„Wir sollten es probieren. Jetzt.“
Kammerkommentar: Was verbindet den erfahrenen Bürochef mit der idealistischen Berufseinsteigerin? Kammerpräsident Andreas Wohlfarth sucht Antworten jenseits von Klischees.
Als Präsident komme ich mit vielen unterschiedlichen Mitgliedern und Büros ins Gespräch, alt/jung, groß/klein, konservativ/progressiv – erlauben Sie mir einen etwas zugespitzten Blick auf die unterschiedlichen Sichtweisen, die ich dabei kennenlernen darf:
Im Kopf des „alten weißen Mannes“:
„Das gut laufende Büro, das wir heute sind – das haben wir uns selbst aufgebaut. Die Gründungszeit war nicht einfach, wir haben viel Lehrgeld gezahlt und unzählige Nächte und Wochenenden an Wettbewerben gearbeitet, bis wir endlich erfolgreich waren. Das war unser Einstieg in große Projekte. Um in der Baubranche bestehen zu können, braucht man Expertise, Erfahrung und Professionalität. Wir brauchen Mitarbeiter, die Aufgaben selbstständig im Rahmen unserer Ablaufpläne erfüllen. Da ist keine Zeit für Experimente. Die Investoren interessieren Flächen, Kosten und Termine. Mit experimentellen Bauweisen komme ich da nicht weit. Unseren Qualitätsanspruch gegen äußere Zwänge durchzusetzen, ist Herausforderung genug. In einigen Jahren will ich das Büro in jüngere Hände übergeben. Aber den oder die Richtige habe ich nicht gefunden. Alle wollen nur noch ‚Work-Life-Balance‘ und scheuen die Verantwortung.“
Im Kopf der „Absolventin mit Idealen“:
„Seit meinem Abschluss habe ich in zwei Büros gearbeitet, aber glücklich bin ich nicht. Ausführungsdetails modellieren oder wochenlang über Ausschreibungen sitzen: Das ist nicht, wofür ich Architektur studiert habe. Ich will gestalten! Architektur kann das Leben vieler Menschen verbessern. Die Branche baut, als gäbe es keinen Klimawandel und keine endlichen Ressourcen. Nachhaltigkeit ist überlebenswichtig. Aber selbst im Studium kam das zu kurz. Wir müssen anders bauen: mit nachwachsenden Rohstoffen, CO2-neutral, zirkulär, manchmal am besten gar nicht. Ich würde gerne mit Lehm, wiederverwendeten Bauteilen und im Dialog mit Bauherr:innen arbeiten, wo das Experimentelle und das Unfertige sichtbar bleiben dürfen. In den meisten etablierten Büros fehlt dafür das Verständnis. Vielleicht muss ich mich doch selbstständig machen. Nur: Sobald man Kinder bekommt, ist man als Selbstständige ziemlich alleingelassen.“
Plumpe Klischees? Oder liegt ein Funken Wahrheit darin?
Auch die Erfahrenen unter uns sind einst mit großen Idealen gestartet, viel davon hat der Alltag abgeschliffen. Setzen wir nicht zu oft auf Bewährtes statt auf Experiment, und sei es aus haftungsrechtlichen Erfahrungen? Wann haben wir uns zuletzt Zeit genommen, etwas Neues zu lernen und an einem Projekt zu probieren? Zeit ist endlich.
Wir brauchen die „jungen Köpfe“ mit ihren Ideen, anderen Sichtweisen und Kenntnissen in Bereichen, die die Älteren nie gelernt haben. Und die „jungen Köpfe“ brauchen die etablierten Kolleg:innen, um von Erfahrungen, Ressourcen und Reichweite zu profitieren, damit ihre neuen Themen und Kenntnisse schneller wirksam werden können. Im Dialog liegt das Potenzial, Idealismus und Innovation realitätstauglich zu machen.
Die Anforderungen an den Berufsstand sind enorm. Wir müssen dringend alle verfügbaren Talente, Fähigkeiten und Erfahrungen vereinen, damit die Transformation gelingen kann. Was könnten wir an schöner, wirksamer, nachhaltiger, zukunftsfähiger Architektur schaffen, wenn wir uns stärker aufeinander einlassen würden? Wir sollten probieren. Jetzt.
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q3/2026 für Sachsen.
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