Auf dem Land etwas bewegen: Vom Engagement eines Rückkehrers
Studiobesuch: Im sächsischen Oschatz hat der Architekt Johannes Voigt 2022 ein eigenes Büro gegründet – nach Stationen in Berlin und Sydney. Wie genau funktioniert das Architektur-Machen abseits der Metropolen?
Weimar, Sydney, Berlin – und dann Oschatz. Nach dem Studium an der Bauhaus-Universität und einem prägenden Praxissemester in Australien arbeitete Johannes Voigt sechs Jahre in Berlin, zuletzt fünfeinhalb Jahre im Büro von Bernd Albers. 2022 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit – und zwar in einer sächsischen Kleinstadt zwischen Leipzig und Dresden. Grund war, dass er in seiner Heimatstadt eine alte Villa gefunden hatte, die Raum für Familie und Büro bot. „In Berlin hätte ich das Büro auch gegründet“, sagt er, „aber später und kleiner.“
Der Start hätte schwieriger sein können, denn Voigt traf in Oschatz auf eine Lücke: Kaum ein Büro hatte sich hier in den vergangenen Jahren aufgestellt, und ein frisch angetretener, junger Bauamtsleiter suchte seinerseits nach frischem Wind. Den ersten großen Auftrag – die Sanierung einer Grundschule inklusive Lüftungsanlage – nutzte Voigt als Sprungbrett: Über die öffentliche Vergabe kam er mit den regionalen Handwerksbetrieben in Kontakt. Und dann wuchs der Auftrag immer weiter, denn „die Schule hatte neben der Lüftungsanlage noch ein paar andere Baustellen“. So stellte Voigt kurz nach der Gründung bereits die erste Mitarbeiterin ein – alles, sagt er, „ein bisschen über Nacht“.
Was er aus Berlin und Sydney mitgebracht hat, ist nicht nur die 3D-Visualisierung – obwohl auch die in Oschatz neu war. Es ist vor allem eine Haltung: Bauen im Bestand statt Abriss, Genius Loci statt Tabula rasa. Solches Denken war selten zu finden in diesem Ort mit gewachsenem historischen Stadtkern, Gestaltungssatzung und viel denkmalgeschützter Substanz. Die Herausforderung: Entscheidungsträger, bei denen es Überzeugungsarbeit braucht. Voigt betreibt sie beharrlich – und wünscht sich dabei vor allem eines: „Mut und Optimismus und auch ein bisschen Risikobereitschaft.“
Für eine leer stehende Schule, die abgerissen werden sollte, entwickelte er ein Konzept mit 35 barrierefreien Wohnungen – bahnhofsnah, bezahlbar, als Angebot an ältere Bewohner, deren Eigenheime dann für Familien frei würden. Seine These dahinter: Oschatz liegt knapp 40 Minuten per Zug von Leipzig und rund eine Stunde von Dresden entfernt – und könnte so zur Wohnreserve für die boomenden Großstädte werden. „Keine Konkurrenz, sondern Symbiose“, nennt er das. Voigt weiß, dass Büros wie seins „unter dem Radar schwimmen“, solange kein Leuchtturmprojekt gelingt.
Ein erster Schritt in die Öffentlichkeit war sein Entwurf für ein Oschatzer Flugzentrum anlässlich der Segelkunstflug-Weltmeisterschaft 2024 im Ort. Auch diesbezüglich bleibt Voigt beharrlich. Mittlerweile beschäftigt er vier Mitarbeitende, alle aus der Region, alle mit dem gleichen Wunsch: hier ankommen und etwas bewegen.
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts Ausgabe Q3/2026.
Das könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven DAB Update!