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Zum Rollenbild in der Architektur im Anthropozän

David Kasparek
02.03.2026 8min
Moderne Klimagerecht Geschichte Bundesweit
Ein Bild aus dem Film „The Fountainhead“, das den Mythos des männlichen Einzelkämpfers zementiert. Frauen bleiben darin unsichtbar – wie in weiten Teilen der Architekturgeschichte. Auch dieses Rollenbild steht heute zur Disposition. © PICTURE ALLIANCE/EVERETT COLLECTION

Immer wieder tragen Architekt:innen – oft ein wenig klagend – vor, die Gesellschaft möge ihre Rolle, ihre Wichtigkeit also, anders ein- und mithin angemessener wertschätzen. Wie das gelingen könnte, wie „die anderen“, die Personen jenseits der eigenen Bubble, die Relevanz der Architekturproduktion in Stadt und Land aber in einer wie auch immer gearteten, angemessenen Art und Weise erkennen und wie Architekt:innen sich also gesehen fühlen können, hängt maßgeblich mit dem Rollenbild zusammen, das Architekt:innen im Anthropozän bereit sind auszufüllen. In jenem Erdzeitalter also, das nach uns benannt ist: Wir Menschen haben mit unserem Verhalten die Erdoberfläche geprägt, wie zuvor nur Eiszeiten, Gletscher und dergleichen – und mehr noch: Die Erderwärmung haben wir gleich mit beeinflusst.  

Schon vor einem halben Jahrhundert hatte ein Team am Massachusetts Institute of Technology (MIT) um Dennis Meadows „Die Grenzen des Wachstums“ recht klar umrissen. Zeitlich noch etwas vor dem Bericht des Club of Rome wurde der CO2-Anstieg in unserer Atmosphäre wissenschaftlich bewiesen. Nämlich 1957. Wenn man vielen Parteipolitikern folgen möchte, sind die seitdem vergangenen 69 Jahre eine Zeitspanne, die den allermeisten Menschen angeblich zu viel abverlangt, sich heute ach so kurzfristiger Maßnahmen anzunehmen. Doch es gibt Menschen, die etwas ändern wollen.  

Wir stellen also genau das fest, was Simon Caney 2016 in „The Struggle for Climate-Justice in a Non-Ideal World“ beschrieben hat. Die einen sind bereit zu handeln, die anderen nicht. Entweder weil sie nicht wollen oder mitunter auch, weil sie nicht können. John Rawls spricht von einer „nicht-idealen Theorie“ und hat damit den Titel von Caneys Buch maßgeblich beeinflusst.  

Wie dieser nicht-idealen Konstellation begegnet werden kann, haben Sabine Hohl und Dominic Roser 2011 in einem bemerkenswerten Aufsatz dargelegt. Unter dem Titel „Stepping in for the Polluters? Climate Justice under Partial Compliance“ fragen sie nach genau dem Momentum, das wir bis heute immer wieder erleben: Was tun, wenn nicht alle an einem Strang ziehen, wenn nicht alle ihren Anteil erfüllen? Müssen dann andere einspringen?

Interessant ist es ja schon: Anstatt uns den großen Themen zuzuwenden, verzetteln wir uns im Klein-Klein, behaupten, gegenderte Nachrichten wären schuld am Zulauf der AfD, zeigen mit dem Finger auf Leute, die noch in den Urlaub fliegen oder Fleisch essen, oder verurteilen jene Kids, denen wir noch vor gar nicht allzu langer Zeit vorgeworfen haben, dass sie sich nicht mehr für Politik interessieren, weil sie sich vor lauter Verzweiflung auf die Straßen kleben. Unterm Strich waren das ja bemerkenswert friedliche Proteste, die wir in Form der „Letzten Generation“ oder „Fridays For Future“ vor einiger Zeit erlebten – auch und vor allem in Vergleich zu anderen Protestformen, die wir in diesem Land kurz vor und rund um die Erstveröffentlichung der „Grenzen des Wachstums“ gesehen haben.

In den frühen 1970er-Jahren haben übrigens in den Niederlanden die Menschen auf eine ganz ähnliche Art und Weise protestiert, wie die jungen Menschen es auch hierzulande taten. Ich empfehle Ihnen, das einmal zu googeln: Es sind eindrückliche Bilder, die da unter dem Stichwort „Stopp Kindermoord“ zu finden sind. Nachdem die Zahl an Kindern, die im Straßenverkehr von Autofahrenden getötet wurden, den Menschen in unserem Nachbarland zu hoch wurde, sind sie auf die Straße gegangen. Erst nach diesen Demonstrationen zivilen Ungehorsams, bei dem Kreuzungen, Straßen und ganze Plätze mit Sitzblockaden und Menschenketten blockiert wurden, sind die Niederlande zu jenem Fahrrad-Eldorado geworden, das wir heute kennen. Man mag sich gar nicht ausmalen, was bei solchen Bildern heute in unserem Land los wäre …  

Aber zurück zu John Rawls und seiner „nicht-idealen Theorie“: Die Idee, dass jede und jeder beim Versuch des klimagerechten Lebens einen gleichen Teil übernimmt, ist offenkundig nicht realistisch. Was also tun? Simon Caney schlägt unterschiedliche Prinzipien vor. Eines möchte ich hier herausgreifen, weil es für Architekt:innen besonders interessant ist: das „Slack-Taking“. Also genau jenen Slack, jenen „Strang“, in die eigenen Hände zu nehmen, an dem nicht alle ziehen. Offenkundig werfen ihn immer wieder einige Menschen zu Boden oder ziehen wenigstens nicht mit an ihm. Caney nennt sie „Non-Compliers“, das heißt Nicht-Erfüller oder Nicht-Komplizen. An ihrer statt, so schlägt er vor, könnten die „Compliers“, die Erfüller, den Strang aufnehmen und umso mehr an ihm ziehen. Im besten Fall in die gleiche Richtung. Denn, das betont Caney, es gibt Menschen, die haben die Möglichkeit, an einem Strang zu ziehen und damit wirklich etwas zu bewegen. Er und die Wissenschaftler Dominic Roser und Christian Seidel gehen so weit zu sagen, dass daraus eine moralische Pflicht erwächst. Begründet wird diese Pflicht in der Ethik.  

Der australische Philosoph Peter Singer etwa hat bereits 1972 geschrieben: „Wenn es in unserer Macht steht, etwas Schlechtes zu verhindern, ohne dabei etwas von vergleichbarer moralischer Bedeutung zu opfern, so sollten wir dies, moralisch gesehen, tun.“ Nachzulesen ist dies in Singers bis heute bemerkenswerten Essay „Hunger, Wohlstand und Moral“, der unter anderem in Barbara Bleischs und Peter Schabers Buch „Weltarmut und Ethik“ publiziert wurde.  

Und es steht in unserer Macht. Architekt:innen haben die Möglichkeit, zu „Slack-Takern“ zu werden. So wie wir nicht alle Veganer werden müssen – aber vielleicht alle ein wenig veganer –, müssen gar nicht alle Menschen einen exakt gleich großen Teil, etwa bei den CO2-Einsparungen übernehmen, wenn die „Compliers“ sich aufschwingen und ihren Teil erfüllen würden. Dafür gälte es, die Bauwende als grundsätzlich architektonische Herausforderung zu begreifen, der kreativ zu begegnen ist. Wenn wir die Art und Weise, wie wir Baumaterial begreifen, neu justieren, CO2-bindende Baustoffe benutzen, uns konsequent dem Bestand und der urbanen Mine zuwenden, dann verändert sich dadurch die Konstruktion und mit ihr die Form, also Wände, Decken und Böden, mit denen Architekt:innen Räume bilden. So könnte sich schließlich auch der architektonische Raum verändern– vielleicht gar die Ästhetik – und wir stünden an einer Zeitenwende, wie wir sie das letzte Mal vor gut 100 Jahren im Rahmen der architektonischen Moderne gesehen haben. So würde klimagerechte Architektur zu einem tatsächlichen Ausdruck von Zeit und Ort und bliebe nicht bloß technische Oberflächen- und Bilanzenkorrektur. Damit ginge es dann tatsächlich wieder um Inhalte, um architektonische Inhalte. Nämlich Konstruktion, Form, Material, Funktion und Raum, in denen sich Ort, Zeit und Zweck widerspiegeln.

All das muss gar nicht im Detail kommuniziert werden. Architektur ist auch hier und einmal mehr womöglich „Schmuggelware“. Architektur als ein solch „subversives Gut“ wurde wohl am anschaulichsten von Werner Sewing in seinem Buch „Bildregie: Architektur zwischen Retrodesign und Eventkultur“ dargelegt, das 2003 in der Reihe „Bauwelt Fundamente“ erschienen ist. Was für die Menschen zählt, ist, dass ihr Leben besser wird, sie beispielsweise weniger heizen müssen oder durch ihr Haus Energie erzeugen können. Architekt:innen müssen nicht erklären, dass sie den Klimawandel mit ihrem Schaffen nicht weiter befeuern, aber sie müssen damit eben konsequent aufhören. In der Architektur könnte ein Häuflein Aufrechter zusammenkommen, eine Ansammlung von potenziellen „Compliers“, die mit Blick auf die CO2-Emissionen, die durch die Errichtung und den Betrieb von Gebäuden entstehen, tatsächlich etwas bewegen können. Ein solch wirkmächtiges Werkzeug wie Architektur haben nur wenige Berufsgruppen an der Hand. Das wird schließlich auch von der Gesellschaft erkannt werden, denn neben all den Zahlen und Fakten rund um Müll, „graue Energie“ und Effizienzklassen geht es bei der Hinwendung zum Weiterbauen schließlich auch um die „soziale Energie“, die in jenen Gebäuden steckt, die schon da sind. Auch wenn diese Häuser mitunter ästhetisch unbequem sind: Viele Menschen verbinden Geschichten mit diesen Bauten, sind in ihnen aufgewachsen, haben dort schreiben, schwimmen, kochen oder küssen gelernt.  

Der menschengemachte Klimawandel zieht schon heute einen als zartes Pflänzlein aufscheinenden Architekturwandel nach sich, bei dem es nicht um ein Falsch oder Richtig geht. Es geht nicht um Stil, um liegende oder stehende Fensterformate, um Glas- oder Steinfassaden. Es geht um das Experiment, um das Handeln, um die Kombination von Strategien. Es ist Zeit für ein neues Dogma: nämlich radikal undogmatisch zu handeln. Und dabei geht es immer auch um Schönheit. Ist Architektur das, schön nämlich, und hilft Architektur aktiv dabei, unser Habitat auch künftig noch bewohnen zu können, füllen Architekt:innen diese Rolle neu und konsequent weiter aus, dann werden sie auch gesehen werden.

 


Dieser Artikel erschien in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q1/2026.

© Elke Wetzig

David Kasparek

David Kasparek studierte Architektur in Köln und war zwischen 2006 und 2019 in unterschiedlichen Funktionen Mitglied der Redaktion der BDA-Zeitschrift „der architekt“ in Bonn und Berlin. Der sozialisierte Hesse mit hanseatischem Migrationshintergrund gründete 2020 das interdisziplinäre Studio Kasparek, das sich im weitesten Wortsinn mit Gestaltung und ihrer Vermittlung beschäftigt. Mit Fokus auf Architektur und Industriedesign schreibt und moderiert David Kasparek, ist als Berater und Grafiker tätig sowie als davidkaspar3k in den Sozialen Netzwerken umtriebig. Darüber hinaus ist er Mitglied im Beirat des DAM Preises für Architektur in Deutschland und regelmäßig Mitglied verschiedener Architekturpreis-Jurys.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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