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De(ae)deficio

Warum gilt Scheitern in der Architektur als Makel, während Start-ups daraus lernen dürfen? Der Kommentar hinterfragt die verfestigte Streitkultur im Bauwesen.

Christos Chantzaras
01.09.2026 3min
© Bert Willer

Scheitern ist nie cool, auch bei Start-ups nicht, in Unternehmen nicht und bei Innovationsprojekten nicht. Es gehört aber als Teil des Lern- und Wachstumsprozesses dazu. Wenn wir von F*ck-up-Nights lesen, von Lessons-Learned-Sessions oder Retrospektiven, so feiern wir nicht das Scheitern. Wir leben die Transparenz, geben Einblicke in etwas, von dem andere lernen und auch profitieren können. Wir öffnen uns und teilen, um anderen zu helfen oder vielleicht auch Empfehlungen entgegenzunehmen. In der Architektur wie im Bauwesen insgesamt hat sich – in den Worten Klaus Hausers – eine Kultur des Streits und Gegeneinander aufgebaut und verfestigt. Was wurde in der Planung nicht bedacht, was unpräzise ausgeschrieben oder anders ausgeführt. Wir feiern Wettbewerbe als Innovationsmotor und übersehen dabei, wie Talent, Innovationsleistung und Einsatz verbrannt werden. Die Gewinner bekommen (fast) alles und ihre Wettbewerbsleistung zudem angerechnet – beziehungsweise abgerechnet – in den Phasen danach. Ein Scheitern im Gewand des Gewinns. 

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Bedenklicher noch, wir wagen das Neue und versprechen den Bauherr:innen den Erfolg dazu, ohne diese in die Mitverantwortung zu nehmen, zu erläutern, dass Innovationsprojekte auch scheitern oder nicht vorhersehbare Entwicklungen nehmen können. Wenn wir dann scheitern, scheitern wir allein. Mit der medialen Zuweisung der Schuld und vermutlich einem rechtlichen Schadensersatzanspruch. Mit diesem Einzelgängerdasein, dem Überhöhen der Autorschaft, einem Wir-gegen-Bauherr:innen/-Fachplaner:innen/-Ausführende/-Nutzer:innen versäumen wir es, den kommenden Generationen das Miteinander, das Interdisziplinäre und Offene mitzugeben. Wir versäumen, Erfahrungen des Scheiterns weiterzugeben, nachkommende Architekt:innen zu begleiten, sie zu stärken und auch nachsichtig mit ihnen zu sein.

Plädoyer für eine Fehlerkultur

Scheitern ist nie cool, auch bei Start-ups nicht. Was aber cool ist, ist die Unterstützung, die sie bekommen, selbst wenn sie scheitern, die Chance, es wieder zu versuchen, getragen von einem Ökosystem, das den Einsatz wertschätzt und daran interessiert ist, dass die kommende Generation weiterwächst, lernt, sich gegenseitig zu stärken, uns und auch andere Akteur:innen im Bauwesen ablöst, es anders, vielleicht besser macht. Was cool ist und bereits vor dem Fokus auf Start-ups in erfolgreichen Unternehmen praktiziert wird, ist, den sicheren Raum zu bieten, Fehler offenzulegen, sie zu analysieren und zu besprechen, um daraus für die nächsten Projekte, für die Zusammenarbeit und die Kultur des Unternehmens zu lernen. Nicht das Vermeiden von Scheitern ist die Herausforderung, sondern der Umgang damit: Was lernen wir – Entwerfende, Planende, Ausführende und Auftraggebende – daraus, wie setzen wir das Gelernte um und wie geben wir das Gelernte weiter an die Neuen, im positivsten Sinne Naiven, die ändern und verändern wollen? 

Dann feiern wir etwas, das nicht das eigene Gewinnen eines Wettbewerbs ist, den wahrscheinlich nur wenige außerhalb unserer Praxis wahrnehmen. Wir feiern die anderen, die mit ihrem Hintergrund in der Architektur etwas Neues gewagt und aufgebaut haben, das auch jenseits der Gebäudearchitektur existieren kann. Wir feiern, dass sie damit erfolgreich werden und wir etwas dazu beitragen konnten. Aber das Feiern … ist ein anderer Augenblick. 


Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q3/2026. 

"Porträt eines Mannes mit schulterlangen braunen Haaren und Bartansatz. Er trägt ein schwarzes Sweatshirt und eine Smartwatch. Seine Arme sind verschränkt vor dem Körper, er schaut direkt in die Kamera und lächelt leicht. Der Hintergrund ist weiß."
© Bert Willer

Christos Chantzaras

Architekt und Entrepreneurship-Experte

Christos Chantzaras ist seit 2024 Professor für Entrepreneurship im Bauwesen an der Frankfurt University of Applied Sciences mit Fokus auf Innovationsprozesse, unternehmerisches Denken und die Bedeutung des Raumes für Kompetenzentwicklung. An der TU München baute er zuvor das TUM Venture Lab for the Built Environment mit auf. 

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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