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„Gestalten“ – Der Baukulturbericht 2026/27 und was er anders macht

Schon das Cover setzt ein Signal: Erstmals steht ein Mensch im Mittelpunkt der Titelseite – eine stilisierte Figur in der Tradition des vitruvianischen Menschen, eingeschrieben in eine Fibonacci-Spirale. Wo frühere Berichte Räume oder Infrastruktur zeigten, rückt nun der Mensch als Maßstab ins Bild – sinnbildlich für den Inhalt.

Barbara Hallmann
31.07.2026 5min
„Ein Mann spricht an einem Rednerpult beim Konvent der Baukultur und hält den Bericht „Baukultur Bericht 2026/27“ in die Höhe. Auf der Projektionsfläche im Hintergrund steht unter anderem „Gestalt Zusammenhalt“.“
Reiner Nagel, Vorstand der Bundesstiftung Baukultur, bei der Vorstellung des Baukulturberichts 2026/27 „Gestalten“.
© Bundesstiftung Baukultur

Der Bericht erscheint in paradoxer Lage. Es wird massiv investiert und beschleunigt, überall sucht man nach schnellerem und günstigerem Bauen – mit dem Bau-Turbo als Leitmotiv. Und doch hält das Ergebnis den Erwartungen oft nicht stand: Was kurzfristig effizient scheint, ist langfristig weder günstig noch dauerhaft. Dazu um die Hälfte gestiegene Baukosten in den Großstädten, hohe Energiepreise und ein Rückzug der öffentlichen Hand: Der kommunale Mittelanteil für Gestaltung sank seit 1992 von 34 auf 20 %. Der Bericht verbindet das mit einer Diagnose: Entfremdung, Zukunftsangst, schwindendes Vertrauen in die Demokratie. Dass gute Gestaltung dem entgegenwirken kann, ist sein hoher Anspruch – und muss ohne Beleg dahingestellt bleiben. 

Kurzinformation zum aktuellen Baukulturbericht

  • Der Baukulturbericht 2026/27 „Gestalten“ fordert bessere Gestaltqualität statt reinem Bautempo.
  • Zentrales Instrument ist die verbindlich finanzierte „Phase Null“, die dem gesetzlichen „Bau-Turbo“ widerspricht. Rechtsgrundlage des Bau-Turbos ist die bis Ende 2030 befristete Experimentierklausel in § 246e BauGB.
  • 2024 waren laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rund 130.000 baurelevante Handwerksstellen unbesetzt. Etwa 40 % der Azubis brechen die Ausbildung ab.
  • Der kommunale Mittelanteil für Gestaltung sank laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) seit 1992 von 34 % auf 20 %

Steht die Phase Null im Widerspruch zum Bau-Turbo?

Im Zentrum steht die Phase Null: Wenn Standorte, Ziele und Beteiligung geklärt werden, sollte das laut Baukulturbericht systematisch bearbeitet und verbindlich finanziert werden. De facto fehlt oft ein Etat. Das ist klug gedacht, trifft aber auf eine unbequeme Realität: den Bau-Turbo. Das Gesetz erlaubt es Gemeinden, bei der Genehmigung von Wohnungsbau von zentralen Planungsinstrumenten abzuweichen – das Gegenteil einer moderierten Phase Null. Dass gerade dann fachliche Beratung nötig sei, erkennt der Bericht richtig – durchsetzen kann er das aber nicht.

Warum der Baukulturbericht einen Wandel in Handwerk und Ausbildung fordert

Eines der stärksten Kapitel widmet sich der Ausbildung im Handwerk. 2024 waren rund 130.000 baurelevante Handwerksstellen unbesetzt, rund 40 % der Azubis brechen ab. Der Bericht fordert einen Bewusstseinswandel über viele Jahre – Werkunterricht an Schulen, Gestaltungskompetenz im Handwerk. Vorbild ist Skandinavien: Dänemark sieht in der dritten Klasse verbindlich Stunden für „Handwerk und Design“ vor, Finnland hat Baukultur schon 1998 zur lebenslangen Lernaufgabe erklärt. Das Argument dahinter klingt schlüssig: Wer das Handwerk geringschätzt, verschärft seinen eigenen Fachkräftemangel.

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Auch sonst stellt der Bericht den Menschen ins Zentrum: Gesundheit und Wohlbefinden hängen an der Gestaltqualität – am stärksten beim öffentlichen Grün. Darauf verweist eine Landschaftsarchitektin, die auch baukulturell in Deutschland eine wichtige Rolle spielt: Andrea Gebhard, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer und Vorsitzende des Beirats der Bundesstiftung Baukultur, brachte es bei der Vorstellung auf den Punkt: Außenanlagen machten oft nur 3 % der Bausumme aus, seien aber baukulturell extrem wirksam. Dafür dürften sie auch wild sein, vorausgesetzt diese Wildheit wird achtsam gepflegt. Lauter richtige Ansätze – nur fehlt dem Bericht das Instrument, sie auch den geringsten unter ihnen verbindlich zu machen.

Der Bericht ist breiter als seine Vorgänger: 2022/23 lag der Fokus auf der Umbaukultur, 2024/25 auf Infrastrukturen. Diesmal werden viele Fäden aufgegriffen, aber keiner zum Schwerpunkt verdichtet – symptomatisch für die Lage in Deutschland 2026. Am stärksten ist der Bericht, wo er Baukultur als gesellschaftliche Verantwortung fasst und den Kommunen eine Schlüsselrolle zuweist. Doch der Blick ins Land zeigt auch: Die Kommunen können diese Rolle ohne Geld und Personal kaum ausfüllen. 

Wenn wir gestalten, können wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen und mit anpacken – nicht im Sinne hektischer Beschleunigung, sondern im Sinne gemeinsamer Verantwortung für die Zukunft.

Baukulturbericht 2026/27 „Gestalten", Bundesstiftung Baukultur

Fazit: Argumente gegen ein umstrittenes Gesetz – was fehlt der Bundesstiftung?

So stellt der Bericht durchweg die richtigen Fragen – und gibt kluge Antworten. Nur fehlt der Bundesstiftung Baukultur die Kompetenz, sie auch durchzusetzen: Sie kann empfehlen, nicht verpflichten. Stiftungsvorstand Reiner Nagel sagte es bei der Vorstellung selbst: Angesichts einer frustrierten Gesellschaft bringe es nichts, gegen Widerstände zu bauen. So trifft ein Bericht voller guter Ideen auf einen Bau-Turbo, der als Gesetz sofort wirkt. Man wünschte sich, die Stiftung wäre mit mehr ausgestattet als nur mit Argumenten.

FAQ – Häufige Fragen zum Baukulturbericht 2026/27 

Was ist der Baukulturbericht 2026/27 „Gestalten“?

Es ist der aktuelle Bericht der Bundesstiftung Baukultur, der den Menschen und gute Gestaltqualität ins Zentrum der Baupolitik rückt und Qualität statt reinem Bautempo fordert.

Kann die Bundesstiftung Baukultur ihre Forderungen rechtlich durchsetzen?

Nein. Die Stiftung kann Empfehlungen aussprechen, aber keine Verpflichtungen erlassen – anders als der Bau-Turbo, der unmittelbar als Gesetz wirkt.

Wie hat sich der kommunale Mittelanteil für Gestaltung entwickelt?

Er ist laut Bericht seit 1992 von 34 % auf 20 % gesunken. 

Gibt es den Baukulturbericht 2026/27 als Downloaddokument?

Ja, der Bericht kann kostenfrei auf der Webseite der Bundesstiftung Baukultur heruntergeladen werden.

Barbara Hallmann

DAB Redaktion

Nach ihrem Kulturwissenschaftsstudium in Lyon und Weimar ließ sich Barbara Hallmann in der ARD zur Radio- und Fernsehjournalistin ausbilden. Seit knapp 20 Jahren schreibt sie hauptsächlich über Architektur und Design. 

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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