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Zu kurz gedacht: Warum wir als Gesellschaft in Sachen Emissions­minderung noch nicht auf Kurs sind

Nachwuchs-Kolumne: Um die Klimaziele im Gebäudebereich zu erreichen, reicht Effizienz­steigerung allein nicht aus. Ein Plädoyer dafür, den Blick auch auf die Wohnfläche inner­halb der Hülle zu richten.

Karen Schäfer
03.06.2026 8min
Heute leben in mehr als 60 % der Einfamilienhäuser in Deutschland nur noch ein bis zwei Personen (Destatis 2025). Energieeffizienz und Wohnsuffizienz sollten zukünftig zusammengedacht werden
© Dietmar Rabich, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Vor Kurzem las ich eine aktuelle Meldung der Landeshauptstadt Hannover (LHH) mit dem erfreulichen Titel „Hannover halbiert Treibhaus­gase“. Demnach komme Hannover beim Klimaschutz spürbar voran. Die Bilanz zeige, die Stadt habe ihre Emissionen seit 1990 nahezu halbiert. Weiter heißt es dort, auch die Privathaushalte trügen spürbar zur positiven Entwicklung bei. Der Wärmeverbrauch pro Quadratmeter Wohnfläche habe sich seit 1990 nahezu halbiert, der Stromverbrauch sei ebenfalls zurückgegangen. (LHH 2026)  

Eine motivierende Nachricht, die suggerieren mag: Wir sind auf dem Weg – die Bemühungen zur Energie­einsparung und Effizienzsteigerung zeigen endlich ihre notwendige Wirkung! 

Wachsende Wohnfläche frisst Effizienzgewinne

Doch die Sache hat einen Haken. Ich musste an eine Grafik des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU) denken, welche die Entwicklung des Gesamt-Raumwärmebedarfs, der Pro-Kopf-Wohnfläche und des spezifischen (flächenbezogenen) Raumwärmebedarfs in Deutschland veranschaulicht. Zunächst zeigt diese, dass die Heizenergie pro Quadratmeter in privaten Haushalten in ganz Deutschland seit Ende der 1990er-Jahre deutlich gesunken ist.  

Die Kernaussage ist allerdings, dass sich der Gesamt-Raumwärmebedarf pro Person heute nur knapp unter dem Niveau von 1990 bewegt. Der Grund: Im selben Zeitraum hat die Wohnfläche pro Kopf in Deutschland um gut ein Drittel zugenommen. Der kontinuierliche Anstieg der zu beheizenden Wohnfläche hat also die Energiegewinne, die durch Effizienzsteigerungen erzielt wurden, größtenteils zunichtegemacht. Der absolute Raumwärmebedarf pro Person konnte kaum merklich gesenkt werden. (SRU 2024)  

Zurück nach Hannover: Zwar fällt der Pro-Kopf-Wohnflächenzuwachs in der Landeshauptstadt mit lediglich gut 12 % seit 1990 (LHH 2025, LSN 2026) bei Weitem nicht so eklatant aus wie im gesamten Bundesdurchschnitt, dennoch wird auch hier klar: Effizienzsteigerung allein wird das Problem nicht lösen. Damit möchte ich dem Effizienzansatz keinesfalls seine Relevanz absprechen, denn er liefert seinen notwendigen Beitrag – und das offensichtlich sehr erfolgreich.  

Doch eine isolierte Betrachtung des flächenbezogenen Wärmebedarfs greift zu kurz. Überraschen dürfte dies kaum. Längst ist allgemein bekannt, dass Effizienz, Konsistenz und Suffizienz nur im Zusammenspiel aller drei Elemente zu einer nachhaltigen Entwicklung führen. Ihre kombinierte Betrachtung ist daher unerlässlich. 

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Suffizienz als unterschätzter Hebel im Gebäudesektor

Insbesondere gilt es, den bisher oftmals vernachlässigten Suffizienzansatz, also das Finden einer „Strategie des Genug“, umso mehr in den Blick zu nehmen. Dies schließt u. a. auch eine Reduktion der Pro-Kopf-Wohnfläche mit ein. Das damit verbundene Treibhausgas-Einsparpotenzial wird von Wissenschaftler:innen sogar noch höher angenommen, als durch die Vermeidung grauer Emissionen im Zuge konsequenter Bestandsentwicklung zu erwarten ist (BBSR 2023). Auch in dem bereits viel diskutierten „Manifest“ der Initiative „Praxispfad CO₂-Reduktion im Gebäude­sektor“ bleibt dieser Aspekt unerwähnt.  

Trotz einseitiger Erfolge sind wir im Gebäudesektor in Sachen Emissions­minderung wohl immer noch nicht auf dem notwendigen Kurs. Es bleibt die gute Nachricht: Die Maßnahmen zur Zielerreichung liegen auf dem Tisch und sie sind längst noch nicht ausgeschöpft. 

Quellen

BBSR 2023: Unterstützung von Suffizienzansätzen im Gebäudebereich, Bonn 2023  
LHH 2025: Landeshauptstadt Hannover - Sachgebiet Wahlen und Statistik: Strukturdaten der Stadtteile und Stadtbezirke 2025
LHH 2026: Hannover halbiert Treibhausgase
LSN 2026: Landesamt für Statistik Niedersachsen, Gebäude- und Wohnungsfortschreibung
SRU 2024: Sachverständigenrat für Umweltfragen: Suffizienz als „Strategie des Genug“, 2024 

Schwarz weiß Portrait einer Frau mit kurzen Haaren
© privat

Karen Schäfer

Juniormitglied der Architektenkammer Niedersachsen

Karen Schäfer schreibt über Architektur, Stadt und Gesellschaft im Kontext aktueller ökologischer wie sozialer Herausforderungen. Sie studierte Architektur und Städtebau an der Leibniz Universität Hannover und hat erste Berufserfahrung im Planungsbüro sowie als Lehrbeauftragte gesammelt. Sie engagiert sich bei Architects For Future und setzt sich als Juniormitglied im Vorstand der Architektenkammer Niedersachsen auch auf berufspolitischer Ebene für eine klima- und sozial gerechte Bauwende sowie die Interessen des beruflichen Nachwuchses ein. Seit 2026 ist sie Kolumnistin für dabonline. 

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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