Decken, ähnlich wie bei einer Holzkonstruktion, beim Einbau vor Feuchtigkeit geschützt werden. Dass alles geklappt hat, liegt laut Brückner auch am Zusammenspiel der am Bau beteiligten Akteure. „Am Ende muss beides zusammenkommen: ein Bauherr, der sich auf unkonventionelle Lösungen einlässt, und ein Bauunternehmen, das solche Lösungen anbietet und tatsächlich umsetzen kann. Das war ein absoluter Glücksfall – und den braucht es, damit man ein solches Projekt gelingt.“
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