Genius Loci
Am Römerturm in Köln verdichten sich Bau- und Bürogeschichte – erst von Friedrich Wilhelm Kraemer, von Kaspar Kraemer und perspektivisch von der nächsten Generation.
Das Haus mit der Adresse Am Römerturm 3 liegt heute inmitten der Kölner Kernstadt. Einst, darauf deutet der Straßenname hin, war hier die äußerste Nordwest-Ecke der römischen Kolonie Colonia Claudia Ara Agrippinensium, samt Wachturm, der bis heute erhalten ist. Dem ab 1304 errichteten Klarissenkloster Sankt Clara diente der Turm wohl als Latrine. Das Kloster bestand bis zur Säkularisierung im Jahr 1802, seine Kirche und weite Teile der übrigen Gebäude wurden später ebenso abgerissen wie die alte römische Mauer. Anfang der 1820er-Jahre wurde ein neues Haus erbaut und in den 1830ern zu jenem dreistöckigen Wohnhaus umgebaut, das heute noch zu sehen ist. Im Zweiten Weltkrieg brannte das Palais bis auf die Außenmauern ab; sie standen ruinös bis in die 1970er-Jahre inmitten Kölns, kaum 500 m vom Dom entfernt.
Von Braunschweig an den Römerturm
Es ist der Braunschweiger Architekt und Hochschullehrer Friedrich Wilhelm Kraemer, der sich der Ruine annimmt. In Braunschweig hatte Kraemer als Professor gemeinsam mit Dieter Oesterlen und Walter Henn eine ganze Generation von Architekturstudierenden geprägt. Mit Blick auf die Emeritierung 1974 beschließt Kraemer, ins Rheinland umzusiedeln, zumal dort gerade große Wettbewerbe gewonnen werden konnten. Die klassizistische Fassade lässt der Architekt wieder herrichten, das Innere aber wird im Geiste der architektonischen Moderne gefüllt, ergänzt um einen eingeschossigen Bürotrakt, der sich wie ein U um die große Halle legt und sie so um einen Hof als inneren Außenraum erweitert. 1974 werden die Arbeiten abgeschlossen.
Das 1935 gegründete, ab 1960 in Partnerschaft mit Günter Pfennig und Ernst Sieverts geführte Büro KPS firmiert nach dem Ausscheiden von Pfennig in KSP um: Kraemer, Sieverts und Partner. Im neuen Kölner Büro entstehen die Pläne für die Düsseldorfer Hauptverwaltung der Deutschen Bank (1976–1990) oder das Arbeitsamt Bochum (1982–1984). Überhaupt ist KPS und später KSP für verschiedene prägnante Bauten des westdeutschen Nachwende-Funktionalismus verantwortlich: das bis 1958 fertiggestellte Auditorium maximum der TH Braunschweig, die „Jahrhunderthalle“ in Frankfurt am Main (1955–1963), das Iduna-Hochhaus in Essen (1961–1963), die Hauptverwaltungen der DKV-Versicherung in Köln (1962–1966) und des Benzinriesen BP in Hamburg-Winterhude (1968–1971) oder das Studentendorf Schlachtensee in Berlin (1973–1976).
Der Sohn im Büro des Vaters
1977 steigt Kaspar Kraemer in das Büro seines Vaters Friedrich Wilhelm ein. Nach den Schrumpfungen infolge der Ölkrise stellt sich das Büro damals neu auf, wächst von sechs auf 50 Personen an. Kaspar Kraemer hatte in Darmstadt und in den USA an der Yale University Architektur studiert, nun ruft ihn der Vater nach Köln. Rückblickend sagt Kaspar Kraemer: „Ich hätte eigentlich erst einmal woanders lernen sollen, was Architekt-Sein in einem Büro bedeutet. Zum Beispiel bei von Gerkan Marg und Partner oder HPP, also ähnlich strukturierten Büros wie dem meines Vaters.“ Das Einsteigen des Sohns führt zu Konflikten mit den älteren Partnern des Vaters; dabei wird parallel durch die Umwandlung in eine GmbH rechtlich geregelt, dass ein familiendynastischer Einfluss gar nicht überproportional groß hätte werden können.
Bruch und Konkurrenzverbot
1985 wird Kaspar Kraemer Partner, Friedrich Wilhelm Kraemer scheidet aus dem aktiven Bürobetrieb aus. Weitere jüngere Partner stoßen dazu, Ende 1990er-Jahre aber kommt es zum Bruch: „Wir haben uns einvernehmlich getrennt. Wir kamen nicht mehr miteinander aus, ich musste meinen eigenen Weg finden“, sagt Kaspar Kraemer. Die Marke KSP führen die anderen Partner weiter; Kaspar Kraemer wird mit einem Konkurrenzverbot belegt, darf das Haus Am Römerturm, in dessen Dachgeschosswohnung die Mutter nach dem Tod des Vaters 1990 immer noch lebt, nicht betreten.
Rückkehr an den Römerturm
Doch auch ohne das Label KSP bleibt das Haus das Zentrum der beruflichen Praxis für Kaspar Kraemer: Nach dem Auszug von KSP und dem Ablauf des Konkurrenzverbots nimmt er unter eigenem Namen die Arbeit als Architekt wieder auf und bezieht die Räumlichkeiten erneut. Neben feinen Einfamilienhäusern wie dem Haus in der Marienburg (1999–2002) entwickeln Kaspar Kraemer Architekten im Laufe der Zeit Entwürfe, die gleichermaßen die Traditionslinien der Braunschweiger Schule fortschreiben wie dezidiert auf den jeweiligen Ort eingehen. So unter anderem das Hochwasserpumpwerk an der Schönhäuser Straße in Köln (2005–2008), das Zugangsbauwerk zum Südturm des Kölner Doms (2006–2009) oder die Bauten für den Netzbetreiber Amprion in Brauweiler (2015–2018).
Die nächste Generation am Römerturm
Bemerkenswert ist dabei, dass sich das Büro wie selbstverständlich für den nächsten Generationenwechsel aufstellt. Zum langjährigen Büroleiter Herbert Glatzel gesellen sich zunächst mit Hans-Günter Lübben, dann Oskar Molnar und Daniel Böger sowie wenig später Georg Ritterbach. „Diese vier Architekten haben das Büro mit aufgebaut. Ich fand es richtig und wichtig, dass sie als Mitbegründer und Partner Teil einer neuen Identität und Zukunft werden“, erläutert Kraemer. Viel zu früh ist Oskar Molnar nach schwerer Krankheit im Oktober 2024 verstorben. Wie die anderen Partner betonte er im Gespräch vor seinem Tod die Relevanz von Personen und dem Ort: „Ich bin durch dieses Haus geprägt worden, durch die Partner, wie damals Kaspar Kraemer, aber auch durch die jeweiligen Projektleiter.“
Wie selbstverständlich und ganz organisch hat sich dieses Team mit unterschiedlichen Schwerpunkten gefügt: „Unter der Schirmherrschaft von Kaspar Kraemer ist das gewachsen und wir konnten alle voneinander partizipieren. Jeder konnte einbringen, was er am besten kann“, so Hans-Günter Lübben. Als „echten Glücksfall“ bezeichnet er „dieses gegenseitige Ergänzen“ und führt aus: „Wenn wir (deutet auf Böger) früher einen Wettbewerb gemacht haben, dann hat er (deutet auf Ritterbach) die Kosten bearbeitet, und er (deutet auf Molnar) hat alle Flächen berechnet und das alles mit dem jeweils aktuellsten Stand der Technik bearbeitet.“ Das zeigt auch, wie schwer der Verlust von Molnar für die Arbeitsprozesse auf der einen und das Teamgefüge auf der anderen wiegt. Aufgefangen haben sie ihn trotzdem, das Team von Kaspar Kraemer Architekten, als Mannschaft. Von BIM über 3D-Druck bis zu KI wird hier, in jenem Haus, das Friedrich Wilhelm Kraemer vor nunmehr 52 Jahren wieder aufgebaut – und dabei das wunderbare Gewölbe des alten Klarissenklosters entdeckt und als Sancta Clara Keller als Salon zum Teil der Kölner Stadtgesellschaft gemacht – hat, auf dem neusten Stand der Technik gearbeitet. Eine stete Weitergabe des Staffelstabs im Rahmen dieser Kulturtechnik, die wir Architektur nennen. Der Geist des Ortes ist ungebrochen.
Disclaimer:
Alle Zitate entstammen einer Serie von Interviews, die der Autor für das Buch „Kaspar Kraemer Architekten – Bauen Zeichnen Denken“ (Wienand Verlag) geführt hat.
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