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„KI entlastet Routinen – und schafft Raum für Urteilskraft“

KI hält Einzug in Architekturbüros – doch wo anfangen, was beachten? Yasser Almaamoun gibt Orientierung für einen verantwortungsvollen Einstieg. 

Architektenkammer Berlin, Christine Jokerst-Pauli
10.04.2026 5min
Porträt eines lächelnden, erwachsenen Mannes mit dunklen Haaren und Vollbart, Schulteransicht, er trägt ein dunkles Hemd; Kopf-Schulter-Aufnahme vor einem dunklen, unscharfen Hintergrund.
Yasser Almaamoun © Till Budde

Herr  Almaamoun, wenn ein Architekturbüro heute sagt: „Wir wollen mit KI loslegen“ – wo sehen Sie sinnvolle erste Anwendungsfelder?

Yasser Almaamoun Aus meiner Erfahrung ist es für viele Büros sinnvoller, nicht mit einem automatisierten Entwurf zu starten, sondern mit klar begrenzten, text- und wissensbasierten Aufgaben: etwa Protokollen, Aufgabenlisten, E-Mail-Entwürfen, Projektdokumentationen oder interner Wissenssuche. Dort ist der Nutzen oft schnell sichtbar, die Ergebnisse lassen sich gut prüfen, und die fachliche Verantwortung bleibt klar beim Team.  

Warum gerade dort? 

Weil genau in diesen Bereichen im Büroalltag sehr viel Zeit verloren geht: beim Strukturieren, Zusammenfassen und Nachverfolgen von Informationen. Ein typischer Einstieg ist zum Beispiel die KI-gestützte Aufbereitung von Besprechungen. Statt Notizen später manuell zu sortieren, entstehen direkt strukturierte Ergebnisse: Entscheidungen, To-dos, Zuständigkeiten, Fristen. Der Mehrwert lässt sich dann konkret daran messen, ob die Erstfassung schneller vorliegt, ob Aufgaben klarer zugeordnet sind und ob die Dokumentation über Projekte hinweg konsistenter wird. Gerade im Planungsalltag ist das oft ein sehr guter erster Hebel. 

Porträt eines lächelnden, erwachsenen Mannes mit dunklen Haaren und Vollbart, Schulteransicht, er trägt ein dunkles Hemd; Kopf-Schulter-Aufnahme vor einem dunklen, unscharfen Hintergrund.
Zur Person

Yasser Almaamoun

M.Sc. Arch. Architekt, Mitglied der Vertreterversammlung der Berliner Architektenkammer sowie des Ausschusses KI und Digitalisierung, Referent der Fortbildung „KI und BIM in der Architektur“. 

Wie bekommt man ein Team an so ein Thema herangeführt – gerade, wenn Skepsis im Raum steht?  

Ich würde KI-Einführung nie als bloßen Tool-Kauf verstehen, sondern als Veränderungsprozess. Der erste Schritt ist immer die Frage: Welche konkrete Aufgabe kostet uns heute besonders viel Zeit oder erzeugt Reibung? Darauf sollte man einen kleinen Piloten aufsetzen – in großen Büros mit einer kleinen Gruppe, in kleineren Büros auch mit dem ganzen Team, aber auf einen klaren Anwendungsfall begrenzt.  

Also eher kontrolliertes Ausprobieren als großer Roll-out?  

Genau. Und dafür braucht es von Anfang an einfache Leitplanken: Welche Tools sind freigegeben? Welche Daten dürfen verwendet werden? Was muss vor externer Nutzung geprüft werden? Dieses schrittweise Vorgehen passt auch zum risikobasierten Denken des EU AI Act. Gleichzeitig verlangt Artikel 4 des AI Act, dass Unternehmen und andere Anwender für ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz bei den Personen sorgen, die solche Systeme einsetzen. Das heißt: Es geht nicht nur darum, Tools einzuführen, sondern auch darum, den verantwortungsvollen Umgang mit ihnen zu organisieren.   

Wenn wir auf die Praxis schauen: Wo hakt es typischerweise, wenn Büros anfangen, mit KI zu arbeiten?  

In der Praxis sehe ich immer wieder ähnliche Hürden: Unsicherheit im Team, unstrukturierte Daten, Datenschutz- und Urheberrechtsfragen, mangelnde Einbindung in bestehende Abläufe und oft auch überhöhte Erwartungen. Viele Mitarbeitende wissen zunächst nicht, was mit KI überhaupt erlaubt, sinnvoll oder belastbar ist. Und gleichzeitig gilt: KI ist nur so gut wie der Informationsraum, in dem sie arbeitet. Wenn Standards, Protokolle oder Projektwissen verstreut sind, bleibt auch ihr Nutzen begrenzt.

KI ist nur so gut wie der Informationsraum, in dem sie arbeitet. Wenn Standards, Protokolle oder Projektwissen verstreut sind, bleibt auch ihr Nutzen begrenzt.

Yasser Almaamoun

Kann man sagen, dass KI bestehende Schwächen in Prozessen sichtbarer macht?  

Ja, absolut. Und genau deshalb braucht es einen klaren Rahmen. Für BIM-nahe Prozesse würde ich ergänzen: Der realistische Mehrwert liegt heute meist eher darin, Informationen aus bestehenden Modellen und Dokumenten besser auszulesen, zu strukturieren und auszuwerten, als darin, dass KI verlässlich direkt in Modelle „zurückschreibt“. Also eher Datenextraktion, Prüfhinweise, Abgleiche und Spezifikationsentwürfe – weniger vollautomatische Modellintelligenz. Das ist wichtig, weil der BIM-KI-Diskurs sonst schnell unrealistisch wird.  

Welche Fähigkeiten werden im Team künftig besonders wichtig? Geht es vor allem um technisches Know-how?  

Technisches Interesse hilft, aber entscheidend ist für mich etwas anderes: Urteilskraft. Teams müssen einschätzen können, welche Aufgaben sich für KI eignen, wie belastbar Ergebnisse sind und wo menschliche Prüfung unverzichtbar bleibt. Dazu kommen Daten- und Informationskompetenz, Prozessverständnis und ein Grundverständnis für Transparenz, Datenschutz und Urheberrecht. Die eigentliche Schlüsselkompetenz ist aus meiner Sicht nicht das Prompten, sondern die Fähigkeit, KI sinnvoll in professionelle Planungsabläufe zu übersetzen, ohne die Verantwortung aus der Hand zu geben. Vielleicht noch wichtiger: Man muss lernen, KI-Ergebnisse systematisch zu verifizieren. Plausibel ist nicht automatisch richtig.  

Und wo sehen Sie die größten Risiken im praktischen Einsatz?  

Ein zentrales Risiko ist Scheingenauigkeit: KI-Ergebnisse klingen oft überzeugend, auch wenn die fachliche Grundlage unsicher ist. Ein weiteres Risiko ist die schleichende Verantwortungsverschiebung. Wenn „die KI“ etwas vorbereitet hat, wird schnell unklar, wer geprüft, entschieden und freigegeben hat. Hinzu kommen Fragen des Datenschutzes, möglicher Know-how-Abflüsse und – je nach Nutzung – auch der Haftung. Gerade bei planungsrelevanten Inhalten sollte deshalb die menschliche Freigabe immer dokumentiert der letzte Schritt bleiben. 

Wenn KI zu früh zu viel Vorstrukturierung übernimmt, besteht die Gefahr, dass jüngere Kolleginnen und Kollegen bestimmte Fähigkeiten gar nicht mehr selbst aufbauen.

Yasser Almaamoun

Das betrifft dann auch die Ausbildung im Büro, oder?  

Ja, und das ist ein Punkt, der oft unterschätzt wird. Wenn KI zu früh zu viel Vorstrukturierung übernimmt, besteht die Gefahr, dass jüngere Kolleginnen und Kollegen bestimmte Fähigkeiten gar nicht mehr selbst aufbauen – zum Beispiel komplexe Abstimmungen sauber zu strukturieren oder Widersprüche in Informationen zu erkennen. KI sollte deshalb gerade am Anfang eher als Assistenz- und Lernwerkzeug eingesetzt werden, nicht als Ersatz für professionelles Denken.  

Abschließend ein Blick nach vorn: Wie verändert sich die Rolle von Planenden, wenn KI fester Bestandteil von Entwurfs- und Planungsprozessen wird?  

Ich glaube nicht, dass KI Planende ersetzen wird. Aber sie verschiebt den Schwerpunkt ihrer Arbeit. Ein Teil der mechanischen Informationsaufbereitung kann schneller werden. Wichtiger werden dafür Einordnung, Bewertung, Priorisierung und Verantwortung. Im Entwurf kann KI- Varianten und Bildwelten beschleunigen – und damit auch Erwartungen auf Kundenseite verändern. Gerade deshalb bleibt die menschliche Rolle zentral: beim Abwägen zwischen Kontext, Nutzung, Baukultur, Nachhaltigkeit, Genehmigungsfähigkeit und Qualität. 

Die eigentliche Schlüsselkompetenz ist nicht das Prompten, sondern die Fähigkeit, KI sinnvoll in professionelle Planungsabläufe zu übersetzen, ohne die Verantwortung aus der Hand zu geben.

Yasser Almaamoun

Verändert das auch das Geschäftsmodell von Büros?  

Zumindest wirft es diese Frage auf. Wenn bestimmte Leistungen schneller werden, müssen Büros noch klarer zeigen, worin ihr Wert liegt: nicht in möglichst vielen Stunden, sondern in Qualität, Urteilskraft und Verantwortung. Genau dort liegt aus meiner Sicht auch die Zukunft der Profession.  

Und wo sehen Sie dabei noch ein besonderes Potenzial?  

Gerade in nachhaltigkeitsbezogenen Fragestellungen kann KI künftig sehr hilfreich werden – zum Beispiel bei der schnelleren Auswertung von Varianten, bei materialbezogenen Vergleichen oder bei frühen Einschätzungen zu Energie, Tageslicht oder Lebenszyklusfragen. Aber auch dort gilt: KI liefert keine fertige Wahrheit, sondern einen besseren Ausgangspunkt für fachliche Entscheidungen.  

Ihr Fazit in einem Satz?  

KI ist für Architekturbüros dann wirklich hilfreich, wenn sie nicht als Ersatz von Planung verstanden wird, sondern als Werkzeug, das Routinen entlastet und dadurch mehr Raum für das schafft, was die Profession im Kern ausmacht: Urteilskraft, Verantwortung und Qualität. 


Die Architektenkammer Berlin bietet zu diesem Thema Fortbildungen an – der nächste Termin am 18. Mai 2026 widmet sich unter dem Titel „KI und BIM in der Architektur“ dem praxisorientierten Einsatz von künstlicher Intelligenz und Building Information Modeling im Planungs- und Büroalltag.  

https://www.ak-berlin.de/service/aus-und-fortbildung/fortbildungskalender/seminar/W26-1-105/ 

Architektenkammer Berlin, Christine Jokerst-Pauli

Team Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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