Konflikte gehören zum Projekt?
Mit der inhaltlich neu konzipierten Neuauflage des Lehrgangs „Mediation im Planungs-, Bau- und Umweltbereich“ reagiert die Bayerische Architektenkammer auf eine Entwicklung, die viele Planende aus ihrem Berufsalltag kennen: Planungs- und Bauprojekte werden immer komplexer. Divergierende Interessen, knappe Ressourcen und zahlreiche Beteiligte machen Konflikte nicht zur Ausnahme, sondern zum Normalfall. Doch wie lassen sich solche Situationen produktiv bewältigen? Die DAB-Redaktion hat beim Ausbildungsteam des Lehrgangs, Beate Voskamp, Markus Troja, Ulla Gläßer und Maximiliane Rieger-Pöhlmann, nachgehakt.
Konflikte in Planungs- und Bauprozessen entstehen selten aus bösem Willen, sondern zumeist daraus, dass diese Prozesse komplex, langwierig und von vielen Beteiligten und Rahmenbedingungen abhängig sind. Beate Voskamp, Landschaftsarchitektin und Mediatorin, beobachtet, dass Veränderungen während eines Planungs- oder Bauprozesses heute eher die Regel als die Ausnahme sind. Schon kleine Verschiebungen bei Terminen oder Abläufen können weitreichende Folgen haben – etwa für Finanzierungen, Personaleinsatzplanungen oder nachfolgende Gewerke – und weitere Engpässe nach sich ziehen. Auch Gesetzesänderungen, neue Wünsche der Bauherrschaft oder wechselnde Ansprechpartner in Planungsbüros und Behörden lassen leicht eine Dynamik entstehen, in der sich Probleme gegenseitig verstärken.
Konflikte in Planungs- und Bauprozessen entstehen selten aus bösem Willen, sondern zumeist daraus, dass derartige Prozesse komplex, langwierig und abhängig von vielen Akteuren und Rahmenbedingungen sind.
Beate Voskamp
Landschaftsarchitektin und zertifizierte MediatorinEskalieren Auseinandersetzungen, verändert sich häufig auch die Kommunikation, erläutert Voskamp. Sie verschriftliche sich und nicht selten auch verrechtliche sie sich. Der Umgangston wird rauer, Interpretationsspielräume und Missverständnisse nehmen zu. Gleichzeitig werde Verantwortung häufig abgewehrt. Fragen, die die unmittelbar Projektbeteiligten noch konstruktiv lösen können, wandern dann auf die Ebene von Bauherrschaft, Projektsteuerung oder juristischen Vertretungen. Im öffentlichen Bereich komme hinzu, dass Bürgerinnen und Bürger Planungsverfahren oft mit grundsätzlichem Misstrauen begegnen. Werden Beteiligungsprozesse zu spät begonnen oder lediglich als Formsache behandelt, verstärken sich Konflikte oft zusätzlich.
Welche Kompetenzen heute gefragt sind
Planungs- und Bauprozesse stellen heute nicht nur hohe fachliche, sondern auch kommunikative Anforderungen an Planende. Sie müssen komplexe Zusammenhänge verständlich vermitteln, unterschiedliche Interessen moderieren und Bauherrschaft wie Mitarbeitenden auch in anspruchsvollen Situationen Orientierung geben können.
Wer fragt, führt – nicht durch Vorgaben, sondern indem er Beteiligte dabei unterstützt, gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Maximiliane Rieger-Pöhlmann
Zertifizierte Mediatorin und ProzessbegleiterinAktives Zuhören, strukturierte Gesprächsführung und die Fähigkeit, durch die richtigen Fragen Klarheit zu schaffen, gehören deshalb zu den zentralen Werkzeugen der Weiterbildung. Dass diese Kompetenzen weit über klassische Mediationsverfahren hinausreichen, betont auch Markus Troja. Mediative Methoden können Beteiligte bei Konflikten und schwierigen Verhandlungen in Bau- und Planungsprojekten unterstützen – etwa bei Vertragsvereinbarungen, Nachforderungen oder Streit um Honorare. Hinzu kommen Kommunikationstechniken für den Umgang mit schwierigen Projektbeteiligten sowie Instrumente für die Mitarbeiterführung im eigenen Büro.
Troja berichtet von einer Mediation in einem Architekturbüro, bei der Konflikte zwischen erfahrenen Projektleitenden und jungen Architektinnen im Mittelpunkt standen. Es ging um Erwartungen, Einsatzbereitschaft, Wertschätzung und Feedback. Die erfahrenen Führungskräfte hätten selbst eingeräumt, kommunikative Methoden zur Vermeidung und Regelung von Konflikten für ihre Führungsrolle nie systematisch gelernt zu haben. Auch diese Lücke soll die Weiterbildung schließen.
Die meisten Fachleute sind nicht als Konfliktmanager ausgebildet, sondern als Experten in ihren jeweiligen Disziplinen. Genau hier setzt die Weiterbildung an.
Dr. Markus Troja
Zertifizierter Mediator, systemischer Coach und TeamentwicklerWarum Mediation?
Planen und Bauen sind Gemeinschaftsleistungen. Der Erfolg eines Projekts hängt nicht allein von technischem Können ab, sondern maßgeblich davon, wie Menschen zusammenarbeiten. Genau hier setzt Mediation an: Sie schafft Struktur in komplexen Prozessen, gibt Orientierung und fördert einen konstruktiven Dialog. So entstehen Räume, in denen gemeinsame Lösungen möglich werden. Für Maximiliane Rieger-Pöhlmann ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus ihrer eigenen Mediationsausbildung. „Erfolgreiche Projekte werden nicht allein an fachlicher Kompetenz entschieden, sondern an der Qualität der Zusammenarbeit.“ Mediation sei deshalb weit mehr als Konfliktmanagement. Sie schaffe Räume, in denen Menschen einander verstehen, Komplexität handhabbar werde und gemeinsame Lösungen entstehen könnten – und werde damit zu einer Schlüsselkompetenz für anspruchsvolle Planungs- und Bauprozesse.
Was den mediativen Ansatz auszeichnet, erläutert Ulla Gläßer: Das strukturierte Vorgehen richtet den Blick auf Interessen statt auf Positionen. Themen werden sortiert, Interessen und Bedürfnisse herausgearbeitet und daraus gemeinsam Lösungen entwickelt. Gerade diese Phasenstruktur hilft dabei, Komplexität abzubilden und ihr zu begegnen.
Das Ergebnis ist nicht nur ein gutes Werk, sondern auch ein gutes Miteinander auf dem Weg dorthin.
Prof. Dr. Ulla Gläßer
Professorin für Mediation, Konfliktmanagement und Verfahrenslehre an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und Leiterin des LehrgangsMediation werde häufig missverstanden, sagt Gläßer. Manche hielten sie für ein unverbindliches Gespräch oder für einen Weg zu schnellen Kompromissen. Tatsächlich ist Mediation jedoch „ein klar und nüchtern strukturiertes Konfliktbearbeitungsverfahren“. Mithilfe professioneller Kommunikationsmethodik werden die Interessen aller Beteiligten systematisch herausgearbeitet, um gemeinsam konstruktive und nachhaltig tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Weiterbildung für die Praxis
Die berufsbegleitende Weiterbildung „Mediation im Planungs-, Bau- und Umweltbereich“ richtet sich an Architektinnen und Architekten sowie weitere Fachleute aus Planung, Bau und Verwaltung, die ihre kommunikativen und konfliktlösenden Kompetenzen gezielt erweitern möchten.
Die Ausbildung umfasst sieben dreitägige Präsenzmodule, ein Onlinemodul sowie begleitende Peergruppenarbeit. Theorie und praktische Übungen ergänzen sich; Rollenspiele, Fallsimulationen und Reflexionseinheiten ermöglichen die direkte Anwendung im Berufsalltag. Nach erfolgreichem Abschluss erhalten die Teilnehmenden ein Zertifikat der Bayerischen Architektenkammer. In Verbindung mit fünf supervidierten Praxisfällen erfüllt die Ausbildung zudem die Voraussetzungen für die Bezeichnung „Zertifizierter Mediator“ nach § 5 Abs. 2 Mediationsgesetz und Zertifizierte-Mediatoren-Ausbildungsverordnung (ZMediatAusbV).
Informationen zum Lehrgang „Mediation im Planungs-, Bau- und Umweltbereich“
Informationen zum Lehrgang „Mediation im Planungs-, Bau- und Umweltbereich“
Start: 24. September 2026
Inhalte: Berufsbegleitende Ausbildung mit 187 Unterrichtseinheiten, Sieben Präsenzmodule und ein Onlinemodul, maximal 24 Teilnehmende
Abschluss: Abschlusszertifikat der Bayerischen Architektenkammer; Grundlage für die Qualifikation als „Zertifizierter Mediator“ nach § 5 Abs. 2 Mediationsgesetz und Zertifizierte-Mediatoren-Ausbildungsverordnung (ZMediatAusbV).
Weitere Informationen unter: byak.de
DAB Redaktion
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