Zu kurz gedacht: Warum wir als Gesellschaft in Sachen Emissionsminderung noch nicht auf Kurs sind
Nachwuchs-Kolumne: Um die Klimaziele im Gebäudebereich zu erreichen, reicht Effizienzsteigerung allein nicht aus. Ein Plädoyer dafür, den Blick auch auf die Wohnfläche innerhalb der Hülle zu richten.
Vor Kurzem las ich eine aktuelle Meldung der Landeshauptstadt Hannover (LHH) mit dem erfreulichen Titel „Hannover halbiert Treibhausgase“. Demnach komme Hannover beim Klimaschutz spürbar voran. Die Bilanz zeige, die Stadt habe ihre Emissionen seit 1990 nahezu halbiert. Weiter heißt es dort, auch die Privathaushalte trügen spürbar zur positiven Entwicklung bei. Der Wärmeverbrauch pro Quadratmeter Wohnfläche habe sich seit 1990 nahezu halbiert, der Stromverbrauch sei ebenfalls zurückgegangen. (LHH 2026)
Eine motivierende Nachricht, die suggerieren mag: Wir sind auf dem Weg – die Bemühungen zur Energieeinsparung und Effizienzsteigerung zeigen endlich ihre notwendige Wirkung!
Wachsende Wohnfläche frisst Effizienzgewinne
Doch die Sache hat einen Haken. Ich musste an eine Grafik des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU) denken, welche die Entwicklung des Gesamt-Raumwärmebedarfs, der Pro-Kopf-Wohnfläche und des spezifischen (flächenbezogenen) Raumwärmebedarfs in Deutschland veranschaulicht. Zunächst zeigt diese, dass die Heizenergie pro Quadratmeter in privaten Haushalten in ganz Deutschland seit Ende der 1990er-Jahre deutlich gesunken ist.
Die Kernaussage ist allerdings, dass sich der Gesamt-Raumwärmebedarf pro Person heute nur knapp unter dem Niveau von 1990 bewegt. Der Grund: Im selben Zeitraum hat die Wohnfläche pro Kopf in Deutschland um gut ein Drittel zugenommen. Der kontinuierliche Anstieg der zu beheizenden Wohnfläche hat also die Energiegewinne, die durch Effizienzsteigerungen erzielt wurden, größtenteils zunichtegemacht. Der absolute Raumwärmebedarf pro Person konnte kaum merklich gesenkt werden. (SRU 2024)
Zurück nach Hannover: Zwar fällt der Pro-Kopf-Wohnflächenzuwachs in der Landeshauptstadt mit lediglich gut 12 % seit 1990 (LHH 2025, LSN 2026) bei Weitem nicht so eklatant aus wie im gesamten Bundesdurchschnitt, dennoch wird auch hier klar: Effizienzsteigerung allein wird das Problem nicht lösen. Damit möchte ich dem Effizienzansatz keinesfalls seine Relevanz absprechen, denn er liefert seinen notwendigen Beitrag – und das offensichtlich sehr erfolgreich.
Doch eine isolierte Betrachtung des flächenbezogenen Wärmebedarfs greift zu kurz. Überraschen dürfte dies kaum. Längst ist allgemein bekannt, dass Effizienz, Konsistenz und Suffizienz nur im Zusammenspiel aller drei Elemente zu einer nachhaltigen Entwicklung führen. Ihre kombinierte Betrachtung ist daher unerlässlich.
Suffizienz als unterschätzter Hebel im Gebäudesektor
Insbesondere gilt es, den bisher oftmals vernachlässigten Suffizienzansatz, also das Finden einer „Strategie des Genug“, umso mehr in den Blick zu nehmen. Dies schließt u. a. auch eine Reduktion der Pro-Kopf-Wohnfläche mit ein. Das damit verbundene Treibhausgas-Einsparpotenzial wird von Wissenschaftler:innen sogar noch höher angenommen, als durch die Vermeidung grauer Emissionen im Zuge konsequenter Bestandsentwicklung zu erwarten ist (BBSR 2023). Auch in dem bereits viel diskutierten „Manifest“ der Initiative „Praxispfad CO₂-Reduktion im Gebäudesektor“ bleibt dieser Aspekt unerwähnt.
Trotz einseitiger Erfolge sind wir im Gebäudesektor in Sachen Emissionsminderung wohl immer noch nicht auf dem notwendigen Kurs. Es bleibt die gute Nachricht: Die Maßnahmen zur Zielerreichung liegen auf dem Tisch und sie sind längst noch nicht ausgeschöpft.
Quellen
Quellen
BBSR 2023: Unterstützung von Suffizienzansätzen im Gebäudebereich, Bonn 2023
LHH 2025: Landeshauptstadt Hannover - Sachgebiet Wahlen und Statistik: Strukturdaten der Stadtteile und Stadtbezirke 2025
LHH 2026: Hannover halbiert Treibhausgase
LSN 2026: Landesamt für Statistik Niedersachsen, Gebäude- und Wohnungsfortschreibung
SRU 2024: Sachverständigenrat für Umweltfragen: Suffizienz als „Strategie des Genug“, 2024
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