Baukultur beginnt mit Wahrnehmung
Für die planenden Disziplinen ist der Umgang mit gebautem Raum selbstverständlich. Außerhalb dieser Fachkontexte fehlt jedoch häufig die Sprache dafür. Dr. Turit Fröbe entwickelt Formate, die genau hier ansetzen – über Wahrnehmung und Erfahrung.
DAB: Frau Fröbe, Sie haben eine Online-Akademie für baukulturelle Bildung gestartet. Was war der Auslöser?
Turit Fröbe: Ich habe über viele Jahre beobachtet, dass wir im Bereich der baukulturellen Bildung unglaublich viel Wissen aufgebaut haben. Es gibt seit über 25 Jahren Initiativen, vor allem von Architektenkammern und Denkmalinitiativen. Da ist sehr viel passiert, da sind ganz viele gute Konzepte entstanden, die auch in der Praxis erprobt sind. Aber dieses Wissen ist meistens lokal verfügbar. Es bleibt an den Orten, an denen es entstanden ist. Und ich hatte immer stärker das Gefühl, dass wir uns trotzdem nicht vom Fleck bewegen. Und dazu kommt noch etwas ganz Praktisches: Ich habe selbst immer wieder die gleichen Fortbildungen gehalten, die gleichen Inhalte vermittelt und irgendwann gedacht, das kann es doch nicht sein. Dieses Wissen müsste doch längst gebündelt und zugänglich sein. Es müsste digital verfügbar sein, damit es sich verbreiten kann.
Woran liegt es, dass sich trotz dieses Engagements so wenig verändert?
Ein zentraler Punkt ist, dass die Lehrkräfte zu wenig mitgenommen werden. Es gehen immer wieder Expertinnen und Experten in die Schulen, machen Projekte, arbeiten mit den Klassen – und das ist auch wichtig, das soll unbedingt so bleiben. Aber das Problem ist, dass dieses Wissen nicht im System bleibt. Es verpufft im Grunde nach jedem Projekt wieder. Im nächsten Jahr fängt man wieder von vorne an.
Wenn man stattdessen die Lehrkräfte konsequent mitqualifizieren würde, also sie dazu befähigt, solche Projekte selbst durchzuführen, dann könnten sich selbstlernende Systeme in den Schulen entwickeln. Dann würde sich das Wissen verstetigen. Und dann würden wir auch schneller vorankommen. Im Moment haben viele Vermittlerinnen eher das Gefühl, dass sie sich vierteilen, achtteilen, zweiunddreißigteilen müssten, um überhaupt ansatzweise den Bedarf zu decken.
Das heißt, das Problem liegt weniger im Inhalt als in der Struktur?
Ja, ganz klar. Die Inhalte sind da. Das ist ja das Paradoxe. Wenn man sich die Lehrpläne anschaut, dann findet man baukulturelle Themen in ganz vielen Fächern. Die sind eigentlich gut verankert. Aber das heißt nicht, dass sie auch angeboten werden. In der Lehrkräftebildung spielt Baukultur kaum eine Rolle. Wenn überhaupt, dann ist das punktuell und oft Zufall. Und wenn ich etwas nicht gelernt habe, dann greife ich im Unterricht auch nicht darauf zurück. Dann nehme ich die Themen, mit denen ich mich sicher fühle.
Warum wird Baukultur oft als schwierig oder zugänglich wahrgenommen?
Ich glaube, das hat viel mit Berührungsängsten zu tun. Viele Lehrkräfte denken, Architektur sei kompliziert, man bräuchte dafür Spezialwissen. Und wenn sie die Möglichkeit haben, auszuweichen, dann tun sie das auch.
Dann wird eben Produktdesign gemacht oder Modedesign, weil das zugänglicher erscheint. Dabei ist das eigentlich ein Missverständnis. Wir alle haben unglaublich viel Wissen über Architektur, über unsere Alltagsumgebung. Das ist uns nur nicht bewusst. Ich arbeite deshalb immer mit diesem impliziten Wissen. Also mit dem, was schon da ist. Wenn man daran ansetzt, kann man sehr gut arbeiten, ohne dass man erst große Wissensbestände aufbauen muss.
Sie sprechen oft von „Alltagsblindheit“. Was meinen Sie damit?
Wir bewegen uns durch unsere Umgebung und glauben, wir kennen sie. Aber wir sehen sie nicht wirklich.
Unsere Wahrnehmung ist darauf ausgerichtet, auf das Besondere zu achten. Auf das, was sich bewegt, was laut ist, was auffällt. Die Architektur ist immer da, sie verändert sich nicht, sie läuft uns nicht weg. Deshalb sagen wir unbewusst: Das schaue ich mir später an. Und das tun wir dann nicht. Und gleichzeitig haben wir überall Konkurrenz um unsere Aufmerksamkeit: Werbung, Bewegungen, Geräusche – all das lenkt uns ab.
Deshalb ist die vertraute Alltagsumgebung ein sehr guter Ausgangspunkt. Weil dort die Aha-Erlebnisse am stärksten sind. Wenn man anfängt, genauer hinzuschauen, entdeckt man plötzlich Dinge, die man vorher nie gesehen hat.
Mit einem wohlwollenden, liebevollen Blick öffnen sich plötzlich Dinge, die vorher nicht da waren.
Dr. Turit Fröbe
Was verändert sich, wenn man diesen Blick entwickelt?
Die Beziehung zur eigenen Umgebung verändert sich. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich die Lebensumgebung aufwertet. Wenn man nicht hinschaut, erscheint oft alles eher gleichförmig oder sogar hässlich. Wenn man aber anfängt, sich wirklich zu öffnen, mit einem wohlwollenden Blick, dann werden plötzlich Qualitäten sichtbar. Dafür braucht es oft den dritten oder vierten Blick. Aber dann öffnen sich Dinge, die vorher nicht da waren.
Sie sprechen auch von Sprachfähigkeit. Warum ist die so zentral?
Weil es darum geht, teilhaben zu können. Wenn ich nicht in der Lage bin, meine Wahrnehmung zu beschreiben, dann kann ich mich auch nicht einbringen. Architektur wirkt zwar sichtbar, aber sie ist sehr erklärungsbedürftig. Und viele Menschen sind es nicht gewohnt, darüber zu sprechen. Durch das Beschreiben fangen wir erst an, wirklich wahrzunehmen. Und gleichzeitig trainieren wir unsere Fähigkeit, uns zu äußern. Das ist die Voraussetzung dafür, dass man sich an Planungsprozessen beteiligen kann. Dass man nicht nur etwas vorgesetzt bekommt, sondern mitreden kann.
Das hat also auch eine politische Dimension?
Ja, absolut. Es geht um Teilhabe. Wenn man sich anschaut, wie unsere Städte gestaltet werden, dann sind viele Gruppen eigentlich nicht wirklich beteiligt. Kinder und Jugendliche zum Beispiel. Die machen einen großen Teil der Gesellschaft aus, aber ihre Perspektiven spielen oft eine untergeordnete Rolle. Und auch Beteiligungsprozesse sind oft problematisch. Man fragt Menschen, was sie wollen, aber sie können nur das formulieren, was sie schon kennen. Deshalb müssen wir überhaupt erst ein Verständnis dafür entwickeln, was möglich ist.
Ist die Online-Akademie ein Versuch, dieses Problem zu lösen?
Ich würde sagen, sie ist ein Versuch, damit umzugehen. Ich möchte das Wissen, das da ist, bündeln und zugänglich machen. Es digitalisieren, damit es nicht immer wieder verloren geht oder nur lokal verfügbar ist.
Und ich möchte eine Plattform schaffen, auf der unterschiedliche Ansätze sichtbar werden. Einen Blumenstrauß. Weil es nicht den einen richtigen Weg gibt.
Was wäre für Sie ein Erfolg?
Wenn viele Kurse entstehen und viele Perspektiven zusammenkommen. Wenn sich Vermittlerinnen beteiligen und ihre Konzepte einbringen. Und vor allem, wenn Kooperationen entstehen. Mit Fortbildungsinstituten, mit Architektenkammern. Damit Lehrkräfte Zugang bekommen, möglichst niedrigschwellig oder kostenfrei.
Und wenn wir es schaffen, dass sich daraus Strukturen entwickeln. Dass das Thema nicht mehr nur punktuell auftaucht, sondern sich verankert.
Sie klingen gleichzeitig optimistisch und kritisch.
Ja, weil beides notwendig ist. Es gibt ein enormes Engagement und ein riesiges Potenzial. Aber wir müssen anfangen, das strukturell zu denken. Sonst bleiben wir bei Einzelprojekten. Und dann wird sich auch in den nächsten 25 Jahren nicht viel verändern.
DAB Redaktion
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