Ein Büro führen – jenseits der üblichen Strukturen
Offene Gehälter, transparente Zahlen und gemeinsame Entscheidungen: Das Büro IFUB* hat seine Arbeitsweise von Anfang an hinterfragt. Was aus Unzufriedenheit mit klassischen Strukturen entstand, prägt heute den Büroalltag. Bernhard Kurz und Merle Sudbrock erklären, wie sich ein Architekturbüro anders organisieren lässt und was das in der Praxis bedeutet.
DAB: Herr Kurz, Sie haben mit ihrem Büropartner Johannes Krohne Ihr Büro IFUB* bewusst anders aufgebaut als viele klassische Architekturbüros. Gab es einen konkreten Auslöser dafür?
Bernhard Kurz: Ich glaube, da gibt es zwei Dinge, die uns geprägt haben. Das eine war die Finanzkrise 2008. Da wurde in der Architektur überhaupt nicht mehr über Qualitäten, Menschen und Ökologie gesprochen, sondern eigentlich nur noch über Geld. Das andere sind die Arbeitsstrukturen, die wir aus anderen Büros kannten. Die haben mich einmal bis kurz vor einen Burn-out getrieben. Wir fanden es schon immer falsch, Praktikantinnen und Praktikanten unentgeltlich zu beschäftigen, unbezahlte Überstunden zu verlangen und Hungerlöhne zu zahlen. Als wir uns gegründet haben, haben wir uns geschworen: Wenn das nur so funktioniert, dann hören wir wieder auf.
War die Gründung also eher eine Reaktion als ein Konzept?
Kurz: Wir wollten einfach Architektur machen, die über mehr spricht als nur übers Geld, aber gleichzeitig auch ein faires Auskommen erlaubt. Also das Ökologische mit dem Sozialen zu verbinden. Was das eigentlich genau bedeutet, hat sich dann über die Jahre erst entwickelt.
Gemeinwohl als Ausgangspunkt
Sie haben eben gesagt, Sie wollten eine Architektur machen, die über mehr spricht als nur über Geld. Wann wurde daraus konkret das Thema Gemeinwohl?
Kurz: Am Anfang war das eher ein diffuses Gefühl: den Menschen und die Umwelt in den Mittelpunkt zu stellen und nicht das Geld. Wir haben einfach gemerkt, dass es so, wie es läuft, für uns nicht funktioniert. Das Gemeinwohl hatten wir also irgendwo schon als Thema, bevor wir 2020 – also acht Jahre nach unserer Gründung – auf die Gemeinwohl-Ökonomie gestoßen sind und direkt eine Gemeinwohlbilanz gemacht haben. Da haben wir dann aber einen Riesenschritt gemacht.
Was hat sich dadurch verändert?
Kurz: Das ist wie zum ersten Mal als Büro in den Spiegel zu schauen. Alles Gute, aber vor allem alles, was noch besser werden kann, ist plötzlich sichtbar. Einen wichtigen Effekt hat auch das Niederschreiben. Plötzlich wird konkret, was vorher nur diffus im Raum stand: Wie gehen wir mit Mitarbeitenden und Auftraggebenden um? Wie gehen wir mit Ressourcen um? Und was ist gemeinwohlorientierte Architektur überhaupt? Die Gemeinwohlbilanz bringt einen dazu, Dinge klar zu benennen. Dies führt im Umkehrschluss intern wie extern zu einer sehr großen Klarheit und einem Boost an Glaubwürdigkeit.
War das ein einmaliger Prozess oder läuft das weiter?
Kurz: Das ist ein laufender, niemals endender Prozess. Wir haben eine Gemeinwohlbilanz erstellt und arbeiten seitdem damit. Die Gemeinwohlbilanz ist ein fantastisches Transformationswerkzeug, das unser Büro seitdem geprägt und vorangebracht hat.
Merle Sudbrock: Für mich war das auch ein wichtiger Punkt, um zu verstehen, wie das Büro funktioniert. Also dass es nicht nur um einzelne Entscheidungen geht, sondern dass dahinter ein System steht. Und dass dieses System immer wieder überprüft wird.
Transparenz als Grundlage
Frau Sudbrock, Sie haben sich bewusst für das IFUB* entschieden. Was war für Sie der ausschlaggebende Unterschied zu klassischen Büros?
Sudbrock: Für mich war es tatsächlich die Transparenz. Das IFUB* hat die Stellenausschreibung damit beworben, und das war für mich ein Bewerbungsgrund. Im Grunde ist alles einsehbar, was nicht personenbezogen ist – also Geschäftszahlen, Gehälter oder auch wie Entscheidungen zustande kommen. Das war für mich ein großer Unterschied zu anderen Büros.
Also nicht nur nach außen hin eine Haltung zeigen, sondern auch im Inneren wirklich so handeln?
Sudbrock: Genau. Es geht nicht nur darum, dass Dinge offenliegen, sondern auch darum, dass damit gearbeitet werden kann. Zuerst einmal müssen wir die Grundlage haben, um mitzudenken und mitzuentscheiden. Das Zweite ist dann die Mitbestimmung. Themen wie Gehalt oder die Ausrichtung des Büros werden nicht einfach von oben vorgegeben, sondern gemeinsam entwickelt oder überarbeitet.
Kommen denn alle damit zurecht, dass sie sich so stark einbringen sollen?
Kurz: Es kommt niemand ins Büro und kann das sofort. Das war und ist für uns alle ein Lernprozess. Ein wesentlicher Teil davon ist Transparenz. Niemand kann gute Entscheidungen treffen, ohne die Zahlen oder die Entscheidungsgrundlagen zu kennen. Deswegen ist es für uns wichtig, diese Dinge auch wirklich zugänglich zu machen.
Sudbrock: Und es muss geübt werden. Dieses gemeinsame Entscheiden funktioniert nicht einfach so. Manchmal merken wir auch, dass die Grundlage dafür noch nicht vorhanden ist und dass diese erst erarbeitet werden muss. Oder dass überhaupt erst noch definiert werden muss, über was genau abgestimmt wird.
Mitbestimmung als Prozess
Viele der Dinge, über die wir sprechen, klingen zunächst einmal abstrakt. Welche Werkzeuge nutzen Sie konkret, um das im Alltag umzusetzen?
Kurz: Ein wichtiger Teil sind unsere Workshops. Die finden regelmäßig statt, mehrmals im Jahr. Da nehmen wir uns bewusst Zeit, um über Themen zu sprechen, die im Alltag oft untergehen. Beispielsweise sprechen wir über Gehaltssysteme, Arbeitszeitmodelle, Kommunikation oder auch grundsätzliche Fragen zur Ausrichtung des Büros.
Und wie treffen Sie Entscheidungen innerhalb dieser Prozesse?
Kurz: Wenn es keinen Konsens gibt, dann mit systemischem Konsensieren. Dabei wird die beste Lösung nicht über eine klassische Mehrheitsentscheidung gefunden, sondern darüber, dass die geringsten Widerstände zu den Lösungsansätzen im Team ermittelt werden. Das hilft, Entscheidungen überhaupt treffen zu können, aber auch, dass die Lösung nicht nur vom Gefühl her die beste für das Team ist.
Und wenn etwas nicht funktioniert?
Sudbrock: Dann wird es angesprochen. Also relativ direkt. Und dann schauen wir gemeinsam, woran es liegt und wie wir es zukünftig besser machen können.
Sie sprechen beide von Mitbestimmung. Wie konkret funktioniert das im Alltag?
Sudbrock: Die Bereiche, in denen wir mitbestimmen können, sind ziemlich groß. Das betrifft zum Beispiel Gehälter, aber auch die Ausrichtung des Büros. Also Dinge, die sonst oft als gesetzt erlebt werden.
Was heißt das konkret beim Thema Gehalt?
Sudbrock: Es wurde nicht einfach festgelegt, sondern wir haben gemeinsam eine Struktur dafür entwickelt. Eine Gehaltsmatrix sozusagen, die die Gehälter festlegt. Diese Struktur ist transparent und nachvollziehbar
Kurz: Das ist auch wichtig, denn sonst funktioniert die Mitbestimmung nicht. Wir können nicht einfach sagen: Alle entscheiden alles, ohne dass es eine Grundlage gibt. Die muss erst erarbeitet werden.
Herr Kurz, ist das für alle gleich einfach?
Kurz: Nein, es war und ist ein Prozess. Es kommt niemand ins Büro und kann das sofort. Wir alle müssen lernen, Entscheidungen zu treffen, und wir müssen lernen, unsere Meinungen und Gefühle auf positive Art zu kommunizieren. Diese Eigenschaft bringt eigentlich so gut wie niemand aus unserer klassischen Bildung oder Erziehung mit.
Gibt es auch Grenzen?
Kurz: Ja, die gibt es. Die vielen kleinen Entscheidungen des Alltags müssen natürlich nicht gemeinsam getroffen werden. Und bei den großen Entscheidungen gibt es hauptsächlich eine, die wir nicht gemeinschaftlich lösen können und das sind betriebsbedingte Kündigungen. Da haben wir noch keinen Weg gefunden, das gemeinsam zu machen.
Sudbrock: Und es ist auch nicht so, dass alle überall gleich viel mitentscheiden wollen. Das ist auch total okay. Manche bringen sich in bestimmten Themen stärker ein, andere weniger.
Kurz: Ein Thema ist auch noch die Rechtsform; wir sind auf dem Papier immer noch eine klassische GmbH und keine Gesellschaft in Verantwortungseigentum, obwohl wir schon länger nicht mehr so agieren.
Arbeiten ohne Selbstausbeutung
Ein zentraler Punkt ist bei Ihnen der Umgang mit Arbeitszeit. Was machen Sie konkret anders?
Kurz: Grundlage ist eine 32-Stunden-Woche. Wir haben außerdem festgelegt, dass es keine unbezahlten Überstunden gibt. Wenn gearbeitet wird, wird das bezahlt, egal wo. Wenn nicht gearbeitet wird, dann eben nicht. Das heißt aber auch, dass jede Stunde erfasst wird, egal ob sie im Büro oder zu Hause anfällt.
Klingt klar, verändert aber wahrscheinlich viel im Alltag.
Sudbrock: Ja, total. Plötzlich wird viel stärker bemerkbar, was eigentlich Arbeit ist und was nicht. Also: Das ist eine abrechenbare Stunde, das ist keine. Das verändert den Blickwinkel. Auch ganz einfache Dinge. Wenn ich im Büro sitze und mich über private Dinge unterhalte, ist das zum Beispiel keine Arbeitszeit. Wenn ich aber zu Hause bin und ein Anruf von der Baustelle kommt, dann ist das Arbeitszeit.
Entsteht dadurch auch Druck?
Kurz: Ja, darüber sind wir uns bewusst. Es gibt einen gewissen Druck auf die einzelne Stunde. Wir können nicht einfach unsere Zeit absitzen. Wir müssen relativ effizient arbeiten, sonst funktioniert das System nicht.
Sudbrock: Aber es gibt auch Spielräume. Wir haben ein Jahresarbeitszeitmodell, das heißt, Über- oder Unterstunden können über das Jahr ausgeglichen werden. Gerade bei projektbezogener Arbeit ist das wichtig, weil es immer Phasen gibt, in denen mehr Arbeit anfällt, und andere, in denen weniger los ist. Mit einem starren Monatsmodell würde das nicht funktionieren. Aber für alle Regelungen gibt es einen nachvollziehbaren Grund. Das macht es einfacher, sie zu akzeptieren.
Klare Position als Filter
Wie wirkt sich das, was Sie intern aufgebaut haben, nach außen aus? Merken das Ihre Auftraggebenden?
Kurz: Ja, mittlerweile schon. Seit wir das klar auf unserer Website kommunizieren, hat das einen starken Einfluss. Unser Konzept zum gemeinwohlorientierten Bauen genauso wie und unter welchen Bedingungen wir arbeiten, oder welche Themen uns wichtig sind. Wir bekommen Anfragen, weil wir sind, wie wir sind.
Und verlieren Sie auch Projekte dadurch?
Kurz: Ja, auch das passiert. Aber das merken wir meist relativ früh im Projekt. Sonst wird die Zusammenarbeit auch schwierig.
Sudbrock: Ich würde auch sagen, dass das wie ein Filter funktioniert. Die Leute, die zu uns kommen, wissen meistens schon, worauf sie sich einlassen. Und das macht die Zusammenarbeit oft einfacher. Weil viele Dinge nicht jedes Mal neu verhandelt werden müssen, sondern es von vornherein eine gemeinsame Grundlage gibt.
Arbeiten im bestehenden System
Sie stellen vieles infrage – arbeiten aber gleichzeitig im bestehenden Markt. Wie geht das zusammen?
Kurz: Das ist schwierig. Wir haben beispielsweise von Anfang an kaum an Wettbewerben teilgenommen, da diese oft nur funktionieren, wenn die Teilnehmer ausgebeutet werden. Das heißt, es wird viel Arbeit geleistet, die am Ende nicht bezahlt wird. Das heißt aber auch, dass unsere Akquise anders funktionieren muss: über Empfehlungen, über Projekte, über Sichtbarkeit, über Qualität.
Hat das wirtschaftliche Konsequenzen?
Kurz: Wir sind auf den ersten Blick nicht unbedingt die günstigsten – auch weil wir keine Unterangebote abgeben. Dann kriegen wir den Auftrag auch mal nicht. Das gehört dazu. Es gibt auch strukturelle Hürden. Gerade bei öffentlichen Aufträgen zum Beispiel: Wenn bestimmte Projekttypen noch nicht umgesetzt wurden, kommen Büros gar nicht erst zum Zug. Das versuchen wir über Kooperationen zu lösen. Es gibt auch Situationen, in denen wir merken, dass die Erwartungen nicht zusammenpassen. Dann kann es schwieriger werden. Gleichzeitig merken wir aber auch: Viele Entscheidungen, die wir eigentlich anders treffen möchten, scheitern am Geld. Und das passiert uns leider immer und immer wieder. Irgendwann stellt sich dann die Frage: Woran liegt das eigentlich?
Und Ihre Antwort darauf?
Kurz: Das ist ein systemisches Problem: Unser Wirtschaftssystem verlangt, dass sich das Kapital vermehrt, nicht das Gemeinwohl. Solange das so ist, werden wir immer wieder an Grenzen stoßen. Aus diesem Grund engagieren wir uns auch in der Gemeinwohlökonomie. Wir müssen an den großen Stellschrauben drehen, um nicht immer an den kleinen Dingen zu scheitern.
Bei all den Herausforderungen – warum funktioniert Ihr Modell trotzdem?
Sudbrock: Weil es sich anders anfühlt, zu arbeiten. Ich gehe gerne zur Arbeit. Und das ist für mich ein großer Unterschied.
Kurz: Wir haben auch kaum Fluktuation. Zudem erhalten wir extrem viele Bewerbungen. Das zeigt, dass das Thema viele Leute beschäftigt und wir einen Nerv treffen: Arbeit mit Sinn unter fairen Bedingungen. Eigentlich verrückt, denn das sollte doch eine Selbstverständlichkeit sein.
Gewöhnt man sich daran?
Kurz: Ja, total. Erst wenn wir uns vorstellen, dass wir wieder anders arbeiten müssten, merken wir, was wir hier geschaffen haben. Ich wüsste ehrlich gesagt gar nicht, wo ich mich in unserer Branche bewerben sollte. Ich würde wahrscheinlich eher einen Fahrradladen aufmachen …
DAB Redaktion
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