Bestand mit Zukunft: Zwei Generationen, ein Büro
Studiobesuch: Das Büro H2+ gestaltet den Wechsel von einer Generation zur nächsten gezielt proaktiv und setzt dabei auf eine eigene App und viel gemeinsame Verantwortung.
Als Nora und Lars Hühnken 2020 beim Architekturbüro H2+ in Fürth angefangen haben, waren sie zunächst als Mitarbeitende angestellt. Heute sind beide 31 Jahre alt und Mitinhaber, gemeinsam mit Markus Hilpert. Der 63-Jährige leitet das Büro seit Jahrzehnten in wechselnden Konstellationen. Den beiden Nachwuchskräften hat er bereits früh Verantwortung übertragen, denn die Partnerschaft war von Anfang an das Ziel. Die Einbindung jüngerer Kolleginnen und Kollegen habe Tradition, Verantwortung könne dort übernommen werden, wo Kompetenz vorhanden sei – unabhängig vom Alter.
Kirchen und Wohnungsbauten
H2+ arbeiten vor allem für bestandshaltende Auftraggeber: Kunden im Mietwohnungsbau oder kirchliche Träger. Viele Beziehungen bestehen seit Jahren oder Jahrzehnten. Gerade bei einer Bauherrin wie der Evangelischen Kirche zeigt sich, dass sich die Rahmenbedingungen stark verändert haben. Sinkende Kirchensteuereinnahmen zwingen Gemeinden dazu, ihren Gebäudebestand neu zu bewerten: Was kann langfristig erhalten werden? Welche Gebäude eignen sich für eine neue Nutzung? Und wovon muss man sich möglicherweise trennen?
Das Studio
Das Studio
Das Fürther Architekturbüro H2+ geht auf ein 1960 gegründetes Büro zurück. Die kontinuierliche Einbindung jüngerer Architekt:innen in Verantwortung und Büroführung hat wesentlich zur langfristigen Kontinuität und Stabilität beigetragen. Heute arbeiten elf Personen im Team, gut die Hälfte von ihnen ist 35 Jahre oder jünger. Arbeitsschwerpunkte sind Wohnungs- und Sozialbau, Bauen für Kinder und Bildung sowie Bestandsumbau, Sanierung und Modernisierung.
Gleichzeitig werden Entscheidungen heute von deutlich mehr Akteuren begleitet als früher. Ehrenamtliche, Verwaltungen, Gremien und externe Berater wollen einbezogen werden und Einblick in die Abläufe erhalten.
Mehr Koordination im Alltag
Auch auf der Ausführungsseite haben sich die Bedingungen verändert. Langjährige Handwerksbetriebe verschwinden, Ansprechpartner wechseln, gewachsene Netzwerke brechen weg. Gleichzeitig sind die Verwaltungsstrukturen vieler Bauherr:innen komplexer geworden. Zuständigkeiten verteilen sich auf mehrere Personen und Teams, Abstimmungsprozesse werden umfangreicher. Wo früher ein Anruf genügte, braucht es heute Recherche, Dokumentation und zahlreiche Meetings. Das ist eine neue Realität des Berufs: Koordination, Projektabwicklung und Kommunikation sind heute noch zentraler als früher.
Digitalisierung als Antwort
Die Antwort auf diese Entwicklung sehen die drei in der Arbeit an neuen internen Werkzeugen zur Ablaufoptimierung. Mit dem Einstieg von Nora und Lars Hühnken begann eine schrittweise Digitalisierung des Büros. Obwohl Markus Hilpert zugibt, dass ihm die Trennung vom Papier zunächst schwergefallen sei, arbeitet das Büro heute konsequent digital.
Das fängt bei der Planung an. Gebäude werden vollständig dreidimensional visualisiert. Dadurch lassen sich räumliche Wirkungen simulieren und bauliche Details früh auf ihre Praxistauglichkeit hin überprüfen. Der Planungsaufwand steigt zwar, dafür werden Fehler auf der Baustelle seltener.
100%
der neuen Projekte seit 2022 sind vollständig digital geplant.
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Objekte im Bereich Gebäudeinstandhaltung und Bauunterhalt werden aktuell schon über die büroeigene App „planics“ betreut.
Eine eigene App für das Büro
Auch der Modellbau ist effizienter geworden. Mit dem 3D-Drucker entstehen in kurzer Zeit verschiedene Gebäudevarianten, die sich unmittelbar vergleichen und diskutieren lassen.Genauso wichtig ist für das Team die Digitalisierung der Projektkoordination. Deshalb hat Lars Hühnken die App „planics“ entworfen. Auf dieser zentralen Plattform können Mitarbeitende sowohl Planung als auch Bauablauf steuern und finden standardisierte Prozessschritte sowie projektspezifische Informationen.
Wissen soll nicht länger nur in einzelnen Köpfen gespeichert sein, sondern allen zur Verfügung stehen. „Wir müssen Know-how weitergeben – unabhängig von den Personen, die dieses Wissen haben“, sagt Nora Hühnken. Diese Entwicklung erfolgte bewusst schrittweise. Gerade erfahrene, langjährige Mitarbeitende mussten bestehende Arbeitsweisen nicht aufgeben. Stattdessen wurden sie nach ihren bewährten Methoden und Praktiken gefragt.
Dieses Wissen ist nun dokumentiert und für das gesamte Team nutzbar. Die Digitalisierung des Büros erleichtert also nicht nur Prozessabläufe, sondern versetzt auch jeden Einzelnen in die Lage, Verantwortung im Projekt zu übernehmen.
Kritisches Fragen gleicht Erfahrung aus.
Lars Hühnken
Geschäftsführer von H2+Chancen für die Jungen
Lars und Nora Hühnken mussten sich viele Kompetenzen, von denen das Büro heute profitiert, selbst aneignen. Das führt im Gespräch schnell zur Frage nach der Hochschulausbildung. Viele Berufseinsteiger:innen hätten ein falsches Bild vom Architektenberuf und seien von der Realität überrascht. Universitäten müssten stärker auf komplexe Abläufe im Planungsprozess vorbereiten. „Wir hatten damals zwei Praxissemester. Ich möchte das nicht missen. Da habe ich gelernt, wie der Beruf wirklich funktioniert“, sagt Hilpert.
Im Studium von Nora und Lars Hühnken gab es keinen Praxisanteil und die beiden bedauern das. Dennoch betonen sie die Bedeutung der Gestaltungskompetenz, die an der Uni vermittelt wird: „Inzwischen merken wir, wie wichtig es ist, einen planerischen roten Faden zu entwickeln. Und den dann gegen Kostendruck und Auflagen zu verteidigen.“
Referenzen als Chance
Ebenfalls lebhaft wird das Gespräch beim Thema Wettbewerb. Hilpert beschreibt ein Dilemma: „Oft ist Erfahrung das Hauptkriterium. Das ist falsch. Denn die entsteht erst durch realisierte Projekte. Wo ist die Chance für die Jungen?“ Vielleicht brauche es nicht immer das riesige Portfolio. Manchmal könne vielleicht auch die Bestätigung vorhandener Kompetenz durch eine aussagekräftige Referenz genügen.
Lars Hühnken sieht das Problem dagegen vor allem in den anschließenden Verfahren: „Wie so ein Projekt nach der Vergabe weitergeht, da sehe ich das noch größere Problem. Kommunen arbeiten mit unterschiedlichen Abläufen, Anforderungen und Fristen. Warum kann man da keine Einheitlichkeit schaffen?“
Die Jüngeren ernst nehmen
„Durch den gestiegenen bürokratischen Aufwand ist es gerade für junge Büros ohne die entsprechende Routine schwieriger als früher“, so Nora Hühnken. Die drei Gesprächspartner:innen diskutieren angeregt, widersprechen einander, ergänzen Aspekte. Hierarchien spielen dabei keine Rolle.
Vielleicht ist genau das bezeichnend für das Büro und spiegelt den Anspruch der jüngeren Generation wider, gehört und ernst genommen zu werden, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Herkunft. „Die Dinge verstehen zu wollen und kritisch zu hinterfragen, das kann ein Ausgleich sein für mangelnde Erfahrung. Nur so ist man in der Lage, Prozesse zu optimieren“, sagt Lars Hühnken.
Nachwuchs auf verschiedenen Ebenen
Als das Gespräch endet, wacht im Nebenraum das Baby des jungen Paares auf. Es hat den Termin ruhig verschlafen und war währenddessen bestens von Kolleginnen und Kollegen betreut. Jung und Alt, Erfahrung und Nachwuchs, Verantwortung und Unterstützung – bei H2+ sind das nicht nur schöne Worte, sondern ganz selbstverständlicher Teil der täglichen Arbeit.
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q3/2026 für Bayern.
Dr. David Fuchs
Bayerische Architektenkammer DAB Redaktion BayernDas könnte Sie auch interessieren
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